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Die Genese von soziotechnischen Morphologien

Artikel vom 01.08.2014

Foto: laremenko Sergii/shutterstock.com

Eine Untersuchung mit Hilfe der Netzwerkforschung am Beispiel von multimodalen Beziehungsstrukturen zwischen Makers und der 3D-Drucktechnik. Ein Vortrag von Prof. Dr. Roger Häußling und Prof. Dr. Christian Stegbauer im Rahmen der Tagung „Dynamiken räumlicher Netzwerkstrukturen“ am 12. und 13. Juni 2014 im Schader-Forum, Darmstadt.

Zur Maker-Community und der 3D-Drucker-Technologie – Wunsch und Wirklichkeit

Die Maker-Community ist eine soziale Subkultur, die sich im Sinne des Do-it-Yourself eigene Produktwelten schaffen. Ihre Mitglieder tauschen sich vorzugsweise über Internetforen aus. Daneben werden regelmäßig große Events veranstaltet, auf denen die Produkte sowie die Herstellungstechnologie vorgestellt werden. In dieser Community spielt der 3D-Drucker eine wichtige Rolle. Das Spektrum der selbsthergestellten Dinge ist ausgesprochen breit: Angefangen von einfachen Artefakten bis hin zu komplexen technischen Systemen. Für entsprechende Kontroversen in der breiteren Öffentlichkeit hat der Bauplan einer Pistole gesorgt, deren Bestandteile man sich über den 3D-Drucker ausdrucken kann. Daneben gibt es immer wieder Meldungen, dass Industriebetriebe einzelne Produkte über die 3D-Drucker-Technologie herstellen lassen – wie zum Beispiel unlängst das erste Auto. Für Startups bildet diese Technologie die Möglichkeit, ohne große Erstinvestitionen für einen Maschinenpark Kleinserien auch im High-Tech-Bereich anbieten zu können.

Auch wenn diese Beispiele vielversprechend klingen, so zieht diese Community ihre Aufmerksamkeit vor allem aus den wirkungsvoll in Szene gesetzten Verheißungen und Visionen. So wird von einer „Demokratisierung der Produktion“ gesprochen; denn mittels der 3D-Drucker-Technologie könne jeder das herstellen, was bisher ausschließlich im industriellen Kontext gefertigt werden konnte.  Wie Chris Anderson (2013: 92) unter Berufung auf Eric von Hippel beschreibt, liegt die eigentliche Innovation der 3D-Drucker-Technologie darin, dass durch ihn „Hardware wie Software“ behandelbar wird. Das „Internet der Dinge“ erfährt dadurch eine Bedeutungsverschiebung: War ursprünglich darunter gemeint, dass die physischen Artefakte eine Repräsentanz im Internet erhalten und damit neben dem Menschen zu Teilnehmern des Internets werden, so würde es bei der Umsetzung dieser Vision dazu kommen: Dass die Dinge aus dem Internet kommen. So wie die konventionellen Drucker es uns ermöglichen, Texte und Bilder in hoher bis professioneller Qualität auszudrucken, so wäre der 3D-Drucker die Schnittstelle zu den physischen Objekten unterschiedlichster Provenienz. Digitali­sierte Baupläne könnten aus dem Netz bezogen und direkt als Druckauftrag umgesetzt werden.

Damit würde eine Umwälzung der Gesellschaft einhergehen, da die vormals industrielle Fertigung in den privaten Bereich und in den Bereich von Internetdienstleistern verlagert würde. Auch die Distri­bution von Gütern wäre damit existentiell tangiert: die Transportlogistik wäre zu weiten Teilen hinfäl­lig, da die Produktion am „end of the pipe“, also beim Endnutzer vonstatten ging. Jeder kann dann – gemäß dieser Vision – seine Möbel, Gerätschaften und Ersatzteile bequem zu Hause herstel­len. Dies betrifft natürlich auch die Herstellung von Neuem: Technikentwicklung wird nun nicht mehr von Spezialisten bewerkstelligt, sondern von den Nutzern in Internetforen ausgehandelt. Die Objekt­welt, mit der sich dann die Menschen umgeben, wäre eine zu weiten Teilen selbst geschaffene und mit homophilen Nutzern ästhetisch, funktional und semantisch ausgehandelte.

Als wissenschaftliche Beobachter nehmen wir solche Vorhersagen ernst, bleiben aber immer auch mit einer kritischen und skeptischen Distanz verbunden, zumal die Aufbruchstimmung momentan nicht unbedingt von der Wirklichkeit gedeckt ist. Die Herstellung von Produkten ist mit der 3-D Technik momentan um ein vielfaches teurer als in traditionellen Industrieverfahren. Dies ist sicher­lich auch der Grund dafür dass nur 190 Industriemaschinen im letzten Jahr insgesamt abgesetzt wurden (FAZ, 27.05.2014: 21).  Allerdings scheint sich die Industrie mit der neuen Technik sehr schwer zu tun, schwerer jedenfalls als eine Community von Bastlern, welche die Möglichkeiten für sich ausloten und dabei zusammen der neuen Technologie auch neue Anwendungen zuführen und damit die Gestalt der neuen Technologie aushandeln.

Soziotechnische Morphologie

Insofern bietet es sich hier an, in Anlehnung an Emile Durkheim und seine Schüler Marcel Mauss und Maurice Halbwachs von soziotechnischen Morphologien zu sprechen. Nach Durkheim soll das mate­ri­elle Substrat, auf welchem das soziale Leben beruht, wissenschaftlich mittels der „Morphologie sociale“ (Durkheim 1897/98: 520f.) erforscht werden. Dieses Substrat „wird durch die Masse der Individuen konstituiert, aus denen sich die Gesellschaft zusammensetzt, durch die Art und Weise, wie sie sich auf dem Boden verteilen, durch die Natur und Konfiguration der Dinge jeglicher Art, die auf die kollektiven Beziehungen wirken.“ (Durkheim, zitiert nach: Mauss 1989: 182) Zu letzterem zählt Durkheim beispielhaft die Bauweise der Städte und Häuser, die Verkehrswege, die Verkehrsmittel sowie die Kleidung. Je nach deren Beschaffenheit ergibt sich daraus ein soziales Substrat. Dessen spezifische Beschaffenheit wirkt sich für Durkheim auf alle sozialen und psychischen Prozesse aus. Alternativ zum Substratbegriff spricht er auch von der „Konstitution des inneren sozialen Milieus“: „Die Elemente, aus denen sich dieses Milieu zusammensetzt, gehören zwei Gattungen an: es sind Personen und Dinge. Unter den Dingen sind außer den der Gesellschaft einverleibten materiellen Objekten die Produkte früherer sozialer Tätigkeit zu verstehen, das Recht, die geltende Moral, literarische und künstlerische Monumente usw.“ (Durkheim 1961: 195) Auch wenn sie prägenden Charakter für das soziale Leben haben, so geht Durkheim davon aus, dass diese Dinge nicht die Ursachen für gesellschaftlichen Wandel bilden können. Ihre Prägekraft liegt vielmehr in der Fortschreibung des Bestehenden. Sie sind also Garanten der Stabilität von sozialen und gesellschaft­lichen Konstellationen.

In reformulierter Form kann man sagen, dass die soziotechnische Morphologie die Prozesse der sozialen Aushandlung von materiellen Dingen bezeichnet. Bei der Maker-Community erfolgt diese Aushandlung vorzugsweise über Internetforen und ist insofern durchgreifend, als hier nicht nur die Aneignung von Artefakten im Vordergrund steht (wie das bislang der Fall war) sondern auch die Herstellung selbst innerhalb des (erweiterten) Nutzerkreises vonstatten geht. Die Internetforen werden also als Kulminationspunkte für Aushandlungen begriffen. Hierbei ist davon auszugehen, dass neben technischen Fragen und damit eng gekoppelt auch Leitbilder bzw. Szenarien der entste­henden Technik verhandelt werden. Innerhalb dieser Community getätigte thematische Festle­gungen manifestieren sich damit unmittelbar in der materiellen Form des Objekts. Hier werden also enge Korrespondenzen vermutet: für relevant erachtete Themen, Funktionszuschreibungen einzelner Objekte via Aushandlung einerseits und Technikentwicklung andererseits. Die entsprechende Aufla­dung von Objekten mit Bedeutungen, die von einer Community geteilt werden, wirkt – ganz im Sinne Durkheims – auf diese stabilisierend zurück, da sich in ihnen auch das Selbstverständnis der Commu­nity spiegelt. 

Forschungshypothesen und Fallbeispiel

Nachdem nun der generelle Untersuchungsgegenstand und die theoretische Blickrichtung dargelegt worden sind, kann die Darstellung der Forschungshypothesen sowie des Fallbeispiels, anhand dessen das Untersuchungssetting getestet werden soll, erfolgen.

  • Lässt sich die soziotechnische Morphologie mit der netzwerkanalytischen Untersuchung von Internetforen beschreiben? Können Rückschlüsse aus der Untersuchung der Foren mittels Netzwerkanalyse auf die Entwicklung von Technik gezogen werden? Wenn ja, welchen Regeln folgt diese Entwicklung und welche Technisierungsvarianten setzen sich dort eher durch? Lässt sich des Weiteren mittels bimodaler Netzwerkanalyse eine Verbindung von Themen und Akteuren sichtbar machen?
  • Wie ist die Beteiligung der Akteure in diesen Foren strukturiert? Und sagt diese Strukturie­rung etwas über die Vision einer Demokratisierung im Hinblick auf die Herstellung und Nutzung von Technik aus?

Diese Forschungsfragen gilt es zu untersuchen. Aufgrund der Größe und der Multilokalität (sowohl online als auch offline) der Maker-Community sind diese Fragen nicht mit konventionellen Mitteln, wie einer Stichprobenziehung, Befragungen und einfachen Interviews zu beantworten. Ein Grund dafür ist, dass es schwer ist, von Einzelnen verlässliche Auskünfte über den Verlauf von Aushand­lungen zu erfahren. Unsere Idee ist es vielmehr, diese aufgrund der Themenverflechtung und -gewichtung dynamisch aus den nichtreaktiven Daten von Diskussionen von Internet­com­munities mit den Mitteln der Netzwerkanalyse sichtbar zu machen. Allerdings müssten auch bei diesem Vorgehen verschiedene Communities parallel untersucht werden. Diese Möglichkeiten bestehen im Kontext dieser Untersuchung nicht.

Mit den begrenzten Mitteln müssen wir uns an dieser Stelle mit einer Pilot- bzw. Machbarkeitsstudie zufrieden geben. Wir wollen anhand dieser Untersuchung das Forschungssetting, die angedachte Vor­gehensweise und die Relevanz der Forschungsfragen testen. Ihr sollen weitergehende Unter­suchungen im Rahmen eines größeren Projektes folgen.

Als Beispiel wurde eine relativ kleine, deutschsprachige Internetcommunity, die 3d-drucker-community.de, herangezogen. Die generellen Vorteile bei der Analyse derartiger Internetsites liegen darin, dass einerseits die relevanten empirischen Daten automatisch anfallen, also nicht eigens erhoben werden müssen, und andererseits in Form kontinuierlicher Prozessdaten vorliegen und damit die Analyse der Dynamik von Netzwerken möglich ist. Die Community selbst besteht aus 318 Aktivisten, 1.907 Beiträgen in 433 Threads, die in 20 Foren bzw. Subforen eingeteilt sind.1 Innerhalb der Site selbst werden formale Positionen vergeben. Dabei besitzt die überwiegende Mehrheit der Mitglieder den Status des Junior-Mitglieds (308 Personen). Nur sechs Personen werden als Mitglied geführt, eine Person als Senior-Mitglied, eine weitere als Administrator und zwei Personen als Super Moderator.

Ausgewählte empirische Befunde

Bereits diese ausgeprägte Funktionsasymmetrie bei den Mitgliedern deutet darauf hin, dass die Beteiligung am Aushandlungsprozess nicht gleichverteilt erfolgt. Diese Vermutung wird noch dadurch verstärkt, wenn man sich die Verteilung der Beiträge auf die einzelnen Mitglieder anschaut: Die meisten Mitglieder haben einen oder sogar gar keinen Beitrag geschrieben, nur eine kleine Gruppe beteiligt sich also öfters an den Foren mit eigenen Beiträgen. Hiervon sind wiederum einzelne Per­sonen herauszuheben, die den Löwenanteil der Beiträge beigesteuert haben.2 Sie verfügen auch über einen eigenen 3D-Drucker und können damit als Flaschenhälse des Zugangs zur Community gewertet werden. Summa Summarum handelt es sich also um eine ausgesprochen zentralisierte Kommunikation, die kaum mit den Überlegungen zu einer Demokratisierung der Technik kompatibel ist.

Dies wird auch nicht dadurch relativiert, wenn man den Beitrittszeitpunkt mitberücksichtigt. Denn die meisten Teilnehmer sind erst im Laufe der Zeit zur Community hinzugestoßen, hatten also auch weniger Zeit, Beiträge beizusteuern als die Mitglieder der ersten Stunde. Was an einer solchen Zeitverlaufsanalyse der Nutzer allerdings auffällt, ist, dass es einem Teil der Neuzugänge auch zu späteren Zeitpunkten gelingt, sich dauerhaft mit eigenen Beiträgen an dem Forum zu beteiligen und damit ins Zentrum der Aktivitäten vorzustoßen. Einmal in diese Position gekommen, ist die rege Beteiligung dieser Personen relativ stabil. Dies ist ein Hinweis dafür, dass es keine hermetischen Hürden gibt, in diesem Forum eine zentrale Position einzunehmen. Gleichwohl bleibt der Kreis der Akteure, die regelmäßig Beiträge beisteuern, klein.

Themen auf dieser Communitywebseite werden gegliedert durch Foren und Unterforen und durch Themen. Themen werden durch Fragen oder Beiträge eröffnet und bilden dann zusammen mit den Diskussionsbeiträgen oder Antworten einen sogenannten Thread. Da bei dieser Communitywebseite die Themen nicht abgeschlossen sind, können sich Mitglieder auch viel später mit einem eigenen Beitrag beteiligen. Eine Zeitverlaufsanalyse der einzelnen Threads kann anzeigen, inwiefern Themen von Teilnehmern aufgegriffen werden und wann einmal eröffnete Diskussionen fortgeführt werden. Ein empirischer Befund besteht darin, dass sich im ersten zeitlichen Drittel der Diskussionen in diesem Forum eine ganze Reihe von Einerthreads befindet. Als „Einerthreads“ bezeichnen wir Beiträge, die bei den anderen Communitymitgliedern keine Resonanz verursachen, sei es, weil die anderen nicht an diesen Themen interessiert sind oder sich die Beiträge nicht für eine Diskussionseröffnung eignen. Dieser Befund zeigt an, dass einzelne Personen der Community die anderen Teilnehmer zunächst einmal informieren wollen. Es werden in der ersten Zeit grundsätzliche Themen vorgestellt aber auch nach Themen gesucht, die eine Diskussion in Gang bringen. Am Anfang bietet also das Forum eine große thematische Vielfalt, die sich im Laufe der Zeit auf viel weniger Themenschwerpunkte verengt, die Diskussionen auslösen. Es sind vor allem Diskussionen über den 3D-Drucker. Alle anderen Themen sind von geringerer Bedeutung.3

Um diese Themenentwicklung genauer zu analysieren, haben wir die 1907 Beiträge in vier Teile zerlegt, die ungefähr gleich viele Beiträge beinhalten sollten (siehe Tab.1 in Abbildungen).

Wie der Tabelle zu entnehmen ist, haben sich die Zeitintervalle für die beiden letzten Beitragsblöcke im Verhältnis zu den Zeitintervallen der ersten beiden deutlich verringert. Des Weiteren geht die Anzahl der Themen zurück – bei gleichzeitiger Zunahme der Diskussionslänge (Threadlänge). Dies lässt sich darauf zurückführen, dass am Anfang einzelne Personen ziemlich viele Themen initiiert haben, die zur allgemeinen Orientierung dienen sollten (s.o.). Wie der Tab.2 (siehe Abbildungen) zu entnehmen ist, wird der zu Beginn relativ breite thematische Zugang des Forums im Laufe der Zeit schmaler und konzentriert sich vor allem auf die Hardware selbst. Insbesondere die Diskussion um einzelne Drucker erzeugen hohe Aufmerksamkeit und anschlussfähige Beiträge in dem Forum. Vor allem ist überraschend, dass wenig über die von den Makern mittels des 3D-Druckers hergestellten eigenen Objekte diskutiert wird. Stattdessen steht die Frage des Wie in diesem Forum im Zentrum. Das Was wird zum Beispiel in dem über ein Feed mit diesem Forum verknüpften Blog diskutiert. Eine offene Frage muss bleiben, inwieweit die offline-Treffen auch diese Funktion einnehmen. Schließlich ist auch unklar, welche ökonomischen Interessen in dem untersuchten Forum bestehen. Auch dies könnte eine Ursache für die Zurückhaltung im Hinblick auf die eigenen Produktideen darstellen.

Resümee

Die zuletzt erörterten Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass es in dem analysierten Forum eher um Prozesskompetenz denn um Technikentwicklung im Sinne neuer Produkte geht. Hierbei spielt der 3D-Drucker eine herausragende Rolle. Die Beherrschung dieser Technologie scheint als Zugangstor für die Maker-Conmmunity zu fungieren. Die Konzentration auf die Druckerhardware reflektiert die bestehenden Nutzungsprobleme aber auch die Begeisterung für ein „technisches Friemeln“. Ganz im Sinne der Durkheimschen Kennzeichnung der sozialen Morphologie gruppiert sich die Maker-Community um den 3D-Drucker, der nicht nur damit eine Institutionalisierung erfährt sondern auch zur Schlüsseltechnologie erkoren wird, die es zu beherrschen gilt, um in dieser Community anerkannt zu werden. Gerade diejenigen, die über einen eigenen 3D-Drucker verfügen, spielen zentrale Rollen in diesem Forum. Zugespitzt kann man sagen, dass wir an unserem beschränkten Beispiel beobachten, wie Anwendungsideen und grundsätzliche Überlegungen von der Materialität der Druckerhardware und den damit verbundenen Problemen in den Hintergrund gedrängt werden.

Inwieweit dann auch die Produkte des 3D-Drucks solche sozialstrukturstabilisierenden Wirkungen zeitigen, lässt sich überraschenderweise aus der Analyse dieser Community nicht ableiten. Dies scheint damit zusammenzuhängen, dass andere Internetseiten mit der Community verlinkt sind. So werden aus einem Blog automatisiert Neuigkeiten eingespeist und zahlreiche Mitglieder geben ihren Account für eine andere Makercommunity an, von der auch Files für das Nachdrucken besonders gelungener Druckideen herunterzuladen sind. Eine umfassende Analyse müsste also die verschiedenen Angebote gleichzeitig in den Fokus nehmen. Es scheint, als hätte sich eine Arbeitsteilung zwischen den Communitys herausgebildet, sodass wir mit unserer Analyse zwar Hinweise auf die Entwicklung der soziotechnischen Morphologie in einem sehr engen Bereich bekommen, aber mit unserer Machbarkeitsstudie noch über eine zu geringe und zu einseitige Reichweite verfügen, um grundsätzlichere Aussagen über die Aushandlungsprozesse der Technikent­wicklung treffen zu können. Festzuhalten bleibt: wir sind mit Hilfe der bimodalen Netzwerkanalyse in der Lage, die Themenentwicklung zu untersuchen und damit auch Bedeutungsverschiebungen in der Zeit zu erkennen. Allerdings sind unsere Datengrundlage und der sie repräsentierende Ausschnitt der Szene noch klein.

Im Hinblick auf die zweite Forschungsfrage liefert das Fallbeispiel folgende Hinweise: Im Einklang mit anderen Befunden zur Beteiligungsstruktur in Internetdiskussionsräumen (Stegbauer 2001; 2009) ist die Struktur der analysierten Community nicht als besonders demokratisch anzusehen. Sowohl bei der Rollenzuschreibung, also auch bei der Dominierung von Themen spielen insbesondere diejenigen Akteure eine besondere Rolle, die einen eigenen 3D-Drucker besitzen. Gleichwohl ist die analysierte Community nicht hermetisch für Neuzugänge verschlossen. Auch zu späteren Zeitpunkten ist es also möglich, bis ins Zentrum der Aktivitäten in der Community vorzustoßen.

Die Autoren: Prof. Dr. Roger Häußling ist Inhaber des Lehrstuhls für Technik- und Organisationssoziologie an der RWTH Aachen. Prof. Dr. Christian Stegbauer ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Netzwerkfor-schung an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Literatur

Anderson, Chris (2013): Makers. Das Internet der Dinge: die nächste industrielle Revolution. München: Hanser.

Durkheim, Émile (1897/98): Note sur la morphologie sociale. In: L'Année Sociologique, 2/1897–1898: 520f.

Durkheim, Émile (1961): Regeln der soziologischen Methode. Neuwied. (Zuerst 1895).

Mauss, Marcel (1989): Soziologie und Anthropologie. Band 2: Gabentausch, Soziologie und Psychologie, Todesvorstellungen, Körpertechniken, Begriff der Person. Frankfurt/M.: Fischer.

o. A., 2014. Der 3D-Druck beflügelt die Phantasie, FAZ, 27.05.2014: 21.

Stegbauer, Christian (2001): Grenzen virtueller Gemeinschaft. Strukturen internetbasierter Kommunikationsforen. Opladen: Westdt. Verl.

Stegbauer, Christian (2012): “Strukturelle Ursachen der Entstehung von Ungleichheit in Beziehungsmedien.”  S. 301–322 in C. Stegbauer (Hrsg.), Ungleichheit. Medien- und kommunikationssoziologische Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS.

1 Die Datenerhebung fand am 1.4.2014 statt. Da die Datenerhebung einige Tage in Anspruch nahm, besitzen die stichpunktbezogenen Angaben eine kleine Unschärfe.

2 Eine ähnliche Verteilung ergibt sich bei dem englischsprachigen Board.

3 Zu berücksichtigen ist, dass ein ‚Akteur‘ ein Feed darstellt. D.h. es handelt sich um eine automatische Weiter­leitung der Nachrichten eines anderen Blogs (http://www.3d-drucker-world.de/) zur untersuchten Community.

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