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Die Großstadt, die Moderne und der Einzelne

Artikel vom 04.12.2008

Stephen Waddell, Francfurt Scene, 2002, Copyright Stephen Waddell

Bilder aus der Zeit um 1920 konfrontiert mit Fotographien des Kanadiers Stephen Wadell, die kurz nach 2000 aufgenommen wurden: Aus diesem Zeitsprung wird deutlich, dass die Moderne einen Prozess darstellt. Er wurde vom Einzelnen und von Künstlern früher anders gesehen als heute. Die gesellschaftlichen Zumutungen haben sich ebenso verändert wie die individuellen Aktivitäten. Von Stefan Hradil

Arbeitsteiligkeit, rationale Sachlichkeit, Reserviertheit

Die Wiege der europäischen Moderne stand in der Großstadt. Im Florenz des 13. Jahrhunderts war das besonders früh und deutlich zu erkennen. Ganz anders als auf dem Lande lebten Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Berufen dicht beieinander. Sie arbeiteten bereits arbeitsteilig. Sie waren spezialisiert und konkurrierten, arbeiteten daher effizient und innovativ. Sie brachten aber, ganz anders als die Bauern ihrer Zeit, längst nicht alles hervor, was sie selbst benötigten. Die ganze Palette der Bedürfnisse von Stadtbewohnern ließ sich nur über Märkte stillen. Dort war das zu erhalten, was andere hervorbrachten. Um ineffizienten Tauschhandel zu vermeiden, bedurfte es des Geldes. So ist es alles andere als ein Zufall, dass in Florenz die ersten europäischen Banken entstanden.

Das Geld wiederum prägte die Stadtbewohner und ihr Zusammenleben. Es machte die Menschen rechenhaft. Mittel und Zwecke wurden zunehmend kalkuliert. Die Menschen begegneten sich immer mehr als Anbieter bestimmter Leistungen, deren Nutzen und Geldwert vom Gegenüber jeweils einzuschätzen war. Der Verstand dominierte. Die Emotion trat zurück. Sachbeziehungen und das Interesse am jeweiligen Tauschwert siegten über das Interesse am Individuum. Die Rationalität der Zeitverwendung wuchs ebenso wie die wechselseitige Synchronisation der Tätigkeiten. Das Leben wurde schneller. Die Uhr wurde für immer mehr Menschen unentbehrlich. Muße wurde zu einem Fremdwort, dessen Bedeutung bezeichnenderweise immer öfter als Müßiggang missverstanden wurde.

Die Menschen traten einander immer weniger „als Ganze“ gegenüber. Von Bedeutung war nur der Ausschnitt des Einzelnen, der in der jeweiligen Situation sachlich von Interesse war. Der Beamte in der Steuerbehörde war am persönlichen Ganzen seiner Klienten genauso wenig interessiert wie diese an der Biografie des Steuereinnehmers. Das lässt das Großstadtleben anonym, kalt, fremd erscheinen.

Die Großstädter reagierten auf diese Umstände modernen Lebens. Der Soziologe Georg Simmel beschrieb in seinem berühmten Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ aus dem Jahre 1903, wie Intellektualität, Blasiertheit und Reserviertheit zur notwendigen Attitüde von modernen Großstadtbewohnern wurden. Sie konnten sich Empathie immer weniger leisten.

Gestaltung eines eigenständigen Lebens

Genau diese Geisteshaltungen und Charakteristika des – nur noch ausschnitthaften – Zusammenlebens waren es aber auch, die die Großstadtbewohner im Zuge der Modernisierung freier und individueller werden ließen. Denn das vormoderne Leben vollzog sich sozusagen in konzentrischen Kreisen, in denen der Einzelne mit seiner gesamten Persönlichkeit fest eingebunden und in hohem Maße gesellschaftlich kontrolliert wurde: Die Menschen waren in erster Linie fest in die Familie eingefügt. Sie vermittelte zwar Sicherheit der Lebensführung, legte aber auch Rollen und Lebensweise weitgehend fest. Auch in der Gemeinschaft des Dorfes oder der ländlichen Kleinstadt, dem um die Familie gespannten, etwas weiteren sozialen Kreis, war vom Einzelnen fast alles bekannt und wurde fast alles kontrolliert. Dieses Ausmaß an Intimität, an nahezu totaler Regelhaftigkeit und minimaler Privatheit würden wir heute als von der Moderne geprägte Menschen kaum ertragen.

Das Leben in einer modernen Großstadt hingegen vollzieht sich, wie Georg Simmel das ausdrückte, in einem Schnittfeld sozialer Kreise. Der Einzelne ist Angestellter, Familienvater, Steuerzahler, Vereinsmitglied, Parteigenosse. Sein Nachbar wird in der Kreuzung ganz anderer sozialer Kreise leben. Jedem dieser  sozialen Kreise, zunehmend auch der Familie, gehört der Großstadtbewohner nur mit einem Ausschnitt seiner Persönlichkeit an. Die Möglichkeiten der Distanzierung sind groß. Die moderne Großstadt bietet so Chance, ein weit freieres und individuelleres Leben als zum Beispiel im mittelalterlichen Dorf zu führen.

Die Anregungen hierzu sind groß. Die Großstadt lässt den Einzelnen viele Unterschiede zwischen Kulturen, Berufen und Lebensgestaltungen erleben. Diese alltäglichen Impressionen regen an zur Wahl, Mischung und eigenständigen Gestaltung der Leben. Das eigenständige individuelle persönliche Dasein - ob es die Mitmenschen schätzen oder nicht, ob es als persönlich erfolgreich oder misslungen erlebt wird – ist eine Erscheinung der Großstadt und nicht des ländlichen Raums, der modernen und nicht der traditionalen Gesellschaft.

Modernisierung als Bedrohung

Die Modernisierung setzte sich nicht auf einen Schlag durch. Sie stellt vielmehr einen Diffusionsprozess dar. Sie begann als geistige Modernisierung in den Köpfen bestimmter Philosophen, Staatsrechtler und Naturforscher. Nur in schmalen Ausschnitten des Wirtschaftens einzelner Städte der Frührenaissance, wie zum Beispiel im erwähnten Florenz, erlangte sie Alltagskraft. Die Modernisierung verbreitete sich dann als politische Modernisierung im 18. Jahrhundert weiter. Aufklärer forderten die rationale Gestaltung von Herrschaft und Staatswesen in vielen Staaten Europas. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte mit der Industrialisierung die tatsächliche gesellschaftsweite Verbreitung der Modernisierung ein. Dies geschah nicht zuletzt in Form der Verstädterung. In Berlin lebten um 1800 erst  170.000 Einwohner. Im Jahre 1900 drängten sich dort schon 1,9 Millionen Menschen. Die Einwohnerzahl  Leipzigs explodierte von 100.000 im Jahre 1860 auf 600.000 im Jahre 1910. Wir können uns heute nur mühsam vorstellen, welche dramatischen Veränderungen des Alltagslebens diese Wucherung von Großstädten mit sich brachten.

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebten Schriftsteller, Maler und viele der übrigen Großstadtbewohner die Modernisierung des Lebens in den empor schießenden Großstädten meist als Bedrohung. Die Menschen fühlten sich noch den jeweiligen Herkunftsgruppen zugehörig. Sie empfanden sich  als Katholiken, als Ostelbier, als der Dorfgemeinschaft und der Familie verhaftet, aus der sie stammten. Sie begegneten sich daher zumeist als Fremde und Unbekannte. Sie mussten erleben, wie die Anonymität der Großstadt, die Hetze des Alltagslebens und die Kälte vernunftgeleiteter Beziehungen auf ihre Besonderheit und ihre Vertrautheiten keine Rücksicht nahm.

Damals entstanden viele Begriffe, die den so krass erlebten Gegensatz zwischen moderner Stadt und vormodernem Land kenntlich machten. Besonders bekannt wurde ein Begriffspaar, das der Soziologe Ferdinand Tönnies’ 1887 entwickelte. Er stellte der emotionalen, ganzheitlich einbindenden, intimen „Gemeinschaft“ die vernunftgestaltete, interessegeleitete „Gesellschaft“ gegenüber, die die Menschen einander entfremdete. Es versteht sich, dass diese Gegenüberstellung aus damaliger Sicht keineswegs wertfrei gedacht war, sondern die verbreitete Sehnsucht nach Wiederkehr der vertrauten Gemeinschaften zum Ausdruck brachte.

Viele der ausgestellten, zu Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Bilder lassen sich vor diesem Zwiespalt verstehen. So steht etwa in der „Familienszene“ Max Beckmanns (1918) die Frau im Mittelpunkt. Sie repräsentiert das „gemeinschaftliche“ Familienleben, sie versorgt, kümmert sich, präsentiert und repräsentiert. Der Mann, der der Öffentlichkeit und dem Berufsleben zugewandt ist, der „Gesellschaft“ also, steht im Bild und in der familiären Gemeinschaft nur am Rande.

Die „Passanten“ Georg Grosz’ (1926) zeigen uns die Phänotypen des modernen Großstadtlebens und  -wirtschaftens: eilig, in der funktional angepassten Kleidung, beziehungslos.

„Der Neger“ (Max Beckmann 1921) dokumentiert, wie groß die Unterschiede, aber auch wie weit die Spannweiten des unverbindlichen Zusammenlebens in der Großstadt sind. „Der Fremde“ ist ein typisches Großstadtphänomen.

„Riskante Freiheiten“ in der modernen Großstadt

Am Ende des 20. Jahrhunderts steht die Modernisierung den Einzelnen nicht mehr bedrohlich und fremd gegenüber. Sie hat den Einzelnen durchdrungen. Die Modernisierung treibt den Einzelnen nicht länger, er betreibt sie selbst. Er ist weitgehend herausgelöst aus vertrauten Gemeinschaften, wie aus der Gemeinde oder aus Berufsgruppierungen. Selbst die Familie stellt eher einen losen Zweckverband von Einzelnen, als eine verpflichtende Intimgemeinschaft dar. Die Einzelnen sind daher gezwungen, ihr Leben in eigener Regie zu gestalten.

Das eröffnet zuvor nie erlebte Freiheitsgrade. Frauen zum Beispiel entscheiden selbst, ob und gegebenenfalls wann sie Kinder bekommen, ob und wie sie Beruf und Familie kombinieren, ob sie heiraten usw. Die eigene Biografie kann weitgehend selbst gestaltet und sogar als „Bastelbiografie“ zusammengesetzt werden. Die eigene Identität kann so oder so entwickelt werden, im Extremfall als schnell wechselnde „Chamäleonmoral“. Der eigene Lebensstil kann in erheblichen Bandbreiten gewählt oder gestaltet werden. Hierfür gibt es nur noch wenig Normen und Vorbilder.  

Die Durchdringung der Modernisierung fordert freilich ihren Preis. Das bekannt gewordene Buch von Ulrich Beck (1986) trägt den Titel „Risikogesellschaft“, weil die Gefahr des Scheiterns mit den Freiheitsgraden gewachsen ist. Nicht jeder verfügt über die Kompetenzen, sein Leben in Freiheit gestalten zu können. Wer sich so   
oder so entscheiden kann, setzt sich der Gefahr von Fehlentscheidungen aus. Bastelbiografien können in Sackgassen münden. Wer sich nicht (mehr) zutraut, das Leben individuell auszurichten, gerät in Versuchung an verlockende Gewissheiten anzulehnen: Drogen, Sekten und Medienstars inklusive.

Nirgendwo werden diese „riskanten Freiheiten“ augenfälliger als in der Großstadt. Nirgendwo liegen strahlendes Gelingen und verbitterte, erfolglose Einsamkeit näher beieinander als in der modernen Großstadt.

Die Fotografien von Stephen Wadell zeigen beides, oft zugleich: in der „Francfurt Scene“ (2002), im „Asphalt Layer 1“ (2002), im „Resting Worker“ (2002). Während die „Francfurt Scene“ (2002) aufzeigt, wie nahe sich moderne Stadtbewohner treten, ohne tatsächlich in Beziehung zueinander zu treten, verweisen „Asphalt Layer 1“ (2002) sowie „Resting Worker“ (2002) auf die schonungslose Vereinzelung des Einzelnen. Auf beiden Fotografien ist jeweils nur eine und auf eine Funktion reduzierte Person zu finden.    

Der Autor: Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Hradil war bis 2011 Professor für Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Von 2001 bis 2012 war er Vorstandsvorsitzender der Schader-Stiftung.

Der Beitrag erschien zuerst im Katalog der Ausstellung „Stadtmensch - Zeitsprung. Bilder gesellschaftlichen Wandels 4“, die 2008/2009 gemeinsam vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt und der Schader-Stiftung konzipiert wurde.