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Vom Wandel der Arbeitswelten

Artikel vom 14.04.2011

Hans Kanne, Die neue Werkhalle, o.J., © Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Da gerade Künstlerinnen und Künstler ein ausgeprägtes Gespür für aktuelle gesellschaftliche Diskurse haben und sich diese gesellschaftlichen Diskurse dann auch in ihren Werken zeigen, ist die Beschäftigung von Künstlerinnen und Künstlern mit dem Sujet „Arbeit“ von besonderem Interesse. Von Ralph Bruder

Einführung

Alfred Nungesser, Zurückgelehnter Schlafender, ca. 1930, © Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Die Bedingungen, aber auch die Gegenstände menschlicher Arbeit sind einem ständigen Wandel unterworfen. Diese zunächst trivial erscheinende Aussage hat für den Einzelnen gerade in der heutigen Zeit eine wichtige Bedeutung. Führt doch der Wandel der Arbeitswelt immer auch zu einer Abkehr von Gewohntem. Die Aufforderung lautet, sich mit dem Neuen, dem Ungewohnten zu beschäftigen. Jeder Einzelne soll sich ständig und lebenslang lernwillig für die neuen Arbeitswelten zeigen und sich den geänderten Rahmenbedingungen flexibel anpassen können.

Aber nicht nur das Individuum, sondern auch Gesellschaften befassen sich mit ihrem jeweiligen Verständnis von Arbeit. Denn es sind ja gerade die jeweils herrschenden Vorstellungen einer Gesellschaft über die menschliche Arbeit, auf deren Grundlage definiert wird, was in dieser Gesellschaft als zumutbare Bedingungen für die arbeitenden Menschen angesehen wird. Solche als zumutbar oder eben als nicht zumutbar angesehenen Bedingungen finden sich dann wieder in Gesetztestexten, in betrieblichen Vereinbarungen und auch im öffentlichen Diskurs zu menschlicher Arbeit. Da gerade Künstlerinnen und Künstler ein ausgeprägtes Gespür für aktuelle gesellschaftliche Diskurse haben und sich diese gesellschaftlichen Diskurse dann auch in ihren Werken zeigen, ist die Beschäftigung von Künstlerinnen und Künstlern mit dem Sujet „Arbeit“ von besonderem Interesse.

Mit der Ausstellung „Arbeitswelten“ werden künstlerische Betrachtungen zur Arbeit vorwiegend aus dem letzten Jahrhundert vorgestellt. Dass in der Ausstellung in der Mehrzahl Werke aus dem ersten Viertel des letzten Jahrhunderts gezeigt werden, ist kein Zufall. Im 20. Jahrhundert hatte die sich im 19. Jahrhundert im Zuge der industriellen Revolution entstandene Arbeitsgesellschaft etabliert (Kocka, 2001).

Die prägende Bedeutung der Arbeit für das Individuum und die Gesellschaft waren zu dieser Zeit geradezu bildlich erfassbar (vgl. E. Bracht „Hermannshütte in Hoerde“, M. Deutsch „Industrielandschaft“. Die schwierigen Lebensbedingungen für die Menschen in den Städten zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden beispielsweise von Architekten und Stadtplanern aufgegriffen und führten zur Verabschiedung der unter Federführung von Le Corbusier entwickelten „Charta von Athen“, die auf dem IV. Kongress der CIAM (Congrès Internationaux d'Architecture Moderne) 1933 in Athen verabschiedet wurde und u.a. die funktionale Trennung von Wohn- und Arbeitsorten vorsah. Aber nicht nur auf den Grundrissen der Städte waren die Spuren industrieller Arbeit deutlich sichtbar geworden. Auch den Gesichtern arbeitender Menschen war die Härte der (vorwiegend) körperlichen Arbeit anzusehen (vgl. A. Rassenfosse „Industriearbeiterin“, G. Erler „Bergmann“).

Von Adolf Levenstein wurden Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Umfragen unter Industriearbeitern veröffentlicht (Levenstein, 1912). In den subjektiven Äußerungen von Industriearbeitern ist wenig von Arbeitslust, sondern viel von Arbeitsleid zu lesen (Kocka, 2001). Dies ist bei den damaligen Arbeitsbedingungen, die nicht zuletzt durch hohe körperliche Anforderungen bei gleichzeitigem Fehlen von technischer Unterstützung gekennzeichnet ist, nicht verwunderlich (vgl. B. Hoetger „Sackträger“).

Der Arbeitsbegriff

Julius C. Turner, Weberei, 1926, © Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Die besondere gesellschaftliche Relevanz sowie individuelle Bezogenheit der Arbeit wird in einer Definition des Arbeitsbegriffs nach Rohmert (1993) deutlich, nach der unter Arbeit alles subsumiert wird, „was der Mensch zur Erhaltung seiner Existenz und/oder der Gesellschaft tut, soweit es von der Gesellschaft akzeptiert und honoriert wird“.

Bei der Analyse, Bewertung und Gestaltung menschlicher Arbeit gilt es immer zu berücksichtigen, dass eben diese Arbeit neben der Ausrichtung auf objektive Zielsetzungen bestimmten subjektiven Zwecken dient und im Allgemeinen besonderen Sinn für den Menschen stiftet (Schlick, Bruder, Luczak, 2010). Auf diesen wichtigen Aspekt weist beispielsweise Papst Johannes Paul II in seiner Enzyklika Laborem Exercens (Papst Johannes Paul II 1981) hin: „Die Arbeit ist eines der Kennzeichen, die den Menschen von den anderen Geschöpfen unterscheiden, deren mit der Erhaltung des Lebens verbundene Tätigkeit man nicht als Arbeit bezeichnen kann; nur der Mensch ist zur Arbeit befähigt, nur er verrichtet sie, wobei er gleichzeitig seine irdische Existenz mit ihr ausfüllt“. Die bisherigen Beschreibungen zielten primär auf Erwerbsarbeit ab, wie sie im primären, sekundären oder tertiären Sektor einer Volkswirtschaft anzutreffen ist. Daneben finden sich jedoch vielfältige Formen unbezahlter Arbeit, die häufig auf einem Solidarprinzip basieren, z.B. Arbeit im eigenen Haushalt, Kindererziehung, Altenpflege sowie ehrenamtliche Tätigkeiten (siehe Landau und Stübler 1992).

Neuere Entwicklungen versuchen daher mögliche Trennungen eher aufzuheben, wie beispielsweise bei einem flexiblen Übergang vom „Arbeitsleben“ in den Ruhestand, bei verschiedenen Formen von Telearbeit oder bei der zunehmenden Verzahnung von Arbeits- und Freizeit. Zwei unterschiedliche Begriffe für Arbeit - eine subjekt- und eine objektorientierte Sichtweise - finden sich in zahlreichen Sprachen, z.B. im Englischen „work und „labour“, im Französischen „oeuvre“ und „travail“ (von lat. „tripalium“, eine Foltermethode; Arendt 1981), im Russischen „trud“ und „rabota“, im Lateinischen „opus“ und „labor“. Oftmals wird damit zwischen den wirtschaftlich- technischen Aspekten von Arbeit (produkt-, effizienzbezogen: „Produktivitätsaspekt“) einerseits, und den menschbezogenen Aspekten (Anstrengung, soziale Auswirkungen: „Humanitätsaspekt“) andererseits unterschieden (Hilf 1972; Rohmert und Luczak 1975). Arendt (1981) unterscheidet in diesem Sinne zwischen „Arbeiten“ und „Herstellen“. Der arbeitende Mensch findet sich danach entweder in der Rolle des „animal rationale“ (aus Vernunftsgründen nach Arbeitsauftrag abhängig tätiges Lebewesen, das Sachzwängen mehr oder weniger machtlos ausgeliefert ist) oder der des „homo faber“ (produzierender Mensch) wieder. In der Ausstellung finden sich sowohl Beispiele für das „animal rationale“ (P. Holz „Schlachter mit Kalb“, J. C. Turner „Weberei“, als auch für den „homo faber“ (P. Halm „Schreiner an der Werkbank“, A. Bode Drechslerwerkstatt“.

Problematisch sind offensichtlich Disproportionalitäten bei der Arbeit zugunsten des erstgenannten Aspekts (Schlick et al. 2010), d.h. Tätigkeiten, bei denen die Sachzwänge über die persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen dominieren.

Arbeit auf den Aspekt der Anstrengung ohne produktiven Output zu reduzieren, taucht schon in der antiken Mythologie als Fluch oder Strafe der Götter auf, etwa die Aufgabe des Sysiphos, einen Stein den Berg hinauf- und hinunterzurollen, oder der Danaiden, Wasser in ein Fass ohne Boden zu schöpfen; beides Tätigkeiten, die zu keinem produktiven Output führen können (Schlick et al. 2010). Auch für den gegenteiligen Fall eines Konsums ohne Produktionsaufwand (als gesellschaftliches Grundprinzip) lässt sich die Mythologie bemühen: In der christlichen Genesis wird dieser Zustand als Paradies beschrieben. Der Entzug dieser Konditionen, d.h. der nunmehrige Zwang für den Menschen, den Lebensunterhalt „im Schweiße seines Angesichts zu sichern, erfolgt ebenfalls als göttliche Strafe (Kurnitzky 1979).

Moderne Arbeitswelten

Jean Paul Kayser, Dampfschiffe, ca. 1920, © Hessisches Landesmuseum Darmstadt

In der Ausstellung finden sich Beispiele moderner Arbeitswelten im Zusammenhang mit Tätigkeiten im Dienstleistungsgewerbe (H. Kanne). Bei diesen dargestellten Beispielen befindet sich Arbeit in einem klar definierten Raum (beispielsweise dem Café oder der Schusterwerkstatt) und auch die Protagonisten der Arbeit sind als solche an ihrer jeweils berufsspezifischen Kleidung gut zu erkennen. Aber genau diese eindeutige örtliche sowie zeitliche Zuordnung und die äußere Erkennbarkeit von Arbeit geht zunehmend verloren. Die zeitliche und örtliche Flexibilität sind daher seit einigen Jahren die gerne wiederholten Schlagwörter, wenn es um die Zukunft der Arbeit geht. Die Kölner Unternehmensberatung Z_punkt fasst diese Zukunftsaussicht für die menschliche Arbeit auf ihrer Homepage mit dem folgenden Zitat zusammen: „Arbeite mit wem, wann und wo du willst. (Zitat Z-Punkt: www.z-punkt.de).

Aufgrund ihrer Dominanz für das individuelle und gesellschaftliche Leben ist die Zukunft der Arbeitswelt immer wieder Gegenstand von Spekulationen. In Abhängigkeit von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, aber auch von technologischen Entwicklungen dominiert in diesen Spekulationen mehr oder weniger die Frage, ob und für wen es zukünftig noch Arbeit geben wird. Die Beschäftigung mit dem „Ende der Arbeit und ihrer Zukunft“ (nach Jeremy Rifkin 1995) ist gerade in Krisenzeiten hoch aktuell, was diverse aktuelle Beiträge und Kommentare bestätigen. Für die Zukunft der Arbeitswelt gilt es allerdings nicht nur ihre volkswirtschaftliche Notwendigkeit, sondern gerade auch die subjektbezogene Bedeutung von Arbeit zu berücksichtigen. Aufgrund der Wichtigkeit für das subjektive Wohlbefinden wird Arbeit daher auch und gerade in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft unverzichtbar sein.

Unstrittig ist allerdings auch, dass ein individuelles Zuviel an Arbeit negative Folgen im Sinne einer Beeinträchtigung der körperlichen und psychischen Gesundheit haben und auch das soziale Gefüge der Arbeitenden stark beeinträchtigen kann. Die jüngsten Diskussionen zu den negativen psychischen Folgen des Umgangs mit immer mehr Information in immer kürzerer Zeit oder aufgrund eines zunehmenden Zeit- und Erfolgsdrucks sind ein Beispiel für die mögliche Überschreitung von Schädigungs- und Erträglichkeitsgrenzen durch Arbeit. Das Finden des rechten Maßes der Arbeit und der schonende Umgang mit menschlichen Ressourcen werden demnach zu wichtigen Zukunftsthemen. Wie viel technische Unterstützung ist sinnvoll und ab welcher Grenze wird zu viel Technik zu einer erhöhten Belastung? Wie lang sollten kontinuierliche Arbeitsblöcke am Tag, in der Woche, im Jahr, im Berufsleben und darüber hinaus minimal und maximal sein? Wie flexibel können und sollten Beschäftigungsverhältnisse sein und welche Standards werden weiterhin benötigt? Häufig zeichnet sich die Gestaltung menschlicher Arbeitswelten durch das Prinzip des „trial-and-error“ aus. Die Auswirkungen des Einsatzes neuer Techniken (z.B. E-Mails als Kommunikationsmitttel), neuer Managementansätze (z.B. Verschlankung in allen Unternehmensbereichen) oder der erhöhten Mobilität zeigen sich dabei erst mit einer großen zeitlichen Verzögerung.

Aber zuweilen hilft auch ein Blick zurück, um die Folgen zukünftiger Arbeitswelten auf individualer und gesellschaftlicher Ebene abschätzen zu können. So ist die zunehmende Mobilität nicht selten mit einer Vereinsamung verbunden, die auch schon von Künstlern im letzten Jahrhundert dargestellt wurde. Aber auch die Folge einer zeitlich entgrenzten Arbeit auf die Beschäftigten wurde schon in den 20er/30er Jahren des letzten Jahrhunderts künstlerisch aufgegriffen und durch Schlafende im öffentlichen Raum dargestellt (A. Nungesser, Schlafende). An die Bilder von Schlafenden in den Vorortzügen der globalen Großstädte haben wir uns mittlerweile gewöhnt und es ist zu erwarten, dass menschliche Lebensrhythmen zukünftig noch stärker von den Bedingungen der Verstädterung, aber auch von den zunehmend zeitlich flexiblen Rahmenbedingungen der Arbeit dominiert werden.

Es bleibt also die Frage, welchen Einfluss die Arbeit auf unser Leben zukünftig nehmen wird. Wird die Arbeit auch weiterhin eine hohe Bedeutung haben oder wird die gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit insgesamt abnehmen (Kocka, 2001)? Hier sind gerade auch heute Künstlerinnen und Künstler aufgerufen, sich und uns ein Bild von der Arbeit zu machen. Denn durch solche Bilder und künstlerischen Darstellungen wird der notwendige Diskurs zur Zukunft menschlicher Arbeit angeregt werden.

Der Autor: Ralph Bruder ist Professor am Institut für Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Darmstadt. Der Beitrag erschien zuerst im Katalog der Ausstellung „Arbeitswelten. Bilder gesellschaftlichen Wandels 9“, die vom 14. April bis 10. Juli 2011 in der Galerie der Schader-Stiftung stattfand. 

Literatur

  • Arendt, H. (1981): Vita activa oder vom tätigen Leben. Piper, München, Zürich Hilf, H. (1972): Systematik der Arbeitswissenschaft. Arbeit und Leistung 26: 49-54 (Teil 1); 26: 85-90 (Teil 2)
  • Kocka, J. (2001): Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit. Aus Politik und Zeitgeschichte B21/2001, S. 8-13
  • Kurnitzky, H. (1979): Zur Archäologie der Arbeit. In: Kurnitzky, H. (Hrsg.): Psychoanalyse und Theorie der Gesellschaft. Medusa Verlag, Berlin
  • Landau, K.; Stübler, E. (1992): Die menschliche Arbeit im Dienstleistungsbereich als Gegenstand von Forschung und Lehre. In: Landau, K.; Stübler, E. (Hrsg.): Die Arbeit im Dienstleistungsbetrieb: Grundzüge einer Arbeitswissenschaft der personenbezogenen Dienstleistungen. Ulmer, Stuttgart
  • Levenstein, A. (1912): Die Arbeiterfrage. Mit besonderer Berücksichtigung der sozialpsychologischen Seite des modernen Großbetriebes und der psycho-physischen Einwirkungen auf die Arbeiter. Verlag E. Reinhardt, München
  • Papst Johannes Paul II (1981): Enzyklika Laborem Exercens. Libreria Editrice Vaticana Rohmert, W. (1993): Arbeitswissenschaft. In: Wittmann, W., Kern, W., Köhler, R., Küpper, H.U., Wysocki, K. (Hrsg.): Handwörterbuch der Betriebswirtschaft. Teilbd. 1, 5. Auflage, A.-H. Poeschel, Stuttgart, S. 120-131
  • Rifkin, J. (1995): Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Campus, Frankfurt
  • Rohmert, W., Luczak, H. (1975): Geschichte und Probleme der Ergonomie. In: Schmidtke, H. (Hrsg.): Handbuch der Ergonomie. Carl Hanser Verlag, München, Wien