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Internationalität als urbane Ressource

Artikel vom 25.08.2008

Warum sind internationale Städte so attraktiv? Wie kann eine immer internationaler werdende Stadtgesellschaft ihre Kraft entfalten? Wie können die Potenziale unterschiedlicher ethnischer und kultureller Milieus für urbane Strategien genutzt und aktiviert werden? Es geht darum, Vielfalt als Grundlage der städtischen Entwicklung zu erkennen. Von Rolf Lindner

„Diversity and democracy are synonymous“

Vortrag anlässlich der Konferenz „Zuhause in der Stadt“ am 17. und 18. Juni 2008 in Darmstadt

Der US-amerikanische Historiker David Levering Lewis hat unlängst in einem an der American Academy in Berlin gehaltenen Vortrag den profunden Stellenwert der Vielfalt für das menschliche Zusammenleben auf die eingängige Formel „Diversity and democracy are synonymous“ gebracht. Damit bewegt er sich im Horizont des amerikanischen Pragmatismus, der Vielfalt als Voraussetzung erfolgreicher Kommunikation (und eben nicht als Hindernis) verstanden hat. „It is the diversity in the experiences of individual men“, schreibt Robert Park, „that makes communication necessary and consensus possible. If we always responded in like manner to like stimulation, there would not be, as far as I can see, any necessity for communication, nor any possibility of abstract and reflexive thought. The demand for knowledge arises from the very necessity of checking up and funding these divergent individual experiences, and of reducing them to terms which make them intelligible to all of us“ (Park 1936, p.15). Vielfältige Erfahrungen bringen neues Wissen hervor;  die hermetische Verschlossenheit gegenüber anderen Kulturen führt zur geistigen und kulturellen Stagnation.

In letzter Zeit ist Vielfalt zu einem neuen Schlüsselwort der Kultur- und Sozialwissenschaften geworden. Das kann angesichts der Veränderungen, die mit dem Globalisierungsprozess einhergehen, nicht verwundern: infolge globaler Mobilität und Migration ist Vielfalt zu einem Charakteristikum der Postmoderne geworden. Wie wichtig Vielfalt als soziale Tatsache inzwischen genommen wird, zeigt die wachsende Bedeutung des so genannten Diversity Management als einem zentralen Instrument der Unternehmensführung. Dessen Aufgabe besteht darin, Programme, Strategien und konkrete Maßnahmen zu entwickeln, „um die potentiellen Vorteile von Vielfalt zu maximieren, während mögliche Nachteile minimiert werden“, wie es Taylor Cox, Professor für Human Resource Management an der University of Michigan Business School, mit typischen organisationswissenschaftlichen „can do“-Optimismus formuliert hat. Über diesen engeren Management-Bereich hinaus haben sich die so genannten Diversity Studies als eine integrierende, inter-bzw. transdisziplinäre Forschungsrichtung herausgebildet, die Vertreter der Anthropologie, der Ethnologie und Soziologie, der Psychologie und der Medizin, der Betriebswirtschaftslehre, Politik- und Rechtswissenschaft zusammenbringt.

Diese Diversity Studies wenden sich Fragen der Diversität und Differenz in allen gesellschaftlichen Bereichen – Wirtschaft, Politik, Bildung usw. – zu. Im deutschsprachigen Raum befinden sich die Diversity Studies, die unter diesem Etikett Bereiche wie Gender Studies, Migrationsforschung, Interkulturelle Forschung, Postcolonial Studies und vieles andere mehr subsumieren, noch im status nascendi. An der Freien Universität Berlin wurde im Sommer 2005 ein Forschungsnetzwerk „Diversity Studies“ aus der Taufe gehoben; an der Universität Köln 2006 das Center for Diversity Studies (Cedis) als ein fakultätsübergreifender Forschungs und Lehrverbund gegründet. All diesen Initiativen liegen die Überlegung zugrunde, dass Vielfalt nicht nur ein (administratives, planerisches, politisches) Problem darstellt, sondern vor allem eine Chance, ökonomisch ausgedrückt: eine Ressource bildet. Ja, sie wird sogar zum Motor für Entwicklungen in den verschiedensten Bereichen.

Vielfalt als Essenz des Lebens in der Großstadt

Nun ist Vielfalt als Erfahrungstatsache nicht neu, sie hat vielmehr schon immer einen privilegierten Ort gehabt, der sich als ideales Feld der Diversity Studies anbietet: die große Stadt. Das, was wir Urbanität im emphatischen Sinne nennen, ist ein diversity management sui generis: die Stadt, die Polis, als Forum der Meinungen und als Ort der Begegnungen. Bei der großen Stadt haben wir es mit einer „Welt von Fremden“ zu tun, heißt es bei der Stadtsoziologin Lyn Lofland:  „To live in a city, is among many other things, to live surrounded by large numbers of persons whom one does not know. To experience the city is, among many other things, to experience anonymity. To cope with the city is, among many other things, to cope with strangers”. Dieses Vermögen, mit Fremden zurecht zu kommen, gehört daher zu der Grundausstattung jeden Stadtbürgers. Wenn wir den Gedanken von Lofland, dass die Großstadt eine Welt von Fremden sei (so der Titel ihres Buches), zu Ende denken, dann heißt das auch, dass Fremdenfeindlichkeit letztlich Stadtfeindlichkeit ist. Dass dem so ist, zeigt uns die Geschichte der Stadtfeindlichkeit, die stets mit Ressentiments gegenüber und/oder mit Angst vor dem Fremden einhergegangen ist. Stadtbewohner zu sein und fremdenfeindlich zu sein sollten sich eigentlich ausschließen, weil ein zentrales Charakteristikum der städtischen Lebensform Offenheit und Unvoreingenommenheit ist.

Wenn es ein Stichwort gibt, mit dem die Anziehungskraft, die Atmosphäre und das Wesen der großen Stadt erfasst wird, dann ist es der Begriff der Vielfalt. Vielfalt ist eine sich nie erschöpfende urbane Ressource: Vielfalt in der Herkunft, Vielfalt im Lebensstil, Vielfalt in den beruflichen Orientierungen. Es ist diese im wahrsten Sinne des Wortes vielfältige Vielfalt, die die große Stadt attraktiv macht, die sie als einen Möglichkeitsraum charakterisiert und die deutlich macht, dass Unterschiede zwischen den Menschen die Essenz des Lebens in der Großstadt ausmacht. Die große Stadt ist eine „Menschenwerkstatt“, um den schönen Begriff von Heinrich Mann zu übernehmen. Damit ist nicht nur die Modellierung des Zugezogenen zu einem Städter, sondern auch die innere Differenzierung gemeint, die Herausbildung einer „Artenvielfalt“, wenn ich diese Metapher einmal verwenden darf.

Prozess der inneren Ausdifferenzierung in Städten

Einer der Prozesse, in der sich diese Vielfalt herausbildet, ist die Internationalisierung. Ein einfacher Index für diese Entwicklung ist die Zunahme von Sprachschulen und Sprachkursen. In Darmstadt gibt es, neben den üblichen Englischkursen, Sprachschulen für Chinesisch und Japanisch,  (die vielleicht am deutlichsten die Globalisierung ausdrücken), sowie für Spanisch, Italienisch und Griechisch; signifikant aber ist vor allem die Zunahme an Instituten, die Deutsch als Fremdsprache anbieten. Ein anderer einfacher, aber aussagekräftiger Indikator für die fortschreitende Internationalisierung unserer Städte ist die Vervielfältigung der nationalen Küchen. Gab es vor 30 Jahren in einer Stadt wie Darmstadt (oder meinetwegen Göttingen oder Oldenburg, um Städte ähnlicher Größenordnung zu nennen) allenfalls den Jugoslawen, den Italiener und den Griechen, wie damals gesagt wurde („gehen wir heute zum Griechen?“), so finden wir dort heute, wie uns das Darmstädter Branchenbuch verrät, auch libanesische, mongolische oder sardische Küche und vieles andere mehr. Nationale Küchen, die übrigens nicht immer von Personen betrieben werden, die aus der jeweiligen Region stammen (auch hierin zeigt sich Flexibilität der Migranten), sind nur das offensichtlichste Beispiele für so genannte ethnische Ökonomien. Hinzu kommen eine Vielzahl anderer Unternehmungen: Lebensmittelläden, Textilgeschäfte, Reisebüros; Frisierläden und Nagelstudios; Übersetzungsbüros; Sprach- und Tanzschulen; Pflegedienste und Putzunternehmen u.v.a.m. Die ethnischen Ökonomien sind nur ein Beispiel für den Prozess der inneren Ausdifferenzierung, der den Charakter von Städten entscheidend prägt.

Nirgendwo zeigt sich die große Stadt als Möglichkeitsraum nachdrücklicher als in der Kreativität, die dort hinsichtlich der Erfindung neuer Berufe, neuer Dienstleistungen und neuer Erwerbszweige freigesetzt wird. Auch hier hilft ein Blick in die Gelben Seiten, wo wir alles, vom Alleinunterhalter bis zur Casting-Agentur, vom Bauchtanzstudio bis zur Homepageerstellung, vom Fachgeschäft für Linkshänderartikel bis hin zum Desktop-Publishing finden.  Zentral ist – vor allem, was die so genannten innovativen Ökonomien anbetrifft – dabei die Verbindung von Kreativität mit individuellen Lebensentwürfen. Man muss etwas (anderes) wollen, um kreativ zu sein. Kreativität ist nicht einfach importierbar und implantierbar. Nicht nur in dieser Hinsicht hat die überhitzte Florida-Lektüre bzw. ihre Reduktion auf eine handvoll Rezepte zur Optimierung der Stadtentwicklung meiner Auffassung nach verheerende Folgen. Kreativität hat viele Gesichter, aber es meint stets divergierendes, über den Horizont konventioneller Praxis hinausschießendes Denken. Um kreativ zu sein, muss man „uneins“ sein mit dem Gegebenen und die Schemata der Erfahrung durchbrechen. Die dafür notwendigen Irritationen bietet das Leben in der großen Stadt, durch Konfrontation mit anderen Denk-, Vorstellungs- und Lebenswelten.

Das Prinzip der „offenen“ Stadt

Um die Verbindung von Kreativität mit individuellen Lebensentwürfen zu optimieren sind  Experimentalräume vonnöten, Räume sowohl im physischen  wie im geistigen Sinne, „weiße Flecken“, wie es der Berliner Stadtplaner Karl Schwarz genannt hat, physische und geistige Nischen in  einer durchfunktionalisierten und ökonomisierten Welt. Der gegenwärtige Berlin-Hype verdeckt ein wenig, wie viel diese Stadt ihrer Geschichte als ein Ort des „Als ob“ verdankt, an dem es möglich war, Dinge zu tun, die woanders nicht verwirklichbar waren.  

Es ist die Vielfalt an Herkünften, Praxen und Werthaltungen, ihr widersprüchliches Mit-, Neben- und Gegeneinander, die das kulturelle Kapital der großen Stadt bilden.  Es ist dieses  Kapital, dem wir letztlich die Innovationskraft der großen Stadt verdanken, resultieren doch aus dem Wettstreit, Widerstreit und Zusammenspiel spezialisierter Akteure die städtischen Synergieeffekte, die neue Idee, neue Trends, neue Lebensformen hervorbringen. Das setzt aber das Prinzip der Offenheit voraus, Offenheit sowohl im Sinne des Unvoreingenommenen wie des Zugänglichen, im Sinne des Unentschiedenen wie des noch nicht Abgeschlossenen, des Experimentellen wie, last not least, des nicht Planbaren. Man könnte geradezu sagen, dass das Städtische an der Stadt nicht zuletzt darin besteht, dass es die Grenzen der Planbarkeit aufzeigt. Was wir tun können ist, durch eine Politik der Vielfalt die Rahmenbedingungen zu  schaffen, d.h. das Klima zu schützen, das zum Gedeihen der Vielfalt vonnöten ist. Dazu gehören gewiss konkrete politische Maßnahmen wie eine aktive Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik, die Erleichterung von Einbürgerung sowie die Verbesserung von Zugangschancen in Bildung, Ausbildung und Beruf. Unabdingbar ist darüber hinaus aber das Prinzip der „offenen“ Stadt, das auch die Tolerierung „störender“ Elemente einschließt, seien diese nun soziale Außenseiter oder kulturell Fremde. Es ist ein  Irrtum anzunehmen, das man sich von diesen Elementen „freimachen“ und gleichzeitig die erneuernden Impulse der städtischen Lebensform erhalten kann. Die Freiheitsräume, die die große Stadt gewährt, sind unteilbar. Toleranz sollte nur eine Grenze kennen: gegenüber denjenigen, die intolerant sind. 

Der Autor: Prof. Dr. Rolf Lindner, Soziologe und Volkskundler, lehrte 2008 als Professor am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.