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Information, Dialog, Beteiligung – Wie öffentlich kann Wissenschaft sein?

Artikel vom 20.03.2015

Ein Vortrag von Markus Weißkopf im Rahmen der Werkstatt „Öffentliche Wissenschaft“ am 20. März 2015 im Schader-Forum Darmstadt.

Wie öffentlich kann Wissenschaft sein?

Was bedeutet eigentlich „Öffentliche Wissenschaft“? Eine eindeutige Definition des Begriffs gibt es wohl nicht. Schon Heinz Haber, Physiker, populärwissenschaftlicher Fernsehmoderator und Mitbegründer der Zeitschrift Bild der Wissenschaft, nutzte diesen Begriff im Jahr 1969. Er verband damit hauptsächlich die Information der Bevölkerung über wissenschaftliche Themen. Aber ich denke, dass sein Verständnis wohl nicht das trifft, was wir hier und heute darunter verstehen. Die Soziologin und Kulturwissenschaftlerin Caroline Robertson-von Trotha hat 2011 „Öffentliche Wissenschaft“ als transdisziplinären Diskurs mit der Gesellschaft definiert – und klar gegenüber dem Wissenschaftsjournalismus und der Wissenschafts-PR abgegrenzt. Um nun noch einen weiteren Begriff in die Runde zu werfen: Ich sehe mich als Vertreter der Wissenschaftskommunikation, die aus meiner Sicht sowohl die PR als auch die Öffentliche Wissenschaft wie hier beschrieben umfasst.

Damit wir – trotz schwieriger Begriffsklärung – prinzipiell über das selbe reden, möchte ich zunächst auf die verschiedenen Möglichkeiten eingehen, wie Wissenschaft und Öffentlichkeit miteinander in Kontakt treten können. Erstens gibt es den „klassischen“ Weg über die Medien: Eine Pressemitteilung wird herausgegeben, ein Interview geführt und dies ist dann in den traditionellen Medien wie Fernsehen, Zeitungen oder Radio zu sehen, zu hören oder zu lesen. Der Vorteil dieses Weges liegt in der hohen Reichweite dieser Medien sowie in der Einordnung und Bewertung der Informationen, die – zumindest in den Medien mit einem gewissen Qualitätsanspruch – stattfinden. Ein zweiter Weg ist die direkte Information der Bevölkerung durch die Wissenschaft. Die „Öffnung des Elfenbeinturms“, die insbesondere mit dem PUSH-Memorandum 1999 in Gang kam, brachte unter anderem Lange Nächte, Kinderunis und Science Slams mit sich, die Bürgerinnen und Bürger über Wissenschaft informieren, aber auch dafür begeistern wollen. Dieser Weg ermöglicht dem Publikum oft den direkten Kontakt mit der Wissenschaft und den Wissenschaftlern selbst. Aber trotz immer noch steigender Besucherzahlen können wir damit kein Massenpublikum erreichen und selten jene, die gemeinhin als bildungsfern bezeichnet werden. Dies gelingt auch nicht durch die vielfältigen Magazine der Hochschulen und Institutionen und nur begrenzt über Social Media. Und: Die Informationen, die über diesen Weg das Publikum erreichen sind immer institutionengebunden bzw. potenziell interessengeleitet und ungefiltert.

Doch der direkte Draht der Wissenschaft zu den Bürgern – ohne den Umweg über die klassischen Medien – hat auch einen Vorteil: Und dieser bringt uns zum dritten Weg, um den es hier hauptsächlich gehen soll. Er macht den Dialog mit und die Beteiligung der Bürger an Wissenschaft und Forschung möglich.

Dabei möchte ich zwei Bereiche unterscheiden, in denen Wissenschaft, Forschung und Bürger zusammenarbeiten können: Die Forschungsprojekte eines Wissenschaftlers oder einer Arbeitsgruppe auf der einen, sowie übergeordnete Fragestellungen, mit  denen ganze Fachgebiete, Wissenschaftsbereiche, Akademien oder Ministerien beschäftigt sind, auf der anderen Seite.

In Forschungsprojekten können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an verschiedenen Stellen des Forschungsprozesses den „Open Science“ genannten Ansatz umsetzen. Open Science will den wissenschaftlichen Prozess im Idealfall von der ersten Idee bis zur Publikation öffnen, um diesen möglichst transparent und für alle zugänglich und nutzbar zu machen. Der knappen Zeit geschuldet, will ich hier nur zwei Beispiele nennen, wie und wo das funktionieren kann. Die Crowdfunding-Plattform Sciencestarter (www.sciencestarter.de) bietet Forschungsprojekten die Möglichkeit, über viele Kleinförderer unterstützt und finanziert zu werden. Die Unterstützer bringen sich dabei oftmals auch inhaltlich ein und geben Feedback zu dem Projekt. Als Dankeschön beziehen die Wissenschhaftler ihre Unterstützer auf verschiedene Arten in das Projekt ein, sei es zum Beispiel durch regelmäßige Updates zum Verlauf des unterstützten Projekts, ein Treffen oder eine Namensnennung. Eine andere Möglichkeit, Bürgerinnen und Bürger an eigenen Forschungsprojekten zu beteiligen, ist die sogenannte Citizen Science. Hier arbeiten Bürger derzeit hauptsächlich bei der Datengenerierung und der Datenanalyse mit. Sie beobachten Schmetterlinge oder die Lichtverschmutzung in Städten oder sie analysieren Teleskopaufnahmen, um Galaxien einzuordnen. Die derzeit bekanntesten Projekte in Deutschland finden Sie übrigens auf unserer Plattform www.buergerschaffenwissen.de. Sie sehen, es gibt bereits vielfältige Ansätze, die Öffentlichkeit in die eigene Forschung einzubeziehen – und Wissenschaft auf diese Weise öffentlich zu machen.

Auch für den anderen Bereich, die Beteiligung der Bürger an übergeordneten Fragestellungen, etwa zur Erfoschung und zum Einsatz neuer Technologien wie Fracking oder zu deren moralischen, ethischen und gesellschaftlichen Aspekten, gibt es einige Beispiele. Ein prominentes ist sicherlich der Bürgerdialog des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), der von 2011 bis 2013 die Zukunft der Energie-, Medizin- und Demografieforschung behandelte. Aus meiner Sicht ein gutes Pilotprojekt, wenn auch die Frage nach der Verwendung der Ergebnisse – den von den Beteiligten formulierten Handlungsempfehlungen – nicht wirklich zufriedenstellend geklärt war. Ob eine wirkliche Beteiligung stattfindet, hängt maßgeblich mit dem Mandat bzw. dem Auftrag zusammen, der im Rahmen des Projektes  vergeben wurde. Da die Verwertung der Ergebnisse oft unklar ist, konzentriert sich Wissenschaft im Dialog derzeit auf Veranstaltungsformate, die eine Konsultation der Bürger verfolgen. Dies kann zum Beispiel in Fishbowl-Diskussionen, World Cafés, Barcamps oder Hack Days geschehen. Eine Beteiligung an Entscheidungen zu wissenschaftlichen Fragestellungen im nationalen Rahmen ist noch nicht in Sicht – und in vielen Fällen ist auch noch nicht geklärt, wie diese aussehen könnte und ob sie wünschenswert ist.

Bevor ich nun zum Schluss komme, noch ein Wort zu den Geistes- und Sozialwissenschaften: Sind diese denn bezüglich der Kommunikation von den Natur- und Technikwissenschaften grundsätzlich zu unterscheiden? Ich glaube nicht. Natürlich gibt es hier kaum kontroverse neue Technologien, die ihnen entspringen wie etwa die Gentechnik oder das Fracking. Dafür gibt es andere diskussionwürdige Themen und eben viele Bereiche, die – gerade in der Soziologie – sehr nahe an der Lebenswirklichkeit der Menschen sind. Ich denke da zum Beispiel an Themen wie Soziale Innovationen, Kriminalität oder das Zusammenleben der Generationen.

Zusammenfassend will ich sagen, dass die Wissenschaftskommunikation zunehmend ihren Fokus auf den Dialog und die Beteiligung legt und dass darin auch eine große Chance für die Wissenschaft selbst liegt. Dies stellt uns jedoch auch vor neue Herausforderungen: Welches sind geeignete Formate, um Bürgerinnen und Bürger zu involvieren? Wann ist es möglich und sinnvoll, Entscheidungsprozesse unter Einbeziehung der Öffentlichkeit durchzuführen und wer erteilt wem das Mandat dazu? Und wie schaffen wir es, Wissenschaftler für diese Aufgaben zu qualifizieren und zu motivieren?

Gleichzeitig sollten wir die anderen Wege nicht vernachlässigen, die hauptsächlich der Information der Öffentlichkeit dienen. Um ein nachhaltiges Modell einer guten Wissenschaftskommunikation, bzw. einer Öffentlichen Wissenschaft zu generieren, benötigen wir alle Ebenen der Kommunikation – Informationen über Medien und über die Wissenschaftsorganisationen direkt, sowie Dialog und Beteiligung. Sie alle erfüllen unterschiedliche Aufgaben und dienen doch dem selben Ziel: In einer immer komplexer werdenden Welt, die auf dem Weg in eine Wissenschaftsgesellschaft ist, wollen wir mündige Bürger, die Interesse an Wissenschaft und Forschung zeigen und sich aktiv in deren Belange einbringen. 

 

 

Die Vortragsfolien finden Sie im Downloadbereich.