Geschlecht als Bühne gesellschaftlicher Kämpfe
Artikel vom 01.12.2025
Der Forschungsverbund GERDEA und die Schader-Stiftung laden zur Abschlusskonferenz des Projekts „Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen und der zeitgenössischen extremen Rechten. Dynamiken – Effekte – Ambivalenzen (GERDEA)“ ein.
Beginn: 19.03.2026 | 13:00 Uhr
Ende: 20.03.2026 | 13:00 Uhr
Ort:
Schader-Campus | Goethestr. 1-2 | 64285 Darmstadt
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Ambivalente Phänomene begreifen, emanzipatorische Praxen entwickeln
Seit geraumer Zeit ist beobachtbar, dass die (extreme) Rechte gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und Zusammenleben gezielt bearbeitet und in ihrem Sinne formt. Der Forschungsverbund GERDEA untersucht seit 2023 den Zusammenhang zwischen dem (extrem) rechten Zugriff auf Geschlecht und der Beschaffenheit der gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse. Worauf baut die (extreme) Rechte auf, an was knüpft sie an und was macht sie sich zunutze? Wie spiegeln sich ihre Einflussnahmen in Diskursen, in Jugendkulturen, in Social-Media-Aktivitäten und bis in Gerichtssäle wider? Wie werden diese rechten Aktivitäten jenseits ihrer eigenen Milieus wirksam und aufgegriffen?
Der Forschungsverbund GERDEA und die Schader-Stiftung laden Menschen aus verschiedenen Praxisfeldern und Wissenschaften ein, die Arbeitsergebnisse des Forschungsverbundes weiterzudenken und Antworten auf die aktuellen geschlechterpolitischen Herausforderungen zu entwickeln.
Verschiedene Dialogforen zur Vertiefung
Über die zwei Konferenztage hinweg möchten wir zu verschiedenen Aspekten von Geschlecht und der extremen Rechten in parallelen Dialogforen ins Gespräch kommen:
Bedrohungsszenarien und Versprechen autoritärer Männlichkeitsdiskurse
In deutschsprachigen TikTok- und YouTube-Videos machen maskulinistische Influencer, extrem rechte Internetaktivisten und rechte Parteipolitiker im Wahlkampfmodus bei Männern Stimmung mit autoritären Deutungs- und Identifikationsangeboten. Sie knüpfen an unbestimmte Bedrohungsgefühle mit der Erzählung unsicherer Zeiten an und formulieren Selbstbehauptungs- und Überlegenheitsversprechen. Ausgehend von unseren Ergebnissen möchten wir in diesem Dialogforum darüber ins Gespräch kommen, ob und wie unterschiedliche Aspekte autoritärer Männlichkeitsdiskurse ihre Anziehung entfalten. Welche Bedrohungsszenarien werden aufgebaut? Wie greifen sie auf Versprechen des individuellen Erfolgs oder der vermeintlichen Sicherheit in der völkischen Gemeinschaft zurück? Welche Jungen und Männer fühlen sich davon unter welchen Umständen angesprochen?
Inszenierungen von Geschlechterpolitik in den Sozialen Medien
Social-Media-Plattformen rufen zur Selbstdarstellung und -positionierung auf. Bilder spielen dabei eine zentrale Rolle zum Transportieren von geschlechterpolitischen Botschaften. Dieses Dialogforum soll sich folgenden Fragen widmen: Mit welchen visuellen Mitteln werden geschlechterpolitische Botschaften vermittelt, welche visuellen Praktiken lassen sich erkennen? Welche Brüche und Irritationen lassen sich in der Selbstdarstellung erkennen? Lassen sich Hinweise auf die Verschränkungen von Social-Media-Accounts und biographische Deutungs-, Orientierungs- und Bearbeitungsstrategien ausmachen? Anhand einer Auswahl an Bildern eines Accounts wird uns diesen Fragen mittels einer gemeinsamen visuellen Analyse annähern und darüber in Austausch kommen.
Der Gerichtssaal als sozialer Ort: Geschlechterordnungen in Prozessen
Gerichtsverfahren lassen sich als gesellschaftliche Handlungsfelder verstehen, in denen verschiedene Geschlechtlichkeiten, Sozialitäten und Habitus Gerichtssäle situativ zu sozialen Orten werden lassen. In diesen zeigen sich Geschlechterordnungen auf, die sichtbar werden in den Interaktionen zwischen den Akteur*innen in Bezug auf die geschlechtlichen Selbstdarstellungen von Angeklagten und Zeug*innen und der Reaktion von Senat, Staatsanwaltschaft und Verteidigungen auf diese. Das Dialogforum wird sich folgenden Fragen widmen: Welche Formen von Männlichkeit und Weiblichkeit zeigen sich in Gerichtsprozessen zu rechter Gewalt und Rechtsterrorismus? Wie funktionieren geschlechterrollenstereotype Wahrnehmungsfilter? Welche Forschungsdesiderate ergeben sich hieraus? Wie lässt sich Praxis in Bezug auf Recht und Rechtsextremismus weiterentwickeln? Wie kann eine emanzipatorische Praxis zu rechter Gewalt und Rechtsterrorismus aussehen?
Jungen und junge Männer adressieren?
Das Dialogforum arbeitet an pädagogischen Schlussfolgerungen für geschlechterreflektierte Angebote im Anschluss an die Unterscheidung zwischen rechts-autoritären und libertär-autoritären Männlichkeitsangeboten, wie sie im Rahmen des GERDEA-Projekts rekonstruiert wurden. Entlang ausgewählter Ergebnisse bearbeiten wir folgende Fragen: Wie knüpfen verschiedene autoritäre Männlichkeitsmuster an die sich verändernden Lebenslangen von Jungen und jungen Männern an? Mit welchen Emotionen sind diese Transformationen je nach Lebenslage verkoppelt? Werden lebensweltlich verankerte Vorstellungen und Wünsche nach Souveränität, Überlegenheit und Dominanz angesprochen? Inwiefern sind unterschiedliche Angebote autoritärer Männlichkeiten attraktiv für verschiedene Gruppen von Jungen/jungen Männern? Welche pädagogischen Schlussfolgerungen ergeben sich jeweils?
Zwischen Inszenierung und Aneignung: Tradwives neu betrachtet
Tradwives gelten heute als Symbolfiguren einer vermeintlichen Retraditionalisierung. In der öffentlichen Debatte erscheinen sie oft als gefährlich, weil unterwürfige Weiblichkeit ästhetisiert und oft mit antifeministischen sowie rassifizierten und ethnonationalistischen Narrativen verknüpft wird. Die Ergebnisse aus dem GERDEA-Verbund fordern vereindeutigende Zuschreibungen heraus. Sie machen sichtbar, wie die Figur der Tradwife aus verschiedenen Positionen angeeignet wird. Wir nehmen die Ergebnisse zum Anlass zu fragen, welche Auswirkungen diese Bilder und Narrative im Gewaltschutz haben: Welche Herausforderungen entstehen für Beratung und Intervention, und welche Nuancen und Entwicklungen lassen sich in der Praxis beobachten?
Selfmade Men – Geschlechtliche Orientierungen junger Männer. Resilienzen und Einfallstore autoritärer Deutungsangebote
In den sozialen Medien beobachten wir Akteure und Deutungsangebote, die Männern versprechen, durch radikale Selbstdisziplin zu gesellschaftlichen Gewinnern zu werden und sich dabei gegen jegliche Vulnerabilität und Abhängigkeit zu immunisieren. In Gesprächen mit jungen Männern erleben wir, wie junge Männer darum ringen, unabhängig, erfolgreich und handlungsmächtig ihren Weg im Leben zu finden. In diesem Dialogforum möchten wir die Ergebnisse aus zwei GERDEA-Teilprojekten miteinander ins Gespräch bringen. Wir fragen: Wie sprechen junge Männer über die an sie gestellten Herausforderungen? Welchen Umgang finden sie, welcher fehlt ihnen? Wo finden sich Einfallstore für autoritäre Deutungsangebote?
The presence of the past – zur gegenwärtigen Bedeutung der Familiengeschichte im Nationalsozialismus
In den letzten Jahren lässt sich verstärkt das Interesse an der Familiengeschichte im Nationalsozialismus beobachten. Auch in Interviews im GERDEA Projekt zeigt sich die Bedeutung der familialen Vergangenheit im NS. Was wissen wir über unsere eigene Geschichte und warum ist es gerade aktuell ein Thema sich damit zu beschäftigen? Wie können wir mit unserer eigenen Familienvergangenheit umgehen? Diese Fragen sollen uns im Dialogforum beschäftigen.
Jugend und Rechtsextremismus
Die Mobile Beratung erlebt seit zwei Jahren einen massiven Anstieg der Beratungsanfragen aus den Handlungsfeldern Schule, Kinder und Jugendarbeit. Neben der politischen Ausrichtung der jeweiligen Elternhäuser und der Normalisierung von extrem rechten Einstellungen in der Bevölkerung als wichtige Sozialisierungsfaktoren bietet oftmals maskulinistischer und antifeministischer Content den Einstieg in rechtsextreme Erfahrungswelten. Die Suche nach Orientierung entlang von Geschlecht beschäftigt junge Menschen auch unabhängig der politischen Orientierung – und bietet ein Einfallstor für rechte Deutungsangebote. Im Dialogforum blicken wir deswegen auf jugendliche Lebenswelten im Fokus der extremen Rechten und diskutieren die Bedeutung von Geschlecht in den Angeboten der extremen Rechten.
Theorie und Praxis in Bezug auf Gerichtsprozesse zu rechter Gewalt und Rechtsterrorismus
Theorie und Praxis stehen in einem Wechselverhältnis zueinander. Während Theorie Hilfestellung für die Praxis geben kann, führt Praxis zu veränderter Theorie. Gerichtsprozesse sind in der Politikwissenschaft noch nicht weitgehend erforscht. Zurückgreifen lässt sich auf im weitesten Sinne als kritisch zu definierende Theorieangebote aus der materialistischen und postmodernen Forschung zu Recht. Auch fehlt es an emanzipatorischer Praxis zu Gerichtsprozessen zu rechter Gewalt und Rechtsterrorismus. Das Dialogforen widmet sich folgenden Fragen: Lassen sich Theorien zu Recht auf eine emanzipatorische Praxis übertragen? Welche Praxis gibt es und was für eine Praxis braucht es zur Begleitung und Bearbeitung von Gerichtsprozessen zu rechter Gewalt und Rechtsterrorismus?

