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Was haben Stiftungen mit Öffentlicher Wissenschaft zu tun?

Artikel vom 22.05.2019

Wo früher Wissenschaft dazu diente, der Stiftung zu bestätigen, dass sie das Richtige tut, wird neu gefordert, dass das Richtige nun auch noch richtig, das heißt effektiv, effizient und gemäß den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaften getan wird. Von Daniela Kobelt Neuhaus

Stifter*innen wollen die Gesellschaft verbessern

Stiftungen werden im Dreiklang von Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik den Non-Profit-Organisationen zugerechnet. Sie sind in der komfortablen Lage, sich selber Ziele zu geben. Sie können andere durch zur Verfügung gestellte Mittel für die eigenen Zielsetzungen begeistern und wählerisch Erkenntnisse von Dritten in das eigene Zielgebäude einverleiben.

„Stifter*innen wollen“ – freiwillig – etwa die Gesellschaft verbessern, demokratische Strukturen fördern, konkret Handelnde unterstützen. Sie stiften aus Verantwortungsbewusstsein und wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben. Ein weiteres Motiv ist das Bedürfnis, etwas zu bewegen. Sie greifen gesellschaftspolitische, ökonomische, kulturelle, manchmal auch wissenschaftlich gesicherte Entwicklungen auf und handeln auf intendierte Wirkung hin. Die Rechtsform einer Stiftung wählen sie, damit das gestiftete Vermögen den gemeinnützigen Zwecken dauerhaft zugutekommt. Viele möchten etwas Bleibendes schaffen, das über ihr eigenes Leben hinausreicht. Ob Bildung, Forschung, Gesundheit, Kultur, Städtebau oder Entwicklungshilfe Gegenstand der fördernden oder operativen Tätigkeit der Stiftung sind, ist vielfach eine Herzensangelegenheit, eine Leidenschaft oder ein Hobby der Stiftenden. Ob es um den Erhalt tradierter Güter und Werte, um Optimierung oder um Defizitabbau gehen soll, entscheiden Hoffnungen und Erwartungen, die sich vielfach aus beruflichen Erfahrungen oder Erkenntnissen der Stifterpersönlichkeit heraus entwickelt haben.

„Deutschlands umfangreichste Fotosammlung, die Notrufsäulen auf der Autobahn, eine Flüchtlingsambulanz für traumatisierte Kinder und Jugendliche, die Förderung urbaner Gemeinschaftsgärten: Hinter diesen und zahllosen weiteren Aktivitäten für das Gemeinwohl stehen Stiftungen und Menschen, die diese Stiftungen ins Leben gerufen haben.“1 Aus einem normativem Blickwinkel sind Stiftungen klar die „Guten“. Sie weisen nach, dass sie ausschließlich und unmittelbar – gemeinnützige, mildtätige und/ oder kirchliche – Zwecke erfüllen. Sie handeln selbstlos und werden dafür steuerlich begünstigt.

Kritiker unterstellen Philanthropen manchmal eigennützige Motive. Sie beargwöhnen den starken politischen und gesellschaftlichen Einfluss großer Stiftungen, die nur den Zielen ihrer Gründer verpflichtet und nicht demokratisch legitimiert seien. Es mag durchaus sein, dass der eine oder andere Stifter durch seine Stiftungsziele nicht die größten Nöte der Bevölkerung im Blick hatte. Aber insgesamt haben Stiftungen Wirkungen ermöglicht, die der Staat nicht hätte leisten können, weil sie Zwischenräume im Blick haben. Sie handeln da, wo die öffentliche Hand nicht hinschauen will oder muss.

Aktuell beobachten wir einen Trend von Stiftungen, selber operativ tätig zu werden – bei geringen Kapitalerträgen vielleicht ein Ausweg für die damit Begünstigten und Stakeholder. Auch die in den letzten fünfundzwanzig Jahren zahlreich gegründeten Bürgerstiftungen setzen im Gegensatz zur klassischen Stiftungsgründung auf die Beteiligung Vieler. Das Nutzen von Schwarmintelligenz oder Crowdfunding sind typische Bemühungen, philanthropisches Handeln und Denken auf breite Füße zu stellen. Aber was hat dies alles mit Öffentlicher, das heißt transparenter und partizipativer Wissenschaft zu tun?

Wissenschaft und Effizienz

Wie alle anderen Bereiche des Lebens haben heute – nicht zuletzt durch digitale Medien – auch Stifterpersönlichkeiten, Menschen, die in Stiftungen arbeiten und die Stakeholder von Stiftungen Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und zum Forschungsgeschehen. Der gesellschaftliche Trend in Richtung „höher, weiter, besser, schneller“ hat viele Stiftungen erreicht. Innovation und Wirkungsorientierung sind Forderungen, denen sich viele Stiftungen in jüngerer Zeit stellen mussten. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Philanthropie in Richtung Venture Philanthropie haben Managementstrategien aus der Wirtschaft in Stiftungen Einzug gehalten. Garant für Erfolg sind die Professionalität der Geldgeber sowie Zielorientierung, Effizienz und Nachhaltigkeit von Projekten und Programmen. Auch Stiftungen entwickeln nun Exit-Strategien: Sie formieren sich als gGmbHs oder GbRs, um Risiken und Schwächen der traditionellen Philanthropie zu vermeiden.

Wo früher Wissenschaft dazu diente, der Stiftung zu bestätigen, dass sie das Richtige tut, wird neu gefordert, dass das Richtige nun auch noch richtig, das heißt effektiv, effizient und gemäß den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaften getan wird. Etwas scharf zugespitzt: Die Entwicklung insbesondere der größeren und operativen Stiftungen führte in den letzten Jahren zur Kopplung von unternehmerischem Verstand, innovativem Geist und gemeinnützigem Herz. Die reflexive Intelligenz ersetzt zunehmend das warme Gefühl, dass „gut“ auch „gut“ ist.

Mit wachsender Wirkungsorientierung sind Stiftungen unabdingbar angewiesen auf den Dialog mit der Praxis und auf die Bewertung des Erfolgs gemessen an wissenschaftlichen Erkenntnissen. Damit kann eine Auseinandersetzung mit theoretischer Erkenntnis nicht mehr erst am Ende eines Projekts erfolgen. Sie muss im Gegenteil von Anbeginn an Teil der Planung des Erfolgs sein und die Erdung hochfliegender Visionen sicherstellen.

Das Gegensatzpaar Praxis und Theorie in Verbindung mit zivilgesellschaftlichen Organisationen unterscheidet sich meines Erachtens nicht von einer Praxis-Theorie-Debatte in Politik und Wirtschaft, nur dass der Gegenstand und die Haltung dahinter möglicherweise andere sind – aber nicht sein müssen. Ethisches und philanthropisches Handeln sind keine Alleinstellungsmerkmale zivilgesellschaftlicher Organisationen – auch wenn man das manchmal glauben möchte. Wenn Innovation ins Spiel kommen soll, dann muss auch die Auseinandersetzung mit Wissenschaft erfolgen.

Ein anderes Phänomen ist, dass Stiftungen zunehmend mit Medieneffekten und Kampagnen in die Öffentlichkeit treten. Sie suchen nach gesellschaftlicher Anerkennung oder Ressourcen in Form von fachlichen oder finanziellen Unterstützern. „In der Öffentlichkeit wird nicht nur über Interessen, Werte und Normen verhandelt, sondern es werden auch Deutungen sozialer Phänomene und wissenschaftliche Erkenntnisse in Debatten, aber auch in Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse eingebracht.“2 Ein Beispiel dafür sind etwa Stiftungsakteure aus dem Bau-, Umwelt- oder Ernährungsbereich.

Entscheidungen und Begründungen werden in wachsendem Maße durch wissenschaftliche Überprüfbarkeit legitimiert. Wissen beziehungsweise Wissensbasierung ist eine relevante Ressource für die Ausgestaltung und Weiterentwicklung stifterischen Handelns: Vorhaben sollen auf der Basis von als gesichert attestiertem Wissen entschieden werden. Oft hängen Zustiftungen, Spenden oder die Engagementbereitschaft möglicher Kooperationspartner davon ab, ob durch eine Evaluation etwa Evidenz- und Wissensbasierung festgestellt wurden. Stiftungen lassen immer häufiger Wissen generieren oder beziehen sich auf Wissensbestände, um ihre Standpunkte zu untermauern. Typische Beispiele sind hier medizinische Vorhaben, Klimawandel oder Gentechnologie. Stiftungen nehmen dann die Rolle von „Intermediären“ ein, wenn sie an der Ausbildung, der Formulierung, der Artikulation, der Aggregation oder gar der Durchsetzung von gesellschaftlichen Interessen mitwirken wollen und dabei zwischen Praxis und Theorie vermitteln.

Noch – so meine Einschätzung – ist die Kompetenz zum reflexiven Dialog zwischen Praxis und Theorie, aber auch zwischen den Stakeholdern von Wissenschaftsbereichen, Politikern und der Zivilgesellschaft nicht wirklich verbreitet. Die Schader-Stiftung hat in den letzten Jahren durch die Bereitstellung von Räumen und die Organisation von Dialogen eine Art „Zwischenraum“ geschaffen. Sie ist dabei „Übersetzer“, „Ermöglicher“ oder eben auch intermediär tätig und baut zumindest zwischen den Gästen Brücken. Noch erlebe ich diese Brücken eher als Pontons, die auf- und wieder abgebaut werden. Sie zu stabilisieren und zu verstetigen ist eine spannende Aufgabe, die auch in Zukunft weiter verfolgt werden sollte. Dabei müssten meiner Meinung nach unter anderem folgende Themenschwerpunkte noch mehr in den Blick geraten: Verdeutlichung der Notwendigkeit, Verständigung und Herstellung von Augenhöhe sowie Entsäulung.

Verdeutlichung der Notwendigkeit

Die Notwendigkeit des Diskurses zwischen Theorie und Praxis wird vermutlich durch die Veränderungen in der Gesellschaft gegeben. Stiftungen können und sollen nicht ausschließlich reaktiv arbeiten. Sie müssen sich um Agenda-Setting bemühen, zum Beispiel jene Themen aufgreifen, die andere nicht thematisieren wie etwa „zivile Werte“. Zu diesem Zweck müssen sie sich mit Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, mit anderen Institutionen und Organisationen zusammen tun. Die -ismen dieser Zeit lassen sich nicht alleine bekämpfen und die Erwartungen der Zivilgesellschaft werden größer.

Verständigung und Herstellung von Augenhöhe

Die Praxis – als Kunde und Auftraggeber für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft – muss als Korrektiv für wissenschaftliche Höhenflüge anerkannt werden. Die Wissenschaft muss ihren Elfenbeinturm verlassen. Im Diskurs um gesellschaftlich relevante Themen werden die sprachliche Verständigung und das transdisziplinäre Problemverständnis zentrale Herausforderungen sein. Es bedarf der gemeinsamen Reflexion von Sachverhalten auf allen Ebenen, um gemeinsame Orientierungspunkte von Wissenschaft und Praxis – aber auch der Verwaltung – zu erkennen. Dafür müssen eine Sprache und ein Wording gefunden werden, die eine konstruktive Reflexion ermöglichen.

Entsäulung

Es ist noch nicht so lange her, dass sich Stiftungen ähnlich wie Wirtschaftsunternehmen zusammentun und gemeinsam über gesellschaftliche Entwicklungen nachdenken. Auch Prozesse des gemeinsamen Reflektierens über den Stiftungs-Tellerrand hinaus, das heißt unter Einbezug der Gesellschaftswissenschaften im weiteren Sinne sowie unter Einbindung der bislang immer noch extrem nach Zuständigkeiten versäulten Politik und Praxis sind nur vereinzelt feststellbar. Der Versuch, die Ministerien für Kultus, Soziales und Gesundheit an einen Tisch zu bekommen, bringt mich beispielsweise immer noch zur Verzweiflung. 

Die Transferdebatte ist unabdingbar, wenn wir eine gesellschaftliche Weiterentwicklung sicherstellen wollen. Wissenstransfer verläuft nicht als linearer Prozess innerhalb einer Zuständigkeit und schon gar nicht top down. Er ist ein interaktiver, wechselseitiger und rückgekoppelter Prozess zwischen Wissenschaften und Praxis. Ein erfolgreicher Transfer setzt voraus, dass wissenschaftliche Hypothesen und Forschungsinteressen aus Sicht der Praxis von Anfang an in ein Projekt integriert werden.

Zonen der übergreifenden Reflexion und des systemischen Dialogs entstehen, wo Theorien, Denkstile und Handlungsformen gemeinsam auf den Prüfstand gestellt werden. Die Aufgabe und Herausforderung der nächsten Jahre wird sein, die Bedeutung und Bewertung der systemischen Intelligenz herauszuarbeiten und jene praktische Systematik zu entwickeln, die auch über die Schader-Stiftung hinaus einen übergreifenden nachhaltigen Dialog zwischen reflektierter Praxis und reflektierter Wissenschaft ermöglicht.

Für Ihre Initiative, Herr Schader, sei herzlich gedankt! Sie muss weitergehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der erweiterten Dokumentation des Symposiums „Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften“, das anlässlich des 90. Geburtstags des Stifters Alois M. Schader am 16. Juli 2018 im Schader-Forum stattfand.

Daniela Kobelt Neuhaus: Was haben Stiftungen mit Öffentlicher Wissenschaft zu tun? In: Alexander Gemeinhardt (Hrsg.): Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften. 30 Jahre Schader-Stiftung, Darmstadt 2018, 169-172.

Die Autorin:
Daniela Kobelt Neuhaus ist Vorstandsmitglied der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie. Sie verantwortet die Bereiche operative Inlandsarbeit und Bildungsinstitute. Zudem ist sie zuständig für die Geschäftsführung der „hessenstiftung – familie hat zukunft“.

1 Leseberg, Nina / Timmer, Karsten (2015): Stifterstudie 2015. Stifterinnen und Stifter in Deutschland. Engagement– Motive – Ansichten. Berlin: Bundesverband Deutscher Stiftungen.

2 Kommission zur Strategieüberprüfung der Stiftung Mercator (2014): Empfehlungen. Online verfügbar unter www.stiftung-mercator.de/media/downloads/3_Publikationen/Kommissionsbericht_2014_Stiftung_Mercator.pdf (08.11.2018), S. 6.