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Von der Demokratisierung des Kollapses

Artikel vom 01.01.1970

„Oh, here comes the apocalypse, and I can't get enough of it." (The Last Dinner Party, Agnus Dei, 2025)

Vier intensive Workshops zu verschiedenen Aspekten einer aktivistischen und sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit drohenden gesellschaftlichen Zusammenbrüchen haben Spuren hinterlassen: Spuren der intellektuellen Neugier und des Unbehagens. Das Unbehagen umfasst die generelle Skepsis gegenüber Untergangsszenarien, weil sie zumindest in modernen Debatten zumeist regressiv gerahmt oder von antidemokratischen Kräften gekapert wurden und werden – vom „Untergang des Abendlandes“ bis zu den „Retrotopien“ der völkischen Gegenwart.[1] Doch zugleich kann ich eine Neugier nicht verhehlen, die sich ausgehend von Szenario 8.5 IPPC 2022[2] und den täglich neuen Erkenntnissen zu Artensterben, Umweltverwüstungen sowie vor dem Hintergrund massiver sozialer Ungleichheiten, von Kriegen, Atomwaffen und weltweiter autoritärer Tendenzen auf die Zukunft von Gesellschaften richtet, die große Grade an individueller und sozialer Freiheit bestenfalls für alle Staatsbürger*innen zu garantieren vermögen. Beides – das Unbehagen und die Neugier – sind miteinander verwoben. Im Folgenden skizziere ich einige Herausforderungen, die für die weitere Auseinandersetzung mit kollapsartigen sozialen Entwicklungen meines Erachtens bedeutsam sind und Elemente einer Demokratisierung der Kollaps-Konzeptionen darstellen. Dies geschieht aber nicht ohne Vorbehalt: Für mich ist keineswegs ausgemacht, ob es überhaupt ertragreich ist, Kollaps-Szenarien im Ringen um mögliche Zukünfte prominent zu behandeln. Sollten die Debatten, die langsam Fahrt aufnehmen[3], in den kommenden Monaten und Jahren eine plausible und robuste Verstetigung erfahren, so käme es darauf an, solche Zukünfte mit demokratischen Prinzipien zu konfrontieren.

Krise versus Kollaps

Es gibt – in der Philosophie und dann auch in den Sozialwissenschaften – eine lange andauernde Diskussion um den Begriff der Krise. Was lässt sich aus diesen Krisen-Diskursen für die Kollaps-Debatten lernen? Wo überschneiden sich Vorstellungen, wo nicht? Inwiefern gewinnt der Begriff des Kollapses einen „Eigenwert“ gegenüber dem Begriff der (gesamtgesellschaftlichen bzw. planetaren) Krise? 

Bereits in der antiken griechischen Philosophie wird – getreu dem Wortsinn – die Krise als Moment der Entscheidung oder als eine Phase der Lösung vorgestellt. Die Krise erscheint als produktives Moment der Klärung, Prüfung und Neuorientierung. In der Neuzeit wandelt sich der Begriff zu einem Ausdruck permanenter Unsicherheit und Gefährdung. „Krise“ wird zunehmend als anhaltender Ausnahmezustand verstanden, der nicht nur Entscheidung, sondern Systemversagen oder Sinnverlust signalisiert.[4] Damit verschiebt sich der Bedeutungsakzent von einem konstruktiven Entscheidungsprozess hin zu einer permanenten Problematisierung der Gegenwart

Gleichwohl sind Krisen in einer an Hegel und Marx angelehnten Geschichtsphilosophie durchaus als historische Fortschrittsmotoren zu verstehen, bei Marx gipfeln krisenhafte Zustände in revolutionärer Überwindung bestehender Herrschaftsverhältnisse. Die Krise wird als Chance verstanden – wie es der Krisenbegriff, den wir auch heute in psychologischen Zusammenhängen verwenden, deutlich werden lässt. Festzustellen ist also zumindest eine Zwiespältigkeit im Begriff der Krise. Krise wird in der Moderne einerseits als Chance oder Wendepunkt und andererseits als perpetuierender Problemzusammenhang verstanden. 

Meines Erachtens tendiert der Begriff des Kollapses, wie er in Hinblick auf menschgemachte Erdverwüstung und -erhitzung verwendet wird, in Richtung eines Krisengeschehens, das keine Lösung, keine Entscheidung impliziert: Zusammenbruch ohne Chance.[5] Solche Kollaps-Szenarien erscheinen mir als eine perpetuierende Geschichte des Unheils: Benjamins „Engel der Geschichte“[6] kehrt zurück – wir richten uns ein im unheilvollen Kollaps. Stimmt das, oder gibt es womöglich in diesen Zukunftsmodellen doch noch die Momente der Hoffnung, verstanden als ein Aufbruch im Zusammenbruch?

Über die Gesellschaftlichkeit des Kollapses

Auch diese Frage greift zu kurz, denn es gibt nicht „den“ Kollaps. Wenn man sich überhaupt auf eine Rhetorik des Kollapses einlassen möchte, gilt es, verschiedene Kollaps-Varianten und Szenarien zu unterscheiden: was bricht wie, für wen, in welchen Zeitfenstern zusammen? 

Was zumindest mit einer gewissen Plausibilität für alle Szenarien, bei denen homo sapiens nicht ausstirbt, unterstellt werden darf: Der Mensch bleibt auch im Kollaps ein zoon politikon – der Kampf aller gegen alle ist eine autoritäre Fiktion. Die Fiktion wirkt brandgefährlich, wenn sie sich – annähernd pandemisch – ausbreitet und zu einer self-fulfilling prophecy zu werden droht: Jeder preppt für sich allein. Am besten noch mit Schusswaffen und genügend Munition, um die Konkurrent*innen in Hinblick auf knappe Nahrungsgüter, sichere Unterkünfte, Energie etc. abzuwehren.[7] Der Auweg aus diesen negativen Naturzustandsfiktionen war die Errichtung staatlicher Repressionsinstitutionen, wie bei Thomas Hobbes nachzulesen ist: Wegen der Wolfsnatur des Menschen braucht es Staat, Militär und Polizei – die zumindest in manchen Kollaps-Szenarien kaum noch flächendeckend wirken können werden. Doch was wäre, wenn die solidarische Natur des Menschen im Vordergrund stünde? Welche Kollaps-Konzeption wird durch diesen Blick auf den Menschen ersichtlich?

Kampf gegen den Ungeist: reclaiming decent collapse

Nicht nur im Hier und Jetzt ist ein Kampf gegen den Ungeist, die Lüge und den Hass zu führen, sondern auch in unseren Vorstellungen und Narrativen von der Zukunft. Selbst Zukunftsnarrative werden gekapert vom Spiel mit der Angst und dem Untergang. Der Kampf gegen den Ungeist erweist sich somit auch als ein Kampf um Zukunftsnarrative. Auch in diesen Vorstellungen von Zukunft – gezeichnet durch Erderhitzung, menschengemachte Naturkatastrophen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenbrüche– geht es um Menschen, die in ihren Nöten, ihren Sorgen und ihrer Würde zu achten und anzuerkennen sind. Das unterscheidet diese Zukunftsaussichten maßgeblich von rechtsextremen Untergangfantasien.[8] An einer solchen „würdigen Prospektive“, im Englischen würde man vielleicht von einer „anständigen“ (decent) Betrachtungsweise sprechen, gilt es festzuhalten, sie womöglich erst wieder zurückzuerobern. 

Kollaps-Demokratie: Ein Katalog an Fragen

Für mich lautet die zentrale Frage: Wie gestalten wir in verschiedenen Kollaps-Szenarien ein solidarisches und demokratisches Zusammenleben? Die damit zusammenhängende These, hier nur als Plädoyer formuliert, lautet: Wir müssen unsere Zukunftsszenarien, die geprägt sind von Verwüstung und Zerstörung nach dem Überschreiten kritischer planetarer Kipppunkte, humanisieren, sozialisieren und demokratisieren. Dies bedeutet, in Kollaps-Szenarien den Fokus weg von der Katastrophenbeschreibung hin zur Gestaltung von bedrohten und verwundbaren Gemeinschaften zu verschieben.

Unter dieser Leitfrage ergeben sich zahlreiche Folgefragen auf verschiedenen Ebenen – normativ, ökonomisch, institutionell, infrastrukturell und kulturell. 

1. Normative und politische Grundfragen: Wie lässt sich Demokratie unter Bedingungen des Mangels (Energie, Nahrung, Wasser) aufrechterhalten? Welche Formen der Solidarität sind in Zusammenbruchssituationen tragfähig – lokal, national, transnational? Wie verändert sich das Verständnis von Gerechtigkeit (Verteilung, Verantwortung, Generationen, global)? Gibt es demokratische Formen des Regierens, die resilient gegenüber Schock, Angst und Autoritarismus sind? Wie lässt sich verhindern, dass Notstandspolitiken zu dauerhaften Einschränkungen von Freiheitsrechten führen?

2. Ökonomische Folgefragen: Wie verändern sich Eigentumsverhältnisse unter Bedingungen von Knappheit, Zerstörung und Wiederaufbau? Können Gemeingüter (Commons) – etwa Wasser, Energie, Land, Wissen – zu zentralen Säulen einer solidarischen Ökonomie werden? Wie lassen sich Produktionsmittel und Infrastrukturen so gestalten, dass sie demokratisch kontrolliert und dezentral verwaltet werden? Welche Rolle spielt das Konzept der Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien in einer post-fossilen, krisengeprägten Welt? Welche neuen Formen von Arbeitsteilung und Kooperation entstehen, wenn globale Lieferketten zerfallen? Wie lässt sich ein solidarischer Wohlstandsbegriff entwickeln, der nicht auf Wachstum, sondern auf Bedürfnisorientierung und Resilienz basiert? Welche Formen einer post-kapitalistischen Koordination globaler Produktion (z. B. über solidarische Netzwerke) sind denkbar?

3. Institutionelle Folgefragen: Welche sozialen und politischen Institutionen sollten unbedingt Bestand haben und müssen dementsprechend auf Kollaps-Szenarien vorbereit werden? Welche Institutionen sind in der Lage, auch unter extremen Bedingungen Vertrauen und Legitimität zu wahren? Wie lassen sich Machtkonzentrationen (z. B. in Technologiekonzernen oder autoritären Regimen) in solchen Phasen verhindern? Was passiert mit Geldsystemen und Finanzmärkten in einer Welt multipler Krisen – und welche Alternativen (etwa Regionalwährungen, Ressourcengeld, Tauschkreise) sind praktikabel? Brauchen wir neue Formen öffentlicher Institutionen (z. B. für lokale Ernährungssicherung, Energiegenossenschaften, Bürger*innenräte)? Wie kann das Prinzip Subsidiarität – also Stärkung der kleineren, handlungsfähigen Einheiten – praktisch umgesetzt werden? Wie könnten sich kommunale Selbstverwaltung und regionale Solidaritätsnetzwerke entwickeln, wenn zentrale staatliche Strukturen überlastet sind? Welche Rolle spielen Rechtssysteme und Verfassungsschutzmechanismen in einer Phase des Zusammenbruchs oder Wiederaufbaus?

4. Infrastrukturelle und technologische Fragen: Welche kritischen Infrastrukturen (Energie, Wasser, Gesundheit, digitale Kommunikation) müssen dezentralisiert werden, um demokratisch kontrollierbar zu bleiben? Wie können Versorgungssysteme (Nahrung, Energie, Mobilität) gestaltet werden, die sowohl robust als auch partizipativ sind? Wie lässt sich technologische Souveränität sichern – also lokale Kontrolle über Technologien und Wissen statt Abhängigkeit von globalen Lieferketten? Welche Rolle spielen Bildung und Wissenschaft als Infrastrukturen des demokratischen Überlebens?

5. Soziale und kulturelle Dimensionen: Welche kulturellen Narrative helfen, in Krisen eine solidarische Haltung zu bewahren – jenseits von Angst und Konkurrenzdenken? Wie kann das Konzept von Gemeinschaft neu gedacht werden, wenn staatliche Strukturen schwächeln? Wie kann zwischen lokalen Gemeinschaften und globaler Solidarität koordiniert werden? Welche Formen von Trauerarbeit, Sorgekultur und „Reparatur“ sind denkbar, um mit Verlusten und Verwüstung umzugehen? 

Eine solche Suche nach Antworten, nach Zukunftsvorstellungen und nach Narrativen ließe sich selbst als demokratische Praxis konzipieren: als ein gemeinsames Erzählen und Entwerfen von künftigen Lebensformen. Dabei, so scheint mir, besteht eine Herausforderung darin, von anthropozentrischen Mustern hin zu neuen Relationen zwischen uns „Erdlingen“ zu gelangen.[9] Womöglich wird das Anthropozän inmitten des sechsten Massenartensterbens in ein Zeitalter des Lebendigen transformiert: Mit Rechten der Natur und neuen, fast schon zärtlich zu nennenden Verbindungen zwischen Mensch und nicht-menschlichen Entitäten.[10]

Überwindung des Kollapses?

Solche Zukunftsszenarien sind womöglich am Ende nicht mehr so „Kollaps-zentriert“, wie man meinen könnte. Sich vom Kollaps emotional und intellektuell überrollen zu lassen, könnte eine neue Form der Unmündigkeit nach sich ziehen. Ihr zu entgehen, ohne naiv den drohenden Verwüstungen und möglichen gesellschaftlichen Zusammenbrüchen zu begegnen, dürfte eine der anspruchsvolleren Aufgaben der kommenden Jahre werden. Und wer weiß: Vielleicht braucht es dazu auch eine transdisziplinär zu gestaltende „Kollapsologie“ – eine Wissenschaft sozialer Zusammenbrüche, die immer auch als Aufbrüche zu verstehen sind?

„Alles zerfällt jetzt. Einiges ist kollabiert, einiges zerschlagen, anderes im Aufbruch” - Jenny Erpenbeck, Kairos, 2021, S. 340

Autor: Dr. Gösta Gantner

 

 

[1] Vgl. Baumann, Zygmunt, Retrotopia, Berlin 2017.

[2] Intergovernmental Panel on Climate Change, Climate Change 2022: Impacts, Adaptation and Vulnerability. Working Group II Contribution to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, Abschnitt TS, S. 58.

[3] Die jüngste Publikation ist: Kemp, Luke, Goliath’s Curse, The history and future of societal collapse, London 2025. Sie reiht sich ein in eine langsam wachsende Liste an Publikationen, zu denen u.a. auch folgende Werke zu zählen sind: Köhler, Thomas, Leisgang, Theresa, Schwen, Gerriet et al. (Hrsg.), Klima, Kollaps, Kommunikation: Perspektiven auf das Climate Endgame, Hannover 2025, Ord, Toby, The Precipice: Existential Risk and the Future of Humanity, London 2020 sowie Servigne, Pablo und Stevens, Raphael, Wie alles zusammenbrechen kann: Handbuch der Kollapsologie, Wien 2022 [im Original 2015: Comment tout peut s'effondrer].

[4] Koselleck, Reinhart: Krise. In: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 3, Stuttgart 1972, S. 616–650.

[5] Kemp, Luke Xuc, Chi, Depledge, Joanna et al., Climate Endgame: Exploring catastrophic climate change scenarios, in: PNAS 2022, Vol. 119, No. 34 e2108146119. Siehe auch den dritten Teil von Kemp 2025, a.a.O., der überschrieben ist mit „Endgame“. Im Untertitel von Köhler et al. (Hrsg.) 2025, a.a.O. ist von „Perspektiven auf das Climate Endgame“ die Rede. – Demgegenüber wird gerade in marxistischen Kontexten der Gegenwart nach Alternativen gesucht, die weniger nach Becketts Endspiel gestrickt sind. Siehe beispielsweise Global Working Group Beyond Development (Hrsg.), Alternatives in a world of crisis, Rosa-Luexemburg-Stiftung Brussels Office 2019. Kaum nötig zu erwähnen, dass bei dieser Publikation bereits im Titel der Begriff der Krise und nicht der Begriff des Kollapses verwendet wird zur qualitativen Bestimmung des gesellschaftlichen Zusammenhangs. 

[6] Benjamin, Walter, Über den Begriff der Geschichte, in: Gesammelte Schriften Bd. I.2, Frankfurt am Main 1974, S. 697f.

[7] Demgegenüber plädiert Fabian Scheidler im Vorwort der deutschen Übersetzung des Buches von Servigne und Stevens: Es „braucht […] eine offene und breite Diskussion über die Gefahren eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Denn eine solche Diskussion kann überhaupt erst die Voraussetzungen für neue Formen kollektiven Handelns schaffen und den Raum des Vorstellbaren erweitern. Kollapsologie in diesem Sinne zu betreiben, meint eben nicht, sich als Prepper mit Konservendosen und Waffen in einem Bunker einzumauern, sondern im Gegenteil „die Epidemie der Einsamkeit“ zu überwinden […] und sich wieder als politisches Wesen […] zu erkennen“. Servigne und Stevens, 2022, a.a.O., S. 18.

[8] Vgl. Amlinger, Carolin und Nachtwey, Oliver, Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin 2025.

[9] Vgl. Haraway, Donna J., Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chtuluzän, Frankfurt am Main 2018, S. 47ff.

[10] Pelluchon, Corine, Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung, Darmstadt 2021.

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