Filtern Sie im Bereich "Themen"

Thema
  • Gemeinwohl und Verantwortung
  • Demokratie und Engagement
  • Nachhaltige Entwicklung
  • Vielfalt und Integration
  • Kommunikation und Kultur
  • Stadtentwicklung und Wohnen
  • Demographie und Strukturwandel

Zur Filterung muss mindestens ein Thema ausgewählt sein.

Fokus
Zeitraum

Die Insel

Artikel vom 01.01.1970

Das Versinken der Carteret-Inseln

Schon seit Anfang der 2000er wird über das Versinken der Carteret-Inseln international berichtet. 

Die ersten Sonnenstrahlen durchbrechen den dichten Morgennebel und tauchen das Wasser in ein warmes, goldenes Licht. Das Meer ist still, fast trügerisch, und ein kleines Fischerboot wiegt sich ruhig hin und her. Kima hält das Ruder fest in den Händen und lässt sein Gesicht in der Wärme der Morgensonne baden. 

Während er seine Angel ins Meer auswirft, schweift sein Blick zur Küste seiner Heimatinsel Manavara, die kaum noch wiederzuerkennen ist.

Das Leben zwischen Hoffnung und Untergang

In den letzten Jahren hat sich vieles verändert. Das, wovor Viele gewarnt hatten, ist spürbare Realität für die Inselbewohner von Manavara geworden: Der steigende Meeresspiegel hat die Carteret-Inseln im Südwesten Papua-Neuguineas erreicht und auch Manavara langsam, aber unaufhaltsam überschwemmt.

Die Küstenerosion hat große Teile des Landes verschlungen, während das salzige Wasser immer tiefer in den Boden eindringt und damit fruchtbare Felder und Gemüsegärten zerstört. Die Wurzeln der Sumpfbrotwurzel verfaulen, die jahrhundertelang die Hauptnahrungsquelle der Inselbewohner war. Der Klimawandel hat den Bewohnern den Boden unter den Füßen weggezogen und Hunger in die Gemeinschaft gebracht.

Damit ein Leben auf der Insel für die Bewohner überhaupt noch möglich ist, leben sie nun hauptsächlich vom Fischfang und der staatlichen Lebensmittelhilfe. Trotz der schwierigen Umstände überwiegt die Liebe zur Heimatinsel und erfüllt einen Großteil der Inselbewohner – so auch Kima, seine Großmutter Mani und seinen Großvater Vaheto. 

Für andere jedoch wächst immer mehr der Wunsch, ein besseres Leben auf dem Festland zu finden, fernab von den stetigen Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt.

Eine Kindheit im Schutz der Großeltern

Kima wuchs behütet bei seinen Großeltern Mani und Vaheto auf, die ihm all die Liebe gaben, die seine Eltern ihm nie geben konnten. Seine Mutter starb bei seiner Geburt, seinen Vater hat er nie kennengelernt. 

Er war ein ruhiger, nachdenklicher Junge, der lieber dem Rauschen der Wellen lauschte, als sich mit den anderen Kindern in wilde Spiele zu stürzen. Während die anderen barfuß über den heißen Sand rannten und lachend ins Meer sprangen, saß Kima oft mit angezogenen Knien am Ufer und ließ den Blick über das weite, endlose Blau schweifen. 

Obwohl er sich lieber im Hintergrund aufhielt und Aufmerksamkeit scheute, wirkte sein Aussehen alles andere als unauffällig – seine sonnengebräunte Haut war von unzähligen Sommersprossen überzogen, und seine dunklen Locken fielen ihm immer wieder ungebändigt ins Gesicht, sodass sie seine strahlend blauen Augen verdeckten. 

Seine Großmutter Mani strich ihm schon als Kleinkind sanft die Locken aus der Stirn. „Diese blauen Augen hast du von deiner Mama“, flüsterte sie ihm oft zu. Sie erzählte ihm von ihrer Sanftheit und von ihrer tiefen Liebe zur Insel Manavara.  

Sein Großvater Vaheto hingegen lehrte ihn alles über das Meer: wie man fischt, die Winde liest und mit den Gezeiten geht, anstatt gegen sie zu kämpfen. Schon als kleines Kind verbrachte Kima die meiste Zeit am Ufer, wo er mit seinem Großvater die Netze flickte und ihm aufmerksam dabei zusah, wie er Knoten für Knoten knüpfte, damit es fest genug war, um den starken Strömungen standzuhalten. 

Sobald er alt genug war, nahm ihn Vaheto mit aufs Meer, und Kima begann nach und nach, im Fischen seine Leidenschaft zu finden.

Das leise Verschwinden der Insel

In seinen Erinnerungen fühlte sich Kimas Kindheit unbeschwert an. Doch der Klimawandel war von Beginn an ein ständiger Begleiter – er schlich sich leise in den Alltag der Inselbewohner, war eine drohende, unsichtbare Gefahr, die für Kima lange keine echte Bedeutung hatte. 

Es war für ihn selbstverständlich, den salzigen Boden mit frischem Wasser zu spülen, um die Pflanzen zu retten. Genauso selbstverständlich, wie mit den anderen Kindern auf Palmen zu klettern oder im warmen Regen Fangen zu spielen. Doch mit den Jahren begann er, die Veränderungen bewusster wahrzunehmen – bis es ihn eines Tages wie eine dunkle, eiskalte Welle überrollte. Er sah zu, wie das Meer Stück für Stück von seiner Heimat nahm – fruchtbare Erde, vertraute Orte, ganze Lebensgrundlagen. Und mit jedem verlorenen Stück, schwand auch die Unbeschwertheit seiner Kindheit.

In der Schule begegnete Kima zum ersten Mal dem Wort „Evakuierung“. Was erst ein völlig fremder Begriff für ihn war, wurde später zu seinem Albtraum. „Die Situation wird immer ernster“, sagte damals seine Klassenlehrerin. „Die steigenden Wasserstände und die Erosion werden uns irgendwann zu einer Entscheidung zwingen. Wenn wir nichts unternehmen, wird es möglicherweise nötig sein, die Insel zu evakuieren. Einige von euch werden vielleicht gezwungen sein, an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen.“ 

Dieser Satz löste viel in Kima aus. Seine Heimatinsel zu verlieren, war für ihn keine Option. 

Tränenüberströmt kehrte Kima von der Schule nach Hause, entsetzt von dem, was er über die Insel erfahren hatte. Sein Großvater Vaheto, der gerade dabei war in der Küche an etwas herumzuwerkeln, nahm Kima in den Arm und beschloss, sich mit ihm an den Strand zu setzten und gemeinsam die Wellen zu beobachten. Beide schwiegen vor sich hin. 

Plötzlich fiel Kimas Blick auf eine kleine Gruppe Inselbewohner, die sich mühsam an etwas zu schaffen machten. „Opa, was machen die Menschen dort?“, fragte er neugierig. Vaheto schwieg einen Moment, seine dunklen Augen folgten den Bewegungen der Männer und Frauen, die knietief im Wasser standen. Schließlich deutete er auf etwas: „Sie pflanzen Mangroven“, sagte er leise. „Ihre Wurzeln halten die Erde zusammen. Ohne sie frisst das Meer alles auf und verschlingt unsere Insel.“ 

Kimas unermüdlicher Kampf

Kima wurde neugierig: „Und warum hilft dann nicht jeder mit?“.   
Sein Großvater atmete tief durch und sah für einen Moment hinaus auf das endlose Blau. „Weil viele nicht glauben, dass es noch etwas bringt“, sagte er schließlich. „Manche haben die Hoffnung längst aufgegeben.“ Kima ließen diese Worte nicht los. Aufgeben? Niemals. Wenn es nur eine Möglichkeit gab, seine Heimat zu retten, dann wollte er sie nutzen. 

So beschloss Kima, sich den anderen Inselbewohnern anzuschließen und beim Mangrovenpflanzen zu helfen. An manchen Tagen standen sie stundenlang in der Mittagshitze, knietief umgeben von Schlick. Ihre Hände waren von der Arbeit aufgerissen, ihre Gesichter von Schweiß und Salz verkrustet. Sie gruben Löcher, setzten die jungen Setzlinge ein und hofften, dass die Wurzeln tief genug in der Erde verankert waren, um dem Meer standzuhalten. 

Die Mangroven waren ihr letzter Hoffnungsträger, um die Erosion zu bremsen und die Insel zu retten – oder zumindest Zeit zu gewinnen. Und wenn Kima dann über die Küste blickte und beobachtete, wie die grünen Reihen sich langsam aus dem Boden kämpften, dann fühlte es sich an, als könnten sie wirklich etwas bewirken – als würden sie gemeinsam mit ihnen gegen das drohende Verschwinden der Insel ankämpfen. 

Doch das Meer ließ sich nicht aufhalten. Die Stürme wurden heftiger, die Fluten kamen immer häufiger und schlugen mit unbändiger Kraft gegen das Land. Immer wieder mussten sie zusehen, wie über Nacht alles fortgespült wurde. Wo vorher noch junge Pflanzen waren, klaffte nun eine braune, ausgewaschene Fläche. Die Worte seines Großvaters drangen in sein Bewusstsein: „Das Meer wird eines Tages die Insel holen, und wir können nichts daran ändern.“ Ein Seufzer entwich ihm, während er auf das endlose Meer hinausblickte. Zum ersten Mal zweifelte er daran, ob sein Kampf wirklich einen Sinn hatte.

Der Schmerz des Verlassens

Verloren in Gedanken, summt Kima leise ein Lied vor sich hin, während er geduldig auf einen Fang wartet. Es ist das gleiche Lied, das er früher mit seiner besten Freundin Emma gesungen hatte. Seit seinem 16. Geburtstag hat er sie nicht mehr gesehen – genau genommen seit dem Beginn der ersten Evakuierung. Emma verließ freiwillig mit ihrer Familie die Insel, um ein neues Leben auf dem Festland zu beginnen. Sie hatten genug Geld, um ein neues Zuhause zu finanzieren, wie einige andere Inselbewohner. Die Ärmeren, wie Kima und seine Großeltern, blieben zurück.

„Unfair“, dachte Kima und rannte tränenüberströmt zu seiner Großmutter, nachdem er sich von seiner besten Freundin verabschieden musste. „Warum müssen wir so unter dem Klimawandel leiden? Wir können doch gar nichts dafür!“ 

Seine Großmutter zog ihn sanft in ihre Arme, strich ihm liebevoll die Tränen von den Wangen und streichelte über seine dunklen Locken. „Wir können nicht ändern, was uns widerfährt. Aber denk immer daran, die Liebe zu unserer Heimat bleibt bei uns, egal wo wir sind“, sagte sie zu ihm. Ihre Worte gaben Kima einen kleinen Trost, doch der Schmerz blieb. Auch jetzt, fünf Jahre später, fühlt er immer noch den stechenden Schmerz in seiner Brust, und Tränen schießen in seine Augen.

Plötzlich zieht es an seiner Angel, und Kima wird wieder in die Gegenwart zurückgeholt. Der erste Fang seit Tagen. „Das wird Oma und Opa freuen“, ruft er euphorisch in die Stille, legt die Angel mit den Fischen sorgfältig ins Boot und rudert zurück zur Küste. Der Fang fühlt sich wie ein kleiner Sieg an, und den ganzen Heimweg stolziert er mit einem breiten Grinsen durch die kleine Wohnsiedlung, in der das Haus seiner Großeltern steht.

Ein verlorener Kampf gegen die Zeit

Als Kima die Tür öffnet, wird er sofort von dem vertrauten Geruch von Omas Kräutertee empfangen, der das gesamte Haus umhüllt und ihm das Gefühl von Geborgenheit gibt. Sein Großvater sitzt wie immer am Esstisch, in Gedanken versunken, während seine Oma Wasser für den Tee aufkocht. „Mani, Vaheto, ihr wisst nicht, was ich für eine Überraschung habe“, ruft Kima mit demselben breiten Grinsen, das er schon auf dem Heimweg getragen hat. „Kima, Schatz, da bin ich ja jetzt gespannt. Was hast du uns denn mitgebracht?“, raunt ihm seine Oma zu. Als Kima gerade den Fischfang auf den Küchentisch legt, wird die warme Atmosphäre plötzlich durch ein lautes Kratzen durchbrochen.

Das alte blaue Radio von Kimas Opa flackert auf, und die monotone Stimme einer Frau hallt plötzlich durch den Raum. Es ist die Sprecherin der Regierung von Papua-Neuguinea, die seit Monaten verzweifelt versucht, die letzten Bewohner davon zu überzeugen, die Insel zu verlassen. Mit einer sachlichen, fast gleichgültigen Stimme spricht sie den Satz, wovor sich die ganze Insel fürchtet: 

„Die Umsiedlung der letzten Bewohner von Manavara nach Australien ist unvermeidlich. Es ist vorbei.“ Kima erstarrt. Er kann kaum atmen. Die Worte im Radio sind wie ein Schlag in die Magengrube: „Das Hilfswerk CoastCare International hat für die letzten verbliebenen Familien Grundstücke bereitgestellt. Jobs und Schulen erwarten euch dort. Die Zeit zu gehen ist gekommen, die Evakuierungen starten.“ Er kann sich nicht rühren. Kima schafft es nicht einmal, seinen Großeltern in die Augen zu schauen. Die Frau im Radio spricht weiter, doch die Gedanken in seinem Kopf werden lauter, und die Frau verstummt immer mehr. Er möchte nicht hören, was er längst weiß: Manavara ist verloren.

Die Frau, die alles verändert

Matilda tritt aus dem Schatten der Bäume und blickt über die Insel. Sie ist kleiner, als sie es sich vorgestellt hat – ein fragiles Stück Land, das vom Meer bedroht wird. Die Luft ist feucht und warm, die Brise salzig. Vor ihr erstreckt sich ein Dorf aus einfachen Hütten, umgeben von Palmen, deren Wurzeln an den Rändern der Insel freigelegt sind, wo das Meer sie gnadenlos unterspült. Es ist ein bedrückender Anblick, der sie wieder daran erinnert, warum sie hier ist. Lange hat sie sich darauf vorbereitet und sich bis zur Koordinatorin bei CoastCare International hochgearbeitet.

Matilda streicht sich eine ihrer kurzen braunen Haarsträhnen aus dem Gesicht und klopft an die Tür des Hauses, das vor ihr liegt. Hier lebt eine der Familien, die sie in ihr neues Leben begleiten soll. Dass das keine leichte Aufgabe wird, hat sie bereits im Gefühl.

Sie zupft gerade noch ihr Shirt zurecht, als sich die Tür öffnet. Ein junger Mann, Kima, tritt heraus. Seine Augen mustern sie misstrauisch, aber auch neugierig. Matilda kann die Anspannung in seiner Haltung spüren. „Hallo, ich bin Matilda Wilson. Ich bin von CoastCare International, der Organisation, die Sie unterstützen soll …“, beginnt sie und versucht, ihn mit einem freundlichen Lächeln zu beruhigen. Kima nickt knapp. „Sie sind wegen der Evakuierung hier.“ Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung, mit der er die Frau unterbricht. „Ich bin Kima Kavara.“

„Ja, genau“, sagt sie schließlich. „Wir helfen dabei, alles zu koordinieren, damit der Übergang so reibungslos wie möglich verläuft. Sind Sie schon fertig, haben Sie alle Papiere zusammen?“„Ja, natürlich, meine Großeltern sind im Wohnzimmer“, antwortet Kima, etwas schroffer, als er beabsichtigt hatte. Er tritt zur Seite, um sie hereinzulassen.

Der Abschied, den Kima nie wollte

Drinnen ist es schlicht, aber gemütlich. Auf einem kleinen Tisch stehen Schalen mit Reis und Fisch, und eine ältere Frau, Kimas Großmutter, sitzt auf einem geflochtenen Stuhl. Ihr Gesicht ist ruhig, doch ihre Augen sind voller Entschlossenheit. „Hallo, schön, dass Sie da sind. Sie sind Matilda von CCI, richtig? Sie hatten angerufen?", fragt die Großmutter, ohne aufzustehen. Ihre Stimme ist sanft, aber direkt.

Matilda nickt und setzt sich auf einen der einfachen Holzstühle. „Ja. Wir wissen, wie schwer das für Sie alle sein muss. Aber wir tun alles, um sicherzustellen, dass Kima gut aufgenommen wird und sicher ist.“ Die Großmutter lächelt schwach. „Sicher“, wiederholt sie nachdenklich, als wäre das Wort ein ferner Traum.

Kima, der bis dahin unruhig auf und ab gegangen ist, tritt schließlich näher. „Also, Mani, Opa, ihr wisst Bescheid. Lasst uns gehen, länger hier zu bleiben wird es auch nicht einfacher machen und das Schiff wartet nicht ewig.“ In seiner Stimme kann Matilda hören, dass er es bereits ahnt. Schweigen legt sich über den Raum. Kimas Großmutter sieht zu ihrem Enkel auf, und ihr Gesicht verändert sich – voller Schmerz, aber auch voller Entschlossenheit.

„Mein Schatz“, beginnt sie, „wir haben lange darüber nachgedacht. Aber wir werden nicht mitkommen.“ Die Worte treffen Kima direkt ins Herz. Er starrt seine Großmutter an, als hätte er sie nicht richtig verstanden. „Was?“ bringt er schließlich hervor. „Was redest du da? Natürlich kommt ihr mit!“ „Kima“, sagt Mani ruhig, ihre Stimme fast entschuldigend, „das hier ist unser Zuhause. Wir gehören hierher. Wir sind alt und wir wollen unsere letzten Jahre an dem Ort verbringen, den wir kennen und lieben.“ Kimas Atem beschleunigt sich, und sein Blick springt zwischen seiner Großmutter und Matilda hin und her. 

„Nein. Nein, das geht nicht. Das ist Wahnsinn! Ihr könnt nicht hierbleiben, während die Insel verschwindet!“ Seine Großmutter legt ihm eine Hand auf den Arm. „Mein Schatz, der Klimawandel macht an keiner Grenze halt. Es bringt uns nichts, an einen anderen Ort zu gehen, nur um dort die gleichen Probleme zu finden. Wir können nicht ständig umziehen. Aber du ... du hast noch ein Leben vor dir und kannst mit den Herausforderungen umgehen.“

Kima hält ihre Hand fest, aber wendet sich verzweifelt an die einzige Person, die ihm helfen könnte. „Sie hören, was sie sagen, oder? Sie sind nicht bei Verstand! Ihr könnt sie nicht einfach hierlassen!“ Matilda atmet tief durch, fühlt die Wut und Verzweiflung des jungen Mannes wie einen Sturm, der sie zu verschlingen droht. „Es tut mir leid, Kima“, sagt sie ruhig. „Aber ich kann niemanden zwingen, mitzukommen. Ihre Großeltern haben das Recht, ihre eigene Entscheidung zu treffen.“ „Recht?“ schnaubt Kima. „Welches Recht haben sie, hier zu bleiben und zu sterben? Und welches Recht haben Sie, einfach wegzusehen? Wofür sind Sie sonst hier?“

Matilda sieht ihn an, ihre Geduld wird auf die Probe gestellt. Sie fühlt sich schuldig, auch wenn sie weiß, dass sie nichts tun kann. „Ich verstehe, dass das schwer für Sie ist“, sagt sie gefasst. „Aber es ist nicht meine Entscheidung. Ihre Großeltern wissen, was sie tun. Sie haben ihr ganzes Leben hier verbracht, und sie haben das Recht, ihre letzten Tage hier zu verbringen, wenn das ihr Wunsch ist.“

„Das ist absurd!“, ruft Kima. „Ihr seid doch hier, um uns zu retten! Wie könnt ihr einfach zulassen, dass sie sich selbst aufgeben?“ Die Großmutter unterbricht ihn sanft, ihre Stimme ruhig, aber bestimmt. „Kima, hör auf“, sagt sie. „Uns geht es gut. Du musst dich um dein eigenes Leben kümmern.“ Kima bleibt wie angewurzelt stehen, unfähig, die Tragweite ihrer Worte zu begreifen. Er will etwas erwidern, doch die Worte bleiben ihm im Hals stecken.

Nach einer kurzen Pause wendet sich auch die Großmutter an Matilda: „Können Sie uns noch etwas Zeit geben?“ Matilda nickt und geht vor die Tür, betrachtet den strahlenden Himmel und wartet.

Das Ende vor dem Anfang

Schließlich kommt Kima wieder heraus. „Gehen wir“, sagt er zu Matilda mit brüchiger Stimme. Matilda zögert einen Moment, bevor sie nickt und ihm den Weg zum Hafen weist. Auf dem Pfad herrscht ein bedrückendes Schweigen, unterbrochen nur vom stetigen Rauschen des Meeres.

Am Hafen warten bereits andere Familien – ihre Gesichter still und voller Schmerz. Das Schiff liegt bereit, seine Umrisse von der untergehenden Sonne in warmes Licht getaucht. Kima hält kurz inne, bevor er an Bord geht, und blickt zurück auf die Insel – auf die Palmen, die Hütten und die Silhouette des Hauses seiner Großeltern. Als das Schiff schließlich ablegt und die Insel in der Ferne verblasst, schließt Kima die Augen und lässt die Stille in sich widerhallen. Er weiß, dass er sie nie vergessen wird – weder seine Großeltern noch den Ort, den er Heimat nennt.

Die ersten Wochen in Brisbane sind für Kima ein Wechselbad der Gefühle. Die Landschaft ist eine Mischung aus atemberaubender Schönheit und kühler Funktionalität. Alles scheint darauf ausgelegt zu beeindrucken – makellos begrünte Straßen, blitzende Hochhäuser und technische Wunderwerke, die das Leben erleichtern. Es ist das Schlaraffenland, von dem man ihm erzählt hat, doch der Überfluss macht ihn nervös. Hier lebt man in Saus und Braus, als gäbe es keine Grenzen – eine Welt, in der der Gedanke an Verzicht oder Sparsamkeit schlicht nicht existiert.

Die Straßen sind gesäumt von riesigen Feigenbäumen, doch dazwischen reihen sich blitzsaubere Hochhäuser aus Glas und Beton, moderne Bürokomplexe mit offenen Fassaden und begrünte Terrassen. Besonders der Brisbane River prägt das Stadtbild. Tagsüber schlängeln sich die CityCats, weiß-blaue Katamaranfähren, fast lautlos über das Wasser, während die Story Bridge in der Sonne glitzert. 

Entlang der South Bank erstreckt sich eine perfekt angelegte Promenade mit Cafés, Radwegen und künstlich angelegten Stränden, wo Familien und Touristen das warme Klima genießen. Alles scheint ordentlich, effizient – fast zu perfekt. In den ersten Tagen fühlt sich Kima wie ein Fremder in einer Welt, die ihn nicht braucht. Die Menschen sind freundlich, aber in Eile, vertieft in ihre Routinen. Während er durch die Straßen läuft, kann er nicht anders, als sich zu fragen, ob er in dieser Stadt jemals ankommen wird.

Leben im Überfluss

Sein Alltag beginnt früh am Morgen mit einer Routine, die von den Verantwortlichen des Integrationsprogramms organisiert wurde. Sprachkurse, Orientierungstrainings, Arbeitsprojekte, alles darauf ausgelegt, ihn und die anderen Neuankömmlinge so schnell wie möglich in diese neue Welt zu integrieren. 

Doch zwischen all den perfekt organisierten Aktivitäten ist es die schlichtweg endlose Fülle an Ressourcen, die Kima am meisten beeindruckt. Die Supermärkte quellen über vor Produkten, von denen er auf der Insel nur hatte träumen können: unzählige Brotsorten, Regale voller Snacks und Getränke jeglicher Art. Nichts scheint hier schwer zu bekommen. Strom, Wasser, Nahrung, von allem ist zu jeder Zeit genug vorhanden.

Von außen betrachtet blüht Kima in seiner neuen Heimat auf. Er lernt die neue Sprache schnell, erkundet die Stadt und probiert alles aus, was sie zu bieten hat. Tagsüber schlendert er durch riesige Einkaufszentren, fährt mit der Fähre über den Brisbane River oder verliert sich in den endlosen Ablenkungen, die ihn von seinen Gedanken fernhalten. Abends sitzt er mit anderen Neuankömmlingen in Bars, testet fremde Gerichte oder streift durch Viertel voller Restaurants, Musik und Menschen. Doch die Nächte sind schwer. Wenn die Straßen leiser werden und er alleine in seinem Zimmer liegt, holt ihn die Stille ein. Dann denkt er an die Insel, an das Leben, das er zurücklassen musste. An das Meer, das nachts nie wirklich still war. Hier gibt es alles und doch fühlt er sich verloren.

Immer wieder muss er an die Insel denken – an die Großeltern, die mit so wenig ausgekommen sind und für die selbst ein bisschen Überfluss ein Fest gewesen wäre. Hier dagegen feiert man jeden Tag, als gäbe es keinen Morgen. Kima spürt, dass diese Welt sich anders anfühlt als sein altes Leben. Wo auf der Insel jede Ressource kostbar gewesen ist, scheint sie hier unerschöpflich. Niemand macht sich Gedanken darüber, ob man zu viel nimmt oder zu viel verbraucht. Klimaschutz, Nachhaltigkeit – all das wird zwar erwähnt, aber niemand scheint es wirklich ernst zu meinen. Nicht, dass es Kima stört, denn im Moment ist er zu sehr damit beschäftigt, sich an dieses neue Leben zu gewöhnen, um darüber nachzudenken.

Er ist fasziniert von der Leichtigkeit und genießt das Leben ohne jegliche Einschränkungen. Manchmal fühlt es sich an wie ein Traum oder wie ein Märchen. Eine Welt, in der alles möglich ist, und in der niemand die Schatten sehen will, die hinter der glänzenden Oberfläche lauern. Kima weiß nicht, ob er bewundert, was er sieht, oder ob es ihn abschreckt. Alles, was er weiß, ist, dass die Regeln hier völlig anders sind und dass er noch nicht sicher ist, ob er sie je ganz verstehen wird. Doch manchmal bringt ihn das Leben an vertraute Orte oder zu vertrauten Gesichtern. So ist es, als er Matilda wieder trifft.

Neue Aufgaben

Matilda ist die Koordinatorin des Hilfsprojekts CoastCare International, das Schutzmaßnahmen für Gebiete entwickeln soll, die vom Klimawandel bedroht sind. Doch für Kima ist sie nicht nur eine Fremde in einer neuen Welt. Er erinnert sich genau: Es war der Tag seiner Flucht, als sie mit ruhigem, entschlossenem Auftreten half, das Chaos am Hafen zu ordnen. 

Jetzt, Monate später, begrüßt Matilda ihn mit einem Lächeln: „Kima, richtig? Ich habe gehört, Sie kennen sich gut mit Küstenvegetation aus. Wir könnten jemanden wie Sie gebrauchen." Ihre Worte erinnern ihn an die Flucht, doch er nimmt das Angebot an – eine Chance, sich abzulenken und einen Sinn zu finden. 

Anfangs fühlt sich die Arbeit vertraut an. Pläne für Mangrovenpflanzungen, Karten studieren, Lösungen finden – es ist wie ein Stück Heimat. Kimas Tage beginnen früh und enden spät. Morgens analysiert er Karten und plant Mangrovenaufforstungen, um die Küsten vor Erosion und Sturmfluten zu schützen. Nachmittags arbeitet er in sumpfigem Gelände, schleppt Sämlinge und befestigt Uferbereiche. Die Hitze ist unerbittlich, doch Kima lässt sich davon nicht bremsen. Auch die Reparatur und Verbesserung überlasteter Deiche fordert seine Kreativität: Zusammen mit Ingenieuren kombiniert er lokale Techniken mit modernen Ansätzen, um den begrenzten Ressourcen gerecht zu werden.

Der Zustrom Geflüchteter aus gefährdeten Regionen bringt zusätzliche Herausforderungen. Schutzmaßnahmen müssen priorisiert und Dörfer gerettet werden – oft gegen die Zeit. Dennoch gibt es Erfolge: Ein Dorf durch Mangroven und Uferbefestigungen vor einer Flut zu bewahren, bringt Hoffnung und einen Moment des Triumphs. Auch wenn Kima spürt, dass diese Küste genauso verletzlich ist wie seine Heimat, hält er an seiner Arbeit fest. Jeder gerettete Ort ist ein kleiner Sieg inmitten wachsender Herausforderungen.

Das Paradies bröckelt

Doch je länger er bleibt, desto mehr erkennt er, dass das Festland weit weniger das Paradies ist, als es anfangs schien. Die Infrastruktur wirkt stabil, doch unter der Oberfläche bröckelt es. Verzögerte Projekte ziehen sich über Monate, weil Gelder fehlen oder Genehmigungen ausstehen. Schutzmaßnahmen gegen Küstenerosion bleiben in der Planungsphase stecken, während die nächsten Sturmfluten bereits drohen. Die Bürokratie ist zäh, Entscheidungen werden aufgeschoben, und Kima merkt, dass selbst in einer wohlhabenden Stadt wie Brisbane nicht alles reibungslos funktioniert. Auch das Wetter ist inzwischen unberechenbar. Plötzliche Starkregen setzen ganze Viertel unter Wasser, Dürren trocknen Flüsse aus, Buschbrände drohen die Randgebiete der Stadt zu verschlingen.

Und dann sind da die Menschen, die Schutz suchen. Jeden Monat kommen mehr Geflüchtete aus den umliegenden Regionen. Sie flüchten aus Küstendörfern, die vom steigenden Meeresspiegel verschluckt werden, von Farmen, die wegen ausbleibenden Regens aufgegeben wurden. Die Notunterkünfte füllen sich ohne Aussicht auf Besserung. Kima sieht die Angst in den Augen der Neuankömmlinge, eine Angst, die er nur zu gut kennt. Für Kima und die anderen bedeutet das: mehr Arbeit. Was einst überschaubar war, wird zu einem Kampf gegen die Zeit. Kimas Tage beginnen früh und enden spät. Gemeinsam mit Matilda arbeitet er an überlasteten Küstensicherungen und bedrohten Flussgebieten.

Zusammenhalt in der Not

Kima und Matilda stehen wieder einmal an einem der umliegenden Flussufer in der Nähe von Brisbane, wo der Boden nach einem heftigen Sturm weggespült worden war. Ein provisorischer Damm droht zu brechen. Kima deutet auf einen möglichen Befestigungspunkt und sagt: "Die Strömung muss umgeleitet werden, sonst hält das nicht bis morgen früh." Matilda nickt zustimmend. "Dann packen wir's an."

Ohne lange zu diskutieren, machen sie sich mit den anderen Helfern an die Arbeit. Sie schleppen Sandsäcke, verstärken kritische Stellen und lenken das Wasser um. Stunden vergehen, in denen sie schweißgebadet und schlammverschmiert schuften. Als sie es endlich geschafft haben, lassen sie sich erschöpft auf die Sandsäcke fallen. Matilda stößt Kima leicht mit der Schulter an.  "Gute Idee vorhin. Ohne dich hätten wir's wohl nicht rechtzeitig hinbekommen."  Kima lächelt müde. Zum ersten Mal fühlt er sich wirklich als Teil des Teams.

In den folgenden Wochen und Monaten wächst ihre Zusammenarbeit zu einer echten Freundschaft. Sie fordern sich gegenseitig heraus, bringen sich neue Sichtweisen bei und stehen füreinander ein, wenn es mal nicht so läuft. Oft sitzen sie bis spät in die Nacht zusammen, diskutieren über neue Lösungsansätze und lachen über ihre Fehlschläge. Wenn einer von ihnen frustriert aufgeben will, ist der andere da, um ihn wieder aufzubauen. Ihr Engagement wirkt auch für andere ansteckend. Immer mehr Menschen aus der Gegend schließen sich den Hilfsarbeiten an, überzeugt davon, dass sie gemeinsam etwas bewirken können.

Fünf Jahre später

Fünf Jahre später. Es riecht nach warmem Metall und Schweiß, als Kima in den Zug einsteigt. Er setzt sich an einen Fensterplatz, greift nach der Trinkflasche in die Tiefen seines Rucksacks und nimmt einige Schlucke. Heute Morgen ist er extra früh aufgestanden, um vor der Abfahrtszeit noch an der Gedenkstätte seiner Heimatinsel vorbeizugehen: Ein Wasserspender, der an all die Menschen erinnert, die auf der Insel zurückgeblieben sind. Kein Tag vergeht, an dem er nicht an seine Großeltern denkt. Der Schmerz ist unendlich und tief, seitdem er ohne Familie aufs Festland fliehen musste. Trotzdem hat Kima einen Weg finden müssen, mit der Situation umzugehen – so wie es jeder von der Insel tun musste. Das hätten seine Großeltern sich für ihn gewünscht. 

Mit einem unsanften Ruck setzt sich der Zug in Bewegung. Gedankenverloren schweift Kimas Blick aus dem Fenster. Grünbewachsene Wolkenkratzer ziehen an ihm vorbei. Der Himmel ist wolkenlos und die Sonne knallt unerbittlich auf alles und jeden herab. Es ist ein Tag, an dem erstickende Windböen in den Lungen kratzen und man sich nur gegen Abend draußen aufhalten sollte. So empfehlen es zumindest die Leute aus den Nachrichten. 

„Schlimm, dass so viele Menschen ihr Zuhause verlieren“, grummelt ein Mann in Kimas Nähe. Sein Blick ist auf eine große Anzeige über ihren Köpfen gerichtet: ‚Fast elf Jahre ist es nun her, dass zum ersten Mal Bewohner der Insel Manavara evakuiert wurden. Heute wird Brisbane erneut Klimaflüchtlinge aufnehmen.‘

Kima antwortet mit einem stummen Nicken. Ob dem Mann wohl bewusst ist, dass auch er früher oder später ein Klimaflüchtling sein wird? Kima weiß, dass negative Ereignisse oft verdrängt werden, um sie vom Bewusstsein fernzuhalten. Und obwohl dieser Mann hautnah die unberechenbaren Wetterereignisse miterlebt, grenzt er sich davon ab – wie erschreckend und faszinierend zugleich. 

Erst letzte Woche hat Kima mit Matilda telefoniert. Sie hatte von einer neuen anstehenden Evakuierung geredet. Eine weitere Insel ist akut von den Fluten des Meeres betroffen, und Matilda wird mit CoastCare International in diesen Teil des Landes reisen, um bei der Evakuierung zu helfen. Sie hatte Kima gefragt, ob er sie begleiten wolle, doch er hatte abgelehnt. Auch wenn seine eigene Flucht bereits so viele Jahre zurückliegt, fühlt er sich nicht in der Lage, diese Menschen zu unterstützen. 

Er fokussiert sich lieber auf seine Arbeit. Darin kann er aufgehen, er selbst sein und tun, worin er gut ist. Mit einem Team von mittlerweile zwanzig Leuten überwacht Kima regelmäßig das Wachstum junger Mangroven, die an Flüssen und in Küstennähe verpflanzt werden, um Erosion und Überschwemmungen aufzuhalten. Auch jetzt ist Kima auf dem Weg zu einem dieser Orte. 

Das Flüstern des Untergangs

Der Zug hält mit quietschenden Rädern. Endstation. Ein großer Betonklotz blockiert den Schienenverkehr, wie in vielen Vierteln in Küstennähe. Schon seit fünf Jahren werden Stadtteile überflutet und U-Bahn-Stationen stehen unter Wasser.

Kima steigt aus und zieht sich die Kapuze tief ins Gesicht. Anders als in der Stadtmitte herrscht hier draußen ein feuchteres Klima. Es wird nicht lange dauern, bis die Feuchtigkeit in seine Glieder dringt und sein Kreislauf reagiert: Schwindel, Kopfschmerzen und Müdigkeit sind die harmlosesten Auswirkungen des ständig wechselnden Klimas – und zum Glück die einzigen, mit denen Kima zu kämpfen hat. Deswegen bekommt auch er immer die Küstenschicht zugeteilt. Mit langen Schritten stapft er in Richtung Landzunge. In die entgegengesetzte Richtung zu der, die die wenigen Insassen des Zuges einschlagen. Dorthin, wo der modrige Geruch von totem Fisch und salzigem Meerwasser herüberzieht. Dort, wo die Stille den Lärm längst besiegt hat. 

Das schmatzende Geräusch unter Kimas Füßen ist durchdringend. Wasser quillt unter dem vermeintlich festen Boden hindurch und macht ein schnelles Vorankommen unmöglich. Vor zwei Wochen noch reichte es ihm nur knapp bis über die Knöchel, doch jetzt muss er bei jedem Schritt aufpassen, damit ihm das Wasser nicht über die Knie in die Stiefel schwappt. 

Vorbei an verlassenen Häusern, zurückgelassenen rostigen Autos und ausgeblichenen Straßenschildern. Immer wieder knarren Gebäude, die langsam, aber sicher dem Verfall erliegen.
„Genauso habe ich mir immer eine Geisterstadt vorgestellt“, denkt er und erblickt schließlich die Aussichtsplattform, von der aus er einen guten Blick auf die gepflanzten Mangroven hat. An guten Tagen fahren seine Kollegen und er mit dem Boot nach draußen, um das Wachstum der Pflanzen zu begutachten. Alleine tut Kima das schon lange nicht mehr. Auch er, seit seiner Kindheit ein erfahrener Segler, hat längst das Vertrauen in die Berechenbarkeit des Meeres verloren. 

 

Mit festen Griffen erklimmt Kima die Leiter. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn und mit jeder Sprosse zerren die Böen stärker an seiner Kleidung. Es ist, als wolle der Wind ihn daran hindern, die neuesten Auswirkungen seiner Mächte zu begutachten. Doch ohne Erfolg. Etwas außer Atem kommt Kima schließlich auf der Plattform an. Gierig trinkt er einige Schlucke Wasser, um die drohenden Kopfschmerzen hinauszuzögern. Dann widmet er sich seinem Fernglas. 

Die Grenze zwischen Land und Meer

Die Küstenlinie wirkt fast surreal. Unregelmäßig klatschen Wellen ans Ufer, brechen schließlich an verfallenen Gebäuden und bahnen sich ihren Weg tiefer in die Stadt. Der Brisbane River war bereits übergetreten und hatte sich gemeinsam mit dem Meer gegen die Betonmassen verschworen. Sandsäcke, die den Fluss einst bändigen sollten, hatten versagt und ganze Schutzwälle waren durch den hohen Salzgehalt zerfressen.

Kima muss zweimal hinschauen, um die Stellen der angepflanzten Mangroven zu entdecken. Grüne Flecken, die mal mehr und mal weniger aus dem Wasser ragen und in gleichmäßigen Bewegungen im Rhythmus des Rauschens wiegen. Zumindest in der Flussgegend haben die Pflanzen standgehalten. Doch in unmittelbarer Umgebung des Meeres bietet sich Kima ein Anblick des Jammers: Mangroven - manche entwurzelt und im Wasser treibend, andere überschwemmt, sodass nur noch die Kronen schemenhaft zu sehen sind. Die Pflanzen waren so vielversprechend angegangen, haben sich selbstständig vermehrt, sind super gewachsen – und jetzt das. „Es war zu spät gewesen. Es hätte einfach früher reagiert werden müssen!“ Kima umklammerte die Brüstung so stark, dass seine Fingerknöchel weiß hervortreten.

Alle Anzeichen sind dagewesen, doch wurden sie einfach viel zu lange ignoriert. Dämme hätten früher errichtet werden müssen, energieeffiziente und umweltverträgliche Häuser auf sicherem Terrain gebaut und vor allem hätte der CO2-Verbrauch drastisch eingeschränkt werden müssen. Eine neugedachte Infrastruktur hätte all dies verhindern können. Reines Überleben war nicht genug – es mussten grundlegende Veränderungen her, um die Zukunft zu sichern. Doch nun war es nur noch ein Wettlauf gegen die Zeit. 

Neue Sicht auf die Vergangenheit

Eine feuchtwarme Böe erfasst Kima und spielt mit seinem Gleichgewicht. Als er sich hinlegt, um dem Schwindelgefühl gegenzusteuern, sieht er in den Himmel. Er spürt den harten Gitterboden unter seinem Körper und das Schwanken, wenn wieder ein Wind aufkommt. Flüchtig ziehen Wolken vorüber und gewähren der Sonne das ein oder andere Hindurchkommen. 

Kima schließt die Augen. Es war fast wie damals in Manavara. Das sanfte Schaukeln des Bootes, während er darauf wartete, dass ein Fisch anbiss. Windböen, die heulten, wenn sie sich im Segel verfingen. Das gelegentliche Kreischen der Möwen. Er erinnert sich an die lustigen Abende, die er mit Emma am Lagerfeuer verbrachte. Den Geschmack von gebratenem Fisch, den niemand so gut zubereiten konnte wie sein Großvater. Und der Geruch von Kräutertee, den seine Großmutter immer kochte.

„Mein Schatz, der Klimawandel macht an keiner Grenze halt. Es bringt uns nichts, an einen anderen Ort zu gehen, nur um dort die gleichen Probleme zu finden“, hatte seine Großmutter gesagt. „Wir können nicht ständig umziehen. Aber du hast noch ein Leben vor dir und kannst mit den Herausforderungen umgehen.“ 

In den letzten Jahren dachte Kima immer wieder über diese Sätze nach. Er war geflohen, hatte eine neue Sprache gelernt, einen Job gefunden und sogar einige gute Bekanntschaften geschlossen – so wie es sich seine Großeltern für ihn gewünscht hatten. Doch der Gedanke, das aufzugeben und immer wieder aufs Neue tun zu müssen, beschert Kima einen fahlen Beigeschmack. Es ist ein drückendes, unendlich zerrendes Gefühl, das kein Ende finden würde. Und zum ersten Mal seit seiner Flucht versteht Kima die Entscheidung seiner Großeltern. Er wird in Brisbane bleiben – bis zum Schluss.

Autor*innen: Sarah Felczer, Alexander Hofmann, Antonia Hirschmann & Marie-Louise Zein

Cookie-Einstellungen

Unsere Seite verwendet Cookies und ähnliche Technologien. Hierbei wird zwischen technisch notwendigen Cookies zum Bereitstellen der Webseite und optionalen Cookies, z.B. zur Auswertung der Webseitennutzung, unterschieden.
Mehr Informationen dazu finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen. Dort können Sie auch jederzeit Ihre Präferenzen anpassen.

Erweiterte Einstellungen