Vom verzweifelten Klimakampf zur Akzeptanz des Kollapses
Artikel vom 01.01.1970
Ein Interview von Marie-Louise Zein mit Dorle M.
Dorle M. hat sich jahrelang gegen die Klimakatastrophe engagiert – von Fridays for Future bis hin zur „Letzten Generation“. Heute hat sich ihr Blick auf den drohenden Kollaps verändert. Im Interview spricht sie über den Verlust von Hoffnung im Aktivismus, das Akzeptieren der unausweichlichen Entwicklung und ihre neuen Wege im Engagement für Biodiversität und den Austausch in ihrem Podcast.
Wie bist Du zu deinem klimapolitischen Engagement gekommen?
Ich habe 2019 damit begonnen, mich bei den ersten Fridays-for-Future-Demonstrationen lokal zu engagieren. Schon damals habe ich die Angst vor den Folgen der Klimakatastrophe gespürt. Als ich mich beruflich umorientiert habe, fiel mein Alltag als Lehrerin weg, und die Angst vor der Zukunft wurde noch größer. Lokales Engagement reichte mir nicht mehr, also bin ich mit meiner Tochter zur „Letzten Generation“. Dort gab mir der zivile Ungehorsam zunächst Hoffnung auf Veränderung.
Wann hast du realisiert, dass ein Kollaps unausweichlich ist?
Das war ein schleichender Prozess, mit schwierigen depressiven Phasen und Zeiten, in denen ich immer wieder gehofft habe, dass wir es schaffen. Während meines Engagements bei der „Letzten Generation“ habe ich mir enormen Druck gemacht, jede Minute zu nutzen, um die Katastrophe zu verhindern. Dieser Druck löste sich schließlich, als ich mich in einem Seminar getraut habe, auf das Scheitern unseres Kampfes für Klimaschutz zu schauen. Dadurch habe ich mir selbst gegenüber eingestanden, dass ich mir etwas vorgemacht habe und nicht mehr kämpfen muss. Dabei empfand ich eine plötzliche, starke Erleichterung, die mir geholfen hat, mich mit dem Kollaps intensiver auseinanderzusetzen.
Welche Gefühle löste das in dir aus?
In diesem langen und anstrengenden Prozess habe ich viel Angst, Ohnmacht und auch Verzweiflung gespürt. Inzwischen habe ich den Kollaps als unausweichlich akzeptiert. Trotzdem bin ich oft traurig oder habe Angst. Es ist aber auch viel Freude, Neugier und Verbundenheit mit den Menschen, die ich in diesem Kontext getroffen habe. Und vor allem auch Dankbarkeit über das, was ich noch habe.
Anfang 2024 bist du aus der „Letzten Generation“ ausgestiegen. Wie hat sich deine Sicht auf Aktivismus und die Mobilisierung für den Klimaschutz verändert?
Für mich macht Klimaschutz nicht mehr viel Sinn. Ich finde es zwar weiterhin gut, wenn Menschen sich engagieren, allerdings glaube ich nicht, dass unsere Regierung wirklich bereit ist, etwas zu verändern. Dafür braucht es politische Mehrheiten in der Bevölkerung und in der Politik – und die sehe ich nicht. Deshalb sind Proteste, die an die Regierung appellieren, wie ein Anlaufen gegen Windmühlen.
Worin siehst du stattdessen eine sinnvolle und zukunftsgerichtete Möglichkeit zu handeln?
Zum Beispiel engagiere ich mich für den Biodiversitätsschutz. Mit einem Freund vom Naturgartenverein plane ich, was wir im Gemeinschaftsgarten pflanzen können, um Lebensräume für Arten zu erhalten. Ich beschäftige mich viel mit Kollapsthematiken, im Garten aber kann ich konkret etwas tun: Pflanzen setzen, säen und beobachten, wie Insekten kommen. Das macht mir Freude, weil es lebensförderlich ist.
In deinem Podcast „Kollapsbewusst“ sprichst du mit anderen Menschen über den Prozess des Kollapsbewusstseins. Wie entstand die Idee dazu?
Als ich mich intensiver mit dem Kollaps auseinandergesetzt habe, bin ich auf das Klima-Kollaps-Café gestoßen. Mich hat besonders interessiert, wie andere Menschen zu dem Bewusstsein des Kollapses gekommen sind und was sie daraufhin in ihrem Leben verändert haben. Darüber hinaus hatte mir damals ein Podcast beim Ausstieg aus dem Beamtentum geholfen, was mich zusätzlich inspiriert hat. Aus dieser Motivation heraus habe ich mit meinem Podcast angefangen. Dadurch habe ich die Möglichkeit, meiner Neugier nachzugehen. Ich sehe den Austausch als unglaublich bereichernd an und hoffe, dass er für andere hilfreich ist.
Gibt es auch Herausforderungen im Austausch über Klimakollaps?
Es können schnell Konflikte entstehen – besonders, wenn Gespräche nur auf einer sachlichen oder fachlichen Ebene geführt werden. Ich fühle mich verbundener, wenn Menschen über ihre persönlichen Erfahrungen sprechen. Aber auch die Angst vor der Zukunft – vor Gewalt, Rechtsruck und Faschismus – ist herausfordernd. Ich empfinde auch Scham: Darf ich mein privilegiertes Leben genießen, während andere schon konkret vom Kollaps betroffen sind? Diesen Schmerz anzuerkennen, fällt mir oft schwer.
Was gibt dir Kraft, dich weiterhin mit dem Klimakollaps auseinanderzusetzen?
Ich empfinde mich als privilegiert und sehe es als meine Verantwortung, mein Wissen weiterzugeben und auf eine Weise zu handeln, die hilfreich und lebensförderlich ist.
Welchen Rat hast du für Menschen, die sich mit dem Kollapsbewusstsein auseinandersetzen und Unterstützung suchen?
Geh den Weg nicht allein – such dir Menschen zum Austausch. Trau dich, deine Gefühle zuzulassen und offen darüber zu sprechen. Schon das Aussprechen und Gehörtwerden nimmt viel Druck. Umgib dich mit Menschen, die dir guttun, und meide, was dir nicht guttut.

