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Die angewandte Aufklärung

Artikel vom 07.05.2009

„Ja, ich bin der Meinung, dass Wissenschaft, Sozialwissenschaft zumal, unter anderem die Aufgabe hat, das öffentliche Verständnis zu schärfen, sogar das öffentliche Bewusstsein zu prägen.“ Von Ralf Dahrendorf

Dank für den Schader-Preis

Vortrag anlässlich der Verleihung des Schader-Preises am 7. Mai 2009

Selten ist das wissenschaftlich informierte Verständnis der menschlichen Dinge wichtiger als in Zeiten der Auflösung und des Umbruchs. Selten ist indes auch die Wissenschaft ratloser als in Zeiten der Auflösung und des Umbruchs.

Sogar eine der stärksten makrosozialen Theorien, die Theorie der Revolution, bleibt stumm angesichts der Frage, ob, geschweige denn wann und wie genau die auf raschen und radikalen Wandel drängenden Kräfte zur Explosion kommen.

Analogien aus der Geologie bieten sich an – zuletzt noch das Beben von L’Aquila in den Abruzzen – doch wir brauchen Analogien nicht. Die „Zufälle“ (wie man sagen könnte) um den Fall der Berliner Mauer haben uns aus Anlass des 20. Jahrestages an das Unvorhersehbare erinnert, und der Zusammenbruch von Lehman Brothers mit seinen absehbaren und unabsehbaren Folgen hat auch darum die Sozialwissenschaftler der Welt fast alle auf dem falschen Fuß erwischt.

Der Schader-Preis, den Sie mir verliehen haben, hat es mit solchen Fragen zu tun. Ich nehme den Preis dankbar entgegen, auch wenn er wohl mehr meinen Absichten als meinen Leistungen entspricht. Ja, ich bin der Meinung, dass Wissenschaft, Sozialwissenschaft zumal, unter anderem die Aufgabe hat, das öffentliche Verständnis zu schärfen, sogar das öffentliche Bewusstsein zu prägen. In mir lebt ein Rest jenes hoffnungsvoll aufklärerischen 18. Jahrhunderts der schottischen Moralphilosophen, der Autoren der Federalist Papers, Immanuel Kants. Mein Freund Fritz Stern erinnerte mich unlängst daran, dass mein vielleicht schönster Buchtitel einem sonst nicht sonderlich bemerkenswerten opusculum galt: „Die angewandte Aufklärung“.

Vielleicht gestatten Sie mir ein paar lakonische, daher zu meinem Entsetzen fast schon dogmatische Anmerkungen zu dem Thema. Wissenschaft ist zunächst und vor allem Ausdruck eines tiefen menschlichen Bedürfnisses: rerum cognoscere causas (um das klassische Motto meiner geliebten London School of Economics zu zitieren), den Dingen auf den Grund gehen also. Die Absicht hat durch alle Zeiten des Dogmatismus und der Ignoranz, aber auch der technischen Verwertung von Wissen Bestand. Kein Verbot und kein Verlangen entwertet diesen Kern des wissenschaftlichen Bemühens. Es soll auch niemand versuchen, uns im Namen behaupteter Geheimnisse oder Offenbarungen diesen menschlichen Grundimpuls auszureden. Rerum cognoscere causas, so schwierig und zuweilen peinlich und auch ärgerlich das sein mag.

Doch ist das nur der Anfang der Geschichte. Die Frage, was mit unserem Wissen wann, wo und wie geschieht, muss gestellt werden. Dass das zu gegebenen Zeiten Gewusste in Lehr- und Textbüchern verfestigt wird, reicht dabei nicht. Es reicht schon darum nicht, weil dieses Feste wieder schmelzen kann – glücklicherweise! Der große Karl Popper, mein Lehrer und in späteren Jahren Freund, hat uns nachhaltig an den Zusammenhang von Ungewissheit, Wissenschaft und Freiheit erinnert. Freiheit ist nicht ein Zustand, sondern immer eine Tätigkeit. Man kann sie Versuch und Irrtum nennen.

Was also geschieht mit dem Wissen, außer dass es in Zweifel gezogen und dadurch zu neuen Horizonten ermuntert wird? Da gibt es viele Antworten. Wissen informiert. Das klingt gut, aber wie geschieht es? Wen informiert Wissen und mit welchem Effekt? Reden wir von „der Öffentlichkeit“ oder „den Eliten“? Und wollen wir die Information überhaupt haben? Hat nicht das Nichtwissen seinen eigenen Charme? Brauchen wir das Wissen der Wissenschaft gar, um unsere Lebenschancen zu erhöhen?

Das wird nun alles sehr abstrakt, und ich sollte zurückkehren zu Lehman Brothers und der sozialen Theorie der Revolution. Auch zu meiner Laudatorin Jutta Allmendinger, die ein strahlendes Beispiel für die aufgeklärte Anwendung von Wissenschaft gibt. Sie tut es als Person, aber ich möchte das Wissenschaftszentrum Berlin in diesen Dank einschließen. Es ist ja gleichsam eine Institution der angewandten Aufklärung.

Wissenschaft ist Abstraktion, aber Wissenschaftler sind lebendige Menschen in ihrer Zeit, mit allerlei Zugehörigkeiten und Bindungen, Hoffnungen und Ängsten, Absichten und Plänen. Es wäre doch ein Jammer, wenn gerade diese Menschen sich zu Abstraktionen verflüchtigten oder zumindest in Abstraktionen aufgingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, dass Platon nicht in meine Heldengalerie angewandter Aufklärer – ich spreche gelegentlich von Erasmiern nach dem großen Erasmus von Rotterdam – gehört.

Um das Regime der Philosophen-Könige zu verhindern, bin ich bereit, auf die Barrikaden zu gehen. Aber zwischen den Philosophen und den Königen ist Raum für eine eigene Kategorie. Auf englisch nenne ich sie straddler, denn sie sitzen rittlings auf der Grenze zwischen Geist und Tat. Die Grenze ist wichtig. Man soll sie nicht verwischen. Aber es ist gut, in einem Land zu leben, in dem es Menschen gibt, die sozusagen als Tagespendler die Grenze mal in diese, mal in jene Richtung überschreiten. Das sind die öffentlichen Intellektuellen. Manche mögen das Wort nicht; aber mein alter Mit- und Gegenstreiter Jürgen Habermas, mit dem ich dieser Tage ein paar Worte zu dem Thema wechselte, bemerkte mit Recht, daß er und ich in kritischen Situationen sozusagen konstitutionell auf derselben Seite stehen. Habermas ist ein bedeutendes Beispiel für die Verbindung von reiner Wissenschaft und öffentlicher Verantwortung. Auch er ein straddler!

Das also ist die Gesellschaft, die mir bei diesem Anlass in den Sinn kommt. Wie aber steht es mit Lehman Brothers und der Theorie der Revolution? Vor allem eines ist da zu bedenken: straddler geben keine Gebrauchsanweisungen. Sie geben allenfalls Landkarten, unfertige Landkarten mit vielen weißen Flecken, und Wegweiser, grobe Wegweiser mit unvollständigen Richtungs- und Entfernungsangaben. Sie schaffen Verständnis für den Kontext des Handelns und auch für die Folgen von Entscheidungen. Hier muss ich sagen, dass die modernen Ökonomen (von deren Talent und Interessen ich an sich eine hohe Meinung habe) versagt haben. Sie haben sich durch den methodischen Reiz des Anscheins der Präzision verführen lassen. Am Ende fanden sie sich fast am gleichen Ort der derivierten Realitätsferne wie der Gegenstand ihres Interesses bei Lehman Brothers und anderswo.

Soziologen müssen aufpassen, dass ihnen nicht dasselbe geschieht mit ihren Theorien der Revolution und überhaupt der Gewalt. Die krisengeschüttelte Welt steckt nicht in einer revolutionären Situation. Es gibt die große dynamis nicht, die die energeia des Status quo auflösen und ersetzen könnte. (Aristoteles – Sie sehen es – zitiere ich immerhin mit Zustimmung.) Was es heute gibt, entspricht eher dem Bild, das Marie Jahoda und andere nach der großen Depression in ihrem Buch „Die Arbeitslosen von Marienthal“ eindringlich geschildert haben. Es taucht auch bei Marx als eine Art Auflösungserscheinung auf: es gibt Ratlosigkeit gemischt mit Angst und auch einem ohnmächtigen Zorn bei vielen. Gelegentlich wird dieses Gebräu explodieren, oft zu unerwarteter Zeit und an überraschenden Orten. Im Kern aber werden wir wohl ein Jahrzehnt der stummen Verarmung vieler erleben – ein Jahrzehnt, in dem das Verständnis von Kontext und Richtung unseres Tuns von besonderer Bedeutung sein wird.

Das ist kein besonders hoffnungsfrohes Ende meiner kleinen Dankesrede an die Schader-Stiftung. Indes bin ich kein Wahlkämpfer mehr und brauche Ihnen daher keine Märchen zu erzählen. Allerdings bin ich ein straddler, den die Überzeugung nicht verlassen hat, daß wir die menschlichen Dinge mit immer neuen Versuchen – und Irrtümern – voranbringen können. Opportunity und diversity, Chancen für alle in der bunten Vielfalt des Daseins: so etwas schwebt mir vor.

Ich danke der Schader-Stiftung, dass sie mich auf diesem Weg ermuntert.

Der Autor: Lord Ralf Dahrendorf war 2009 Preisträger des Schader-Preises.