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Angst und Vertrauen. Zwei Gefühle machen Politik

Artikel vom 05.06.2019

Was ist eigentlich Angst und was ist das Gegengift dagegen – Vertrauen? Wir wissen, dass die allgemeine Sicherheit in den letzten Jahren eher gewachsen ist. Wer aber Angst hat, fragt nicht nach den Fakten, sondern wer ihn oder sie schützen kann. Entsprechend sind starke Männer oder Frauen populär, denen man sich fraglos anvertraut. Von Joachim Valentin

Eine diffuse Angst vor dem Fremden

Warum heute nachdenken über Angst und Vertrauen? Weil Angst überall zu herrschen scheint, in weit höherem Maße als in früheren Zeiten. Und weil Vertrauen von Vielen als wirksames Mittel gegen die Angst empfohlen wird. Interessierte Kreise unterminieren das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauen in einen der bestfunktionierenden Rechtsstaaten der Welt, indem Angst vor Anderen geschürt wird. Und dies geschieht nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Staaten der Welt mit teilweise verheerenden Wirkungen. Und dabei ist die Rolle der „social media“, vor allem Facebook und Twitter, nicht zu unterschätzen. Hier und anderswo schüren Roboter (bots) oder einige hundert Menschen, gemeinhin „Trolle“ genannt, mit nicht selten hetzerischen Kommentaren Angst, hetzen und beleidigen und versuchen, durch Fehlinformationen (fake news) das Vertrauen in Demokratie, herrschende PolitikerInnen und zivilgesellschaftliche Akteure aus Kirchen und Gewerkschaften zu untergraben, ein Klima des Misstrauens zu sähen und alle möglichen „Katastrophen“ zu nutzen, um Angst zu verbreiten. Von Wahlbeeinflussungen in den USA und anderswo durch gezielte Desinformation ganz zu schweigen. Angst scheint also etwas zu sein, mit dem man Politik machen kann.

Doch was ist eigentlich Angst und was ist das Gegengift dagegen – Vertrauen? Diesen beiden Fragen möchte ich gerne im Folgenden mit philosophischem und theologischem Instrumentarium nachgehen. Zuerst sind aber einige zusätzliche Bemerkungen zur Diagnose der aktuellen Lage geboten: Zygmunt Baumann, Philosoph und Soziologe und kürzlich erst verstorben, hat eines seiner letzten Bücher „Die Angst vor den Anderen“1 genannt. Er setzt sich hier mit der Migration von aktuell vielleicht 100 Millionen Menschen weltweit und deren Folgen für soziale Systeme in westlichen Gesellschaften auseinander. Woher kommt die Angst bei so vielen in relativ wohlhabenden Gesellschaften, die wir überall in unserem privaten Umfeld und in den (sozialen) Medien wahrnehmen?

Baumann sieht eine zentrale Ursache in der Erosion sozialer Systeme wie etwa den Gemeinschaften in Dörfern und Kleinstädten, aber auch in der Anonymität des Lebens in der Großstadt, welche dem Einzelnen nicht die gewohnte positive Rückmeldung gibt: „Du gehörst dazu“, „Du wirst gebraucht“, „du bist ein Guter“. Hinzu kommt die Entfesselung, Flexibilisierung und Globalisierung der Arbeitsmärkte. So ist im letzten Jahrzehnt ein soziales und psychisches Prekariat entstanden, ein Gefühl von Unsicherheit und Entbettung, das weit in die Mittelschichten hineinragt.2 In Deutschland kommen eine im Osten unaufgearbeitete DDR-Gewaltgeschichte und der bis heute schwelende Ost-West-Gegensatz hinzu. Der Soziologe Heinz Bude spricht in seinem aktuellen Buch „Gesellschaft der Angst“ von den „Abgehängten“. Das können durchaus auch gut verdienende Abteilungsleiter sein, die bei der letzten Beförderung oder Gehaltserhöhung übergangen wurden. Gemeint ist damit das Phänomen, was der deutsche Soziologe Ulrich Beck schon vor Jahren Individualisierung genannt hat3, die Tatsache, dass jeder Mensch streng nach den Gesetzen der Ökonomie behandelt wird, also für sein Wohlergehen ganz alleine verantwortlich ist. Kein Staat, keine Großfamilie und auch keine Religionsgemeinschaft und erst recht nicht „der Markt“ springt letztlich für ihn ein und „rettet“ ihn, wenn sein Leben finanziell oder sozial scheitert. Diese Individualisierung unterstützt und aktualisiert offenbar eine in jedem Menschen angelegte allgemeine Daseinsangst, von der später noch die Rede sein wird, und wird so zu einem eminent wirksamen politischen Instrument:

Was man eigentlich als „Versagen“ der Politik begreifen könnte, hält Zygmunt Baumann zugleich für ein Potential, mit dem zweifelhafte Politiker und Scharfmacher in vielen Teilen der Gesellschaft nun wuchern. Politik unterliege im letzten Jahrzehnt dem Trend einer „Versicherheitlichung“ und antworte so auf die beschriebene Mentalitätsverschiebung. Politik löse die Probleme aber nicht wirklich, sonst müsse fundamental über gerechte Löhne, gerechten Welthandel et cetera gesprochen und entsprechend gehandelt werden, sondern sie „verschiebt Probleme, die der Staat nicht zu lösen vermag, auf Probleme, mit denen die Regierung sich […] eifrig und erfolgreich auseinandersetzt“4. Und vor allem: Sie externalisiert die Ursache der Probleme aus dem eigenen System auf fremde Staaten, Religionen und Ethnien. Muslimische Flüchtlinge sind in diesem strategischen System zur „Lösung“ selbstgeschaffener Probleme geradezu eine ideale Projektionsfläche, denn mit ihnen kommen anderswo ungelöste Probleme, kommt die Globalisierung nach Europa. Es wird so drängend klar: Es gibt keine Inseln der Sicherheit mehr, auf die man sich mit gutem Gewissen zurückziehen könnte. Man kann nur eines von beidem haben: Sicherheit oder ein gutes Gewissen.

Verbindet man nun aber gar das an sich bereits als Verunsicherung und „beängstigend“ empfundene Migrationsthema mit dem islamistischen Terror oder einzelnen Straftaten Geflüchteter, so sind die Ergebnisse bei einem großen Teil der Bevölkerung naheliegend und verheerend: Es entsteht eine diffuse Angst vor dem Fremden, ohne, dass ernsthaft Lösungen oder Verantwortliche zur Hand wären.

Dabei wissen wir alle, dass die allgemeine Sicherheit in den letzten Jahren eher gewachsen ist und dass das Risiko, an Krebs oder einem Autounfall zu sterben, um ein Vielfaches höher ist als die Bedrohung durch Terroranschläge. Wer aber Angst hat, fragt nicht nach den Fakten. Er fragt vielmehr, wer ihn oder sie schützen kann. Entsprechend sind starke Männer oder Frauen populär, denen man sich fraglos anvertraut. Ob Donald Trump, Marine le Pen, Recep Tayyip Erdogan oder Victor Orban: je größer die Angst, desto größer das Bedürfnis nach einem Beschützer mit möglichst unbegrenzter Macht. Doch dieses Vertrauen in starke Männer (und Frauen) ist genau betrachtet auch Zeichen einer schleichenden Säkularisierung, denn eigentlich war es einmal die Religion, genauer der Glaube an einen allmächtigen Gott, welche als erste die Antwort auf große, fundamentale oder gar kosmische Ängste zu geben versprach. Da Gott die Welt geschaffen hat und zu einem gerechten Ende führt, sind alle Leiden und Ängste nur vorläufig und relativ, so lehren es die monotheistischen Religionen. Was heißt es aber für das viel beschworene Gottvertrauen, wenn wir darauf angewiesen sind, nicht mehr einem allmächtigen Gott, sondern starken Menschen zu vertrauen?

Zygmunt Baumann schreibt weiter zu den Ursachen der Angst vor den Anderen: „Das Gespenst, das in einer Gesellschaft von Menschen umgeht, die vor allem Leistung erbringen sollen und wollen, ist die Angst, sich selbst als ungenügend – unfähig und ineffizient – zu fühlen, und die Angst vor den unmittelbaren Auswirkungen dieser Einsicht – dem Verlust der Selbstachtung – sowie ihren wahrscheinlichen Folgen: Ablehnung, Verbannung und Exklusion.“5 Es sind also wieder Ängste, die eigentlich ganz woanders entstehen, bei uns selber nämlich, welche auf Flüchtlinge projiziert werden als diejenigen, die uns „unsere“ Frauen, Arbeitsplätze, die Sozialfürsorge oder durch viele Kinder den Platz zum Leben wegnehmen.

Schon Immanuel Kant hat die Grundproblematik der Aufklärungs- und Globalisierungseffekte, welche sich bereits zu seiner Zeit ankündigten, erkannt und in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ durchaus im Sinne der biblischen Tradition der Erzmütter und Propheten eine weltweite Gastfreundschaft vorgeschlagen: „Hospitalität bedeutet das Recht eines Fremdlings, seiner Ankunft auf dem Boden eines andern, von diesem nicht feindselig behandelt zu werden. Dieser kann ihn abweisen, wenn es ohne seinen Untergang geschehen kann; so lange der Fremde aber auf seinem Platz sich friedlich verhält, darf er ihm nicht feindlich begegnen.“6 Wie kommt es, dass wir noch 200 Jahre nach Kants Einsicht zögern, die gleichzeitige Gegebenheit von Nationalstaat und Globalisierung mit diesem fairen Kompromiss zu lösen?

Es scheint offenbar Themen zu geben, bei denen nicht zuerst eine Sachorientierung, oder die menschliche Kompetenz, Probleme zu lösen im Mittelpunkt steht, auch nicht die zumindest philosophisch unstrittige Verantwortung gegenüber dem anderen Menschen, wie sie Immanuel Kant und noch schärfer vor einigen Jahrzehnten der jüdische Religionsphilosoph Emmanuel Levinas formuliert haben, sondern tiefer liegende, instinktive Kräfte, welche den Selbsterhalt vor die Verantwortung schieben und in einer gefühlten Notsituation von Politikern und Populisten aktiviert und missbraucht werden können. Eine gerechte Weltwirtschaft, ein Marshallplan für Afrika, ein Ende des US-amerikanischen Unilateralismus, der zuletzt zum Irak-Krieg mit einer Million toten Zivilisten und damit zum IS-Terror geführt hat – das wären Schritte zu einer Verbesserung der Lage für alle Beteiligten. Doch die Lage in Europa wird nur selten unter diesen Gesichtspunkten, dafür aber umso selbstverständlicher in Kategorien der Angst und der Verteidigung gegen eine diffuse Bedrohung von außen diskutiert. Namhafte Regierungen im Osten Europas, aber auch Frankreich, Spanien und Großbritannien haben sich weder an einer der genannten Maßnahmen noch an einer konstruktiven Flüchtlingspolitik beteiligt, die etwa eine gerechte Verteilung der geflüchteten Menschen auf alle europäischen Staaten ermöglichen und einen Beitrag zur Problemlösung leisten würde.

Wir müssen also noch eine Schicht tiefer graben und nach Angst und Vertrauen als existentiale, im Sinne von vom Bewusstsein nur bedingt steuerbaren menschlichen Grundgefühlen fragen.

Angst – was ist das?

Wenn wir in die Geistesgeschichte schauen und nach der Bedeutung oder gar einer Phänomenologie der Angst fragen, stoßen wir als ältestes Zeugnis auf das griechische Wort angchein, das Würgen oder (Er-)drosseln bedeutet, und sind damit sofort bei der Angst als körperliches Phänomen. Angst schnürt uns die Kehle zu, Angst macht die Brust eng und nimmt den Atem, wie die lateinischen Worte für Angst nahelegen, von denen sich auch unser deutsches Wort herleitet, „angor“ und „anxietas“, denn sie bedeuten schlicht „Würgen, Beklemmung, Enge“. Im Englischen heißt die Angst anxiety und im Französischen angoisse. Frühe christliche Reflexionen über die Angst schließen gerne an Johannes 16,33 an, wo Jesus spricht: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ In diesem Satz steckt natürlich mehr als nur eine Beschreibung der Angst als Phänomen. Jesus bietet den Christgläubigen auch ein Konzept für ihre Überwindung an, den Glauben an den Gottmenschen Jesus Christus und seine Erlösungstat in Kreuz und Auferstehung. Die frühe christliche Theologie kennt damit also die Weltangst und stellt ihr die Gottesfurcht als Mittel zur Befreiung von Angst vor Irdischem durch den Glauben an einen die Welt erschaffenden und in Liebe beherrschenden Gott gegenüber. 

Ein Name, der in unseren Überlegungen auf keinen Fall fehlen darf, ist der Sören Kierkegaards. In seinem Werk „Der Begriff Angst“ fasst er die Angst als Gefühl des heutigen Menschen, wenn er auf die unendlichen Möglichkeiten seiner Freiheit schaut. Im Schwindel, der angesichts dieses Abgrundes der Möglichkeiten entsteht, sieht Sören Kierkegaard die Wurzel der Angst, die zugleich Angst vor der Möglichkeit sein soll, schuldig zu werden. Vermutlich ist das oben bereits skizzierte Phänomen der Angst in wohlhabenden Staaten von Kierkegaards Analyse nicht allzu weit entfernt. Aber: Welche Freiheiten, die uns ängstigen könnten, haben wir denn angesichts von drohender Arbeitslosigkeit, Verarmung oder umfassender Internetüberwachung durch die „großen Vier“ Google, Facebook, Amazon und Apple, von der NSA ganz zu schweigen? Ist unsere Angst nicht eher von anderen gemacht? Wäre eine Welt mit gerechter Ökonomie und Politik nicht auch eine weitgehend angstfreie Welt?

Fragt man grundsätzlich nach Angst als Existential, kommt Martin Heidegger ins Spiel, den man trotz seiner massiven Verwicklung in nationalsozialistisches Gedankengut in diesem Punkt nicht außen vor lassen kann. Denn er hat zwar auch Kierkegaard gelesen und geschätzt, aber in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927) wird die menschliche Angst noch grundsätzlicher, nämlich als Existential, gefasst. Heidegger entwickelt hier zuerst den Gesamtrahmen der Sorge: Der Mensch muss sterben, sein ganzes Leben ist unbewusst von diesem Endpunkt her bestimmt und durchwirkt. Jeden Tag müssen kleine Tode gestorben oder abgewendet werden und letztlich weiß er, dass er – so der atheistische Philosoph Heidegger – ins Nichts fällt, vom Nichts umzingelt ist. Angst ist also nichts Krankhaftes, das man therapieren muss oder durch politische Maßnahmen ganz aus der Welt schaffen könnte, auch wenn es pathologische und politisch instrumentalisierte Formen der Angst gibt, sondern gehört zur Grundausstattung des sterblichen Menschen: „Angst kennen weder Engel noch das Tier“.

Die kurz eingeführten philosophischen und religiösen Einsichten von einer Allgegenwart der Angst werden scheinbar weder von der Psychologie noch von der Psychiatrie geteilt. Die Angst ist gemäß dieser Weltanschauungen nicht nur messbar, sondern auch durch die Pharmakologie bestens in den Griff zu bekommen. Anxiolytica, Angstlöser, werden in Massen hergestellt und verbraucht. Auch der Philosoph Martin Heidegger hatte zwar anerkannt, dass Angst oft physiologisch bedingt sei, doch er hielt fest, „physiologische Auslösung von Angst [werde] nur möglich, weil das Dasein im Grundeseines Seins sich ängstet.“7

Jenseits der Psychiatrie wird Angst in der Psychoanalyse auf jeden Fall begriffen als etwas, das man vermeiden kann, das erst bei Verlusten und traumatischen Ereignissen in der frühen Kindheit entsteht. Die Gesichter der Angst sind vielfältig: Ob als Daseinsangst, allgemeine Schicksals-, Verarmungs- und Berufsangst tritt die Angst bei Sigmund Freud fundamentaler als die Kastrationsangst, die Schuldangst und Todesangst auf. Beides Ängste, die den Liebes-Verlust betreffen. Freuds Schüler und Nachfolger machen darüber hinaus traumatische Geburtserfahrungen und ein fundamentales Minderwertigkeitsgefühl als Quelle aktueller Ängste aus.

Angst hat also viele verschiedene Gesichter und auch in der heutigen gesellschaftlichen Situation dürfte die Verarbeitung der in der Globalisierung intensivierten neuen Unübersichtlichkeit und scheinbaren Bedrohung von jedem Einzelnen noch einmal unterschiedlich, je nach Typ, verarbeitet werden.

Angst ist hoch individuell, aber auch stark von den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen abhängig. Wenn wir auch das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und die allgemeine Sorgestruktur des menschlichen Lebens als Hintergrundrauschen für die Angstfähigkeit und -bedrohtheit des Menschen mit Heidegger und Kierkegaard fassen dürfen, wissen wir doch nicht, ob beispielsweise die Menschen der Eiszeit Beziehungs- und Berührungsängste gekannt haben. Vermutlich waren sie wie nahezu alle Menschen über Jahrtausende bis zur Neuzeit derart mit der Notwendigkeit des Überlebens beschäftigt, dass ihre Bedrohung mehr biologisch als psychologisch erfassbar gewesen sein dürfte. Ihre Angst dürfte damit auch eindimensionaler gewesen sein als heute, wo wir ja medizinisch von der Agoraphobie bist zur Arachnophobie Dutzende von Formen der Angst unterscheiden und vielleicht sogar trotz Wohlstand und hoher Bildung als Gesellschaft der Angst bezeichnet werden können. Wir haben also auch unsere Angst zivilisiert und seziert, sehr genau von allen Seiten betrachtet, ja vielleicht sogar gezüchtet. Obwohl unser Leben immer sicherer wird, nimmt unsere Angst nicht ab sondern zu.

Vertrauen

In der christlichen wie in der jüdischen Religion ist Vertrauen kein Terminus, keine Haltung unter anderen, sondern steht im Mittelpunkt. Denn das lateinische Wort religio selber meint ja eine vertrauensvolle Rückbindung an Gott und die von ihm gewünschten Riten und Regeln. Das in der christlichen Bibel fast 300 Mal vorkommende griechische Wort pistis wiederum wie auch das hebräische Wort emuná können sowohl mit „Vertrauen“ wie mit „Glaube“ übersetzt werden. Wer also Religion hat und wer glaubt, der vertraut auf eine zentral sichernde Instanz, auf Gott und die von ihm offenbarte Religion. 

Im Alten Testament taucht die Wortwurzel Betach – Vertrauen, sich verlassen auf, vor allem in den Büchern Jesaja, Jeremia und in den Psalmen, vereinzelt auch im Buch Hiob auf, also da, wo die Unsicherheit, das Exil und die Klage des einzelnen Beters zum Thema werden. So etwa im Psalm 25,1 oder Ps 27,3, 28,8:

Ps 25,1ff: Nach Dir Herr verlangt mich / Mein Gott, ich hoffe auf Dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.

Ps 27,3: Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem soll ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? / Wenn die Übeltäter an mich wollen, um mich zu verschlingen, meine Widersacher und Feinde, müssen sie selber straucheln und fallen. / Wenn sich auch ein Heer wider mich lagert, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf IHN.

In Jeremia 17,5 heißt es: So spricht der Herr: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt […] und weicht mit seinem Herzen vom Herrn. Der ist wie ein Strauch in der Wüste und wird nicht sehen das Gute, das kommt […] Gesegnet ist der Mann der sich auf den Herrn verlässt und dessen Zuversicht der Herr ist. Der ist wie ein Baum am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt. […] er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte.

In diesen und vielen anderen Texten wird die absolute und ausschließliche Hingabe an Adonai, den allmächtigen Gott, bekannt und gefordert. Ein Vertrauen auf Adonai, das Hoffnung auf Errettung (Hiob 11,18) und Glauben an den Gott der Väter mit einschließt.8 Es wird aber auch gedroht: mit Entzug der Fürsorge und Huld, mit Verderben und Tod demjenigen, dessen Vertrauen zu klein ist.

In der christlichen Bibel ist uns die Bedeutung des Glaubens beziehungsweise des Vertrauens (pistis) in der Predigt Jesu gut in Erinnerung. Nach Meinung namhafter Exegeten ist es ein Schlüsselbegriff der frühchristlichen Verkündigung. Allerdings geht es der jungen Gemeinde um Glauben und Vertrauen an den am Kreuz erhöhten, die Gemeinde erlösenden Jesus Christus. Für Jesus selbst geht es noch um Vertrauen in das Handeln des guten Vaters im Himmel, Abba, der jedes unserer Haare gezählt hat und uns mit allem versorgt, was wir brauchen, wenn wir nur auf ihn vertrauen. Ja Jesus glaubt sogar, dass Glaube Berge versetzt (Mt 17,20 par), dass er zwar klein scheine wie ein Senfkorn, aber doch zu einem großen Baum wachsen könne (Lk 17,6 u.ö.). Jesus nennt seine Jünger häufiger „Kleingläubige“, etwa, wenn Petrus der Gang über den See nicht gelingt und er untergeht, oder wenn sie nicht auf das Kommen des Reiches Gottes vertrauen. Und er lobt den Glauben, das Vertrauen derjenigen, die er heilen kann und sagt: „Dein Glaube, dein Vertrauen hat dich gerettet“.

Nur Gott allein aber ist in der Lage, so Großes zu wirken. Der Beitrag des Menschen besteht darin, seinem Wort zu glauben, auf ihn zu vertrauen. Das Vertrauen wächst im Gebet. So betet etwa der um Heilung seines Kindes bittende Vater „Ich vertraue, hilf meinem Misstrauen.“ (Mk 9,24). „Solchen Glauben [solches Vertrauen] „besitzt“ man nicht; er ist eine ständige Bewegung vom Unglauben hin zum Glauben und damit ist er das dem Angebot der Güte Gottes gegenüber einzig angemessene Verhalten.“9

Paulus sieht dieses Vertrauen zu Recht im Tenach, der jüdischen Bibel, begründet und angekündigt: Im Römerbrief dient ihm vor allem die Abrahams-Verheißung (Gen 15) zum Vorbild. Abrahams Glaube ist ebenfalls bereits ein „Sich-Halten“ an Gottes Zusage unter Absehen von den eigenen Ängsten und Begrenztheiten. Er bricht auf in ein vollkommen unbekanntes Land. „Wie Abraham da, wo nichts mehr zu hoffen war, sich an die Zusage des Gottes hielt, der die Toten auferweckt und das Nichtseinde ins Sein ruft (Röm 4,17), so ist christlicher Glaube das Sich-Halten an das Wort dessen, der Christus von den Toten auferweckt hat und den Gottlosen in Christus gerecht spricht (Röm 4,5.24).“10

Und die heutige Theologie? Der vielleicht größte katholische Theologe des 20. Jahrhunderts, der Jesuit Karl Rahner, wies in einem Grundsatztext zu Angst und christlichem Vertrauen kurz vor seinem Tod, 198111, drauf hin, wie fundamental Angst und Vertrauen einander zugeordnet sind. Er schrieb: die „erlösende Grundannahme unserer angsthaften Existenz [kann] entfaltet werden in die drei christlichen Grundexistentiale Glaube, Hoffnung und Liebe.“ Für Rahner umfasst der Begriff Vertrauen alle drei christlichen Grundvollzüge und er versteht Vertrauen folgendermaßen: „Es ist […] ein freies, das Subjekt als solches wagendes und weggebendes Sicheinlassen auf die Existenz als ganze und eine. Dieser Akt […] vollzieht sich […] in der Hinwendung zu den konkreten Aufgaben der Freiheit im Umgang mit den einzelnen materiellen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Wirklichkeiten.“12 In seiner hier deutlich von Heidegger herkommenden Sprache fasst Rahner das von ihm gemeinte Vertrauen als ein „in Angst angstlos Sich-loslassen-dürfen-und-doch-nicht-fallen (oder in die Hände dessen […] allein fallen, den wir Gott nennen).“13

In dieser Formulierung begegnet Angst ebenfalls als Grunderfahrung, als Existential, aber der Schritt auf Gott oder den anderen Menschen hin erfolgt in Angstlosigkeit. Der Mensch wird für einen kurzen Moment die Angst los. Er entkrampft sich und macht einen vertrauensvollen Schritt. Die Sorge sich selber zu verlieren, verletzbar zu werden, Kontur und Wiedererkennbarkeit einzubüßen wird kleiner und das Vertrauen wächst, doch im Ende nicht tiefer fallen zu können, als in die Hände Gottes. Dass dieses Vertrauen eine eminent eschatologische, eine endzeitliche Dimension hat, dass es nur trägt, wenn auch die letzte große Bedrohung, der Tod, in der Hand Gottes ruht, von Jesus in Tod und Auferstehung überwunden wurde, kann hier nur angerissen werden.14 Ein Vertrauen in Gott als letzte sichernde Instanz im Diesseits trägt nur, wenn er unsere Zeit ganz in Händen hält und der Tod nicht das Ende ist.

Rahners Begriff von christlichem Vertrauen bestimmt ebenfalls die ganze Existenz, liegt also noch einmal hinter oder unter unserem alltäglichen Vertrauen in Lebenspartner, Arzt oder Gebrauchtwagenhändler. Er gebraucht dabei ein schönes deutsches Wort: „Man ist trotz der immer gegebenen Angst im Letzten gefasst […] Man lebt in solcher Gefasstheit aus eigener Überzeugung, dass letztlich eben doch nichts passieren kann (trotz der Ungesichertheit des Daseins, die nur gesichert ist in ihrer freien Annahme). […] Man erfährt trotz aller Angst eine innere Unbeschwertheit, Gelöstheit und (scheinbar gegenstandslose) Heiterkeit. […] Man wendet sich liebend dem Nächsten zu […] man vergisst sich darüber und ist zufrieden.“15 Rahner ist sich natürlich darüber im Klaren, dass diese letztlich religiöse, ja sogar mystische Erfahrung für eine psychotherapeutische Anwendung nicht taugt. Schwere Traumata oder ein nicht vorhandenes Urvertrauen sind nicht einfach durch genug Glauben zu heilen. Doch der Gedanke, eine so grundsätzliche Gefasstheit als Antwort auf die Ängstlichkeit des individualisierten Menschen zu nehmen, soll an dieser Stelle festgehalten werden.

Lassen Sie uns gleichwohl noch einmal kurz auf eine psychologische Fassung des Vertrauens- Themas schauen: Erik Erikson hatte in den fünfziger Jahren den Begriff Urvertrauen geprägt. Es wird in der allerfrühesten Kindheit im Spannungsfeld zwischen Bekommen und Geben entwickelt. Der Säugling ist darauf angewiesen, von der Umgebung gepflegt und gehalten zu werden, nur so kann sich sein Urvertrauen ausbilden.16 Ob auf sein Schreien mit Pflege und Zuwendung reagiert wird, ist entscheidend. Gewinnt das Kind Urvertrauen, hat es eine Basis für den Aufbau vertrauensvoller Selbst- und Fremdbeziehungen entwickelt. Verharrt es aufgrund seiner frühen Erfahrungen im Misstrauen gegenüber der Außenwelt, drohen schizoide und depressive psychopathologische Verstörungen.17 Und doch ist die Analogie zwischen dem zwischenmenschlichen Vertrauen, dem „Sich Verlassen auf ein Gegenüber angesichts eines ungewissen und risikohaften Ausgangs einer Handlung unter freiwilligem oder erzwungenem Kontrollverlust“ (ebd.) und dem Vertrauen in Gott deutlich sichtbar und wechselseitig voneinander abhängig. Wer Menschen nicht vertrauen kann, wird schwerlich Gott vertrauen und umgekehrt.

Die Aktualität von Angst und Vertrauen

In den bisherigen Ausführungen ist vieles angerissen und geklärt worden, das für unsere heutigen gesellschaftspolitischen Fragen relevant sein dürfte. Doch zunächst sieht das ganze Problem der Angst nicht nach einer leicht lösbaren Aufgabe für Polit- oder Sozialingenieure aus, denn es sind mindestens zwei Faktoren in den Blick gekommen, die sich einer schnellen Instrumentalisierung entziehen: die Entstehung frühkindlichen Vertrauens, beziehungsweise tiefsitzenden Misstrauens und fundamentaler Ängste, die das menschliche Verhalten weitreichend beeinflussen können und der jüdische wie auch christliche Glaube, die in der Haltung einer grundlegenden Gefasstheit ein weitreichendes Mittel gegen die Angst vor der Welt, die Angst als Krankheit zum Tode sein können, die aber als Schuldangst oder falsch verstandene Gottesfurcht auch ihrerseits angsterzeugend wirken können. Insgesamt wird aber deutlich, dass starke Persönlichkeiten, mit gesundem Ur- und oder Gottvertrauen, sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen lassen. Dass der Umgang mit Neugeborenen, aber auch die Pflege religiöser Systeme, in denen sich ein menschenfreundliches und tieftragendes Gottvertrauen entwickelt, für eine Gesellschaft konstitutiv sein können. 

Das sind Bereiche, auf die Politik keinen Einfluss hat. Doch die Frage, welcher Gott denn in unseren Moscheen, Synagogen und Kirchen gelehrt wird, könnte entscheidend sein. Ist es ein Gott, der Angst macht, der willkürlich straft und das Ruder meines Lebens herumreißt, oder einer, dem ich vertrauen kann, der mich in meinem Ich-Sein und in meiner Freiheit wirklich will und bestärkt und dessen Gebote Gebote sind, die das Leben und den anderen Menschen sein lassen oder die den anderen vernichten wollen?

Auch Zygmunt Baumann kritisiert zwar die „Versicherheitlichung“ unserer Politik und die hohe Bedeutung, die ungerechtfertigterweise dem Thema der Migration und der angeblichen Bedrohung eingeräumt wird, angesichts vieler ungelöster „echter“ Probleme wie Klimawandel, Demographie und anderen. Doch er wendet sich schließlich, wie Bibel, Philosophie und Theologie auch, dem Kleinraum des Zwischenmenschlichen zu und gibt einen wichtigen Hinweis. Am Ende seines Buches verwendet er die Begriffe Lebenswelt-Verschmelzung oder Horizontverschmelzung, die der Heidegger-Schüler Hans Georg Gadamer geprägt hat. Wie kommt man aber dahin, dass sich Lebenswelten und Horizonte von Mitbewohnern und Fremden verschmelzen, dass das neuerdings auch von vielen Politikern beschworene „neue Wir“ entsteht? Es klingt banal, ist aber nicht einfach – durch Verstehen:

„Das Grundmodell des Verstehens, zu dem Gadamer in [seinem Hauptwerk] Wahrheit und Methode gelangt, ist das des Gesprächs. Zum Gespräch gehört ein Austausch zwischen Gesprächspartnern, der auf ein Einvernehmen in irgendeiner Frage zielt; folglich steht solch ein Gespräch niemals vollständig unter der Kontrolle eines der Gesprächspartner, sondern wird durch die betreffende Frage bestimmt […] da es sowohl beim Gespräch als auch beim Verstehen darum geht, zu einem Einvernehmen zu gelangen, erfordert jedes Verstehen so etwas wie eine gemeinsame Sprache, wenn auch eine, die sich erst im Prozess des Gesprächs herausbildet.“18

Dieser Beitrag erschien zuerst in der erweiterten Dokumentation des Symposiums „Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften“, das anlässlich des 90. Geburtstags des Stifters Alois M. Schader am 16. Juli 2018 im Schader-Forum stattfand.

Joachim Valentin: Angst und Vertrauen. Zwei Gefühle machen Politik, in: Alexander Gemeinhardt (Hrsg.): Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften. 30 Jahre Schader-Stiftung, Darmstadt 2018, 98-105.

Der Autor:
Prof. Dr. Joachim Valentin ist Direktor der Katholischen Akademie Rabanus Maurus - Haus am Dom und außerplanmäßiger Professor der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Der Text wurde in leicht veränderter Fassung im Juli-Heft der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ 2018 bereits einmal publiziert.

 

1 Baumann, Zygmunt (2016): Die Angst vor den anderen. Ein Essay über Migration und Panikmache. Berlin: Suhrkamp.

2 Bude, Heinz (2014): Gesellschaft der Angst. Hamburg: Hamburger Ed., HIS.

3 Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

4 Baumann, Zygmunt, a.a.O., S. 33.

5 Baumann, Zygmunt, a.a.O., S. 61.

6 Kant, Immanuel (2005): Zum ewigen Frieden. In: Weischedel, Wilhelm (Hrsg.): Immanuel Kant. Werke in sechs  Bänden, Bd. VI. Darmstadt: WBG, S. 213 f.

7 Alle Zitate: Heidegger, Martin (1986): Sein und Zeit. Tübingen: Niemeyer, S. 184 ff.

8 Jenni, Ernst / Westermann, Claus (Hrsg., 2004): Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament I. Darmstadt, S. 303 ff.

9 Balz, Horst / Schneider, Gerhard (Hrsg., 1992): Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament. Stuttgart: Kohlhammer, S. 223.

10 Ebd., S. 226.

11 Rahner, Karl (1981): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Freiburg: Herder, Bd. 9, S. 72–100.

12 Ebd., S. 92.

13 Ebd., S. 94.

14 Valentin, Joachim (2013): Eschatologie. Glauben Gegenwärtig Denken 11. Paderborn: Schöningh 2013.

15 Ebd., S. 95.

16 Erikson, Erik H. (1950): Kindheit und Gesellschaft. Zürich: Pan.

17 Gabriel, Gottfried (Hrsg., 2001): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.11, S. 988.

18 Baumann, Zygmunt, Die Angst vor den anderen, S. 113.