Die Rolle der Emotionen
Artikel vom 01.01.1970
„Komisch, ich habe gute Laune. Warum?“
Das ist der erste Input in einer der Kleingruppen innerhalb der Workshopreihe. Es geht um den drohenden klimabedingten Kollaps, ob schleichend oder abrupt. Es geht also um das Ende unserer heutigen Lebensweise. Verwunderlich ist nicht, dass die Teilnehmerin Gefühle anspricht. Denn diese Kleingruppe hat sich das Thema „Rolle der Emotionen“ ausgesucht. Weshalb nun gute Laune und nicht Verzweiflung, Frustration oder Angst als Gefühl hochkommen, ist indes eine berechtigte Frage.
Die Antwort findet sich schnell: Es haben sich im Rahmen der Workshopreihe Menschen gefunden, die sich mit Zukunftsvorstellungen befassen, die sie sonst eher individuell zu verarbeiten versuchen. In dieser Kleingruppe versammelten sich zudem Personen, die offen über Gefühle sprechen wollen. Das kann trotz eines schwer erträglichen Gesprächsstoffs für gute Stimmung sorgen.
Am Ende des Austausches ist sich die Gruppe in einem einig: Das Verhalten der Menschen gegenüber der Klimakrise wäre anders, wenn sie kompetenter mit Emotionen umgehen könnten. Leider blieb nicht genug Zeit, um auszubuchstabieren, was einen kompetenten Umgang mit Gefühlen ausmacht.
Im Nachgang hat die Rolle der Emotionen in mir weitergearbeitet. Ein schwieriges Thema aus gleich zweierlei Gründen:
- In unserem kopfgesteuerten und leistungsorientierten gesellschaftlichen System meiden wir Gefühlsäußerungen eher oder lassen sie nur in bestimmten Settings zu.
- Es ist akademisch komplex.
Die Komplexität fängt bei der Frage an, wie sich die Begriffe Gefühl und Emotion voneinander abgrenzen. In den Absätzen zuvor habe ich sie synonym verwandt – so wie es in der Alltagssprache gang und gäbe ist. In neurowissenschaftlichen Definitionen wird jedoch unterschieden zwischen Affekt, Emotion und Gefühl.
- Affekt gilt als oft unbewusste körperliche Reaktion, die zum Beispiel zu Flucht oder zu Angriff treibt.
- Emotion wird definiert als abgestimmte psychophysiologische Reaktion auf Reize, die von innen oder außen kommen können. Hier treffen sich also innere und äußere Prozesse. Oft zeigt sich etwas davon körperlich, beispielsweise in der Mimik.
- Als Gefühl hingegen wird die bewusste Wahrnehmung der Emotion verstanden. Hierbei geht es um einen rein inneren Vorgang.
In anderen Disziplinen finden sich, um die Sache noch ein wenig zu verkomplizieren, andere Abgrenzungen zwischen Affekt, Gefühl und Emotion.
Was bedeutet all das für einen drohenden klimabedingten Kollaps?
Warum ist emotionale Kompetenz beim Umgang mit drastischen klimatischen Veränderungen wichtig? Vielleicht hilft uns die Einschätzung von Tadzio Müller, der davon spricht, dass wir eine Verdrängungsgesellschaft errichtet haben: „Und was verdrängen wir? Scham und Schuld. … Schuld bedeutet: ‚Shit, wir haben die Welt kaputt gemacht.‘ Und die Scham kommt daher, dass wir schon seit 30, 40 oder 50 Jahren wissen, dass wir sie kaputtmachen.“[1]
Ähnlich sieht es Thomas Metzinger: „Wir müssen uns ehrlich machen. Die Menschheit befindet sich mitten in einer planetaren Krise. Die globale Krise ist selbstverschuldet, historisch beispiellos – und es sieht nicht gut aus. Sowohl die politischen Institutionen als auch eine große Zahl von Einzelpersonen auf der ganzen Welt versagen bei der Bewältigung dieser Krise kläglich, und zwar sehenden Auges und schon sehr lange. Es gibt ein neues Problem zu lösen, das eine etwas radikalere Form von Ehrlichkeit erfordert: Wie bewahrt man seine Selbstachtung in einer historischen Epoche, in der die Menschheit als ganze ihre Würde verliert?“[2]
Beide Autoren setzen bei emotionalen Analysen des Ist-Zustands an. Zudem schlagen sie als Reaktion auf die Krise das Zulassen von mehr Gefühl vor. Tadzio Müller fordert zur Trauerarbeit auf, um den Schmerz aufgrund von Verlust, Schuld und Scham bewusst verarbeiten zu können und dadurch eine neue Basis für eine solidarische Kollapsbewegung zu ermöglichen. Thomas Metzinger setzt auf im westlichen Kulturkreis unübliche Bewusstseinszustände. Er fragt: „Könnte es eine Transformation in der inneren Welt geben, die die Chancen für die äußere Transformation zumindest erhöht?“[3]
Führen diese Vorschläge zu mehr emotionaler Kompetenz, die die Kleingruppe in unserer Workshopreihe vermisst? Womöglich ja. Einen direkteren Weg bietet die „Gebrauchsanweisung“ von Vivian Dittmar an. Die Erstausgabe des Bandes „Gefühle & Emotionen. Eine Gebrauchsanweisung“ ist bereits 2007 erschienen. Es ist kein akademisches Werk und liefert womöglich deshalb konkrete Vorschläge, wie man zu einem Mehr an emotionaler Kompetenz kommt. Zwar fallen die Definitionen und Kategorien zu den Begriffen Gefühl und Emotion anders aus als in der neueren neurowissenschaftlichen Forschung, aber das tut der Nützlichkeit der Überlegungen keinen Abbruch.
Eine Gebrauchsanweisung für Gefühle
Vivian Dittmar untersucht Gefühle, die im Sozialleben eine Rolle spielen. Körperliche Empfindungen, Affekte, aufgestaute Emotionen oder Bewusstseinszustände thematisiert sie nicht. Sie schreibt: „Ein Gefühl entsteht aus einer Interaktion von Gedanke und Umwelt.“[4] Konkret beschreibt sie folgende Prozessschritte beim Entstehen von Gefühlen: Auf eine Situation (Umwelt) hin erfolgt eine Interpretation (Gedanke). In Folge entsteht das Gefühl, das wiederum Kraft freisetzen kann, um Handlungen oder Absichten zu initiieren[5].
„Die meisten Menschen sind sich der Tatsache, dass sie ihre Gefühle selbst erschaffen, nicht im Geringsten bewusst. Sie erleben sie als willkürliche, irrationale Empfindungswallungen, die irgendwo in den Tiefen des Unterbewusstseins einen mysteriösen Ursprung haben. (…) Dieses Erleben ist gewiss einer der Hauptgründe, weshalb Gefühle häufig gemieden und nicht selten sogar als Hindernisse für Glück und Erfolg betrachtet werden.“[6]
Vivian Dittmar unterteilt die von ihr untersuchten Gefühle in fünf Kategorien. Sie entstehen jeweils auf Basis der Interpretation einer gegebenen Lage:
- Die Interpretation „Das ist falsch“ führt zu Wut.
- „Das ist schade“ initiiert Trauer.
- „Das ist furchtbar“ erzeugt Angst.
- „Das ist richtig“ ergibt Freude.
- Eine etwas aus der Reihe fallende, trotzdem häufig vorkommende gedankliche Reaktion auf eine äußere Situation lautet: „Ich bin falsch“. Sie führt zu Scham.
Wenn mein Nachbar seinen Rasen mäht, ist das erst einmal eine emotional neutral wirkende Situation. Je nachdem, was sich dazu in meinen Gedanken regt, entwickeln sich verschiedene Gefühle. Halte ich das Rasenmähen für falsch, weil es in der Mittagszeit stattfindet und eine Lärmbelästigung darstellt, dann werde ich wütend. Halte ich es für schade, weil gerade in dieser Jahreszeit die Insekten die knospenden Blüten im Gras brauchen, macht es mich traurig. Empfinde ich es als richtig, weil das in Nachbars Rasen sprießende Unkraut nicht mehr so leicht in meinen Garten auskeimen kann, freue ich mich. Denke ich hingegen darüber nach, dass der Nachbar der bessere Gärtner ist und mein Rasen bald nur noch mit der Sense bearbeitet werden kann, werde ich verlegen oder schäme mich.
Keines der genannten Gefühle – Wut, Trauer, Angst, Freude, Scham – sollte als negativ eingestuft werden, denn sie alle leiten zu angemessenen Verhaltensweisen. Jedenfalls dann, wenn die Einschätzung der Situation passend war.
Soweit das Idealbild, wie wir zu Gefühlen kommen und diese sinnvoll nutzen können. Leider ist es so, dass in unserer Gesellschaft Gefühle nicht wertfrei hingenommen werden.
Das Sprichwort „Angst ist ein schlechter Ratgeber“ verleidet uns dieses Gefühl ebenso wie der Unwille, als „Angsthase“ dazustehen. Traurigkeit soll, so eine häufig geäußerte Erwartung, möglichst schnell überwunden werden. Scham fühlt sich nicht gut an. Teils versuchen wir individuell manche Gefühle zu vermeiden – wie die Scham, obwohl wir wissen könnten, dass deren Effekte positiv sind – nach dem Motto: „Je mehr ein Mensch sich schämt, desto anständiger ist er.“ (George Bernard Shaw). Teils sind wir durch Erziehung, Sprüche, Filme und Literatur dazu konditioniert, manche Gefühle abzulehnen. Angst kann dann als unmännlich, Wut als wenig feminin und schon gar nicht hilfreich dargestellt werden. Traurigkeit und Verzweiflung gelten als unproduktiv und anstrengend für die Mitmenschen: das scheint nichts für eine leistungsorientierte Gesellschaft zu sein.
Vermeiden wir solche Gefühle und ersetzen sie durch andere, verlieren wir gleichfalls deren Wirkungen. Wut kann zum Handeln führen, Angst zu Kreativität, Trauer zu Annahme des Unvermeidlichen, Freude zu Wertschätzung und Scham zur Selbstreflexion.
Auch wenn sich einzelne Gefühle aufschaukeln und unpassend zur gegebenen Situation verstärken, sehen wir uns unerwünschten Effekten gegenüber. Dann führt die Wut statt zur erwünschten Handlung zu Zerstörung. Übermäßige Angst erzeugt Lähmung, überschießende Freude Illusion und zu viel Scham Selbstzerfleischung.
Verbieten wir uns Wut, Angst und Scham, dann kommen Verhaltensweisen heraus, die uns im heutigen Klimaverhalten bekannt sein dürfte: Da wir sowieso nichts mehr am unvermeidlichen planetaren Niedergang ändern können, verhalten wir uns wie gelähmt. Oder wir setzen die rosarote Brille der Freude auf und geben uns der Illusion hin, mit immer besserer und sogenannter nachhaltiger Technologie die Krise noch in den Griff zu bekommen. Trauer und Freude bekommen einen zu großen Platz, weil die anderen Gefühle mitsamt ihren Kräften und Handlungsoptionen als unerwünscht gelten. Bei anderen Personen wiederum erhält die Wut einen größeren Stellenwert, der in Folge zu zerstörendem Verhalten führt.
Wie gesagt, das ist keine wissenschaftliche Analyse. Es dient als Anregung: Wir könnten darüber nachdenken:
- wie wir mit den eigenen Gefühlen umgehen,
- ob wir uns durch den eingeübten Umgang selbst etwas vorenthalten und
- was wir unseren Kindern beibringen wollen: Welche Emotionen sind erwünscht? Wann darf man sie äußern?
Damit bin ich wieder beim Anfang des Textes, nämlich bei der Kleingruppe zur Rolle der Emotionen. Ein zentrales Ergebnis der Gruppe lautet: Die Kompetenz, mit eigenen Gefühlen und denen von anderen umzugehen, sollte ein Schulfach werden.
Autorin: Dr. Kirsten Mensch
[1] Tadzio Müller im Interview mit agora42, in agora42 02/2025, S. 41f.
[2] Metzinger, Thomas, Bewusstseinskultur, Berlin Verlag 2023, S. 7.
[3] Metzinger, Thomas, a.a.O., S. 171
[4] Dittmar, Vivian, Gefühle & Emotionen. Eine Gebrauchsanweisung, VCS Dittmar 2007, S. 25.
[5] Dass die Wahrnehmung und mentale Verarbeitung einer Situation entscheidend für das Entstehen von Emotionen sind, wird von der Neurowissenschaft bestätigt. Maren Urner schreibt, bezugnehmend auf eine Studie, die 2023 veröffentlicht wurde: „Im ersten Schritt nimmt das Gehirn die aktuelle Situation wahr, dann antwortet der Körper angemessen und erst im dritten Schritt – also aufgrund der körperlichen Reaktion aus Schritt zwei – fühlen wir eine bestimmte Emotion.“ Maren Urner, Radikal Emotional, Droemer 2024, S. 82.
[6] Dittmar, Vivian, a.a.O., S. 26.

