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Wie wir dem Kommenden begegnen

Artikel vom 19.01.2026

Als der Diskurs still blieb

Im Jahr unserer Veranstaltungsreihe überschritt die globale Durchschnittstemperatur erstmals über zwölf Monate hinweg die 1,5-Grad-Grenze – ein Kipppunkt, der jahrzehntelang als rote Linie galt. Doch der Aufschrei blieb aus. Kein Notstand, keine Debatte, kaum Resonanz. Für mich war das einer dieser Momente, in denen deutlich wird, dass wir verlernt haben, ehrlich über das Kommende zu sprechen. Die Veranstaltungsreihe, die ich mitorganisieren durfte, war für mich ein Kontrast dazu – und eine wichtige Lernerfahrung.

Einen persönlichen Zugang zum Unbesprechbaren finden

Es war für mich eine besondere Erfahrung, die Veranstaltungsreihe im Schader-Forum mitzuentwickeln und durchzuführen. Gemeinsam mit Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen und gesellschaftlichen Kontexten haben wir uns einer unbequemen Frage gestellt: Wie sprechen wir über die Möglichkeit eines gesellschaftlichen Kollapses – ohne sofort davor die Augen zu verschließen, ohne in lähmenden Pessimismus zu verfallen und auch ohne den Zwang zum Optimismus?

Ich hatte den Eindruck, dass uns dabei etwas gelungen ist, was in öffentlichen Diskursen selten ist: eine ehrliche, zugewandte Haltung, die weder in Zweckoptimismus noch in Resignation flüchtet. Wir haben einen Austauschraum geschaffen, in dem ein unbeschönigter Blick auf die Lage und die davon ausgelösten Gefühle koexistieren durften. Keine Selbsthilfegruppe – sondern ein gemeinsames Forschen an der Grenze des Besprechbaren.

Wenn Hoffnung nicht mehr reicht

Meine Auseinandersetzung mit Kollaps ist geprägt von der Entschlossenheit, mich für eine bessere Zukunft einzusetzen. Nach einem sozialwissenschaftlichen Studium habe ich Forschungsprojekte geleitet und zusammen mit Aktiven aus Wohnprojekten, offenen Werkstätten, solidarischer Landwirtschaft und anderen gemeinschaftsbasierten Initiativen untersucht, wie gesellschaftliche Transformation praktisch gelingen kann. Es gibt viele konkrete Ideen für besseres Leben für alle. Doch je tiefer ich einstieg, desto deutlicher wurde: Selbstorganisierte Alternativen wachsen bisher nur langsam – während sich ökologische Krisen, soziale Ungleichheiten und geopolitische Spannungen immer schneller zuspitzen. Hoffnung bleibt notwendig – aber sie reicht nicht aus.

Unsere Lage: realistisch betrachtet

Seit über hundert Jahren ist die klimaschädliche Wirkung von CO₂ bekannt. Dennoch steigen die Emissionen weiter – Jahr für Jahr. Inzwischen sind sechs von neun „planetary boundaries“ überschritten, also die meisten der planetaren Belastungsgrenzen. Wir sind also schnell darin, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. 

Außerdem überschritt die globale Durchschnittstemperatur im Jahr unserer Veranstaltungsreihe erstmals über zwölf Monate hinweg die Schwelle von 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau. Dieses Ziel – die Erwärmung auf unter 1,5 °C zu begrenzen – galt lange als Orientierungspunkt, der viele verband: von Anzugträgern in Paris bis zu Aktivist*innen im Hambacher Forst. Denn ab dieser Schwelle droht das Überschreiten von Kipppunkten mit irreversiblen und katastrophalen Folgen. Doch als die Schwelle schließlich überschritten wurde, blieb es auffallend still.

Dabei haben wir eine lange Tradition darin, Gefahren zu kennen – und dennoch weiterzumachen wie bisher. Schon 1972 warnten Die Grenzen des Wachstums vor einem Weiter-so – heute bestätigen sich zentrale Projektionen. Und selbst beim IPCC erhielten oft optimistischste Szenarien die meiste Aufmerksamkeit – obwohl sich die pessimistischen als realistischer erwiesen.

Was bedeutet es, wenn der öffentliche Diskurs weitgehend irrational optimistisch bleibt, während wissenschaftlich fundierte Modelle reale Gefahren benennen – bis hin zur Möglichkeit des Aussterbens der Menschheit?

Verdrängung auf allen Ebenen – individuell, gesellschaftlich, wissenschaftlich

Mich lässt diese Kluft nicht los – zwischen dem, was wir wissen, und dem, wie wir handeln. Mir scheint der deutschsprachige Klimadiskurs vor allem von Verdrängung und irrationaler Hoffnung geprägt. Geradezu zwanghafter Optimismus wirkt wie eine gesellschaftliche Pflicht: Wer infrage stellt, dass alles gut wird, gilt schnell als destruktiv. Dabei wird Hoffnung oft zur rhetorischen Beruhigung – auf Kosten der Tatsachen. In diesem Sinne scheinen sich alle einig: Klimabotschaften sollen „positiv“ sein, inspirieren, Mut machen. Doch was, wenn die Lage gerade nicht positiv ist?

Die Naturwissenschaften können uns deutlich sagen, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen. Aber die Sozialwissenschaften tun sich schwer, Orientierung zu geben: Wie sprechen wir motivierend über existenzielle Risiken – wie die Gefahr des Zusammenbruchs kritischer Infrastrukturen?

Daher sollten wir selbst experimentieren – denn weiteres Abwarten könnte tödlich sein. Es fehlt nicht an naturwissenschaftlichen Gründen um sich zu sorgen, sondern an Austausch um herauszufinden, wie wir dem kommenden Chaos begegnen wollen. Es fehlt an Formaten, die es erlauben, Unsagbares auszusprechen, ohne ins Zynische oder Alarmistische zu kippen. An Konfrontation mit der Frage, wer wir gewesen sein wollen … und Veranstaltungen wie diese Workshopreihe können hier Brücken bauen – zwischen wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher Auseinandersetzung.

Raum für ehrliche Zukunftsfragen

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe wollte ich dazu beitragen, einen Raum zu schaffen, in dem wir nicht länger um den Elefanten im Raum herumschleichen: Was, wenn die Welt – wie wir sie kennen – tatsächlich zerfällt?

Solche Fragen zu stellen, heißt nicht einfach nur zu schockieren. Sondern, sich verantwortlich der Lage zu stellen. Denn wenn wir auf eine Katastrophe zusteuern, frage ich mich an Anlehnung an Andrew Boyd: Wie können wir sie zur “bestmöglichen Katastrophe” machen? Was können wir jetzt tun, um kommendes Chaos solidarisch abzumildern, um Leiden zu reduzieren und um Menschlichkeit zu bewahren?

Die Gespräche in der Veranstaltungsreihe haben in mir noch einmal vertieft, was mich an Andrew Boyd inspiriert hat: Vielleicht ist es nicht mehr möglich, Schlimmes zu verhindern. Vielleicht geht es jetzt darum, das Beste im Schlimmsten zu suchen. Solidarische Vorbereitung, statt individualistische Rettungsfantsien. Nicht der Sieg über die Katastrophe (die bereits eingetreten ist) – sondern Menschlichkeit inmitten von Katastrophe hochzuhalten.

Die Reihe hat mir gezeigt: Es gibt ein wachsendes Bedürfnis nach genau solchen Gesprächen. Und sie erfordern etwas, das im öffentlichen Diskurs wenig vertreten ist: innere Resilienz. Wer sich der Möglichkeit des Kollapses stellt, braucht Mut – und eine gewisse Weite in sich, um nicht zu verzweifeln. Doch gerade dieser schonungslose Blick, so schmerzhaft er ist, kann zu einer tieferen Entschlossenheit führen, sich für das Bestmögliche einzusetzen.

Können wir schöner scheitern?

Mein persönliches Fazit: Es lohnt sich, zusammenzukommen – ehrlich, fragend, verletzlich. Die Reihe hat meine Entschlossenheit gestärkt, mich für eine bestmögliche Zukunft einzusetzen – auch, wenn diese vielleicht ganz anders aussieht, als wir bis vor kurzem gehofft haben.

Nun hoffe ich, dass die Veranstaltungsreihe – und dieser Text – andere dazu anregen, die buchstäblich notwendige Debatte über Klimakollaps, Resilienz und Kommunikation weiterzuführen. Und vielleicht entsteht daraus noch mehr: neue Formate, weitere Begegnungen, gemeinsame Fragen. Denn eines ist sicher: Die Zukunft wird nicht davon besser, dass wir nicht darüber sprechen.

Autor: Gerriet Schwen

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