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5 Fragen an ehrenamtliche Helfer - Wer schafft das?

Artikel vom 10.10.2017

Zwei Menschen aus Darmstadt, die Flüchtlingen helfen: Johannes Borgetto ist schon lange aktiv in der Betreuung von Asylsuchenden, Iris Welker-Sturm kümmert sich besonders um Mütter und sprachliche Integration. Wie erleben sie ihr Engagement, welche Perspektive geben sie ihrer Arbeit?

1. Wie kamen Sie zu Ihrem Ehrenamt? Warum wollten Sie sich für Geflüchtete engagieren?

J B : Aufgrund biographischer Erfahrung habe ich wohl eine intensivere Empathie für Menschen in unsteten Situationen entwickelt. In der Jugendarbeit führte das zum Kontakt mit Spätaussiedlern, in der Studienzeit zu Begegnungen mit Juden deutscher Abstammung, insbesondere in Israel. In der Berufstätigkeit setzte sich das dann mit der Betreuung von ausländischen Studierenden fort und später in der Migrationsberatung. Damit war immer auch eine Neugier auf andere Kulturen verbunden. Flucht ist die bedrückendste Form der Migration. Flüchtlinge sind die Schutzlosesten unter den Heimatlosen. Ich war stolz auf den Grundrechtsartikel „politisch Verfolgte genießen Asylrecht“, ohne Wenn und Aber. Ich möchte an der weiteren Offenhaltung unserer Gesellschaft mitarbeiten. Weil für Menschen im Asylverfahren zu wenig Angebote gemacht werden, setze ich mich seit circa 25 Jahren hauptsächlich für diese Zielgruppe ein.

IW-S: Mein Freundeskreis und ich haben gesehen, dass viele Geflüchtete nach Darmstadt kommen und dass wir ebenso wie sie ein Interesse daran haben, sie teilnehmen zu lassen am Leben in unserer Stadt; sie sollten sich hier angenommen fühlen. Dazu ist nicht nur die Sprache notwendig. Es gab erste Angebote an Sprach- und so genannten Integrationskursen, die aber meist außerhalb der Wohngebiete und ganztags stattfanden. Der Besuch solcher Kurse ist für Frauen mit Kindern kaum möglich. Hinzu kommt, dass die Kursleiter meist nach Vorkenntnissen fragen, um eine möglichst homogene Gruppe zu bilden. Die Bandbreite der Kenntnisse vor allem bei Müttern ist aber enorm und häufig ist auch die regelmäßige Teilnahme – trotz hoher Motivation – nicht gewährleistet. Nicht-Alphabetisierte und Personen, die noch nie eine Schule besucht haben, trauen sich selten oder geben schnell auf. Auch muss für  Kinderbetreuung gesorgt werden, zumal einige Frauen alleinstehend sind. Deshalb schien uns ein flexibles, individualisiertes und niederschwelliges Angebot vor Ort besonders für Frauen notwendig. Die Frauen sollten nicht wieder auf die drei K reduziert werden, sondern eine eigenständige Perspektive entwickeln können. Denn die Gefahr für die Elternautorität ist groß, wenn die Erwachsenen mit der Entwicklung der Kinder nicht wenigstens mithalten können.

2. Was machen Sie konkret für beziehungsweise mit den Geflüchteten?

J B : Ich bin heute an mitverantwortlicher Stelle im ehrenamtlichen „Koordinationskreis Asyl Darmstadt und Landkreis“. Er besteht in unterschiedlicher Form seit den frühen 90er Jahren. Ich sehe meine Aufgabe eher in der Hintergrund- und Organisationsarbeit, zum Beispiel Beratung der Betreuerinnen und Betreuer, Information und Fortbildung. Als Erwachsenenbildner ist mir die Informationsarbeit in der Aufnahmegesellschaft sehr wichtig: Arbeit in Schulen, Kulturveranstaltungen, Lesungen, Begegnungen mit Schutzsuchenden. Unser Arbeitskreis war seit 2013 an der Gründung von fünf lokalen Helferkreisen beteiligt. Wir fühlen uns mitverantwortlich für die Fahrrad-Werkstatt in der Darmstädter Jefferson-Siedlung. Bereits 2008 boten wir den ersten Sprachkurs für Asylsuchende an, die sonst keine Chance zur Erlernung der deutschen Sprache hatten.

IW-S: Wir sind eine Gruppe von zurzeit acht Frauen und bieten seit etwa einem Jahr wöchentlich einen Kurs „Deutsch kreativ“ in der Jefferson-Siedlung an. Das heißt wir lehren in Kleingruppen an Lern-Stationen mit unterschiedlichem Niveau Deutsch. Wir motivieren die Teilnehmerinnen zum Sprechen und zur gegenseitigen Unterstützung. Wir singen Lieder, wir haben die Kräuterbeete in der Siedlung mit vorbereitet, gemeinsam gekocht und einen Flohmarkt besucht. Wir helfen beim Zurechtfinden in der Stadt und bei Schul- und Kitafragen der Kinder und gehen auf Wünsche der Frauen ein. Außerdem vermitteln wir in weiterführende oder intensivere Kurse. Anfangs haben wir auch ein Angebot zum Handarbeiten und Malen gemacht, die Frauen wollten aber vor allem schnell die Sprache lernen.

3. Was war bisher Ihre größte Herausforderung in der Arbeit mit Geflüchteten?

J B : Menschen in eine ungewisse Zukunft ziehen lassen zu müssen, weil sie abgeschoben werden und wir nichts mehr tun können. Zusehen zu müssen, wie Menschen sich verlieren, weil sie monate-, jahrelang nur zum Warten verurteilt sind. Die größte organisatorische Herausforderung haben wir uns für diesen Herbst gestellt: ein Kulturfest, das möglichst viele Asylkreise aus Darmstadt und dem Landkreis zusammenführt, neue musikalische Traditionen in Begegnung mit einheimischer Musik, verbunden mit Kleinkunst und internationaler Küche.

IW-S: Große Anforderungen werden an unsere Flexibilität gestellt. Wir wissen selten, wie viele Teilnehmerinnen kommen und mit welchen Vorkenntnissen und Bedürfnissen. Es ist nicht einfach, in einem Raum einerseits ehemalige Gymnasiallehrerinnen und andererseits Personen zu unterrichten, die noch nie einen Stift in der Hand hatten. Auch mussten wir anfangs geeignetes Lernmaterial selbst herstellen oder besorgen. Nach zwei Stunden sind wir ausgepowert. Aber wir haben einige pädagogische Fachkräfte bei den Betreuerinnen, ich selbst bin Freinet-Pädagogin, Sprachlehrerin und Lerncoach, die meisten Mitstreiterinnen sind selbst Mütter und Großmütter. Es kommt also ein großer Erfahrungsschatz zum Einsatz, auch was die Selbstsorge angeht.

4. Wie reagieren Menschen aus Ihrem persönlichen Umfeld auf Ihr Engagement und wie gehen Sie mit diesen Reaktionen um?

J B : Mein Umfeld besteht aus Gleichgesinnten. In der Familie besteht eher mal Kritik am Ausmaß des Engagements, weniger am Inhalt. Wenn Bedenken bei öffentlichen Auftritten geäußert werden, ist es mir wichtig, diese ernst zu nehmen, weil sie berechtigt sind. Befürchtete Entwicklungen können nur abgewendet werden, wenn sich passive Bedenken in aktive Integrationsmitarbeit wandeln.

IW-S: Meist erfahre ich Anerkennung oder Staunen und Bewunderung. Seltener kommt die Frage, ob das Engagement denn angesichts des riesigen Bedarfs etwas nützt. Inzwischen haben wir ein großes Netzwerk aufgebaut, das uns auch persönlich stützt und nützt. Die Gruppe selbst ist mit Begeisterung dabei und motiviert sich immer wieder neu. Wir verfolgen großartige Entwicklungen. Auch klopfen wir uns ab und zu auf die Schultern und von den betreuten Frauen kommt viel Herzlichkeit und Dankbarkeit, auch noch nachdem sie unseren Kurs schon nicht mehr besuchen.

5. Wie schätzen Sie die Integration in Deutschland angesichts der Flüchtlingssituation ein? Kurz gesagt, schaffen wir das?

J B : Wir müssen uns kontinuierlich um Verständnis in der Aufnahmegesellschaft bemühen. Und wir müssen kontinuierlich auf die Politik einwirken, die sich nur allzu schnell von extremen  Kritiken einer Aufnahmekultur beeinflussen lässt. Menschen fliehen aus ausweglosen Situationen, weil sie einen Neuanfang für ihr Leben suchen. Diese Menschen sind zunächst mal hochmotiviert, neu zu starten. Die deutsche Gesellschaft wächst wieder und ist jünger geworden. Schaffen wir es aber, eine „Perspektive der Angst“ abzuwehren, in der nur entweder/oder, schwarz/weiß herrscht? Schaffen wir das, Verständnis und Empathie zu vermitteln, um aggressive Ängste abzubauen und stattdessen die Furcht vor Fehlentwicklungen in konstruktive Energie umzuwandeln? Schaffen wir das, statt eines abweisend-geschlossenen „Volks“verständnisses eine inklusiv-offene Gesellschaft anzubieten? Schaffen wir das, die Verstrickung unserer Lebensweise in die Fluchtgründe einzugestehen und daraus Verantwortung für eine Aufnahmekultur zu entwickeln?

IW-S: Das Wort Integration meide ich, es geht doch mehr um gegenseitige Annäherung. Wir können viel voneinander lernen und unseren Horizont erweitern. Wir sprechen auch nicht gern von Flüchtlingen. Wir haben es hier mit ungemein mutigen, kreativen und positiv denkenden Personen zu tun, die mit einem so „kleinen“ Wort nicht charakterisiert werden können. Gegenfrage: Warum sollten „wir“ das nicht schaffen? Wenn jeder und jede ein bisschen Platz macht und mithilft oder wenigstens die Tätigen nicht behindert. Gerade die, die sich auf nationale Qualitäten berufen, sollten sich und uns und auch den lebenserfahrenen Neuankommenden etwas zutrauen.

Der Beitrag erschien zuerst im Katalog der Ausstellung „Human Network“, die vom 22. April bis 8. Oktober 2017 in der Galerie der Schader-Stiftung gezeigt wurde.