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Das Internet läuft voll

Artikel vom 18.05.2020

Foto: shutterstock

Das Coronavirus und der Wahnsinn im Netz. Ein Blogbeitrag von Wolfgang Schweiger. 

 

Reflexe im Netz

Nach mehreren Wochen Coronakrise scheint das Internet vollzulaufen: Aus allen Ecken und Enden kommt Widerstand gegen die Regelungen von Bund und Ländern. Spekulationen, Fake News und die wildesten Verschwörungstheorien über den Hintergrund der Pandemie kursieren. Sie erreichen Millionen von Menschen, von denen eine augenscheinlich zunehmende Zahl die Befunde und Aussagen von Virologen, Epidemiologen und anderen Wissenschaftlern bezweifelt. Das Erregungsniveau in der Bevölkerung steigt. In einer Zeit, in der der gesellschaftliche Zusammenhalt unabdingbar für das erfolgreiche Überwinden der Krise wäre, scheinen Teile der Gesellschaft auseinander zu rücken. Gleichzeitig vermischen sich vorher getrennte oder einander feindliche Lager – Linke, Rechte, Populisten, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, Fundamentalopposition – im Netz und auf der Straße und marschieren gegen Mainstream und Establishment.  

Viele Behauptungen und Reflexe sind seit Pegida und den Anfängen der AfD vertraut, sie scheinen sich in der Krise aber zu verstärken und auszuweiten: Wer wirklich selbstständig und kritisch denken wolle, dürfe sich nicht auf die klassischen Medien verlassen. Diese steckten mit den politischen und/oder wirtschaftlichen Mächten unter einer Decke. Journalisten seien die willfährigen Vollstrecker eines Unterdrückungssystems namens Demokratie Deutschland AG. Dessen Eliten verachteten das Volk – wer immer das genau sein mag – und wollten es kontrollieren. Sie wollten Bürgerinnen und Bürger gegen muslimische Flüchtlinge austauschen, durch Chemtrails von Flugzeugen vergiften oder mit Nano-Chips fernsteuern. Wer nicht zum ahnungslosen Mainstream der Bevölkerung – den naiven Schafen – gehören wolle, müsse sich aus unabhängigen Quellen informieren und durch den Austausch mit anderen Wahrheitssuchenden und -findenden seine eigene Meinung bilden. All das gebe es ja zum Glück im Internet. Nur so könne man die wahrhaft Schuldigen erkennen und bekämpfen. Entsprechend erfolgreich sind alternative Influencer und Medienmacher im Netz, die häufig fragwürdige Nachrichten und Verschwörungstheorien verbreiten. Nicht nur Ken Jebsen ist mit seinem YouTube-Kanal KenFM erfolgreich, auch alternative Nachrichtenquellen wie die Epoch Times Deutschland sowie Rapper und sonstige Influencer erreichen Millionen von Menschen. 

Politisierung im Netz

Zweifellos haben sich Teile der Eliten in Politik, Wirtschaft, Journalismus ein gesundes Misstrauen verdient. Und natürlich wünschen wir uns in einem demokratischen Rechtsstaat wache und mündige Bürger, die sich umfassend informieren, miteinander diskutieren und sich nicht alles kritiklos bieten lassen. Und doch scheint der öffentliche Diskurs in einem beunruhigenden Maß überhitzt zu sein. Woher kommt das? Klar ist: Nach mehreren Wochen Shutdown, Homeoffice, Diskussionen über die Coronakrise und Sorgen um die persönliche Zukunft sind viele Menschen aufgeregt, frustriert und offensichtlich auch zutiefst politisiert. Mir scheint, die Politisierung großer Teile der Bevölkerung prägt das Netz und das Netz prägt die Politisierung dieser Menschen mehr, als uns derzeit bewusst ist. Zweifellos verbieten sich monokausale Begründungen, immer gehen gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen mit politischen, sozialen, wirtschaftlichen, psychologischen und kulturellen Phänomenen einher. Dennoch ist in der aktuellen Debatte die Rolle des Internets als Informationskanal und Diskussionsraum unterbelichtet. Zwar finden entsprechende Konzepte und einzelne Studien reges öffentliches Interesse. Begriffe wie Fake News, Filterblasen, Echokammern oder Social Bots sind allgegenwärtig. Dabei werden aber einige wesentliche Aspekte übersehen.  

Erstens: Reputation und Seriosität erkennen

Der Kommunikationskosmos Internet bietet eine gigantische Fülle und Vielfalt an Informationsquellen, deren Urheber und Intentionen für Nutzer oft nicht zu erkennen sind. Normalerweise beschränken sich Menschen auch im Netz auf ein überschaubares Repertoire an Nachrichtenangeboten, die sie häufig ritualisiert nutzen, kennen und entsprechend einschätzen können. Je stärker jedoch ihr Informationsbedürfnis, desto häufiger suchen sie aktiv im Internet nach neuen Inhalten. Genau das geschieht bei vielen verunsicherten, politisierten Menschen in einer Krisenzeit wie der jetzigen. In Google und anderen Suchmaschinen, auf Facebook, Instagram, Twitter, YouTube und in Messengern wie WhatsUp und Telegram stoßen sie auf Quellen und Informationen, die sie nicht kennen und deren Seriosität und Glaubwürdigkeit sie kaum beurteilen können. Das erleichtert das Spiel derjenigen, die Lügen, Halbwahrheiten, Verzerrungen oder krude Verschwörungstheorien verbreiten. Wer sich online als seriöse Quelle geben will, kann das ohne größeren Aufwand tun und trifft auf ein weitgehend ahnungsloses und überfordertes Publikum.  

Ken Jebsen berichtet in seinen professionell gemachten Videos, er habe seit Jahrzehnten einen Presseausweis – viele mag das von seiner journalistischen Qualifikation überzeugen. Anderes Beispiel: Klimawandelsleugner veröffentlichen in frei verfügbaren Online-Journals mit vermeintlich wissenschaftlicher Qualitätssicherung Quatsch-Studien. Nun verfolgen viele Open-Access-Journals ein spezielles Geschäftsmodell und leben von den Gebühren der Publizierenden (‚Raubtier-Journals‘). Sie führen formal korrekte, anonyme Peer-Reviews durch, bei denen Strohmann-Gutachter lediglich irrelevante Aspekte kritisieren, die die Autoren in kürzester Zeit korrigieren können, um so zur gewünschten und bezahlten Publikation zu kommen. Welcher Bürger, der im Netz auf eine solche ‚Studie’ stößt, mag beurteilen, welche Reputation das Journal in seiner Disziplin genießt, ob die Autoren vom Fach sind, ihre Analyse professionell durchgeführt wurde, ob die Interpretation der Daten angemessen ist, kurzum: ob diese Studie etwas taugt? Laien – und leider oft auch Journalisten – sind ja oft schon davon überfordert, die Aussagen von Fachärzten, die zwar Gesundheitspraktiker, aber definitiv keine Forscher sind, richtig einzuschätzen.  

Wenn wir also fordern, die Nutzer sollten bei Informationen im Netz vorsichtig sein und deren Quellen und Inhalte gründlich überprüfen, ist das bestenfalls eine romantische Vorstellung: Niemand kann geschickt kaschierte Desinformationen im Netz erkennen, ohne sich mehrere Tage in die Thematik einzuarbeiten. Das gilt übrigens auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Als statistisch gebildeter Wirtschafts- oder Sozialwissenschaftler mag ich epidemiologische Studien und ihre Analysestrategie so halbwegs nachvollziehen. Ob allerdings die Datengrundlage und ihre Interpretation wirklich sinnvoll sind, kann ich beim besten Willen nicht beurteilen. Tue ich das doch und verbreite meine entsprechende Meinung im Netz, wie das manche Kollegen tun, trage ich zumindest fahrlässig zur allgemeinen Verwirrung bei. 

 

Zweitens: Geeignete Quellen finden

Auch wenn ein Online-Angebot Informationen ausgewogen und korrekt darstellt, heißt das noch lange nicht, dass die Nutzer sie richtig verstehen. Das habe ich bereits 2017, also lange vor der Corona-Pandemie, in meinem Buch „Der (des-)informierte Bürger im Netz“ am Beispiel gesundheitsbezogener Informationen gezeigt: Bemerkt man an sich bestimmte Krankheitssymptome, entsteht für gewöhnlich ein hohes Informationsbedürfnis. Sucht man im Netz, stößt man entweder auf populärwissenschaftliche Angebote und lässt sich von deren vereinfachter Aufbereitung von Symptomen und Krankheitswahrscheinlichkeiten meist zu überzogenen Schlüssen verleiten. (Ich persönlich habe dann meist Krebs.) Oder man landet bei medizinischen Fachdarstellungen und glaubt aus deren ‚Kauderwelsch‘ etwas herauszulesen, was oft genauso wenig stimmt. Oder man hat es mit Erfahrungsberichten von Betroffenen oder Angehörigen zu tun, die oft genauso wenig wissen wie man selbst. Wer also sagt Internetnutzern, welche Quellen nicht nur glaubwürdig, sondern auch wirklich für sie geeignet sind, und ob sie die Inhalte richtig verstanden haben?  

Drittens: Mit Dissonanzen leben

Wir Menschen bevorzugen seit jeher Informationen, die zu unseren Weltbildern passen und unsere Meinungen bestätigen (Theorie der kognitiven Dissonanz). Das hindert uns mit unserer natürlichen Neugier natürlich nicht daran, uns auch mit gegenteiligen Meinungen und Informationen auseinanderzusetzen. Trotzdem suchen wir eher nach einer Bestätigung unseres Weltbildes als nach Informationen, die es infrage stellen. Zudem interpretieren wir Informationen gemäß unserem Weltbild. Was wir aus unklaren oder komplexen Aussagen herauslesen, hängt von unseren persönlichen Erfahrungen, Vorstellungen und Erwartungen ab. Schließlich glauben wir bevorzugt Aussagen, die zu unserem Weltbild passen.  Bekanntlich findet man im Netz jede Weltsicht und jede Meinung, mag sie noch randständig oder – wie im Fall von Verschwörungstheorien – krude sein. Egal, wie extrem oder verrückt meine Meinung oder mein Weltbild sein mag: In der Fülle und Vielfalt des Internet ist immer das Passende dabei. Was ich nicht richtig verstehe, interpretiere ich, wie ich es verstehen möchte. Stoße ich auf widersprüchliche Informationen oder Meinungen, was im Netz trotz der algorithmischen Personalisierung von Social-Media-Plattformen laut Studien häufig vorkommt, glaube ich bevorzugt diejenigen, die meine Meinung bestätigen. All das zusammen bedeutet: Egal, was ich suche und denke, im Internet werde ich immer Bestätigung finden: entweder weil Aussagen aus meinem Lager mein Weltbild bestätigen oder weil ich gegnerische Aussagen nicht bzw. falsch verstehe, nicht glaube und umso mehr ablehne. Studien legen nahe, dass gerade der Kontakt mit gegnerischen Positionen im Netz bestehende Meinungen verstärkt und so zur gesellschaftlichen Polarisierung beitragen kann (Backfire-Effekt). Dabei gilt: Je politisierter eine Person ist und je eindeutiger ihre Meinung, desto stärker kommen die genannten Effekte zum Tragen.  

Viertens: Diskutieren wollen

Damit sind wir viertens bei Online-Diskussionen. Auch hier erfüllen sich die großartigen technischen Möglichkeiten eines ‚herrschaftsfreien Diskurses‘ (Habermas) im Netz nicht. Häufig bleiben die Meinungs- und Weltbildlager in ihren Echokammern untereinander und verstärken sich in ihren Einstellungen gegenseitig. Stoßen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen einmal aufeinander, beispielsweise in Nutzerdiskussionen zu Nachrichtenbeiträgen, findet selten eine echte Diskussion statt. Es wird kaum argumentiert, Beschimpfungen und Beleidigungen sind an der Tagesordnung, fragwürdige Quellen und Aussagen kursieren und häufig ziehen die destruktiven Aussagen von Trollen die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Man muss deshalb leider festhalten, dass Diskussionen zu weltanschaulichen Konfliktthemen im Netz nicht funktionieren, zumindest wenn sie von einer größeren Zahl einander unbekannter Menschen geführt werden.  

Fünftens: Filterblasen hinterfragen

Fünftens und besonders häufig übersehen: Nicht nur Politiker und Journalisten, sondern auch Bürgerinnen und Bürger wollen wissen, wie die breite Bevölkerung aktuelle Themen, wie beispielsweise die Corona-Einschränkungen, sieht. Weil es so schön einfach ist, setzen sie die persönlich wahrgenommene Stimmung im Netz und in den sozialen Medien mit dem Meinungsklima im Land gleich. Das ist aus mindestens zwei Gründen fatal: Zum einen sieht jeder immer nur seine persönliche Version des Netzes. Grund dafür ist wieder die algorithmische Personalisierung. Sie passt die angezeigten Inhalte von Social-Media-Plattformen, Nachrichten-Aggregatoren und – in geringerem Maß – Suchmaschinen an unsere Interessen und Einstellungen an. Zum anderen ist die Redebereitschaft im Netz höchst unterschiedlich: Politisierte Bürger mit ausgeprägten bis extremen Meinungen trauen sich eher, ihre Meinung öffentlich zu Ausdruck zu bringen. Wähnen sie sich auch noch in der Mehrheit, werden sie noch selbstbewusster und lauter. Menschen mit weniger eindeutigen Einstellungen hingegen werden leiser. Damit sinkt auch ihre öffentliche Wahrnehmbarkeit, so dass sie die Größe ihres eigenen Lagers unterschätzen und weiter verstummen (Schweigespirale). Derzeit lässt dieser Effekt die Gegner der Corona-Einschränkungen besonders laut werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass das tatsächliche Meinungsklima im Land so ist. Politiker, Medien und andere Akteure sollten sich also nicht allzu sehr von der Stimmung im Netz beeinflussen lassen. Sie ist eine Art Fata Morgana und kann sich jederzeit ändern. Das gilt übrigens auch für Demonstrationen. 

Vertrauen im Netz

Was können wir tun, um die allgemeine Verwirrung im Netz und darüber hinaus zu beruhigen? Einschränkungen der im Grundgesetz verbürgten Presse-, Informations- und Meinungsfreiheit sind rundweg abzulehnen. Auch eine hoffentlich verstärkte Verfolgung von privat- und strafrechtlichen Delikten im Netz (Beleidigung, Verleumdung, Volksverhetzung, Aufruf zu Straftaten usw.) wird an den skizzierten Phänomenen im Kern nichts ändern. Dabei ist es auch wichtig zu wissen, dass die öffentliche Verbreitung von Verschwörungstheorien, Lügen und Verdrehungen nicht verboten ist. Sie ist von der Meinungsfreiheit des Grundgesetzes gedeckt, solange kein Delikt wie Verleumdung oder Volksverhetzung vorliegt. 

Viel wichtiger ist es, sich eine alte Weisheit bewusst zu machen, auf die bereits Niklas Luhmann hingewiesen hat: Kommunikation gelingt nur bei gegenseitigem Vertrauen. Nur wenn es Politik, öffentlichen Institutionen und Journalismus gelingt, ihre angeknackste Glaubwürdigkeit in Teilen der Bevölkerung wieder zu gewinnen, finden sie dort auch wieder Gehör. Fakten und rationale Argumente sind gut und löblich, doch sie allein schaffen noch kein Vertrauen. Auch die Ausgrenzung von Menschen, die fragwürdige Thesen und Meinungen vertreten, hilft nicht. Das macht sie nur fanatischer, lauter und extremer und verstärkt die Polarisierung weiter. Wichtiger ist es, die Bevölkerung über politische Hintergründe aufzuklären – und über die eigenen Unsicherheiten. Politik, Verwaltung und Journalismus dürfen nicht müde werden, Fragen zu beantworten: Wie treffen Politiker Entscheidungen, obwohl sie zur Entwicklung der Pandemie auch nur Vermutungen haben? Wie arbeiten sie mit der Wissenschaft zusammen? Wodurch bleibt dennoch die jeweilige Unabhängigkeit gewahrt? Warum unterscheiden sich wissenschaftliche Befunde? Wie wählen Journalisten die Themen aus, über die sie berichten? Warum machen Politik, Verwaltung und Journalismus auch mal Fehler, müssen sich korrigieren und scheinen sich selbst dabei zu widersprechen? Und warum ist das nicht zu ändern und gar nicht mal so schlimm? Nur so können sie langsam, aber sicher das Vertrauen der Menschen gewinnen und den zahllosen Populisten, Verschwörungstheoretikern und fragwürdigen Geschäftemachern im Netz den Wind aus den Segeln nehmen. 

Von Wolfgang Schweiger.

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