Kollaps und Krise aus dem Blickwinkel einer Künstlerin
Artikel vom 01.01.1970
Ein Interview von Sarah Felczer mit Margit Schild
Als Margit Schild auf dem Bildschirm erscheint, sitzt sie mit zwei Kolleginnen in ihrem Atelier in Berlin. Neben Berlin ist sie auch in einem Künstlerhaus im Osten Deutschlands und mehrere Monate im Jahr in Vancouver zu finden.
Welche Rolle spielt Kreativität in Deiner künstlerischen Praxis und Lehrtätigkeit?
Ich verorte mich im Kontext der Kunst – bin Diplom-Ingenieurin für Landschafts- und Freiraumplanung und dann durch Zufall in die Kunstszene gerutscht, wo ich auch mein Geld verdiene. In der Kunst arbeite ich mit Zeichnung und Film. Im Film habe ich mich mit Dokumentarprojekten über Flucht und Migration beschäftigt, weil mich diese Themen sehr bewegen. Neben meiner künstlerischen Praxis lehre ich Kunst und kreative Prozesse an Universitäten im In- und Ausland.
Die Kernfrage meiner derzeitigen Praxis, Forschung und Lehre, ist: Wie funktioniert Kreativität? Und welchen Einfluss haben Zwänge und drastische Einschränkungen, wie sie in Krisen und Katastrophen auftreten, auf Inspiration und Ideenentwicklung? In meiner Arbeit analysiere ich die dahinter liegenden Mechanismen und versuche sie anzuwenden. Zudem nehmen Kunst und Krisenmanagement zwar verschiedene Aufgaben in der Gesellschaft ein, zeigen aber eine umfassende Gemeinsamkeit auf: Mechanismen und Rahmenbedingungen, die eine Krise auslösen, können deckungsgleich sein mit denen, die Kreativität erzeugen, denn: „Not macht erfinderisch!“
Inwiefern hast Du in Deinem Job mit Krisenthemen zu tun?
Krisen sind oft unvorhersehbar – wir wissen weder, wann, wie, noch in welchem Ausmaß sie eintreten. Trotzdem müssen wir uns irgendwie vorbereiten. Genau hier spielt Kreativität eine Schlüsselrolle, die, obwohl sie nicht als mysteriöse Eingebung, sondern als praxisnahe und gezielt vermittelbare Fähigkeit funktioniert, in der Krisenvorsorge oft übersehen wird. Einen Kernmechanismus von Kreativität repräsentieren provisorische Lösungen, die in Krisen eine wichtige Rolle spielen. Ich sehe sie als interdisziplinäre, interkulturelle und milieuübergreifende Phänomene. Jeder Mensch kennt Provisorien - egal ob in der Kunst, im Katastrophenschutz oder im Alltag. Sie zeigen, wie flexibel und lösungsorientiert Menschen auf Herausforderungen reagieren können.
Ein gutes Beispiel ist mein Workshop im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Dort habe ich mit Katastrophenschützenden gearbeitet, unter anderem mit einem Feuerwehr-Ausbilder, der überrascht war, dass wir eine ähnliche „Sprache“ sprechen. Das zeigt, wie viel Potenzial in der Verbindung von Kunst und Katastrophenschutz steckt. Gerade mit Blick auf zukünftige Krisen müssen wir Kreativität als Werkzeug ernst nehmen – nicht nur in der Kunst, sondern in allen Bereichen.
Wie bist Du auf die Workshopreihe der Schader-Stiftung aufmerksam geworden und warum hast Du Dich dazu entschieden, teilzunehmen?
Ich habe an der Workshopreihe teilgenommen, weil mir Veranstaltungen dieser Art nicht oft begegnen – vor allem keine, die sich so intensiv mit Krisenthemen befassen. Als ich die Ausschreibung der Schader-Stiftung las, dachte ich sofort: Da muss ich hin. Ich finde offene Formate, bei denen Themen wie Krisen und gesellschaftliche Zusammenhänge beleuchtet werden, unglaublich wichtig. Wir leben in krisenbehafteten Zeiten. Deshalb ist es so wertvoll, wenn Räume geschaffen werden, in welchen der Umgang damit diskutiert werden kann. Die Offenheit hat mir an dem Workshop sehr gefallen. Es war spannend zu sehen, welche Menschen dort zusammenkommen, welche Debatten geführt und welche Interessen und Ideen von den Teilnehmenden mitgebracht werden. Es war ein breites Spektrum vertreten, bezogen auf Perspektiven, Hintergründe, Alter und Expertise – ein richtiges Potpourri, das den Begriff „Kollaps und Krise“ aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet hat.
Wie hast Du die Teilnehmenden des Workshops empfunden?
Ich habe die Teilnehmenden und den Workshop als sehr inspirierend empfunden, vor allem, weil er gezeigt hat, wie radikal interdisziplinär die Thematik ist. Wir können Krisen und Kreativität nicht isoliert oder in starren Sektoren denken. Das Thema betrifft uns alle – auf lokaler, politischer und auf der persönlichen Handlungsebene – und erfordert daher Ansätze, die diese verschiedenen Perspektiven zusammenbringen. Aber was für mich deutlich wurde, ist die Notwendigkeit, ein gemeinsames Vokabular zu finden. Ein Vokabular, das die radikale Interdisziplinarität dieses Themas abbildet und es ermöglicht, dass Menschen aus unterschiedlichen Feldern Anknüpfungspunkte finden, ohne dass jemand in der Debatte verloren geht. Das ist eine zentrale Herausforderung, aber auch eine große Chance: diese Schnittmengen zu definieren und eine Sprache zu entwickeln, die Brücken zwischen all diesen Perspektiven baut. Der Spruch „Not macht erfinderisch“ kann zur Quelle kreativer Lösungen werden und das benötigte Material hervorbringen.

