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Anonymität und sinkende Hemmschwellen – Keynote von Anke Domscheit-Berg #GrKo16

Artikel vom 21.12.2016

Im Rahmen der Jahrestagung des Großen Konvents der Schader-Stiftung am 18. November 2016 hielt Anke Domscheit-Berg eine Keynote zum Thema „Kulturelle Praktiken 4.0“

Kulturelle Praktiken 4.0 – Verführung oder Selbstbestimmung?

Ich danke Ihnen für die Einladung. Ich habe mich wirklich schwergetan. „Kulturelle Praktiken“ klingt für mich etwas kryptisch, und vor allem klingt es nach ungefähr hundert Themen, die ich dazu assoziiere. Welche davon nimmt man? Welche davon sind richtig? Welche sind vielleicht falsch? Oder ich finde sie richtig und die Menschen hier im Raum finden sie falsch. Ich habe dann am Ende alles ein bisschen eingedampft, auf drei Themen, und gedacht, da es ja hundert davon gibt, wird sich garantiert nichts wiederholen zu den Vorrednern. Sie werden leider feststellen, das eine oder andere Wort haben Sie heute schon gehört. Das lässt sich vielleicht doch nicht vermeiden, spricht aber vielleicht auch dafür, dass es tatsächlich sehr brennende Aspekte in dieser Auseinandersetzung sind.

Von diesen vielen Assoziationen, die mir gekommen sind, möchte ich auf drei eingehen. Zum einen die Frage der Identitäten im analogen und im virtuellen Raum: Wer ist denn das eigentlich, der oder die da verführt wird oder das eigene Leben selbst bestimmt? Zum Zweiten das auch schon angesprochene Spannungsfeld zwischen Meinungsfreiheit und Filterblasen, Zensur und Manipulation, das ja nicht zuletzt durch die schon angesprochene US-Wahl an neuer Relevanz gewonnen hat, die sich natürlich auch auf unser Land auswirkt. Last but not least die gläsernen Menschen, die freiwillig oder unbewusst ihre Daten preisgeben oder über die Dritte, auch ohne zu fragen, Daten sammeln, alles, was sie kriegen können. Und da ist für mich die Frage besonders interessant: Was ist denn eigentlich freiwillig? Wie freiwillig ist das denn eigentlich, wenn man sich für etwas entscheide

Identitäten im Netz

Die Frage der Identität möchte ich an den Anfang stellen, denn die alte Frage „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ passt in dieses Themenfeld besonders gut. Für die meisten Menschen ist ihr virtuelles Ich eine Art multiple Persönlichkeit, und auch mich gab und gibt es auf ganz unterschiedliche Arten und Weisen. Viele Ichs, die unterschiedliche Communities um sich herum haben. Ich gehe jetzt mal ins Persönliche, damit das ein bisschen plastischer und verständlicher wird: Vor 17 Jahren habe ich unter einem Pseudonym aus Gründen viel Zeit in einem Schwangeren- und Mütterforum verbracht. Ich war dort bekannt als eine 32-jährige Brandenburgerin, die viele Schwangerschaftsprobleme hatte, dann relativ reibungslos ihren Sohn bekam, Impfen sinnvoll fand, eine immer wieder aufpoppende Debatte in diesen Foren, lange gestillt hat, auch eine immer wieder aufpoppende Debatte dort, und die sehr früh wieder arbeiten ging, eine ganz wilde Debatte in diesen Foren. Auf Twitter bin ich seit etwa acht Jahren als @anked unterwegs, die ersten Jahre auch nur unter diesem Pseudonym, also ohne meinen vollen Namen dahinter, dann aber verknüpft mit meinem eigenen Namen. Wer mir dort folgt, weiß, dass ich mich für Open Government, Geschlechtergerechtigkeit, Geflüchtete, das bedingungslose Grundeinkommen, Umweltschutz, die digitale Gesellschaft im Großen und Ganzen, den 3D-Druck im Besonderen interessiere, viele Feinde habe und diskussionsfreudig bin. Dort ist mein missionarisches Ich aktiv. Über mein Privatleben gibt es nichts, außer ab und an mal ein Foto aus dem Garten, Gemüse und Blümchen und solche Sachen. Auf Twitter gibt es mich aber auch unter zwei anderen Konten. Das eine, @fempowerme, befasst sich ausschließlich mit Geschlechtergerechtigkeit, das andere ausschließlich mit Open Government, das heißt @opengovme. Es sind einseitige, monothematische Accounts mit wenig Interaktion. Genau genommen sind sie etwas eingeschlafen.

Anonymität und Pseudonymität

In jeder Identität bin ich Teil einer anderen Community. Manche überschneiden sich sogar, manche nicht. Die, die sich überschneiden, wissen überhaupt nicht unbedingt, welche meiner Identitäten jeweils meine Ichs sind. Ich kann mit den gleichen Menschen in mehreren Communities unterwegs sein, ohne dass sie das merken. Manchmal bin ich mit einem neutralen Nutzernamen wie Guest anonym unterwegs, manchmal unter Pseudonym, wie zum Beispiel schon erwähnt als @anked auf Twitter, manchmal mit meinem Klarnamen. Die Freiheit, mich auch ohne Offenlegung meiner Identität im Netz bewegen zu können, kann mich schützen oder mir Zugang zu Austausch und Informationen verschaffen, auch jenseits von Schamgrenzen. Es wird an manchen Stellen in meinem Vortrag ein wenig explizit, ich bitte um Entschuldigung, aber das ist das, wo die Wissenschaft auf die Praxis trifft. Jenseits von Schamgrenzen wurden im Schwangerschafts- und Babyforum zum Beispiel alle Arten physischer Symptome ohne jede Hemmungen beschrieben, egal, ob es um blutige Schleimpfropfen ging oder die Folgen eines Dammrisses. Viele hätten sich nicht so frei geäußert, wenn Arbeitskollegen, Nachbarn, persönliche Feinde – oder bei bekannteren Personen noch Bild-Zeitungs-Redakteure – Fragen und Antworten bestimmten Identitäten hätten zuordnen können. Anonymität und Pseudonymität schützen generell auch Minderheiten vor Verfolgung oder Menschen vor nachteiliger Behandlung durch Mitmenschen aufgrund ihrer Meinungsäußerung. Sie schützt den schwulen Pfarrer im bayerischen Dorf, wenn er sich in einer entsprechenden Community mit anderen vernetzt. Sie schützt auch Manager, die online bei Anonymen Alkoholikern Rat suchen, oder Menschen, die in einem Forum Demenzkranker oder bei Beratungsportalen für Depressive Fragen stellen, ohne dass sie mit einem Stigma versehen werden.

Die Erwartungen an Menschen sind heute hoch: Sie sollen möglichst perfekt, gesund und glücklich sein, weichen sie ab, beschädigen sie ihr Image. Sie möchten damit nicht öffentlich assoziiert werden. Auch deshalb pflegen viele Menschen ein geschöntes Bild von sich in sozialen Medien, in denen sie unter ihrem eigenen Namen unterwegs sind. Es ist ein großer Vorteil, ohne negative Folgen im eigenen Alltag Meinungen zu äußern, Informationen zu suchen und Unterstützung durch Gleichgesinnte oder Dritte zu finden oder sich schlicht zu vernetzen mit Menschen, die gleiche Interessen pflegen, selbst wenn sie selten oder ein wenig absonderlich sind; Guerilla-Stricken von Panzern und so. Gerade Menschen, die sich in ihrem eigenen Umfeld einsam fühlen oder als abweichend empfinden, können durch virtuelle Kontakte Bestätigung finden. Menschen, die in der analogen Welt meinen, dort nichts zu sagen zu haben, niemanden haben, der ihnen zuhört, können im Internet selbst zum Sender werden und die Erfahrung machen, dass es für ihre gesendeten Meinungen sogar Empfänger gibt, egal, ob es Mainstream-Meinungen oder radikale Ansichten sind.

Sinkende Hemmschwellen digital und analog

Immer stärker erleben wir auch, dass Menschen nicht mehr wissen möchten, was Fakt ist, sondern glauben, was sie glauben wollen und das selbst dann tun, wenn es jede Menge Nachweise gibt, dass es sich um schlichten „bogus“ handelt, wie bei dem gestrigen Tweet von Trump, er habe sich mit dem Chef von Ford heftigst in einem Gespräch auseinandergesetzt und jenen dazu gebracht, ein bestimmtes Werk doch nicht nach Mexiko umzusiedeln, sondern in Kentucky zu belassen. Die zahlreichen Korrekturen diverser Medien, für das Werk in Kentucky habe es nie Umzugspläne gegeben und die Fabrik, für die tatsächlich der Umzug nach Mexiko geplant war, wird auch weiterhin umziehen – von Autozeitung bis hin zu Reuters oder New York Times – spielten überhaupt keine Rolle mehr. Seine Anhänger glauben ihm trotzdem, denn er löst ja jetzt seine Wahlversprechen ein. Er wird schon vor Amtsantritt zum großen Erlöser, der die Industriearbeitsplätze nach Amerika zurückbringt und Amerika wieder great macht. Alles andere ist nicht glaubwürdig. Es ist schwer damit umzugehen, sowohl für Medien als auch für politische Gegner oder für alle Menschen, denen die Wahrheit noch etwas bedeutet.

Aber Filterblasen erzeugen noch andere ansteckende Viren: Die Herabsetzung von Hemmschwellen und positive Bestärkung immer radikalerer Äußerungen führen nämlich zu stärkerer Abgrenzung von anderen Filterblasen oder von der Außenwelt insgesamt in einer Art und Weise, die sich häufig nicht mehr als klassischer Diskurs beschreiben lässt. Sie ist geprägt durch Erniedrigungen, Herabsetzungen bis hin zur Entmenschlichung voller Hass und Abscheu. Minimaler Anstand wird abfällig als Political Correctness bezeichnet, heute ein Schimpfwort. Rassismus, Sexismus, Homophobie und andere Einstellungen, die auf Ausgrenzungen und Herabsetzungen aufbauen, sind heute nicht mehr selten zu findende Äußerungen. Die Filterblasen blähen sich auf und erobern sich längst erschreckende Anteile auch auf Mainstream-Kanälen. Inzwischen sind das sogar Eigenschaften, mit denen man Präsident des mächtigsten Landes der Welt werden kann. Der Hass aus dem Netz macht aber dort nicht Halt. Die neu gepflegte Diskurs-Unkultur hat das Netz verlassen und sich auf die Straße begeben.

Politikerinnen erzählen inzwischen, dass sie ähnliche Dinge wie früher nur online jetzt auch bei zufälligen Begegnungen in der analogen Welt erleben, was Angst macht und zu der Frage führt, was als nächstes kommt. Als mich Anfang des Jahres Mitglieder der Linken fragten, ob ich als Parteilose mit ihnen für den Bundestag kandidieren möchte, habe ich mehrere Wochen Bedenkzeit gebraucht. Einer der Gründe war meine Angst vor dem Dasein als noch öffentlichere Person, die radikale Gegner haben wird, bei denen man nicht weiß, wie intensiv sie ihre Angriffe online und vielleicht auch offline führen werden. Als ich im Januar bei Anne Will zum Thema Geflüchtete sprach, waren meine Social Media-Kanäle tagelang unbenutzbar. Meine Mailbox quoll über und selbst auf meiner Homepage sammelten sich Kommentare, die meisten voller Hass und Ablehnung. Ich war davon so erschlagen, dass ich den Rest der Woche wirklich nicht arbeiten konnte. Und als ich vor jener Sendung noch in der Maske saß, hatte ich einen Panikanfall mit Herzschmerzen und Atemnot. Ich hatte überlegt, ob ich aufgebe und last minute absage. Ich hatte nicht Angst vor der Kamera oder der Debatte selbst, ich hatte Angst vor dem, was dann tatsächlich eintrat, vor den aggressiven Attacken in den Tagen danach. Ich hielt durch im wahrsten Sinne des Wortes, weil ich den Aggressoren nicht das Spielfeld der Meinungsbildung überlassen wollte. Sie wollten mich fertigmachen, ich wollte sie nicht gewinnen lassen. Schon seit Längerem erhalte ich Botschaften – jetzt wird es leider wieder explizit, dafür kann ich aber nichts – die mir wünschen, eine Horde Neger fickt mich tot oder die mir erklären, dass ich so abstoßend aussehe, dass mich nicht mal notgeile Muslime vergewaltigen wollten oder die meinen, ich gehöre über Fukushima abgeworfen.

Demokratie muss verteidigt werden

Ob die kulturellen Praktiken des sozialen Miteinanders im Internet mehr durch die analoge Welt beeinflusst werden oder zunehmend die analoge Welt durch die negativen Aspekte gelebter Praxis im Internet, ist für mich inzwischen eine der offenen, aber besonders spannenden Fragen. Wie kann man bei offensichtlich mangelnder Empathie im System die Folgen ausschließender aggressiver Diskurse verringern? Weder Mechanismen der Selbstkontrolle sozialer Medien sind ja besonders effektiv, noch hilft das Strafrecht, nicht einmal da, wo es um tatsächlich strafrechtlich relevante Inhalte geht. Welche Auswirkungen hat es längerfristig für unsere Gesellschaft, dass gerade Minderheiten und Frauen im digitalen Raum derart attackiert werden, der in einer digitalen Gesellschaft genauso öffentlicher Raum ist wie unser analoges Umfeld? Wo sie sich zunehmend einem Machtungleichgewicht ausgesetzt sehen, wenn etwa eine überwältigende Zahl Attacken in kurzer Zeit ausgeführt wird von realen Menschen oder von Social Bots, die mit Algorithmen programmiert wurden, die hasserfüllte beleidigende Kommunikationen führen und über ihre Angriffsziele falsche Fakten verbreiten. Ich finde es beunruhigend, dass die AfD nach dem Erfolg von Trump enthusiastisch erklärt hat, auch Social Bots im kommenden Bundestagswahlkampf einsetzen zu wollen. Inzwischen dementiert die AfD derlei Pläne, aber da fällt mir der Glaube schwer. Ist es unter diesen Umständen eine freie Wahl, wenn sich Frauen gegen politische Kandidaturen oder für eine Beendigung ihrer Social Media-Aktivitäten entscheiden? Wie oft haben wir unter den Rahmenbedingungen virtueller Kommunikation und ihrer Nebenwirkungen eigentlich überhaupt eine freie Wahl?

Und diese Frage bringt mich wenigstens kurz zum dritten Thema, den gläsernen Menschen: Wie frei war die Entscheidung meines Sohns, als er 13 oder 14 war, nach langem Verzicht jetzt doch ein Konto bei WhatsApp zu eröffnen, damit die Ausgrenzung aus dem sozialen Verbund seiner Klasse, der ganz wesentlich über dieses Medium stattfand, für ihn endlich aufhörte? Ihm war sein Datenschutz keineswegs egal, aber der soziale Preis, den er dafür bezahlen sollte, der war ihm zu hoch geworden. Entscheiden wir bewusst und frei, unsere Daten mit jeder App grenzenlos zu teilen, deren AGB wir ungelesen akzeptieren? Lesen wir sie wirklich nur deshalb nicht, weil sie zu lang und kompliziert geschrieben sind oder auch, weil wir ahnen, dass wir bei vollem Bewusstsein niemals „Ja, ich akzeptiere“ klicken könnten? Sind wir deshalb alle selbst schuld daran, dass wir zunehmend und vermeintlich freiwillig zu gläsernen Menschen und damit manipulierbar durch Dritte werden?