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Happiness, Fußabdruck und Produktivität

Artikel vom 16.04.2021

Foto: shutterstock

(Un)Sicherheit durch die Welt der Indikatoren. Ein Blogbeitrag von Julia Mörtel und Oliver Schlaudt.

Von anno dazumal bis heute

Quantitative Indikatoren haben eine lange und eine kurze Geschichte. Die lange Geschichte beginnt vor nicht weniger als etwa 5 000 Jahren in Mesopotamien, wo Zahlen und Maße erfunden wurden, um wirtschaftliche Transaktionen dokumentieren und ein zentral organisiertes Reich verwalten zu können. Ohne es zu wissen, wird hier mit den Zahlzeichen überhaupt erst die Schrift geschaffen, und damit das Fundament von Mathematik, Wissenschaft, Literatur und Recht.

Die kurze Geschichte handelt von den modernen Gesellschaften, in denen quantitative Indikatoren in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine regelrechte Explosion erlebt und in alle Bereiche moderner Gesellschaften Einzug gehalten haben. Kein Aspekt, der nicht gemessen und in Indikatoren ausgedrückt wird: Menschenrechte, Freiheit, Governance, Korruption, wirtschaftliche und wissenschaftliche Produktivität, Happiness und Well-being, ökologischer Fußabdruck, usw. usf.

Besondere Bedeutung kommt solchen Indikatoren für den gesellschaftlichen Umbau hin zu einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise zu. Durch die Covid19-Pandemie konnten wir sehen, wie sehr Indikatoren, zum Beispiel R-Werte oder 7-Tage-Inzidenzen, Auswirkungen auf politische Entscheidungen und damit unmittelbar auf das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben nehmen können. Indikatoren sind heute zur Legitimation von Entscheidungen im modernen gesellschaftlichen Leben unverzichtbar.

Hochgradig spezifisch

Das Beispiel der Covid19-Pandemie zeigt aber auch die typischen Probleme von Indikatoren: Sie sind hochgradig spezifisch. Sicherheit in der Entscheidungsfindung wird unter Umständen mit neuen Unsicherheiten bezahlt werden. Das Dilemma: Die Produktion von Zahlen verlangt einerseits eine Abstraktion vom konkreten Kontext, in welchem ein Phänomen auftritt, und auch von der konkreten Bedeutung, die es in diesem Kontext für die Akteure hat. Diese Dekontextualisierung wird nun aber umgekehrt zu einem Problem, wenn aufgrund der so konstruierten Indikatoren spezielle politische Maßnahmen unternommen werden sollen, da diese ja auf die konkreten Akteur*innen im spezifischen Kontext wirken müssen.

Konstruktion und Gebrauch von Indikatoren geraten hier in einen Konflikt, und zwar strukturell, weshalb der Konflikt nicht einfach durch technische Verbesserungen aufgelöst werden kann, sondern situativ nach einem pragmatischen Umgang verlangt. Expert*innen müssen also ein „Gefühl“ dafür entwickeln, welche Aussagekraft ein Indikator wirklich hat, und wieviel Kontextwissen für welche Entscheidung hinzugezogen werden muss. Eine Herausforderung stellt gerade dieser Sachverhalt bei der Kommunikation von Entscheidungen anhand von Indikatorwerten in der Öffentlichkeit dar.

Das Mittel zum Zweck?

Was für Expert*innen eine praktische Herausforderung ist, stellt für die Philosophie ein systematisches Problem dar und wirft grundsätzliche Fragen auf. Welche Arten von Wirklichkeiten werden durch Indikatoren erzeugt – und welche gerade verhindert? Werden Entscheidungen erleichtert oder Vergleichbarkeiten geschaffen Die Philosophie könnte hier sicher lange ausführen, aber kurzum: Ist ein Indikator als Mittel für einen bestimmten Zweck geeignet? Bietet er die relevanten Informationen für die jeweiligen Adressaten?

Die Erforschung der gesellschaftlichen Bedeutung und der faktischen Auswirkungen der indikatorbasierten Verwaltung, Organisation und Entscheidungsfindung ist noch sehr jung und hat erst in den vergangenen Jahren überhaupt begonnen. Trotz hoher Expertise im Design von Indikatoren und einer steigenden Anzahl an neuer Forschungsliteratur, fehlt eine allgemeine Theorie zum Verständnis von Wert und Wirkungsweise von Indikatoren.

 

von Julia Mörtel M.A., Institut für Philosophie der Technischen Universität Darmstadt und PD Dr. Oliver Schlaudt, Philosophisches Seminar der Universität Heidelberg.

Gemeinsam mit dem Philosophischen Seminar der Universität Heidelberg und dem Institut für Philosophie der Technischen Universität Darmstadt wird die Schader-Stiftung im interdisziplinären Workshop „Indikatoren: Sicherheit und Unsicherheiten in Entscheidungsprozessen“ die Funktion, Nutzen, Leistungen aber auch Grenzen von Indikatoren, Kennzahlen und Indizes aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Der Workshop findet vom 20. bis 21. online aus dem Schader-Forum in Darmstadt statt.

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