Studierende des Studiengangs Onlinejournalismus und ihr Beitrag zum Workshop
Artikel vom 01.01.1970
Klima, Erde, Zukunft - Wegsehen oder Hinschauen
Der Wahlkurs an der Hochschule Darmstadt (h_da), der im Wintersemester 2024/25 des Bachelor-Studiengangs Onlinejournalismus (OJ) angeboten wurde, hatte einen ungewöhnlichen Titel: „Klima, Erde, Zukunft - Wegsehen oder Hinschauen: Warum ignorieren wir den drohenden Kollaps?“ Er reihte sich damit direkt in das Programm der Schader-Stiftung ein, mit der der Studiengang seit vielen Jahren kooperiert.
Es war ein wenig Überzeugungsarbeit nötig, um die Gruppe von fünf Studierenden von dem komplexen Thema, das nicht sofort einladend ist, zu überzeugen – und es sogar zu wenden. Denn das war die Aufgabe der Studierenden für die Hochschule: konstruktive Geschichten zu erzählen im Lichte der vier Workshops, in denen die Gruppe mitdiskutierte und die Inhalte dokumentierte.
Plot-Entwicklung mit der Szenarien-Methode
In den wöchentlichen Sitzungen am Mediencampus in Dieburg ging es darum, mit der Szenarien-Technik einen Plot zu entwickeln für eine kollaborative Geschichte mit sozial-ökologischen Inhalten – und stabilen Systemen. Das war die eine Anforderung, der sich die Gruppe stellen musste. Die andere war die Frage der gesellschaftspolitischen Gestaltung innerhalb des Plots: maximal gleich, sozialistisch gar in Reinformat? Oder das Gegenteil, libertär, mit einer Gesellschaft, die nur von Individuen bestimmt und auch finanziert wird?
Zwischen diesen Extremen mussten sich die fünf Geschichtenerzähler*innen orientieren, dabei die Workshopresultate einfließen lassen – und lernen, wie man gemeinsam Plots entwickelt. Und diese dann aufschreibt. Es war für mich selbst ein Abenteuer und das erste Mal, das ich Szenarien so intensiv in der Lehre angewandt habe.
Ich hatte bei der Heinrich-Böll-Stiftung die Szenarien-Methode zwei Jahre zuvor näher kennengelernt und sie in zwei Workshops im Rahmen des „Salons des Guten Lebens“ angewandt. Anschließend arbeiteten damit OJ-Studierende im Sommersemester 2024 in einem Kurs zu Zuversicht und Utopie, der im Rahmen des „Kreativen Schreibens“ im Journalismus-BA angeboten wurde.
Die Sitzungen im Wintersemester 24/25 starteten jeweils mit einem persönlichen Check-In. Es folgten Impulse von mir zu Themen wie Klima-Narrative, sozial-ökologische Transformation, kollaboratives Schreiben oder Plot-Entwicklung. Danach ging es direkt in die Reflexion der Kollaps-Workshops bei der Schader-Stiftung oder der Debatte aktueller Klimanachrichten, die zum Kurskontext passten.
Ein sozial-ökologisches Zukunftsszenario
Während des Semesters lasen die Studierenden zwei Dystopien und eine Utopie aus meiner Feder: Ich hatte für die Böll-Stiftung drei Szenarien-Geschichten verfasst, die aus den besagten Workshops hervorgingen. Diese dienten im OJ-Kurs als Lektüre.
Die Gruppe entwickelte darauf aufbauend ein kollaboratives Szenario für ein sozial-ökologisches Zukunftsszenario, das sie zusammen ausformulierten und so angewandtes Zukunftsdenken lernten - sowie die Kompetenz, es in eine feine Sprache und eine gute Erzählung zu bringen.
Keine einfache Aufgabe: Im BA Onlinejournalismus und dem Master-Studiengang „Media, Technology and Society“ schreiben die Studierenden seit vielen Jahren fiktive Szenarien zur sozialen und ökologischen Zukunft: Darmstadt im Jahre 2050, das ist etwa eine Aufgabenstellung. Jedoch haben viele der Texte drei Schwächen: Sie sind faktisch, trocken und eher Beschreibungen als Erzählungen. Außerdem oft rein in der Ich-Perspektive aufgebaut, mit der einem der Hyperindividualismus Schwarz auf Weiß entgegen schreit. Und drittens haben die Geschichten einen „Techno-Fix“: technologische Bezüge stehen weit vorne. Es sind automatisierte Individual-Storys voller Knöpfe, Implantate, Apps überall, Maschinen-Intelligenz. Sie heben nicht ab, sondern hangeln sich entlang an der Gegenwart und hüpfen, mit bekannten Mitteln, hier und da mal etwas heraus. Genau das sollte der Plot nicht werden, in den die Kollaps-Workshops einflossen.
Näher ging die Arbeitsgruppe etwa darauf ein, wie man im Zukunftsdiskurs von indigenen und lokalen Gruppen lernen kann, ohne sich kulturell deren Wissen anzueignen oder es zu „extraktivieren“, also es einfach herauszunehmen, ohne im Gegenzug etwas zu geben. Im Kern ging es darum, lokale und indigene Gemeinschaften auf der Suche nach Antworten im Forschungsprozess von Anfang an zu beteiligen, möglichst große Transparenz herzustellen, die Ergebnisse verfügbar zu machen und ihnen im Austausch auch etwas zu geben, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Dabei wollten wir von Inspiration sprechen und denken, nicht von kopieren oder nehmen. Es ging um die Erkenntnis der Erlaubnis des Zugangs: Wer bestimmt, dass Forschende Wissen von Gruppen ansteuern können? Wer ist autorisiert dazu – braucht es das überhaupt?
In diesem Strang kam auch die Frage nach linearen versus zyklischen Zeitkulturen auf, die in indigenen Gemeinschaften viel stärker gelebt werden und in der Betrachtung von Natur und ihrer Veränderung ein interessantes Lernfeld sein könnten: Was verändert sich, wenn wir Natur weniger eilig, mehr saisonal und zyklisch, offener und gewundener betrachten, als sie nur auf Rettung, Schutz und Ziele auszurichten?
Kollaps - eine punktuelle Unwahrheit
Für mich suggeriert der Begriff „Kollaps“ eine punktuelle Unwahrheit: dass alles zusammenbricht, schnell, unkontrollierbar und dies dann ebensolche sozialen Reaktionen auslöst wie Panik und Chaos. Ist nicht der Zusammenbruch in der Ökologie und im Klimageschehen ein Wechsel, auch an den Kipppunkten entlang, der über Monate und Jahre, ineinander verkettet, mit Auf und Ab geschieht – viel schneller als normale Wetterveränderungen und doch deutlich langsamer als das, was wir empfinden, wenn es „Kollaps“ heißt? Auch dieser Aspekt floss in die Arbeit der fünf Autor*innen mit ein. Die Aufgabe wurde erfüllt: eine spannende Geschichte mit starken Protagonisten ist entstanden, die um die Zukunft ringen, lieben, dabei untergehen, wieder aufstehen und ganz am Ende – ja nun, am besten selbst lesen … Auf der nächsten Seite geht es los.
Autor: Prof. Dr. Torsten Schäfer

