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Tischgespräch: Geographie - mitten im Wissenstransfer

Artikel vom 08.06.2022

Zum zweiten Tischgespräch mit Fellow Angelina Göb lud die Schader-Stiftung ausgewählte Gäst*innen zu einem Dialog über die vielfältigen Einsatzgebiete der Geographie ein.

Gastgeberin: Geographie als Basis

Nachdem das erste Tischgespräch die Zukunft der öffentlichen Bibliotheken diskutiert hat, legt das zweite Gespräch den Fokus auf die vielseitigen Einsetzbarkeiten von geographischem Wissen. Angelina Göb fragt zunächst nach den Lebenswegen der Teilnehmenden vor dem Hintergrund ihrer eigenen akademischen Ausbildung in Geographie und weiteren Gesellschaftswissenschaften. Die Anwesenden stellen sich unter Berücksichtigung der Eingangsfrage gegenseitig vor; anwesend sind Vertreter*innen der Immobilienwirtschaft, aus der Wissenschaft über Transformationsprozesse, der Stadtverwaltung, der Personalwirtschaft und aus der Schader-Stiftung. Die Vorstellungsrunde thematisiert außerdem erstens die vielfältige Verflechtung geographischer Fragestellungen – insbesondere solche der Stadtentwicklung – mit anderen (sozialwissenschaftlichen) Disziplinen wie der Politikwissenschaft und spricht zweitens die Stellung geographischer Akteur*innen im transdisziplinären Forschungsprozess für zivilgesellschaftliche Entwicklungen an.

Wege zur Geographie

Ein Gesprächspartner betont den gegenwärtigen Trend zur immer engeren Spezialisierung von Disziplinen und Studiengängen und unterstreicht angsichts dessen den Wert der thematischen Bandbreite des Geographiestudiums: ein disziplinär weitgefächerter Blick ermöglicht seiner Meinung nach ein besseres Verständnis für die hohe Komplexität wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Fragestellungen. Angelina Göb fragt die Anwesenden nach ihren Erfahrungen mit Wissenstransfer zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und der Praxis.

Allgemein wird die Durchlässigkeit der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften betont; Karrieren seien aufgrund einer guten akademischen Ausbildung in sehr verschiedenen Sektoren möglich. Erkennt der Geograph den anderen Geographen, die Politikwissenschaftlerin die andere Politikwissenschaftlerin? Und welche Handlungsoptionen eröffnet das?

Jedenfalls sind die genannten Disziplinen – und die Geographie vorneweg, so sind sich die Geograph*innen einig – die beste Basis für einen gelingenden Transfer in die Praxis und ein Gespräch auf Augenhöhe zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Es entfaltet sich ein Austausch, der Wissenstransfer erstens als hochschulpolitische, wissenschaftstheoretische und personalwirtschaftliche Aufgabe und zweitens im Lichte der speziellen Disziplin versteht.

Wissenstransfer und transformative Herausforderungen

Die Runde findet schnell eine besondere Herausforderung: Wie funktioniert Wissenstransfer in die Gesellschaft, in die Verwaltung hinein und welche Rolle können bei der Gestaltung von Transformationsprozessen Geograph:innen übernehmen? Am Anfang des Forschungsprozesses (aus Projektperspektive) steht die Herausbildung eines  Verständnisses für wichtige Akteur:innen (z. B. Verwaltungen, Vereine, Initiativen) die am transdisziplinären Arbeiten beteiligt werden sollen. Im gesamten Forschungs- und Beteiligungsprozess ist die Selbst- und Fremdreflexion der Akteur*innen wichtig, um Herausforderungen adäquat zu adressieren. Denn erst die Identifikation von komplexen Fragestellungen für die Transformationsforschung durch alle beteiligten Akteur:innen ermöglicht einen Wissenstransfer in beide Richtungen: von der Wissenschaft in die Praxis und umgekehrt.

Ein Beteiligter stellt heraus, dass Wissenstransfer letztendlich immer von miteinander interagierenden Einzelpersonen abhängig ist. Wollen Geograph*innen also beispielsweise in entsprechenden Institutionen tätig werden, sind insofern genau wie in anderen Branchen neben den fachlichen Fähigkeiten und Skills persönliche Eignungen essentiell; für die Bearbeitung komplexer Fragestellungen spielt außerdem die Kompetenz zur Vernetzung eine wesentliche Rolle. Darüber hinaus verweist er auf die vielen Zufälligkeiten, die Karrierewege bedingen. Der Austausch konzentriert sich daraufhin auf Entwicklungen innerhalb des Personalmanagements wie namen- und bildlose Bewerbungsschreiben als Beitrag zur Chancengleichheit. Ein Gesprächsteilnehmer weist auf die immense Beeinflussung von Personaler*innen durch Bilder und Auftreten der Bewerber*innen hin; oft fällen Personaler*innen Entscheidungen unterbewusst schon nach der Betrachtung des Bewerbungsbildes. Dem hält ein anderer Anwesender die zahlen- und qualitätsmäßige Abnahme von Bewerbungen entgegen; wieder einmal ist der Personalzyklus an einem Punkt, wo die Unternehmen sich bei jungen Menschen bewerben müssen und nicht umgekehrt.

Geographie als personalwirtschaftliche Ressource

Ein Gast fragt in die Runde, ob Geograph*innen bei Bewerbungsgesprächen oder im Arbeitsalltag durch ihre Ausdrucksweise oder andere Merkmale leicht identifizierbar sind. Mehrere weisen das zwar von sich, verweisen aber auf einen „Nachzieheffekt“ in Bewerbungsprozessen: ein Bewerbungsgespräch mit Kandidat*innen der gleichen Disziplin schafft eine gewisse Vertrautheit, die auf geteilten Erfahrungen und Blickwinkeln beruht. In der Folge ziehen beispielsweise Geograph*innen andere Geograph*innen in die eigene Branche nach. Man weiß (oder vermutet), was man erwarten kann. Vielleicht ist tatsächlich auch ein Stück Nestwärme oder Corps-Geist dabei. Funktioniert Wissenstransfer zuende gedacht also am besten in einem interdisziplinären Arbeitsumfeld mit ähnlichen Disziplinen? Überfordern wir uns transdisziplinär? Und bringen interdisziplinäre Arbeitsumgebungen mit geringerer Wahrscheinlichkeit die immer gleichen Muster hervor? Aus Sicht der Personalwirtschaft wird deutlich, dass die Leidenschaft für das Berufsfeld vor Studium und Expertise auch ein zentrales Einstellungskriterium ist. Gerade die Gastgeberin unterstreicht, dass der beschriebene Nachzieheffekt in ihrem persönlichen Werdegang noch nie von Bedeutung gewesen und nicht Bestandteil ihrer Lebensrealität ist.

Für komplexes und produktives Sozialverhalten bei der Arbeit spricht denn auch nach verschiedenen Meinungen die Erhaltung eines präsenzbasierten Arbeitsumfeldes zumindest als Option. Obwohl Meetings und Kollaboration auch digital möglich sind, ist die persönliche Komponenente unabdingbar für einen produktiven Transfer von Wissen und Erfahrungen. Daran knüpft ein Wortbeitrag an und umreißt die Relevanz von analogen Bewerbungsgesprächen für gelungene Einstellungen. Da Führungspositionen über die technischen und fachlichen Skills hinaus weiterführende Kompetenzen verlangen, lernt man sich einfach besser kennen.

Einmal Studium und zurück

Ein Gesprächspartner kritisiert die in seiner Wahrnehmung fortschreitende Einengung von Studiengängen auf bestimmte berufliche Ziele. Gleichzeitig verliert die Ausbildung vielfach ihren Wert als Einstieg in berufliche Tätigkeiten, die spezielles Wissen voraussetzen. Ein Studium sollte grundlegende Wissensbestände und Kompetenzen vermitteln, die später in vielen verschiedenen Berufsfeldern Anwendung finden können und ein schnelles Eindenken in Fachwissen erlauben. Ein anderer Gast stimmt zu und rückt das Bologna-System in einen Zusammenhang mit dem umrissenen Trend zur Entwicklung von Studiengängen auf spezielle, vermeintlich praxisorientierte Wissenbestände und Anwendungsbereiche. Was macht das mit einem transdisziplinären und transformativen Ansatz, wenn derart fragmentierte Studiengänge das große Ganze der übergeordneten Disziplin aus dem Blick zu verlieren drohen? Es wird geschildert, wie die Stufung von Studiengängen in Bachelor und Master der Selbstständigkeit schadet. Das weitverbreitete Vorurteil: Studierende orientieren sich nur noch an Vorgaben, ohne selbst kreativ zu werden. Diese Einschätzung trifft auf Widerstand, denn trotz ähnlicher Einschätzungen des Bologna-Prozesses seitens mehrerer Anwesender ist der Erwerb selbstständigen Denkens nicht systematisch bedroht. Allerdings empfinden auch andere die immer weitere Spezialisierung von Studiengängen als problematisch. Indessen liegen die Ursachen für die Vorgehensweisen der jungen Generation in der Vorbildfunktion und den Entscheidungen der vorherigen Generationen.

Am Ende des Tages findet die Aneignung branchenspezifischer Fähigkeiten meistens erst im Job selbst statt. Die Bewegung weg vom akademisch erlernten Wissen ist immanent. Allerdings – und da ist sich die Runde einig – findet man doch immer wieder zurück zu den eigenen Wurzeln des Denkens. In diesem Falle zur Geographie.

Die Berichte zum ersten und dritten Tischgespräch mit Dr. Angelina Göb finden sich hier und hier.