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Strategiepapier: „Netzwerk mehr Sprache“

Artikel vom 20.08.2014

Ein Modell zur Förderung eines chancengerechten Zugangs zu Bildung auf kommunaler Ebene. Ein Vortrag von Dr. Simon Burtscher-Mathis im Rahmen der Tagung „Dynamiken räumlicher Netzwerkstrukturen“ am 12. und 13. Juni 2014 im Schader-Forum, Darmstadt

Kurzbeschreibung der Ausgangslage und des Modells

Der Kontext: Die Gemeinde als Ort des Zusammenlebens und der lebensweltlichen Begegnung

Ein chancengerechter Zugang für Kinder zu Bildung ist ein in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit von unterschiedlichen Akteuren und Institutionen zunehmend gefordertes Ziel. Der Mehrwert der für das Zusammenleben und die Entwicklung für die Gemeinschaft daraus entsteht ist für viele nachvollziehbar. Immer mehr Menschen sind sich bewusst, dass der Zugang zu Bildung in Österreich nicht chancengerecht ist und dies im Kontext des demographischen und wirtschaftlichen Wandels langfristig das Zusammenleben und den Wohlstand von allen beeinträchtigt. Denn ein chancengerechter Zugang zu Bildung trägt einerseits zur Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlichen Entwicklung bei, fördert damit den Wohlstand und dient andererseits als gemeinsame Leitidee und Wert auch dem Zusammenhalt in einer Gesellschaft. Sich für dieses Ziel zu engagieren, motiviert deshalb viele Menschen unabhängig von ihrer sozialen und ethnischen Herkunft. Diese Motivation will das Netzwerk mehr Sprache auf kommunaler Ebene aufgreifen und unterstützen1.

Das Modell des Aufbaus von Netzwerken zur frühen und durchgängigen Begleitung der Sprachentwicklung zur Förderung von Chancengerechtigkeit in Vorarlberg (Österreich) basiert auf mehreren Beobachtungen, die in der Konzeption mit den theoretischen Grundlagen verknüpft werden:

  • Kommunen sind Orte an denen alltägliches Zusammenleben und lebensweltliche Begegnung stattfindet.
  • Dieses Zusammenleben ist durch soziale Gruppengrenzen geprägt, die im Kontextvon Etablierten-Außenseiter-Figurationen (Elias 1993) mit Machtverteilungen verbunden sind und die soziale, gruppenübergreifende Durchmischung vermeiden.
  • Mit der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen sind unterschiedliche Zugänge zu Kapitalien (Bourdieu 1983) und unterschiedliche Chancen verbunden.
  • Chancengerechtigkeit zu fördern bedeutet Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft einen gleichberechtigten Zugang zu den Ressourcen zu ermöglichen, die sie für die Entwicklung ihrer Potenziale benötigen.
  • Die Förderung von Chancengerechtigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Querschnittsmaterie, die nicht auf Bildungseinrichtungen beschränkt werden kann, sondern als gemeinsame Aufgabe einer kommunalen Verantwortungsgemeinschaft verstanden werden muss und eine stärkere soziale Durchmischung bedingt.

Die strategischen Überlegungen zu den Netzwerken zur Förderung von Chancengerechtigkeit richten den Fokus auf die Gemeinde als zentralen Ort des täglichen Zusammenlebens und Ort des Aufwachsens von Kindern. Sie unterscheiden sich damit von stärker auf strukturelle und institutionelle Faktoren fokussierten Modellen. Kinder wachsen in einem sozialen Umfeld auf und werden durch diese Kontakte geprägt. Wie dieses Umfeld aussieht und wie stark es durch die örtlichen Gegebenheiten geprägt wird, ist stark von der Schicht-, Milieu- und Gruppenzugehörigkeit der Eltern, den Beziehungs- und Bedürfnisverflechtungen zwischen den Gruppen und den örtlichen Gegebenheiten in Bezug auf Angebote und sozialräumliche Strukturen abhängig. Davon abhängig sind auch die Möglichkeiten der Identifikation mit unterschiedlichen Wir-Gruppen und ihre Durchmischung. Die alltäglichen Kontakte der Kinder sind nicht nur durch vorschulische Betreuungs- und Bildungseinrichtungen, sondern vor allem durch das soziale Netzwerk der Familie, den Kontakt zu Nachbarn, den Freundeskreis, den Besuch von Vereinen und anderen Aktivitäten geprägt. In diesen Beziehungs- und Sozialräumen verbringen Kinder den größeren Teil ihrer Zeit, weshalb die Förderung von Chancengerechtigkeit nicht auf das Bildungssystem beschränkt werden kann. In diesem Kontext können die Angebote und die sozialräumlichen Möglichkeiten in der Gemeinde eine wichtige Gelegenheit für Begegnung, Partizipation und soziale Durchmischung bieten. Diese Angebote können, indem sie spezifische Bedürfnisse der Kinder und Eltern ansprechen (Kinderbeteiligung, Frühe Bildung, Sprachförderung, Leseintiativen, Elternbildung etc.) auch einen Beitrag zur Förderung von Chancengerechtigkeit leisten. Im „Netzwerk mehr Sprache“ liegt der Fokus bei der frühen und durchgängigen Begleitung der Sprachentwicklung.

Wählt man die Kommune als zentrales Handlungsfeld und Akteur, ist es in der Ausrichtung der Maßnahmen und Ziele wichtig zu berücksichtigen, dass sich das Zusammenleben in den Gemeinden im Rheintal und Walgau in Vorarlberg (Österreich) in den letzten Jahrzehnten aufgrund unterschiedlicher gesellschaftlicher Entwicklungen stark verändert hat:

  • Wir leben in einer funktional und sozial stark differenzierten Gesellschaft: Arbeits- und Lebenswelten sind entlang von Aufgaben und Milieus ausgerichtet und differenziert. Menschen aus unterschiedlichen Milieus begegnen sich im Alltag zunehmend seltener. Der milieuübergreifende lebensweltliche Kontakt hat abgenommen.
  • Mit dieser Ausdifferenzierung unterscheiden sich die Interessen und Bedürfnisse der unterschiedlichen sozialen Gruppen und Milieus zunehmend voneinander, sodass es für die Gemeinden schwieriger wird, mit ihren Angeboten diese unterschiedlichen Gruppen anzusprechen und zu erreichen und der zunehmenden Pluralität der Bevölkerung gerecht zu werden.
  • Die Gemeinden im Vorarlberger Rheintal und Walgau sind heute nicht nur durch Zuwanderung von außen in den letzten Jahrzehnten, sondern zunehmend auch durch Binnenwanderung (Zu- und Wegzug innerhalb von Vorarlberg) geprägt: Ein Teil der Bevölkerung wechselt den Wohnort regelmäßig und fühlt sich damit keiner Gemeinde zugehörig.
  • Die Gemeindezugehörigkeit war in Vorarlberg über lange Zeit zentraler Bestandteil der Wir-Identität und wichtig für die Orientierung und Abgrenzung im Alltag. Die Leute wollten sich zu einer Gemeinde zugehörig fühlen und haben sich dementsprechend in der Gemeinschaft engagiert und eingeordnet. Mit der Ausdifferenzierung der Gesellschaft und der steigenden Mobilität hat die Gemeindeidentität für die Orientierung im Alltag an Bedeutung verloren, während andere gemeindeunabhängige Zugehörigkeiten bzw. Wir-Gruppen (Berufs-, Sport- und Freizeitgruppen) wichtiger geworden sind.
  • Im Kontext dieser Entwicklungen erreichen Gemeinden mit ihren Angeboten nur einen Teil ihrer Bevölkerung: Die Dienstleistungen und Angebote der Gemeinde sind stark durch die Bedürfnisse und Interessen der etablierten, alteingesessenen Bevökerung geprägt.
  • Dementsprechend fühlt sich auch nur ein Teil der Bevölkerung von der Gemeinde angesprochen bzw. mit der Gemeinde verbunden. Oft ist dies der „stabile Kern“ der „alteingesessenen Bevökerung“ (Etablierte) der seit Generationen in der Gemeinde lebt, aber einen tendenziell kleiner werdenden Teil der Bevölkerung repräsentiert.
  • Sozial, schwache Milieus, die sich am Rand der Gesellschaft befinden (Außenseiter), sind schwer zu erreichen bzw. nehmen die Dienstleistungen und Angebote am wenigsten in Anspruch.

Gemeinden und das Zusammenleben in ihnen florieren, wenn sich die Bevölkerung mit der Gemeinde verbunden fühlt und einbringt – sie also über eine aktive am Gemeindeleben partizipierende Bevölkerung verfügt. Für die Gemeinden ist es also eine wichtige Herausforderung, auf die skizzierten veränderten Rahmenbedingungen zu reagieren und zum gemeinsamen Lebensraum für einen möglichst großen Teil der Bevölkerung zu werden. Zentraler Ausgangspunkt ist dabei die Frage, wie im Kontext einer zunehmend pluralen Bevölkerung gemeinsame Bedürfnisse sicht- und erfahrbar gemacht werden können? Eine Antwort sind Möglichkeiten der alltäglichen, lebensweltlichen Begegnung und Erfahrung entlang von gemeinsamen Zielen, Aufgaben und Aktivitäten in der Gemeinde. Im gemeinsamen Handeln werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede erfahrbar und der Umgang mit diesen erlernbar.

Das Modell der chancengerechten Gemeinde adressiert diese skizzierten Transformationsprozesse und die damit verbundenen Bedingungen, indem es folgende Ziele für Kinder und ihre Eltern verfolgt und damit Möglichkeiten zur Identifikation mit der Gemeinde bietet:

  • Alle Kinder und ihre Eltern fühlen sich in ihrer Lebenswelt und Entwicklung von derGemeinde gut begleitet und damit auch mit ihr verbunden – die Gemeinde wird dadurch als Bezugs- und Orientierungspunkt attraktiv für junge Familien.
  • Die Bevölkerung fühlt sich gemeinsam für die Entwicklung der Kinder in der Gemeinde verantwortlich und entwickelt im Zuge dieser gemeinsamen Aufgabe einGemeinschaftsgefühl, das ihr auch Sinn und Orientierung im Zusammenlebenvermittelt.
  • Dazu gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Möglichkeiten, wie sich die unterschiedlichen Menschen in der Gemeinde mit ihren Möglichkeiten ins „Netzwerkmehr Sprache“ einbringen können.
  • In diesem Kontext erfahren alle Kinder ein Zugehörigkeitsgefühl, entwickeln ihr Potenzial und können es später wieder in die Gemeinschaft einbringen.

Das „Netzwerk mehr Sprache“ zur Förderung von Chancengerechtigkeit dient also bewusst auch der kommunalen Entwicklung von milieu- und soziale Gruppen übergreifenden Begegnungen und damit dem Aufbau einer lebensweltlichen Verbundenheit mit der Gemeinde als Ort des Zusammenlebens für das gemeinsam Verantwortung übernommen wird. Indem das Netzwerk unterschiedliche Menschen entlang eines gemeinsamen Anliegens vereint, bietet es die Möglichkeit sich auf unterschiedliche Weise seinen Fähigkeiten entsprechend punktuell und niedrigschwellig in die Gemeinschaft einzubringen. Sozial schwächere Außenseitergruppen sind ebenso willkommen, einen Beitrag zur Chancengerechtigkeit zu leisten, wie alteingessene Etablierte. Durch den Kontakt im Netzwerk, das gemeinsame Ziel und die gemeinsame Erfahrung kann auch die Etablierten-Außenseiter-Figuration transformiert werden. Denn durch die gemeinsame Aufgabe und das gemeinsame Ziel werden die ansonsten konstant aufrechten Gruppengrenzen überschritten. Es entstehen neue, durchmischte Wir-Gruppen. Dadurch können Außenseiter zu etablierten Vertretern im Netzwerk werden. Kinder erhalten durch das Netzwerk einen gleichberechtigten Zugang zu unterschiedlichen Ressourcen und Kapitalien, die sie für ihre Entwicklung benötigen.

Das Modell: Förderung von Chancengerechtigkeit als Aufgabe der Verantwortungsgemeinschaft

Im „Netzwerk mehr Sprache“ verstehen sich die Gemeinde und die einzelnen Akteure als Verantwortungsgemeinschaft, deren Ziel es ist, Kinder und ihre Eltern ab der Geburt bestmöglich bei der sprachlichen Entwicklung zu begleiten und damit zur Förderung von Chancengerechtigkeit beizutragen. Dazu werden alle Akteure (Eltern-Kind-Zentren, Elternbildung, Kinderbetreuungseinrichtungen, Kindergärten, Schulen, Elternvereine, Bibliotheken,  Erwachsenenbildung, Religionsgemeinschaften, Vereine, ehrenamtliche Akteure etc.), die im Ort in der alltäglichen Lebenswelt der Kinder und ihrer Eltern präsent sind, in einem großen Netzwerk miteinander verbunden, das von einer Steuerungsgruppe in der Gemeinde koordiniert und inhaltlich begleitet wird. Die Akteure verfügen damit über ein gemeinsames Ziel, gemeinsame Wissensbestände und Standards sowie miteinander erarbeitete und abgesprochene Methoden und Vorgangsweisen. Durch die Abstimmung der einzelnen Aktivitäten und Maßnahmen wird die größtmögliche Wirkung erzielt.

Die Wirkung kann in einem auf Standards und dazugehörigen Indikatoren basierenden Chancenmonitoring fortlaufend dokumentiert und evaluiert werden und dient der gemeinsamen Weiterentwicklung der Verantwortungsgemeinschaft und ihrer Maßnahmen. In den Projekten und im Chancenmonitoring können sowohl die Figurationen zwischen machtstarken und machtschwachen Gruppen (Elias 1993) und die damit verbundenen Gruppengrenzen als auch die unterschiedlichen Milieus und die damit verbundenen Kapitalausstattungen (Bourdieu 1983) berücksichtigt werden. Auf Basis der Ergebnisse einer Analyse erfolgreicher Bildungsaufsteiger der 2. Generation (Burtscher 2009) setzt sich das Netzwerk zum Ziel

  • ein Netzwerk an Schlüssel- und Bezugspersonen aufzubauen, das den Kindern unabhängig von ihrer familiären und sozialen Herkunft Zugang zu Ressourcen und damit die bestmögliche Förderung ermöglicht.
  • die Wir-Gruppenzugehörigkeit der Kinder zu fördern: Alle Kinder sind Teil der Gemeinschaft – Außenseitergruppen werden Teil der Wir-Gruppe des Netzwerkes.

Durch diesen Fokus wollen die Netzwerkgemeinden die Wechselwirkung zwischen dem Zugang zu den Kapitalformen nach Bourdieu und der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und der damit verbundenen fehlenden sozialen Durchmischung aufheben und verändern. „okay. zusammen leben“, die Projektstelle für Zuwanderung und Integration, verfolgt seit 2011 gemeinsam mit den Gemeinden Frastanz, Hard, Rankweil und Wolfurt aufbauend auf den Erfahrungen in Nenzing diesen Ansatz. Das Vorarlberger „Netzwerk mehr Sprache“ konzentriert sich inhaltlich auf den Bereich der frühen Sprachbildung, da die Grundlage für einen chancengerechten Zugang zu Bildung die Sprache ist und die ersten Lebensjahre ein wichtiges „Fenster“ für die Sprachentwicklung von Kindern darstellen. Die Grundidee dieses Netzwerkes: Eine gute und durchgängig abgestimmte Zusammenarbeit der an der Sprachentwicklung von Kindern vor Ort beteiligten Institutionen und Akteure kann die Qualität für alle Kinder, unabhängig von ihrer Erstsprache, entscheidend erhöhen und zu einer stärkeren Wirkung der einzelnen Maßnahmen beitragen. Die sprachlichen Kompetenzen von Kindern unabhängig von sozialer Herkunft als Basis für Bildung zu stärken, ist eine konkrete Möglichkeit für Kommunen, Chancengerechtigkeit zu fördern. Kommunen sind Akteure mit einer hohen Gestaltungsmöglichkeit für dieses Anliegen.

Zentrale Merkmale der Netzwerkinitiative zur Förderung von Chancengerechtigkeit

  • Das Netzwerk ist eine Beteiligungs- und Verantwortungsgemeinschaft, in die sich die gesamte Bevölkerung niedrigschwellig, ihren Ressourcen und Potenzialen entsprechend, einbringen kann.
  • Die Gemeinde fungiert als Motor und Kurator eines lernenden Netzwerks.
  • Die Vernetzung und Beteiligung erfolgt entlang eines gemeinsamen Bedürfnisses: Kinder die bestmöglichen Bedingungen für ihre Entwicklung zu bieten; die damit verbundenen Ziele unterscheiden sich nach Akteursebene (Eltern, Gemeinde, Wirtschaft), aber das gemeinsame Anliegen verbindet.
  • Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen die kommunalen Akteure, ihre Potentiale und Bedürfnisse für die Verantwortungsgemeinschaft.
  • Inhaltliche Basis sind Standards für die frühe Förderung von Chancengerechtigkeit und einer durchgängigen Sprachentwicklungsbegleitung.
  • Inhalte und Methoden der Maßnahmen werden entlang der Standards entwickelt und von einer Steuerungsgruppe begleitet.
  • Zur Dokumentation und Wirkungsmessung wird ein durchgängiges Chancenmonitoring von 0 bis 15 Jahren entlang von Standards und dem Etablierten-Außenseiter-Modell nach Elias/Scotson und den Kapitalformen von Bourdieu entwickelt.
  • Auf Basis des Chancenmonitorings ist eine Zertifizierung mittels eines Punktessystems als „chancengerechte Gemeinde“ (und eine daran gebundene Fördermittelvergabe) möglich.
  • Die Netzwerkgemeinden werden in den Bereichen Standards, Dokumentation und Wirkungsmessung vernetzt und werden so zu voneinander lernenden Gemeinden.

Inhaltliche Schwerpunkte des „Netzwerks mehr Sprache“ sind die Wechselwirkung zwischen

  • Chancengerechtigkeit und Gemeinwohl/-wesen,
  • Chancengerechtigkeit und sozialer Durchmischung,
  • Chancengerechtigkeit, Sprachförderung, Mehrsprachigkeit und Pluralität.

Beobachtete Wirkungen in den „Netzwerk mehr Sprache“ Gemeinden:

  • Die „Frühe Förderung“ wird vom Spezial- zum Breitenthema und damit in neue Bereiche und Personenkreise ausgeweitet – es bildet sich eine Verantwortungsgemeinschaft, die über die Grenzen der Bildungseinrichtungen hinaus aktiv wirkt.
  • Die Kooperationsbereitschaft zwischen den Akteuren wird gefördert: Entwicklung gemeinsamer Perspektiven, Ziele, Standards und Methoden.
  • Es werden Zuständigkeitsstrukturen in Politik, Verwaltung und auf Akteursebene geschaffen und geklärt, welche die Umsetzung vorantreiben und verantworten.
  • Im Netzwerk entsteht eine tragfähige und nachhaltige Unterstützung der Akteure vor Ort: Die Rahmenbedingungen und Ressourcen werden den Bedarfen angepasst und effizient eingesetzt.
  • Pioniere können neue Modelle/Innovationen umsetzen und ihre Arbeit im Netzwerk selbstbewusst präsentieren – sie werden dadurch zum Motor einer lernenden Gemeinde.
  • Der Blickwinkel auf Sprachförderung in den Bildungseinrichtungen verändert sich: Sprachförderung ist für alle Kinder situationsbezogen, ganzheitlich in den Alltag integriert und kein Sonderkontingent mehr.
  • Die große Vernetzung einmal pro Jahr macht die Vielfalt der Akteure und Aktivitäten sowie ihre Ressourcen und Potentiale in der Kommune sichtbar und zugänglich.
  • Durch diese Vernetzung entstehen neue Kontakte und Ideen: Die einzelnen Akteure fügen sich zu neuen „Akteursgruppen“ zusammen und ergänzen sich in ihren Kompetenzen.

Formative Evaluation der Prozesse in Form von Projekt Dialogen2
Zur formativen Evaluation der Prozesse wurden in den Gemeinden Frastanz, Hard und Rankweil im Frühjahr 2014 Personen aus dem Netzwerk der jeweiligen Gemeinde zu einem „Projekt Dialog“ eingeladen. Dabei wurden in einem ersten Schritt die Erreichung der zentralen Ziele des Prozesses in den Bereichen „Eltern“, „Sprache“ und „Vernetzung“ in Kleingruppen diskutiert und bewertet. Die Ziele für die einzelnen Bereiche wurden in der Eingangsphase des Prozesses von einer Kerngruppe in der jeweiligen Gemeinde festgelegt. Zwei Jahre später wurde nun von den Teilnehmenden im „Projekt Dialog“ diskutiert und bewertet, inwiefern die Arbeit im Netzwerk sich positiv auf die Erreichung dieser Ziele ausgewirkt hat. In einem zweiten Schritt wurden im Plenum die Ergebnisse aus der Kleingruppe in einer gemeinsamen Matrix zu einem Gesamtbild zusammengeführt und diskutiert. Abschließend formulierten die Teilnehmenden des „Projekt Dialogs“ auf Basis des Gesamtergebnisses Empfehlungen für die Weiterentwicklung des Netzwerkes.

Die Entwicklung der Bereiche „Eltern“, Sprache“ und „Vernetzung“ werden in allen drei Gemeinden deutlich positiv eingeschätzt. Alle 13 Zielformulierungen werden in allen drei Gemeinden (knapp bis deutlich) positiv eingeschätzt. Am positivsten wird die Entwicklung im Bereich „Sprache“ gesehen, die Entwicklungen in den Bereichen „Eltern“ und „Vernetzung“ werden auch positiv, aber in den einzelnen Gemeinden unterschiedlich, wahrgenommen.

Referenzprojekte für den Aufbau der Netzwerke

Die Entwicklung des Konzeptes für die „Netzwerke mehr Sprache“ wurde wesentlich durch folgende Referenzprojekte im deutschsprachigen Raum beeinflusst:

Der Autor: Dr. Simon Burtscher-Mathis ist Fachreferent für Bildung und Integration und sozialwissenschaftliche Daten, Studien und Methoden bei „okay. Zusammenleben – Projektstelle für Zuwanderung und Integration“ in Dornbirn.

Literatur

Burtscher, Simon (2009): Zuwandern – aufsteigen – dazugehören: Etablierungsprozesse von Eingewanderten. Innsbruck/Wien/Bozen.

Elias, Norbert (1993): Zur Theorie von Etablierten-Außenseiter-Beziehungen. In: Elias, Norbert / Scotson, John L. (1965): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993.

Bourdieu, Pierre (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt, Sonderband 2, Göttingen. 183–198.

1 Eine ausführliche Dokumentation des Verlaufs, der Ergebnisse und Wirkungen des Prozesses in den vier Gemeinden Frastanz, Hard, Rankweil und Wolfurt in den Jahren 2011 bis 2013 findet sich hier

2 Projekt Dialoge sind ein Instrument des Instituts Kairos zur Wirkungsdokumentation in Projekten und Prozessen, die als Dialog in Kleingruppen konzipiert sind und in einem ersten Schritt die Beurteilung der Entwicklung durch die TeilnehmerInnen sichtbar macht und darauf aufbauend daraus ableitbare Empfehlungen für die Weiterentwicklung benennt.