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„Weiterzumachen wie bisher, ist eine Garantie, uns umzubringen“

Artikel vom 19.01.2026

Zur Entstehung des Artikels

Dieses Interview ist in der vierteiligen Workshopreihe zum Umgang mit einem drohenden Klima-Kollaps entstanden, die rund um den Jahreswechsel 2024/25 in der Schader-Stiftung abgehalten wurde. Die Veranstaltungsreihe widmete sich dem drohenden Kollaps in Form von schleichendem Verfall, zusammenbrechenden politischen und wirtschaftlichen Strukturen sowie deren gesellschaftlichen Folgen. Mehr dazu und eine Übersicht der entstandenen Artikel finden Sie hier.

 

Ein Interview von Antonia Hirschmann mit Gerriet Schwen

Gerriet Schwen hat viele Jahre experimentell zu Klimakommunikation und gesellschaftlichem Wandel geforscht. Gemeinsam mit der Schader-Stiftung, dem Klima-Kollaps-Café und der Hochschule Darmstadt hat Schwen die vierteilige Workshopreihe zum drohenden klimabedingten Kollaps mitveranstaltet, die sich mit dem Tabu-Thema Kollaps im Zusammenhang mit der Klimakrise beschäftigt.

Wann haben Sie angefangen, sich mit der Klimakrise auseinanderzusetzen?

Es gab keinen bestimmten Moment. Aber schon im ersten Semester an der Uni habe ich mehr klimawissenschaftliche Studien als Romane gelesen. Mich haben Begriffe wie „planetare Grenzen“ und später auch „Climate Endgame“ fasziniert. Es fühlte sich einfach notwendig an, sich mit den größten existenziellen Bedrohungen unserer Zeit zu beschäftigen.

Die Workshopreihe setzt sich mit gesellschaftlichem Kollaps auseinander. Warum dieses Thema?

Heutzutage ist es schwer zu skandalisieren. Man kann über Sex, Drogen oder Geld sprechen, aber kaum über Kollaps. Es löst starke psychologische Abwehrreaktionen aus. Dabei ist das Thema existenziell. Wir wollten einen Raum schaffen und zeigen, dass wir Lust haben, uns damit rational zu beschäftigen und Kollaps auf die Agenda zu setzen.

Sie kritisieren den „Anstandsoptimismus“ in der Klimakommunikation. Was meinen Sie damit?

Im akademischen Kontext existiert die Überzeugung, dass Wissenschaft rational sein muss – wobei oft gegen jede Ratio ausgeblendet wird, was emotional so überwältigend ist wie zum Beispiel die Fragilität unserer Zivilisation. Gleichzeitig gibt es eine Art „Anstandsoptimismus“: Egal, wie katastrophal die Forschungsergebnisse sind, am Ende wird betont, dass es Hoffnung gibt. Dieses Muster ist eng mit institutionellen und strukturellen Dynamiken verbunden.

Warum halten Sie das für problematisch?

Manche Studien behaupten, dass Menschen nur durch positive Geschichten ihr Verhalten ändern. Andere Studien zeigen das Gegenteil. Wir wissen also nicht, wie Klimakommunikation wirkt. Wir wissen nur, dass es die letzten Jahrzehnte nicht funktioniert hat. Die Emissionen steigen weiter, die Katastrophen nehmen zu. Weiterzumachen, wie bisher, ist eine Garantie, uns umzubringen. Beschönigungen verhindern die Dringlichkeit, die wir brauchen.

Wie sollte Klimakommunikation stattdessen gestaltet werden, um wirksam zu sein?

Wir müssen Menschen berühren, sie schockieren und ihnen deutlich machen, was sie zu sehr lieben, um es an das Klimachaos zu verlieren. Es geht mir nicht darum, schlimmere Geschichten zu erzählen als das, was realistisch auf uns zukommt. Klimakommunikation muss sagen, was Sache ist, auch wenn das unbequem ist. Nur so kann echte Solidarität und Entschlossenheit entstehen.

Ist diese Kritik an der Wissenschaft der Grund, warum Sie Ihre Promotionsgelder zurückgegeben und sich aus der Wissenschaft zurückgezogen haben?

Nein, aber ich bin der Meinung, dass wir nicht noch mehr Klimaforschung brauchen, weil es bereits eindeutig ist, dass unsere Lebensweise schädlich für den Planeten ist. Außerdem sind Wissenschaftler*innen oft abhängig von Fördergeldern oder festen Anstellungen. Ich will unabhängiger sein, radikaler, praktischer und kollektiver arbeiten. Mein Ziel ist es, so viel Leid wie möglich in den kommenden Krisen zu minimieren und Strukturen zu schaffen, die uns helfen, besser damit umzugehen.

Sie betonen häufig die Bedeutung von Kollektivität. Wie hängt das mit Ihrem Lebensstil zusammen?

Mit 15 bin ich in ein besetztes Haus gezogen, weil ich eine Unterkunft brauchte, um die Schule weiterzumachen. Dann lebte ich in einem Zelt, später half ich, einen Bauwagenplatz aufzubauen. Jetzt lebe ich in einem LKW, den ich weiter ausbauen möchte. Die Idee, gemeinsam zu leben, zu arbeiten und Ressourcen zu teilen, hat mich immer begleitet. Es macht einfach Sinn, in 25-Kilo-Säcken im Biogroßhandel einzukaufen und zu teilen, statt alles selbst zu besitzen.

Sie arbeiten viel mit Krisenszenarien. Was genau kann man sich darunter vorstellen, und warum ist es wichtig, diese Szenarien zu betrachten?

Ich habe mich mit katastrophalen Szenarien beschäftigt, um zu verstehen, wie wahrscheinlich und einflussreich sie sind und wie man sich als Gesellschaft darauf gut vorbereiten kann. Ein Szenario ist zum Beispiel ein flächendeckender Stromausfall. Ohne Strom gibt es kein Wasser, keine funktionierenden Toiletten, schnell leere Supermärkte, keine Telekommunikation, kein Bezahlen mit Karte, kein Tanken.

Ist es emotional erschöpfend, sich mit solchen Szenarien auseinanderzusetzen?

Anfangs ja. Es fühlte sich perspektivlos an, weil die Erkenntnisse belastend sind. Aber irgendwann habe ich sie akzeptiert. Ich habe mich entschieden, mich nicht davon abzuwenden. Wir sind in einem einzigartigen Moment der Menschheitsgeschichte und ich möchte herausfinden, was wir daraus machen können. Ich suche nach dem, was wirklich sinnvoll ist – auch wenn ich noch nicht genau weiß, was das ist. Aber ich habe eine innere Energie und bin fest entschlossen, das herauszufinden.

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