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Tischgespräch: Die Bibliothek der Zukunft

Artikel vom 08.06.2022

Im ersten Residence-Gespräch mit Fellow Dr. Angelina Göb lud die Schader-Stiftung Gäst*innen ein, miteinander über die Bibliothek der Zukunft zu diskutieren. 

Gastgeberin: Räume des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Dr. Angelina Göb stellte kurz die eigene Forschung vor, in deren Mittelpunkt öffentliche Bibliotheken als (potenzielle) Räume der nachbarschaftlichen beziehungsweise gesellschaftlichen Begegnung stehen. Gerade in diesem Zusammenhang befinden sich öffentliche Bibliotheken in einem Aushandlungsprozess im Hinblick auf ihre (selbsterklärte) Verantwortung und Funktion. In den drei Monaten ihres Fellowships arbeitet Angelina Göb an einer qualitativ-ethnografischen Datenerhebung zur Lebenswelt Bibliothek aus Sicht der Nutzer*innen in der Stadtbibliothek Darmstadt. Diese Untersuchung ist eine Weiterführung ihrer wissenschaftlichen Forschungsstudie am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Hannover, wo sie eine Diskrepanz zwischen Transformationsnotwendigkeit (aus Perspektive der Bibliotheksmitarbeitenden) und Tradition (aus Sicht der Nutzer:innen) feststellt beziehungsweise eine Ambivalenz von öffentlichen Bibliotheken als Orte der Demokratie, Diversität und des Dialogs einerseits, und hinsichtlich ihrer Funktion zum Lesen sowie Lernen in stiller Atmosphäre andererseits.

Bibliotheken: Orte mit Potenzial

Angelina Göb fragt nach den Perspektiven der Beteiligten auf die öffentliche Bibliothek und ihren Wandel. Die Teilnehmenden stellen sich unter Berücksichtigung ihres beruflichen und fachlichen Hintergrunds gegenseitig vor; anwesend sind Vertreter*innen des Bibliotheksbetriebs, von Kulturprojekten und Jugendarbeit, aus der Landespolitik, der interkulturellen Kommunikation und aus der Schader-Stiftung. In der Vorstellungsrunde wird mehrmals die Entwicklung der Bibliothek in die Richtung einer Stätte des öffentlichen wie gesellschaftspolitischen Austauschs betont. Bibliotheken skandinavischer Städte werden als Gestaltungsvorbild in den Dialog eingebracht. Trotz der unterschiedlichen Tätigkeitsfelder der einzelnen Personen vor Ort sind alle auf die eine oder andere Weise in bibliotheksnahe Projekte eingebunden. Obwohl eine genaue Benennung der Aufgaben und des Angebotsspektrums öffentlicher Bibliotheken schwerfällt und auf subjektiven Eindrücken genauso wie auf normativen Vorstellungen beruht, sind sich die Teilnehmer*innen über die Wahrnehmung eines gegenwärtigen Transformationsprozesses öffentlicher Bibliotheken einig.

Tischgespräch: Themen

Nach der Einführungsrunde greift Angelina Göb die wiederkehrende Referenz auf skandinavische Bibliotheken auf und bittet die Gruppe, die gestalterischen Intentionen der jeweiligen Projekte auszuführen.

Es entfaltet sich ein Gespräch über die Zukunft und Chancen öffentlicher Bibliotheken, das sich in drei Schwerpunkte gliedern lässt:

  • Relevanz von Architektur, Inneneinrichtung und Ausstattung öffentlicher Bibliotheken
  • Gegenwärtige Nutzung von öffentlichen Bibliotheken, Trends und Visionen
  • Perspektiven der weiteren Veränderung öffentlicher Bibliotheken

Relevanz von Architektur, Inneneinrichtung und Ausstattung öffentlicher Bibliotheken

Die Gruppe spricht wiederholt architektonische Aspekte der Bibliotheksplanung und die Bedeutung der Inneneinrichtung und Ausstattung von Bibliotheken an. Es kommt beispielsweise häufig vor, dass Besucher*innen das Mobiliar auf eigene, zweckentfremdete Arten benutzen. Die Möblierung der Bibliotheken sollte dementsprechend ebenso den Nutzungsbedürfnissen angepasst wie individuell erschließbar und veränderbar sein. Weitere Gesprächspartner*innen bekräftigen den Stellenwert einer ästhetischen Inneneinrichtung – eine Bibliothek braucht gut belichtete Räume mit Wiedererkennungswert, in denen die Nutzer*innen sich wohlfühlen und angesprochen werden. Darüber hinaus kann die Architektur eines Bibliotheksgebäudes das Klientel beeinflussen: So merkt ein Gesprächsteilnehmer aus der Jugendarbeit an, dass vor allem Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status Bibliotheken nicht als Raum innerhalb ihrer alltäglichen Lebenswelt empfänden. Dafür sei unter anderem die teils erschlagende Architektur der Bibliotheken verantwortlich; herkömmlicherweise dominieren hier große Formen, die tradierte Nutzungsmuster referenzieren. Für die Entwicklung zu einem Ort des Austauschs müssten Bibliotheken entsprechend die Erweiterung ihrer Zielgruppe, deren Bedarfe und Nutzungsoptionen im Blick haben. Ein anderer Gesprächspartner unterstreicht die damit angesprochene Notwendigkeit einer menschenorientierten und adressatenzentrierten Bibliotheksplanung. An vielen Beispielen lässt sich zeigen, wie unterschiedliche Architekturen unterschiedliche Atmosphären schaffen, die wiederum je nach Person und Anlass für oder gegen einen Bibliotheksbesuch sprechen können.

Gegenwärtige Nutzung von öffentlichen Bibliotheken, Trends und Visionen

Der Weg in die Bibliothek ist für den weit überwiegenden Teil der Bevölkerung kein alltäglicher Gang (mehr). Abgesehen von der klassischen Ausleihe physischer Medien wächst die Nutzung der digitalen Angebote öffentlicher Bibliotheken kontinuierlich. Das stellt eine Herausforderung für den Ort Bibliothek dar, weil Bibliotheken neben ihrer Dienstleistungsfunktion ebenfalls eine Umgebung für Wissensvermittlung und Austausch sind. Ein Gast hebt hervor, dass gerade dieser Mehrwert im Rahmen der Verlagerung traditioneller bibliothekarischer Funktionen in den digitalen Raum an Bedeutung gewinnt. Ein anknüpfender Beitrag bemerkt die Entstehung eines stillen Gemeinschaftsgefühls zwischen regelmäßigen Besucher*innen derselben öffentlichen Bibliotheken. Daraus gehen immer wieder persönliche Gespräche abseits von Wissensvermittlung und Bücherausleihe hervor und die Bibliothek bekommt unter Umständen den Charakter eines öffentlichen Wohnzimmers. Ob eine solche Entwicklung zu einem third place wünschenswert ist, gehört zu dem gegenwärtigen, bereits erwähnten gesellschaftspolitischen Aushandlungsprozessen. In einer weiteren Anmerkung wird überlegt, inwiefern die vermehrte Nutzung von öffentlichen Bibliotheken als Wohnzimmer oder third place und Ort der stillen Begegnung respektive Gemeinschaft mit dem übergeordneten Trend zum Single-Haushalt und der Verlagerung von Lebensvollzügen in öffentliche Räume im Zuge der Covid-19-Pandemie zusammenhängt.

Der Dialog schneidet zudem die kulturelle Funktion von öffentlichen Bibliotheken an. Laut eines Teilnehmers zieht die Bewertung öffentlicher Bibliotheken als kulturelle Institution zwei Konsequenzen nach sich: Zum einen müssen sich Bibliotheken von anderen kulturellen Einrichtungen wie Museen oder Kirchen abgrenzen. Zum anderen ist die Bibliothek Repräsentantin eines bestimmten Kulturraums und schließt abweichende kulturelle Praktiken aus. Viele Bibliotheken schulen ihre Mitarbeitenden für aus diesen Voraussetzungen resultierende Konfliktsituationen. Darüber hinaus macht der Gesprächspartner auf den Unterschied zwischen wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken aufmerksam. Das Tischgespräch thematisiert am Rand außerdem die Verflechtungen zwischen Bibliotheken und weiteren kulturellen Einrichtungen.

Perspektiven der weiteren Veränderung öffentlicher Bibliotheken

Um Bibliotheken als Raum der öffentlichen Begegnung und des gesellschaftlichen Gesprächs zu etablieren, muss zuerst eine auskömmliche Finanzierung gesichert sein. Einen Beitrag zur Planungssicherheit könnte die Landespolitik durch verschiedene Gesetzgebungsvorhaben – wie die Verankerung der Existenz einer Bibliothek in jedem Mittelzentrum im hessischen Landesplanungsgesetz – leisten. Das Ziel einer niedrigschwelligeren Zugänglichkeit könnte außerdem durch ein Nebeinander von Bibliotheken mit Räumlichkeiten anderer kommunaler Angebote erreicht werden. Das Justus-Liebig-Haus in Darmstadt ist laut eines Gesprächsteilnehmers aufgrund seiner Mehrzweckstruktur inklusive Bibliothek eine gute Vorlage für andere Projekte in kleineren Kommunen. Ein weiterer Beteiligter ergänzt, dass erstens auch eine gute Erreichbarkeit der Bibliotheken und zweitens eine Aktualität des Bücherbestands notwendig ist.

Des Weiteren verlangt ein neues Verständnis des Ortes Bibliothek ebenso neue Kompetenzen von den Mitarbeitenden. So ist zu entscheiden, ob Anfragen und Verhaltensweisen bibliotheksfachlich zu bearbeiten sind oder ob sich im Einzelfall Probleme dahinter verbergen, die eher Fragen des Verhaltens betreffen. Ein Gast fragt, ob das Bibliothekspersonal diesen Anforderung gewachsen ist und entsprechende Ausbildungsressourcen vorhanden sind. Mehrere nehmen den Gedanken auf: Einerseits könnte der Wandel zu einer öffentlichen Begegnungsstätte für viele Angestellte schwierig werden, da sie ihre Ausbildung unter ganz anderen Prämissen und Voraussetzungen absolviert haben. Andererseits birgt ein neues, vielfältiges Anforderungsprofil die Chance für eine Aufwertung bibliothekarischer Berufsbilder.

Angelina Göb dankt den Gästen für das anregende Gespräch und den Besuch in Haus Schader und schließt die Runde.
 

Die Berichte zum zweiten und dritten Tischgepräch finden sich hier und hier.