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Wie funktioniert gemeinschaftliches Wohnen in der Praxis?

Artikel vom 19.02.2014

Gemeinschaftliches Wohnen oder, bei europäischen Nachbarn, Cohousing – diese Bezeichnungen stehen für ein breites Spektrum von Gruppenwohnmodellen mit einer sozialen, solidarischen Komponente: „Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ unter Beibehaltung der persönlichen Privatsphäre und Eigenständigkeit. Dabei zeigt die Praxis: Es liegen erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Wohnprojekten.

Gemeinschaftliche Wohnprojekte

Das Leben in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt spielt sich in einer Bandbreite zwischen dem Rückzug in die vier Wände der eigenen abgeschlossenen Wohnung und gemeinschaftlichen Aktivitäten ab. Die Bewohner leben nicht allein, bewahren sich aber ihre individuelle Selbständigkeit. Es liegt in ihrer Hand, wie viel Nähe und Kontakt sie zu ihren Mitbewohnern wünschen und ob sie innerhalb des Wohnprojekts freundschaftliche Beziehungen aufbauen. Charakteristisch für die gemeinschaftliche Wohnform ist die solidarische Ausrichtung mit dem Ziel, sich wechselseitig im Alltag und in besonderen Lebenslagen zu unterstützen – immer im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten der Einzelnen. Damit ist gemeinschaftliches Wohnen verbindlicher angelegt als eine gute Nachbarschaft und doch weniger eng und verpflichtend als eine familiäre Beziehung.

Gemeinschaftliche Wohngruppen handeln so selbstbestimmt und selbstorganisiert wie möglich. Entscheidungen werden demokratisch nach dem Konsens- oder Mehrheitsprinzip getroffen. Diese Grundsätze gelten sowohl während der Vorbereitungs- als auch während der Wohnphase:
So entstehen die Wohngruppen auf eigene Initiative oder unter intensiver Mitwirkung der Beteiligten.

Ausgangspunkt für die Gründung einer Wohninitiative kann zum Beispiel eine Informationsveranstaltung zum gemeinschaftlichen Wohnen oder zum Wohnen im Alter sein. Andere Interessierte kennen das gemeinschaftliche Wohnen vielleicht aus ihrem Umfeld und wollen nun ein eigenes Projekt realisieren. Fast immer findet sich zunächst ein kleiner Kreis von Initiatoren, und diese Kerngruppe sucht nach und nach weitere Mitwirkende.   

  • Selbstbestimmt erarbeitet sich die Gruppe ein gemeinsames Wohnkonzept. Dessen wichtigstes Element ist die Zusage gegenseitiger Unterstützung bei Bewältigung des Alltags und in besonderen Lebenslagen. In welchem Umfang das geschehen soll, legt jede Wohnprojektgruppe eigenständig fest. Deshalb besteht eine recht große Spannweite zwischen den einzelnen Vorhaben in Bezug auf das intendierte Maß an Verbindlichkeit und die Gestaltung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens.
  • Selbstbestimmung dokumentiert sich im Anspruch der Wohnprojektinitiativen, an der Planung und Gestaltung von Bau oder Umbau des Wohnprojekts aktiv mitzuwirken. Wohnprojekte werden in einem partizipativen Gruppenprozess geplant.
  • In der Wohnphase verwalten und bewirtschaften die Bewohner ihr Projekt weitgehend oder vollständig in eigener Regie.

In allen Phasen können sich Wohngruppen Unterstützung suchen, professionellen Rat einholen oder die Gruppenprozesse fachkundig durch Moderation oder Supervision begleiten lassen. Nicht jeder Mitwirkende bringt von Anfang an Erfahrung in der Übernahme von Verantwortung oder in der Gruppenarbeit mit. Erfahrungsgemäß spielen die besonders engagierten „Zugpferde“ eine wichtige Rolle für das gemeinschaftliche Vorhaben. Auch wenn manche über einen Wissensvorsprung verfügen, werden alle Beteiligten dazulernen.

Erhebliche Unterschiede bestehen von Wohnprojekt zu Wohnprojekt, was Faktoren wie Bewohnerzahl, Altersstruktur oder Investitionsvolumen angeht. Manche Gruppen wollen einen Neubau errichten, andere im Bestand umbauen. Manche Projekte kombinieren freifinan¬zierte und geförderte Wohnungen unter einem Dach, um auch Interessenten mit geringerem finanziellen Spielraum die Teilnahme zu ermöglichen. Vor allem aber ist die Vielfalt realisierter Wohnprojekte erheblich größer als das landläufige Bild von der „Alten-WG“ suggeriert.

Um die im Wohnkonzept festgelegten gemeinsamen Zielvorstellungen organisatorisch abzusichern, gibt die Gruppe sich eine Rechtsform. Das kann eine eingetragene Genossenschaft sein, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, der eingetragene Verein, die Wohnungseigentümergemeinschaft oder eine GmbH. Bei der Gestaltung der Verträge oder Satzungen ist eines der übergeordneten Ziele, die gemeinschaftliche Ausrichtung auch für den Fall langfristig zu sichern, dass einzelne Wohneinheiten individuell verwertet, also neu vermietet oder verkauft werden. Im Wohnprojekt nehmen alle Bewohner eine gleichberechtigte Position ein, unabhängig von Faktoren wie Geschäftsanteil oder Wohnungsgröße.

Bis zur Realisierung eines gemeinschaftlichen Wohnprojekts müssen die Beteiligten einige Herausforderungen bewältigen: Informationen sammeln, Beratung und gegebenenfalls professionelle Wohnprojektbegleitung organisieren, neue Interessenten in die Initiativgruppe integrieren und Abgänge verkraften, eine geeignete Rechtsform auswählen, ein tragfähiges Finanzierungskonzept erarbeiten oder einen Träger für das Vorhaben gewinnen, ein Grundstück oder ein passendes Bestandsobjekt finden und einen Architekten, der mit der Gruppe den Bau oder Umbau plant.

Wohnprojektinteressierte benötigen eine gute Portion Entschlossenheit und Enthusiasmus, um sich an ein solches Projekt zu wagen und bis zur Realisierung durchzuhalten. Für Kooperationspartner und am Entstehungsprozess Beteiligte ist der Umgang mit dieser Energie und Begeisterung eine der Besonderheiten in der Zusammenarbeit mit einer Wohngruppe.