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Tischgespräch: Orte der gesellschaftlichen Begegnung in Darmstadt

Artikel vom 28.06.2022

Zum dritten Tischgespräch mit Fellow Dr. Angelina Göb lud die Schader-Stiftung ausgewählte Gäst*innen zu einem Dialog über Orte der gesellschaftlichen Begegnung in Darmstadt und der Bedeutung kultureller Institutionen für diese Orte ein. 

Gastgeberin: Orte der gesellschaftlichen Begegnung

Nachdem die ersten beiden Tischgespräche nach der öffentlichen Bibliothek der Zukunft und den vielseitigen Einsatzmöglichkeiten der Geographie gefragt hatten, stehen diesmal Orte der gesellschaftlichen Begegnung in Darmstadt im Mittelpunkt der Diskussion. Bevor die Gäst*innen sich reihum vorstellen, sagt Angelina Göb ein paar Worte zu ihrer eigenen Forschung.

Kulturelle Institutionen: wichtige Trägerinnen gesellschaftlicher Begegnung

Angelina Göb fragt die Anwesenden nach ihren Erfahrungen in Bezug auf Begegnungsorte in Darmstadt. Die Teilnehmenden stellen sich unter Berücksichtigung ihres persönlichen, beruflichen und fachlichen Hintergrunds gegenseitig vor; anwesend sind Vertreter*innen aus vielfältigen kulturellen Institutionen wie dem Staatstheater, von Kunst- und Naturvereinen, der Evangelischen Kirche oder von Museen und der Schader-Stiftung. Die Vorstellungsrunde benennt zum einen konkrete Orte, Quartiere und mentale Plätze, stößt aber zum anderen auch bereits kurze Gespräche über aktuelle Entwicklungen in der gesellschaftlichen Interaktion mit diesen Orten und über (bestehende) Kooperationen zwischen verschiedenen kulturellen Institutionen an. Trotz der unterschiedlichen Tätigkeitsfelder der einzelnen Personen vor Ort kommen alle in ihrem Alltag auf die eine oder andere Weise mit Fragen rund um die Räume gesellschaftlicher Begegnung in Berührung.

Tischgespräch: Themen

Nach der Einführungsrunde greift Angelina Göb die angeschnittene Relevanz von Kooperationen zwischen einzelnen Institutionen zur Gestaltung städtischer Begegnungsräume auf und bittet die Teilnehmenden um weiterführende Erläuterungen.

Es entfaltet sich ein Gespräch über städtische Begegnungsorte, das einerseits verschiedene Blickwinkel auf Begegnung und Begegnungsorte sowie grundsätzliche Randbedingungen für funktionstüchtige Begegnungsorte ausführlich reflektiert.

Begegnung als Frage der Kommunikation

Abseits von Eindrücken persönlicher Treffen spricht die Runde immer wieder Begegnungen in der medialen Sphäre an. Eine Teilnehmerin erzählt zum Beispiel von einer unvorteilhaften, fehlerhaften Presseberichterstattung über ihr eigentlich durchgehend erfolgreiches Projekt. Infolge der negativen Presse kam es jedoch zu Konflikten mit verschiedenen Akteur*innen aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft. Die Kooperation verschiedener gesellschaftlicher Gruppen am Projektstandort war auf der persönlichen Ebene dadurch enorm erschwert; die Konflikte endeten erst, als eine regionale Tageszeitung einen differenzierten Artikel veröffentlichte, der zur Meinungsbildung und Positionierungsmöglichkeit beitrug. Diese Schilderungen nimmt ein anderer Anwesender zum Anlass, die eigenen Erfahrungen mit nachteiligem Medienecho zu teilen und das Fehlen von Reaktions- und Begegnungsmöglichkeiten für die betroffenenen Institutionen anzusprechen. Einig ist man sich darin, die Opferrolle zu vermeiden, ungeachtet der Aggression oder Absurdität von Angriffen etwa in Sozialen Medien.

Weiterhin konstatiert ein Beteiligter, welche zentrale Bedeutung Kommunikation für kulturelle Institutionen hat, wenn sie in ihrer Eigenschaft als Begegnungsorte neue Publika erschließen möchten. Im weiteren Austausch werden verschiedene Kommunikationsstrategien für kulturelle Institutionen diskutiert. Gerade bei dem angerissenen Anwerbungsversuch neuer Publika ist Begegnungsarbeit gleichzusetzen mit Beziehungsarbeit. So verdeutlicht ein Gesprächspartner den Stellenwert von persönlichem Vertrauen marginalisierter Gruppen in kulturelle Institutionen für eine gelingende, multiperspektivische Begegnung.

Theater jenseits des Theaters

Nicht erst Corona hat die Theaterszene aus angestammten Räumen herausgeführt. Im Falle des Staatstheaters als Flaggschiff der Darstellenden Künste kommt noch die mehrjährige Sanierung des Kleinen Hauses hinzu, womit die mittlere der drei Spielstätten längerfristig ausfällt. Auf diese organisationalen Notwendigkeiten legt sich ein Wille zur Auflösung der räumlichen Grenzen des herkömmlichen Theaterbetriebs. Die letzten Spielzeitthemen („Abschied von den Helden“, „Komm ins Offene“, „Was fehlt“) haben nicht ohne Grund Möglichkeiten geboten, aus den Mustern der Sparten und des Kanons weitere Begegnungen zu schaffen. Mit den Stadtteilen Kranichstein und Eberstadt-Süd wurden jugendliche Klientel erschlossen, die mit wenig traditionellen Berührungspunkten zum institutionalisierten Theater aufwarten. Diese Projekte, so bestätigen auch andere Beteiligte aus ihren Erfahrungshorizonten, wirken nicht zuletzt direkt zurück in die Institution und auf die Protagonist*innen.

Direkte Begegnung an dritten Orten verändert Sicherheiten, Verhalten und Erwartungen – Voraussetzungen für neue Geschichten und die Ermöglichung neuer Narrative.

Zivilgesellschaftliche Agenturen und Koalitionsfähigkeit

Ein Gesprächsteilnehmer weist auf die vielfältigen Räumlichkeiten zivilgesellschaftlicher Agenturen im gesamten Darmstädter Stadtgebiet am Beispiel der Kirchen hin. Inwiefern gibt es bereits Nutzungen dieser Räumlichkeiten durch externe Begegnungsprojekte oder Bedarf dazu – oder warum nicht? Mehrere Anwesende berichten von Kooperationen mit Kirche in ihrer Funktion als Begegnungsort; eine Person merkt an, dass die Initiative dabei jedoch stets von den jeweiligen Projekten ausgeht. Ein anderer Gesprächspartner überlegt, inwiefern die Bereitstellung kirchlicher Räume für externe Zwecke erstens ein Zeichen für den Rückgang des traditionellen kirchlichen Angebots und zweitens ein Problem für andere kulturelle Geschäftsbereiche ist. Ein Beteiligter erwidert, genau diese Bereitstellung kirchlicher Räume für externe Gruppierungen sei einer der protestantischen Grundgedanken, dessen Ziel nicht die Anwerbung neuer Kirchenmitglieder, sondern die Ermöglichung eines Austausches zwischen (sozioökonomisch) unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft sei.

Gerade während der Pandemie gibt es vielfältige Beispiele für Überkreuz-Nutzungen verschiedener zivilgesellschaftlicher Einrichtungen, die dort einspringen konnten, wo institutionelle Räume nicht mehr den Anforderungen genügten. Ein Teilnehmer verweist auf die prinzipielle Koalitionsfähigkeit von Institutionen untereinander, die inhärenten Standards der freiheitlich-demokratischen Grundordnung entsprechen. Diese Koalitionsfähigkeit sei, so wird ergänzt, Voraussetzung für Koopeerationen und auch räumliche Austausche, aber sowohl durch ökonomische Entwicklungen bedroht als auch abhängig von den potenziellen Egoismen der Einrichtungen und handelnder Personen.

Randbedingungen für erfolgreiche Begegnungsorte

Die Gruppe äußert wiederholt die ernüchterende Beobachtung, dass sich in kulturellen Veranstaltungen tendenziell immer dieselben Menschen im Publikum wiederfinden. Eine Teilnehmerin weist demgegenüber exemplarisch auf Kooperationen zwischen studentischen Initiativen für Veranstaltungen auf dem Osthang der Mathildenhöhe und klassischen kulturellen Institutionen wie dem Staatstheater hin und unterstreicht den Bedarf, weitere Zielgruppen klassischer kultureller und kulturvermittelnder Institutionen zwecks gesellschaftlicher Begegnung einzubeziehen.

Ein anderer Gesprächspartner stellt die erschreckend kurze Halbwertszeit vieler gesellschaftlicher Initiativen wie Pulse of Europe oder Fridays For Future heraus und betont die Notwendigkeit der oben erwähnten Koalitionsfähigkeit von beständigen kulturellen Institutionen, die auf diese Weise stabile Begegnungsorte gewährleisten können, an denen wiederum neue, emergente Projekte und Initiativen anknüpfen und darauf aufbauen und die Etablierten verändern können und müssen. Daran knüpft ein weiterer Anwesender an, indem er die sozialen Milieus des Woogsviertels mit Eberstadt Süd 3 und Kranichstein vergleicht – eine langfristig gewinnbringende gesellschaftliche Begegnung müsste Chancengleichheit zum Ziel haben und setzt eine stärkere Durchmischung dieser Milieus an etablierten Begegnungsorten wie beispielsweise Grundschulen voraus. Eine Teilnehmerin schlägt am Beispiel öffentlicher Bibliotheken ergänzend ein proaktiveres Zugehen kultureller Institution auf neue Zielgruppen vor. Mehrere bekräftigen diesen Öffnungsgedanken. In diesem Kontext appelliert eine Teilnehmerin an die kulturellen Institutionen, mehr Orte der Begegnung zwischen ukrainischen Geflüchteten und der Darmstädter Stadtgesellschaft zu schaffen; als gewichtiges Hindernis dabei nennt sie die Sprachbarriere, aber auch die fehlende Bereitschaft, sich „aufzuraffen“ und für kulturelle Begegnung ganz konkret einzusetzen. Das Tischgespräch konzentriert sich daraufhin auf die Relevanz von sozialen und finanziellen Ressourcen für die Wahrnehmung kultureller Angebote der Begegnung.

Das gilt ebenfalls für die angesprochene mediale Dimension gesellschaftlicher Begegnung: So bezweifelt ein Gesprächspartner, dass den von negativer Presse betroffenen Institutionen überhaupt genug Kapazitäten für die Schaffung adäquater Orte der Begegnung und Diskussion zur Verfügung stehen, um dagegen anzugehen. Ein folgender Beitrag hält einen Hinweis auf die kommunikativen Möglichkeiten digitaler Sozialer Netzwerke dagegen und rät von der Einnahme einer Opferrolle im Umgang mit medialen Begegnungen ab. In einer Reaktion warnt ein Gesprächsteilnehmer vor der Interpretation medialer Auseinandersetzung als rein virtuelle Angelegenheit – vor den Endgeräten sitzen immer noch Menschen, die auch in persönlichen Begegnungen mit diesen Auseinandersetzungen umgehen müssen. Darüber hinaus verlangen auch kommunikative Begegnungen teilweise finanzielle, auf jeden Fall aber personelle wie persönliche Ressourcen.

Abschließend wägt das Tischgespräch verschiedene Gründe ab, die aus Sicht zuziehender Menschen für oder gegen Darmstadt sprechen, dieser „Stadt auf den zweiten Blick“ mit den bekannten wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Rahmendaten. Eine Teilnehmerin gibt an, dass Bewerber*innen zum Beispiel die Öffnung kultureller Institutionen für die Stadtgesellschaft als Alleinstellungsmerkmal Darmstadts benennen. Eine solche Öffnung ermöglicht Dialog beziehungsweise Begegnung und erscheint deshalb attraktiv. Es geht des Weiteren um die naturräumliche Lage Darmstadts am Rande des Odenwalds und gleichzeitig die Nähe zu weiteren Großstädten im Rhein-Main-Neckar-Raum, die hohe Dichte an kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen und die Dimension einer „Stadt der kurzen Wege“.

All dies erfährt Angelina Göb als Fellow der Schader-Residence derzeit hautnah. Und so schließt das Tischgespräch mit Einladungen an verschiedene Orte in Darmstadt.

Die Berichte zum ersten und zweiten Tischgespräch mit Dr. Angelina Göb finden sich hier und hier.