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Vorträge, Austausch und dann? Wissenschaft und Praxis im Wechselverhältnis

Artikel vom 03.06.2019

Ob und wie können durch konstruktive Austausche zwischen Wissenschaft und Politik Impulse für die politische Praxis entstehen? In welcher Weise wirkt die Politik auch auf gesellschaftswissenschaftliche Forschungsanstrengungen zurück? Von Gisela Kubon-Gilke

Wissenschaft und Praxis im Wechselverhältnis

Stiftungen sind wichtiger Teil gesellschaftlichen Engagements. Sie verfolgen häufig soziale, gesundheitsbezogene und kulturelle Ziele, versuchen unter anderem Bewusstsein für gesellschaftliche Probleme zu schaffen und diskutieren Lösungen beziehungsweise tragen aktiv zu deren Lösung durch ihr Engagement bei. Die Schader-Stiftung verfolgt das spezielle Anliegen, den Dialog zwischen den Gesellschaftswissenschaften im weiteren Sinne und der Praxis zu befördern. Letztlich geht es ihr darum, über diesen Weg der Weiterentwicklung einer (humanen) Gesellschaft zu dienen.

Ziel dieses Beitrages ist es zu zeigen, über welche Wege aus den von der Stiftung geförderten Tagungen und den Interaktionen mit den Tagungspartnern tatsächlich Impulse für die politische Praxis entstehen können und in welcher Weise die Politik auch auf die gesellschaftswissenschaftlichen Forschungsanstrengungen rückwirkt. Dazu wird unter anderem die Theorie Eduard Heimanns1 herangezogen, der die Bedeutung sozialer Bewegungen für gesellschaftliche Reformen ins Zentrum seiner Überlegungen zum Übergang vom typischen Kapitalismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem demokratischen Sozialismus als evolutionären Weg stellte. Ähnlich wie Heimann sieht es in heutiger Zeit Richard Freeman2 im Zusammenhang mit der Durchsetzung menschenwürdiger Arbeitsstandards. Freeman setzt dabei insbesondere auf die verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten des Internet, die die sozialen Interaktionen und die Wächterfunktion des zivilgesellschaftlichen Engagements befördern könnten. Wenn man Heimann und auch frühen Neoliberalen3 folgt, dann wird jedoch erkennbar, dass diese Möglichkeit nicht voraussetzungslos ist und ohne geeignete Governance-Strukturen, ohne zielführende Ordnungs- und Interventionsrahmungen gar ein gegenteiliger, zerstörerischer Effekt eintreten kann. Wie gezeigt werden soll, kann die Arbeit von Stiftungen im Sinne einer humanen Gesellschaft ein Baustein dafür sein, den desaströsen Weg verschließen zu helfen.

Gesellschaftswissenschaften und Politikberatung

In einem mittlerweile reichlich naiv anmutenden Verständnis hat zum Beispiel die Ökonomik als gesellschaftswissenschaftliche Disziplin im weiteren Sinne ihre politische Rolle lange Zeit so verstanden, dass sie über theoretische Analysen und empirische Untermauerungen Wirkzusammenhänge aufzudecken versucht, um daraus Handlungsempfehlungen für die Politik abzuleiten und zu kommunizieren. Der Politik und ihren Akteuren wiederum verbleibt die Aufgabe, im Anschluss im Sinne des „wohlmeinenden Diktators“ die wissenschaftlich fundierten Vorschläge zum Wohle der Gesellschaft umzusetzen. Problematisch an dieser Sicht ist vielerlei: erstens, dass die Interessen, Motive und vermeintliche Handlungszwänge von Politiker_innen ausgeblendet werden, zweitens, dass das Verhältnis von Wissenschaft und Politik als Einbahnstraße von der Wissenschaft zur Politik gesehen wird und drittens die Unterschlagung der Tatsache, dass konkrete Beratung auf der Grundlage wissenschaftlicher Expertise stets auf bestimmten wissenschaftlichen Paradigmata beruht und entsprechend die Berater_innen häufig so ausgewählt werden, dass sie im Rahmen ihres Denkschemas „ideologisch bzw. regierungsparteienkonforme wünschenswerte“ Empfehlungen geben4. Letzteres erweckt den Anschein, als würde der gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnis allein eine Art Feigenblattfunktion zukommen, um intendierte oder schon realisierte politische Maßnahmen zu legitimieren. Besonders deutlich wird das immer dann, wenn Expert_innen zu von der politischen Linie abweichenden Vorschlägen kommen. Eine Expert_innenkommission zum aktuellen Wohnungs- und Mietproblem schlug zum Beispiel vor, die Mietpreisbremse abzuschaffen und auch den sozialen Wohnungsbau nicht wieder zu beleben. Ohne es inhaltlich zu diskutieren: Die politische Reaktion darauf war Expert_innenschelte. Wenn Politiker_innen aber ohnehin völlig überzeugt von bestimmten Wirkzusammenhängen sind und alles andere wie im vorliegenden Fall als „marktradikalen Unfug“5 abtun oder behaupten, jeder (!) wisse doch, dass der Markt keinen bezahlbaren Wohnraum schaffe,6 dann braucht es weder Beratung noch Austausch. Austausch würde bedeuten, die gegenseitigen Argumente aufzunehmen, zu diskutieren und zu reflektieren sowie letztlich im wechselseitigen Berücksichtigen von Wirkungszusammenhängen, von Problemanzeigen und empirischer Evidenz Lösungen zu erarbeiten und deren Implementierung vorzubereiten.

Viertens, so kann im Zusammenhang mit der Kritik am naiven Politikberatungsverständnis ergänzt werden, fokussieren die Gesellschaftswissenschaften, speziell die Ökonomik, häufig Einzelphänomene und übersehen in ihrer Beratung durch das elementaristische Herangehen Nebeneffekte, die ebenso politischen Handlungsbedarf auslösen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Hinweis führender Gesundheitsökonom_innen darauf, dass Kopfpauschalen bei der gesetzlichen Krankenversicherung erhebliche Effizienzvorteile generieren und mittelfristig sogar eine Art Bürgerversicherung auf Kosten der privaten Krankenversicherungen hervorbrächten. Der Vorschlag ist, wenn denn die Argumente tatsächlich plausibel sind, politisch so gut wie nicht umsetzbar, solange es das Gerechtigkeitsempfinden breiter Bevölkerungsschichten erheblich verletzt und solange keine kurzfristigen Kompensationen für Niedrigeinkommensbezieher_ innen ergänzend den Umstieg flankieren.7

Seit geraumer Zeit gibt es einen gewissen Bewusstseinswandel gerade innerhalb der Ökonomik, indem der politische Prozess selbst mit modelliert wird und vor allem, indem inzwischen die Einsicht vorhanden ist, dass Wissenschaft und politische Praxis immer in einem wechselseitigen Verhältnis stehen. Die Foren für diesen Austausch sind allerdings in der Regel auf die selbst schon gefiltert besetzte Arbeit von Kommissionen oder auf spezielle Formate beschränkt. Die spezifischen Intentionen und auch Nachteile solcher Formen der Zusammenarbeit wurden bereits am Beispiel der wohnungspolitischen Beratung durch Kommissionen benannt. Umso verdienstvoller ist es, wenn dieser Austausch – wie auch der mit anderer als nur der politischen Praxis – durch Stiftungen systematisch befördert wird. Dennoch verbleibt die Frage, wie sich dieser Austausch im politischen Alltag mit all seinen realen oder auch nur wahrgenommenen Zwängen in reale Handlungen umsetzen kann.

Von der Sozialgestalt über soziale Bewegungen zur politischen Handlung

Die Frage nach Wegen zu einer humanen, inklusiven Gesellschaft war im aufkommenden Kapitalismus seit dem 19. Jahrhundert zentral. Bei allen Ansätzen, die einen eher evolutionären Zugang zur Beantwortung wählten, ist für die hier gestellte Frage die Theorie Eduard Heimanns von besonderem Interesse, da er zivilgesellschaftliches Engagement und soziale Bewegungen ins Zentrum seiner Überlegungen stellte.8

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Eduard Heimann (1889–1967) wurde 1919 von der damaligen sozialdemokratischen Räteregierung zum ersten Generalsekretär der Sozialisierungskommission ernannt, die die Verstaatlichung von sogenannten Schlüsselindustrien vorbereiten sollte. 1925 wurde er an die Universität Hamburg auf einen Lehrstuhl für Theoretische und Praktische Sozialökonomie berufen und entwickelte sich zu einem führenden Sozialpolitiktheoretiker. 1933 musste er als Jude und Sozialdemokrat emigrieren. Im Oktober 1933 trat er eine Professur an der New York School for Social Research an. Er blieb bis 1958 an der New School, kehrte aber ab 1948 immer wieder für jeweils längere Zeit nach Deutschland zurück. Nebenher studierte er in den USA christliche Theologie, und er lehrte nach diesem Studium zudem Sozialethik am Union Theological Seminary in New York.

Heimann wird zu den führenden religiösen Sozialisten des letzten Jahrhunderts gezählt. Zwar war er deutlich in die marxistische Tradition eingebunden, er nutzte aber dennoch gewisse liberale Vorstellungen mit einem speziellen Modell des demokratischen Sozialismus, bei dem Arbeiterselbstverwaltungen in Kombination mit einem durchaus optimistischen Blick auf die Leistungsfähigkeit wettbewerblicher Systeme zur Sicherung der materiellen Grundlagen einer Gesellschaft zentrale Elemente waren. Ähnlich wie Alexander Rüstow – als Namensgeber des Begriffs Neoliberalismus im deutschsprachigen Raum – ging es ihm um einen „dritten Weg“ zwischen unreguliertem Kapitalismus und sozialistischer Zentralverwaltung. Heimann war sogar mit Rüstow befreundet, und beide gehörten dem sogenannten Kairos- oder auch Tillich-Kreis an, der als Keimzelle des religiösen Sozialismus zu Zeiten der Weimarer Republik angesehen wird. Sozialistische Gerechtigkeitsideen und christliche Gebote der Nächstenliebe und Fürsorge zu vereinen war Ziel dieses Kreises.

Heimann konnte, wie erwähnt, liberalen Ideen durchaus etwas abgewinnen, aber er vertrat die These, dass durch das feudale Erbe im Übergang zu einem Marktsystem die eigentliche liberale Idee von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Durch Macht- und sehr ungleiche Eigentumsverhältnisse sei es illusorisch gewesen davon auszugehen, dass freie und verantwortungsvolle Individuen in einer Gesellschaft zu einem harmonischen Miteinander finden. Rechtliche Freiheit mag es zwar gegeben haben, aber eben keine soziale Freiheit. Das sei letztlich die Ursache dafür gewesen, dass Arbeiter_innen zum warenäquivalenten Anbieten ihrer Arbeit (überdies auf monopsonistisch organisierten Arbeitsmärkten) gezwungen waren, mit den konkreten Folgen ihrer Verelendung und Verlust an menschlicher Würde und Gemeinschaftlichkeit.

Den Weg zum demokratischen Sozialismus sieht Heimann als evolutionäre Abfolge. Die Idee des Liberalismus habe sich geradezu pervertiert in einen für Arbeiter_innen unfreien Kapitalismus. Diese Unfreiheit und Ungerechtigkeit habe soziale Ideen genährt und dadurch soziale Bewegungen initiiert. Gerade das Freiheitsideal sieht Heimann unmittelbar als Ergebnis liberaler Denktraditionen, die sich in den Köpfen verankert hätten, aber konkret durch die quasi-feudalen Startbedingungen des Kapitalismus verhindert wurden. Sozialpolitik sieht er als Antwort auf die Stärke der sozialen Ideen – er nennt sie auch Sozialgestalten – und sie münden seiner Ansicht nach in eine Art dialektischen Prozess: Einerseits stützen die Reformen den Kapitalismus, indem sie durch „Nachgeben“ revolutionäre Bestrebungen verhindern, aber mit den Reformen drängen sie den Kapitalismus gleichsam auch zurück. Sozialpolitik ist für Heimann stets ein Herrschaftsabbau zu Gunsten der Beherrschten. Die Dialektik im Sinne gleichzeitigen Stützens und Zerstörens des kapitalistischen Systems zeige sich in einem konservativ-revolutionären Doppelwesen der Sozialpolitik. Heimanns Vision sah so aus, dass er als Weg zu einem demokratischen Sozialismus mit Wettbewerbselementen eine Abfolge von sozialen Ideen über soziale Bewegungen bis hin zu Manifestationen in sozialpolitischen Setzungen unterstellte. Sozialpolitische Regelungen wiederum würden die sozialen Ideen weiter stärken und erweitern. Zum Schluss würde sich die Gesellschaft wandeln. Genossenschaften, arbeiterselbstverwaltete und analoge Formen sozialisierten Unternehmenseigentums würden zum Schluss auf Märkten agieren.

Interessant sind die Ausführungen Heimanns zu der Frage, wie denn genau die sozialen Ideen entstehen und wie sie in sozialen Bewegungen münden, die dann den notwendigen politischen Druck für Reformen aufbauen.9 Konkret sieht er die dominante Leitidee von Freiheit und Arbeitswürde als „Sozialgestalt“. Daraus habe sich erst die Arbeiterbewegung entwickeln können. Auch wenn Heimanns Weg sehr optimistisch klingt und auch wenn sich der tatsächliche Pfad anders als von ihm vermutet entwickelt hat, so erwähnt er doch selbst, dass solche leitenden Sozialgestalten wandelbar oder multistabil sind, sie hängen an gesellschaftlichen Kategorien, an wissenschaftlichen Paradigmata und Denkmustern, und die jeweils prägnanteste Gestalt kann sich durchsetzen und zur starken sozialen Bewegung werden. Dass dabei vom Grundsatz her auch nationalistische, diskriminierende und generell totalitäre Entwürfe zumindest denkbar sind, erwähnt Heimann nicht, es kann aber aus seinen Ausführungen geschlossen werden. Die evolutionären Pfade sind damit keineswegs zwangsweise in Richtung auf eine humane und inklusive Gesellschaft gerichtet. Also stellt sich die Frage, ob und wie durch konstruktive Austausche zwischen Wissenschaft und Politik die Pfade zumindest in diese Richtung beeinflusst werden können.

Die Rolle der Stiftungen für Dialog und politisches Handeln

An dieser Stelle wird nun die Arbeit einer Stiftung bedeutsam, die sich der Entwicklung einer humanen Gesellschaft verschreibt, indem sie den Dialog zwischen Gesellschaftswissenschaft und der Praxis befördert. Auch wenn es durch Tagungen und andere Diskussionsforen nur kleine Zutaten für einen solchen konstruktiven Dialog sind: Wissenschaftliche Erkenntnisse, multiparadigmatische Ansätze im Widerstreit können neue Leitideen hervorbringen und auch Wege zur Umsetzung aufzeigen. Diese dürfen aber nicht in den Wissenschaften allein verhaftet bleiben, sie müssen vielmehr im Wechselspiel mit Politik und Gesellschaft diskutiert und geschärft werden. Dies unterstützt zum Beispiel die Schader-Stiftung durch ihre vielfältigen Aktivitäten und Kooperationen.

Wenn nun diese neuen (humanen) sozialen Ideen hinreichend Prägnanz erlangen und in die gesamte Gesellschaft hinein kommuniziert werden können, gibt es zumindest eine Chance auf eine entsprechende soziale Bewegung, die die politisch Verantwortlichen zu entsprechenden Maßnahmen veranlasst. Um nicht in unerfüllbare Utopien abzugleiten, ist dabei aber auch immer eine konkrete Inzidenzanalyse zur Abschätzung von Effizienz- und Verteilungseffekten notwendig, das heißt ohne sozialwissenschaftliche Erkenntnis könnten ansonsten auch rein illusionäre Gedanken mit fatalen Umsetzungskonsequenzen genährt werden.

Die notwendigen Formate zum Austausch zwischen Wissenschaft und Politik / Gesellschaft sind vielfältig und können nicht schematisch abgearbeitet werden. Gesellschaftswissenschaftliche Ansätze müssen entwickelt werden und sich im Diskurs heterodoxer Ansätze bewähren. Dazu muss nicht zwangsläufig in allen Phasen die Praxis eingebunden werden. Dann aber muss der Elfenbeinturm auch verlassen werden, und konkrete Folgen für die politische, berufliche und gesellschaftliche Praxis sind zu diskutieren. Nach eventuell einigen Prozessschleifen, bei denen unter anderem die Praxis mit neuen Fragen an die Wissenschaft zur Revision oder Schärfung von Theorien und deren normativen Grundlagen verhilft, bleibt zum Schluss die Kommunikationsfrage. Solange die Idee beziehungsweise Sozialgestalt in einem engen Zirkel verbleibt, kann sie keine Kraft für eine soziale Bewegung entfalten. Publikationen (Bücher, Broschüren, Zeitschriftenbeiträge, Interviews), die Gründung von Initiativen und auch Tagungsreihen zu einem entsprechenden Oberthema wie Menschenwürde oder Würde der Arbeit können die Öffentlichkeit erreichen, und die modernen digitalen Medien können als neue Formen der Kommunikation angesehen werden, die die Möglichkeiten zur Verbreitung von Ideen potenzieren.

Darauf genau setzt Richard Freeman, der als international renommierter Arbeitsmarkttheoretiker stets die Würde der Arbeit ins Zentrum seiner Analysen stellt und vor allem im Zusammenhang mit Arbeitsstandards bei als prekär bezeichneter Arbeit insbesondere im Kontext sogenannter Entwicklungsländer der Ansicht ist, dass nur soziale Bewegungen, verändertes Konsumverhalten unter anderem Verbesserungen der Standards auslösen werden.10 Zivilgesellschaftliches Engagement, soziale Organisationen und auch die Wissenschaften bekommen bei ihm eine Art Wächterfunktion. Wenn Verfehlungen oder Missachtung elementarer Standards immer wieder und schnell Empörung hervorrufen, die sogar wirtschaftliche Nachteile für Unternehmungen mit sich bringen, könne es möglich werden, dass ein ähnlicher wie von Heimann beschriebener Weg zu einer humaneren Arbeitswelt beschritten werde. Gerade das Internet sieht Freeman als geeignetes Medium zur schnellen Verbreitung entsprechender Informationen und als Sammelbecken für soziale Bewegungen an.

Dass die digitale Welt solche prinzipiellen Möglichkeiten zur Förderung humaner, inklusiver Gesellschaften grundsätzlich eröffnet, ist nicht zu bestreiten. Dennoch kann auch ein anderer Weg beschritten werden, indem die Internet-Nutzer_innen häufig nur noch mit gefilterten Informationen versorgt werden, die stets nur ein bereits vorhandenes Weltbild und Ideal nähren, alternative Sichtweisen aber ausblenden. Über solche gefilterten Informations- und Deutungsbahnen kann es eher zu multiplen Sozialgestalten kommen, und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich antidemokratische, totalitäre und intolerante soziale Ideen als besonders stark herausstellen: „[Die Digitalisierung] verändert Werte und Normen, und sie hat Einfluss darauf, wie wir überwiegend Politik wahrnehmen und welche Aufgaben wir ihr zuschreiben. Es ist ein altes demokratietheoretisches Thema, dass Demokratie eine bestimmte Einstellung zur Politik benötigt, in der Problemlösung und Rücksicht auf Minderheiteninteressen zentral sind. Wenn sich hingegen Politik als reiner Kampf darstellt (Gut gegen Böse, Inländer_innen gegen Ausländer_innen, Ethnien gegeneinander, Religionen gegeneinander, reiner Verteilungskampf), dann geht es um die bloße Durchsetzung eigener Verteilungsinteressen oder ideologischer Positionen. Setzt sich die zweite Sicht durch, wird entweder politische Abstinenz derjenigen erfolgen, die sich im Verteilungskampf als chancenlos einschätzen, oder extremistische Positionen werden geschürt. Die jetzigen Informationsplattformen begünstigen den zweiten, demokratiezerstörenden Weg, indem sie unter anderem über sogenannte Filterblasen eigene ideologische Positionen oder Thesen über die Niedertracht etablierter Politiker_innen und Parteien stärken und keine Gegenpositionen oder Politikalternativen anbieten. Sollte sich dieser Trend fortsetzen und sich keine starke, nach Humanität strebende soziale Gegenbewegung etablieren, ist letztendlich nicht nur eine humane Arbeitswelt in Frage gestellt, sondern eine humane Gesellschaft insgesamt.11

Bereits seit den dreißiger Jahren ist die Frage nach der Gefahr des Abgleitens in totalitäre Regimes zentral für diejenigen selbsternannten Neoliberalen gewesen, die zu ähnlichen Diagnosen wie Heimann zum Scheitern des reinen Liberalismus kamen und einen starken Staat zur Verhinderung von Machtkonzentrationen sowohl politisch als auch wirtschaftlich einforderten.12 Sie hatten starke Ansprüche an Demokratie und staatliches Handeln und betonten immer wieder, dass das rein formale demokratische Mehrheitsprinzip keine Absicherung gegen mehrheitlich gewählte Tyrannei bietet. Ähnlich, wie sie einen sehr strikten Ordnungsrahmen für Märkte zur Verhinderung von Marktmacht forderten, sahen sie es als zwingend notwendig an, dass die Politik in einem zustimmungsfähigen allgemeinen Rechtsrahmen agiert, in dem zulässige Abstimmungsbereiche definiert sind und die Privatsphäre der Individuen weitgehend geschützt ist.

Entsprechende Ordnungspolitik, so schwierig sie in Zeiten der Globalisierung durch nationalstaatliche Politik auch implementierbar sein mag, kommt nicht ohne entsprechenden Ordnungs- und eventuell genau definierten Interventionsrahmen auch für die digitalen Medien aus. Sollte das gelingen, ist auch eine etwas optimistischere Sicht im Hinblick auf eine humane Gesellschaft möglich, da sich dann die Netzwerkarbeit aller Stiftungen, Initiativen, Bündnisse und anderer nicht nur leichter bündeln lässt, sondern in einem offenen Informationszugang ohne Vorsortierungen – zum Beispiel die deutlich empfundenen Ungerechtigkeiten im Hinblick etwa auf prekäre Arbeitsverhältnisse, auf die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung – sich über die Zivilgesellschaft umsetzungsfähige und freiheitssichernde soziale Ideen generieren lassen, die dann mit immer mehr Druck auf die Politik letztlich Systemanpassungen hin zu einer humaneren Gesellschaft nach sich ziehen. Ein zu mächtiger Staat, dem der notwendige Ordnungsrahmen fehlt, ist dabei selbst auch ein Gefahrenherd. Das sieht man bereits jetzt an den Bestrebungen und Modellversuchen in China, ein Sozialkreditsystem aufzubauen und dabei alle verfügbaren Informationen von der Zahlungsmoral bis hin zum Überqueren einer Straße bei roter Ampel zu nutzen, um darüber mit Belohnungen und Strafen die Menschen zu politisch gewünschtem Verhalten zu zwingen.13

Für Stiftungen, die sich der Förderung inklusiver Gesellschaften verschreiben, stellt sich deshalb die Frage, ob es nicht gerade die ordnungspolitischen Voraussetzungen sind, die neben allen Skandalisierungen spezieller gesellschaftlicher Entwicklungen und dem Austausch zu diesen Problemen regelmäßig zum Gegenstand von Tagungen gemacht werden sollten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der erweiterten Dokumentation des Symposiums „Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften“, das anlässlich des 90. Geburtstags des Stifters Alois M. Schader am 16. Juli 2018 im Schader-Forum stattfand.

Gisela Kubon-Gilke: Vorträge, Austausch und dann? Wissenschaft und Praxis im Wechselverhältnis, in: Alexander Gemeinhardt (Hrsg.): Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften. 30 Jahre Schader-Stiftung, Darmstadt 2018, 44-50.

Die Autorin:
Prof. Dr. Gisela Kubon-Gilke ist Professorin für Ökonomie und Sozialpolitik an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. 

 

 

1 Heimann, Eduard (1980 / Erstveröffentlichung 1929): Soziale Theorie des Kapitalismus. Theorie der Sozialpolitik. Mit einem Vorwort von Bernhard Badura. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

2 Vgl. z.B. ein Interview mit Richard Freeman (o.J.): Online verfügbar unter www.youtube.com/watch (20.8.2018). Ausführlich dargelegt sind die Argumente in folgendem Buch: Freeman, Richard / Elliott, Kimberly A. (2003): Can Labor Standards Improve Under Globalization? Washington, D.C: Peterson Institute.

3 Vgl. Horn, Karen (2018): Der Neoliberalismus wird achtzig. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 32 vom 12.08.2018, S. 32.

4 Besonders prägnant legt dies Gebhard Kirchgässner dar, vgl. Kirchgässner, Gebhard (2015): Sind Ökonomen als politische Berater so gut und neutral wie sie gemeinhin annehmen? In: Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik 14, S. 55–82.

5 So Torsten Schäfer-Gümbel gemäß einer Meldung der Westfälischen Rundschau vom 23.08.2018. Online verfügbar unter www.wr.de/politik/beratergremium-gegen-mietpreisbremse-und-sozialwohnungen-id215157619.html (23.08.2018).

6 Mit diesen Worten reagierte die zuständige Ministerin Katarina Barley auf das Gutachten der Kommission, vgl. www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/katarina-barley-kritisiert-experten-schelte-fuer-mietpreisbremse-a-1224704.html (23.08.2018).

7 Vgl. Breyer, Friedrich (2015): Effizienz und Gerechtigkeit im Gesundheitswesen – eine Design-Herausforderung. In: Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik 14, S. 211–234.

8 Vgl. zu den nachfolgenden Ausführungen und weitergehender Literatur insbesondere Kubon-Gilke, Gisela et al. (2018): Gestalten der Sozialpolitik. Theoretische Grundlegungen und Anwendungsbeispiele. Marburg: Metropolis, Kap. 4.2.2.7.

9 Vgl. dazu Heimann, Eduard, Soziale Theorie des Kapitalismus. Theorie der Sozialpolitik, a.a.O., S. 148 ff.

10 Vgl. Freeman, Richard/Elliott, Kimberly A., Can Labor Standards Improve Under Globalization? A.a.O.

11 Kubon-Gilke, Gisela / Emanuel, Markus / Gilke, Claus / Kirchhoff-Kestel, Susanne / Schlosser, Simone / Vilain, Michael (2018): Bits und Bytes ade? Wirtschaftliche und gesellschaftliche Konsequenzen der Digitalisierung und Folgen für eine humane Arbeitswelt. Manuskript. Evangelische Hochschule Darmstadt, S. 31.

12 Vgl. Kubon-Gilke, Gisela et al., Bits und Bytes ade? Ebd., Kap. 6.4; sowie Horn, Karen, Der Neoliberalismus wird achtzig, a.a.O.

13 Vgl. Siemons, Mark (2018): Chinas Sozialkreditsystem. Die totale Kontrolle. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung – Debatten. Online verfügbar unter www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/chinas-sozialkreditsystem-die-totale-kontrolle-15575861.html (27.08.2018).