Filtern Sie im Bereich "Themen"

Thema
  • Kommunikation und Kultur
  • Gemeinwohl und Verantwortung
  • Demokratie und Engagement
  • Vielfalt und Integration
  • Stadtentwicklung und Wohnen
  • Demographie und Strukturwandel

Zur Filterung muss mindestens ein Thema ausgewählt sein.

Fokus
Zeitraum
Was bewegt Sie?

Sie haben offene Fragen? Anregungen? Ideen?

Wir kommen gerne mit Ihnen ins Gespräch. Bitte hinterlassen Sie das, was Sie bewegt, im Schader-Dialog.

Zuwanderer auf dem Land - Forschung: Integration von Ausländern

Artikel vom 20.04.2007

Auch viele Dörfer sind mittlerweile multikulturell geworden. Unter der ländlichen Bevölkerung ist einerseits die Hilfsbereitschaft für Zugewanderte groß, gleichzeitig hat aber auch die Fremdenfeindlichkeit in den letzten Jahren spürbar zugenommen.

Fremde auf dem Lande

Mit der Publikation „Fremde auf dem Lande“ haben Jürgen Micksch und Anja Schwier sich 2000 (2. Aufl. 2001) erstmals des Themas des Zuzugs und der Integration von Ausländern im ländlichen Raum angenommen. Die Publikation ist auf eine Initiative der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zurückzuführen, in deren Kirchengebiet die Erhebungen durchgeführt wurden. Ergänzt um europäische Beiträge aus einer Akademietagung und zwei gesonderte Artikel wurde die bis dato singuläre Publikation unter anderem durch die Europäische Kommission finanziell gefördert. „Fremde auf dem Lande“ bildet gemeinsam mit der Untersuchung „Sozialräumliche Integration von Zuwanderern in Klein- und Mittelstädten des ländlichen Raums“ von Annegret Boos-Krüger (2005) im Rahmen des Verbundprojekts „Zuwanderer in der Stadt“ noch immer die einzige wissenschaftliche Annäherung an das Thema der Zuwanderung und Integration von Ausländern im ländlichen Raum. (Stand 2007)

Die Theologin Anja Schwier hat über zwei Jahre das Leben von zugewanderten Menschen im ländlichen Raum untersucht. Anfangs willkürlich ausgewählte Orte aus dem Gebiet der evangelischen Kirche Hessen und Nassau mussten, so ein Definitionsmerkmal, weniger als 8.000 Einwohner haben und nicht dem Umfeld von Großstädten zuzurechnen sein. Der Informationsgewinnung ging ein langer Prozess der Vertrauensbildung voraus, da im dichten sozialen Kontext eines Dorfes Anonymität nur schwer herzustellen ist.

Die Untersuchungen zeigten jedoch, dass auch viele Dörfer mittlerweile multikulturell geworden sind und Kirchengemeinden von ihren Landeskirchen wie auch Gemeindeparlamente und Bürgermeister von ihren Kommunal- und Landesvertretungen bessere und gezieltere Unterstützung für den Umgang mit dem Thema der Zuwanderung auf dem Land erwarten. Unter der ländlichen Bevölkerung ist einerseits die Hilfsbereitschaft für Zugewanderte groß, gleichzeitig hat aber auch die Fremdenfeindlichkeit in den letzten Jahren spürbar zugenommen.

Folgerungen aus den Recherchen vor Ort

Die Folgerungen aus den Recherchen und Befragungen werden, da es sich um eine Pionierarbeit handelt, hier ausführlich wiedergegeben.

„Dörfer und Kleinstädte waren in den vergangenen Jahrzehnten vielfältigen Veränderungsprozessen unterworfen. Der Wandel von der Industrie- zur globalen Kommunikationsgesellschaft brachte starke Veränderungen vor allem im wirtschaftlichen, aber auch im sozialen Gefüge der ländlichen Regionen mit sich. Diese Veränderungen lösen Zukunftsängste aus, die sich ein Ventil in der Auseinandersetzung von Zugewanderten suchen. Zugewanderte werden immer stärker als Konkurrenten wahrgenommen und erscheinen als Bedrohung. Diese Entwicklung erschwert das interkulturelle Zusammenleben.

Durch weltweite Globalisierung erfolgt eine immer stärkere wirtschaftliche und kulturelle Konzentration auf die Städte. Wirtschaftsstandorte sind vor allem die Ballungsgebiete und die Großstädte. Durch diese extreme wirtschaftliche und kulturelle Konzentration rutschen kleinere Städte und vor allem Dörfer immer weiter an den Rand und werden zur Peripherie. Diese Entwicklung erweckt bei den Menschen, die in den Regionen außerhalb der Ballungsgebiete wohnen, den Eindruck, sie werden vergessen oder sie kommen zu kurz.

Diese Erfahrungen von Marginalisierung trafen in den achtziger Jahren mit der Unterbringung von Asylsuchenden in Dörfern zusammen. Die etablierte Bevölkerung hatte den Eindruck: Sie werden von den Regierungen vergessen und sollen dann auch noch diese Asylsuchenden aufnehmen. Die Bürgerbewegungen, die damals entstanden, waren Protestbewegungen gegen die Regierungen des Bundes und der Länder. Die Bürgerinitiative in Herborn-Seelbach hatte damals als erklärtes Ziel: ‚Die da oben vom Ernst der Lage da unten zu überzeugen‘. [Herborner Tageblatt vom 29.3.1993] ‚Wenn wir Bürger zusammenhalten, geht in Wiesbaden nichts mehr!‘ [ebd.], äußerte sich der Vorsitzende der Bürgerinitiative damals. Protest gegen die Politik der etablierten Parteien begründete in jener Zeit die ersten Wahlerfolge der rechtsextremen Parteien. Die Ausländerthematik wurde als ideales Feld für diesen Protest gesehen und rechte Parteien haben dieses Feld für sich zu nutzen gewusst.

In der Zwischenzeit sind die Entwicklungen jedoch vorangeschritten. Zum einen hat die Marginalisierung der ländlichen Regionen weiter zugenommen. Die Bürgerbewegungen haben nur für kurze Augenblicke den Blick der Politik auf diese Regionen gelenkt. Zum anderen haben sich rechte und rechtsextreme Parteien im ländlichen Raum etablieren können. Auch wenn sich der Protestcharakter im Grunde abgenutzt hat, steigt die Wählerschaft dieser Parteien. Fremdenfeindliche Einstellungen haben – quasi durch die Hintertür – Akzeptanz in breiteren Schichten der Bevölkerung gefunden. Hier liegt sicherlich eine der Herausforderungen für interkulturelles Zusammenleben.

Die Situation von Fremden in Dörfern unterscheidet sich nach der Zuwanderungsgruppe, dem rechtlichen Status und der Dauer des Aufenthaltes. Ein gutes interkulturelles Zusammenleben hängt mit der ökonomischen Situation eines Ortes zusammen, mit historischen Erfahrungen bei früheren Zuwanderungen und der Einstellung der Ortsautoritäten gegenüber Zuwandernden.

Die Zugewanderten im ländlichen Raum stehen bei allen Unterschieden fast identischen Integrationsanforderungen gegenüber. Sie stoßen in Dörfern und Kleinstädten auf einen häufig von Traditionen und Einzelpersonen geprägten Kontext, der über ein hohes Maß an Öffentlichkeit verfügt. Rückzugsmöglichkeiten in die Anonymität, wie sie in den Städten vorhanden sind, gibt es kaum. Bei der Zuwanderung in kleinere Orte trifft immer Bekanntes und Etabliertes mit Neuem und Unvertrautem zusammen. Dabei wird deutlich, dass Abgrenzung ein grundlegendes Element auch in einem gelingenden Integrationsprozess ist. Diese ist jedoch von fremdenfeindlichen Verhaltensweisen zu trennen.

Interkulturelles Zusammenleben ist ein Prozess, in dem die Kommunen der ländlichen Regionen zum Teil noch am Anfang stehen. Deshalb gibt es hier auch kaum fertige Konzepte und Modelle. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Ansätzen, um interkulturelles Zusammenleben zu stärken und zu fördern. Diese Ansätze sind in der Regel von ehrenamtlichem Engagement einzelner Personen getragen. Freundeskreise, Asylgruppen und Initiativen übernehmen die notwendigen Beratungstätigkeiten, begleiten Zugewanderte bei Behördengängen, helfen bei der Wohnungssuche oder engagieren sich bei der Hausaufgabenhilfe und dem Förderunterricht. Zwar gibt es finanzielle Unterstützung durch verschiedene Ämter bei Sprachkursen, Förderunterricht oder Hausaufgabenhilfe. In den Regionen außerhalb der Ballungsgebiete gibt es jedoch kaum Netzwerke oder Institutionen, auf die Ehrenamtliche zurückgreifen können. So kommt es, dass Modellprojekte unterschiedlichster Art und Ansätze zum interkulturellen Miteinander in den Dörfern nebeneinander existieren. Die Kommunen werden mit den Herausforderungen des Umgangs mit Zuwanderung allein gelassen.

Nach dieser Darstellung sollte nicht der Schluss gezogen werden, dass die ländlichen Regionen für die Zuwanderung ungeeignet sind. Durch das hohe Maß an sozialen Beziehungen, an Hilfsbereitschaft und den vielfältigen Möglichkeiten, Zuwandernde zu unterstützen, sind Dörfer und Kleinstädte durchaus geeignet für eine Eingliederung von Zuwandernden. Ein gutes interkulturelles Zusammenleben kann sich in den Orten außerhalb der Ballungsgebiete schnell und unkompliziert vollziehen, wenn die Voraussetzungen dafür geschaffen werden.“ (Micksch/Schwier 2001)

Allgemein notwendige Voraussetzungen nach Micksch und Schwier :

  • Die Veränderung der ländlichen Realität muss gesellschaftlich und politisch begleitet werden.   
  • Bundesweit muss eine interkulturelle Politik entwickelt werden, die die Erfahrungen aus vielen Modellprojekten bündelt.   
  • Ein Antidiskriminierungsgesetz kann helfen, verdecktem Rassismus besser entgegentreten zu können.

Interkulturelles Zusammenleben im ländlichen Raum

Für den ländlichen Raum als wichtig erachtete Maßnahmen:

  • „Es sind Informationskampagnen durchzuführen, die den Ortsautoritäten ihre Verantwortung für das Gelingen des interkulturellen Zusammenlebens deutlich machen. Da es vom Verhalten dieser Personen abhängt, wie sich die Bevölkerung zur Zuwanderung stellt, dürfen diese Kampagnen nicht dem freiwilligen Engagement der Einzelnen überlassen bleiben.   
  • Im Bildungsbereich und in der Jugendarbeit muss die Arbeit an die veränderte Alltagswelt angepasst werden. Interkulturelles Lernen hat Bestandteil des allgemeinen Regelunterrichts zu werden, um so die Trennung zwischen verpflichtendem Regelunterricht und zusätzlichen Angeboten für Migrantenkinder aufzuheben. Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in Schulen, Kindergärten, Vereinen und Verbänden brauchen interkulturelle Kompetenz. Durch Programme und Fortbildungen müssen diese Kompetenzen vermittelt werden.   
  • Interkulturelles Zusammenleben muss als Bestandteil des kommunalen Lebens begriffen werden. Das heißt, die Herausforderungen der Zuwanderung sind nicht länger als zusätzliche Aufgabe zu werten, sondern sind als Querschnittsaufgabe in alle Bereiche des kommunalen Lebens zu integrieren. Dies ist auch den kommunalen Parlamenten zu vermitteln. Die interkulturelle Wirklichkeit der Dörfer und Kleinstädte ist damit sowohl bei den Bebauungsplänen, bei den Vereinsstrukturen oder bei den Ortsaktivitäten zu berücksichtigen. Ein Schritt auf diesem Weg könnte die Einführung des interkulturellen Zusammenlebens als Kriterium in den unterschiedlichen Wettbewerben (z.B. ‚Unser Dorf soll schöner werden‘) und Dorferneuerungsprogrammen sein.   
  • Für gelingendes interkulturelles Zusammenleben ist die aktive Partizipation von Zugewanderten in Vereinen, Verbänden und kommunalen Gremien und Einrichtungen unverzichtbar.   
  • Kommunen und Kirchen sind in der Verantwortung, Runde Tische für interkulturelle Dialoge zu initiieren. Es sind Gremien einzurichten, in denen Zugewanderte und Etablierte gleichberechtigt miteinander diskutieren können. Die Kirchen stehen hier in der Pflicht interreligiöse Begegnungen zu ermöglichen, um oft tiefsitzende Ängste und Vorurteile gegenüber anderen Religionsgemeinschaften überwinden zu können.   
  • Kommunen in den Regionen außerhalb der Ballungsgebiete dürfen nicht von den wirtschaftlichen Entwicklungen abgeschnitten werden. Wirtschaftsförderungsprogramme sind für ländliche Regionen zu entwickeln, um vor allem der hohen Jugendarbeitslosigkeit entgegenzuwirken.

In einem immer stärker zusammenwachsenden Europa ist eine Zusammenarbeit mit anderen Ländern der Europäischen Union dringend notwendig. Aufgrund der unterschiedlichen Migrationsentwicklungen und historischen Voraussetzungen für Zuwanderung ist ein Austausch über die Erfahrungen in den jeweiligen Ländern anzustreben. Die gegenseitige Unterstützung bei der Entwicklung von Strategien ist eine wichtige Maßnahme zur Qualifizierung.“ (Micksch/Schwier 2001)

Islam im ländlichen Raum

Mit der Publikation „Islam in europäischen Dörfern“ hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ein Nachfolgeprojekt zu „Fremde auf dem Lande“ realisiert, das die Beiträge einer Tagung der Evangelischen Akademie Arnoldshain beinhaltet, die unter breiter europäischer Beteiligung durchgeführt wurde. Die Lektüre macht jenseits einzelner Fallschilderungen vor allem deutlich, dass die Befassung mit der Thematik nicht nur in Deutschland, sondern auch in den übrigen europäischen Ländern in der Praxis, aber mehr noch in der Wissenschaft völlig unzureichend ist.

Der Umgang mit Menschen muslimischen Glaubens ist in fast allen Ländern zum größten Testfall der Integration geworden, da sich Religion und Kultur, so sie aktiv von den Zuwanderern praktiziert werden, massiv von der christlich geprägten einheimischen Kultur- und Glaubenstradition unterscheiden. Aufgrund der geringen sozialräumlichen Segregation im ländlichen Raum treffen diese Unterschiede viel unmittelbarer und in der Regel unvermittelter aufeinander als in Ballungsregionen. Micksch und Schwier fordern deshalb, dass vor allem der gegenseitigen Kenntnis voneinander sowie Kommunikation und Kontakten untereinander primäre Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.

Sozialräumliche Integration von Zuwanderern in Klein- und Mittelstädten des ländlichen Raumes

Die Untersuchung von Annegret Boos-Krüger (2005) wurde als Expertise im Rahmen des Verbundprojekts „Zuwanderer in der Stadt“ in Auftrag gegeben. In Interviews mit Bürgermeistern und anderen Experten hat die Autorin die Frage der Integration von Zuwanderern in drei hessischen Kommunen untersucht. Die Kommunen charakterisieren unterschiedliche Standort- und Entwicklungsmerkmale.

  • Ober-Ramstadt: südhessisches Unterzentrum am Rand des Odenwalds, nahe Darmstadt und ballungsnah zum Rhein-Main-Neckar-Raum; 16.300 Einwohner, davon in der Kernstadt 10.800; Ausländeranteil 10,1%, in der Kernstadt 12,5%; Hauptherkunftsland Türkei; historische Zuwanderung von französischen Religionsflüchtlingen Ende des 17. Jahrhunderts; Gastarbeiteranwerbung seit den 1960er Jahren, vornehmlich türkische Arbeiter aus einer Region, die der gemäßigten muslimischen Glaubensrichtung der Aleviten angehören   
  • Schwalmstadt-Trutzhain: Ortsteil des 50 km südlich von Kassel im ballungsfernen Raum gelegenen Mittelzentrums Schwalmstadt; mit 11 Ortsteilen 20.950 Einwohner; Ausländeranteil 5%; Aussiedleranteil 6,2%; Trutzhain wurde im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangenenlager gegründet, die Baracken wurden nach Kriegsende zu Flüchtlingsunterkünften umgebaut, die zur dauerhaften Siedlung wurden; Mitte der 1990er Jahre großer Zustrom von Aussiedlern   
  • Spangenberg: Unterzentrum mit 12 weiteren Ortsteilen, rd. 30 km südlich von Kassel und ebenso weit von der ehem. innerdeutschen Grenze entfernt; 6.800 Einwohner, Kernstadt 3.408 Einwohner; Ausländeranteil Gesamtstadt 11,3% inkl. Asylsuchende; historische Emigrationserfahrungen von Amerikaauswanderung Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Emigration der großen jüdischen Gemeinde im Dritten Reich; Zuzug von Flüchtlingen nach Kriegsende; Gastarbeiteransiedlung seit Mitte der 1960er Jahre; starker Aussiedlerzuzug Anfang der 1990er Jahre

Die Ergebnisse der Interviews fasst Boos-Krüger unter drei Aspekten der sozialräumlichen Intergration von Zuwanderern in Klein- und Mittelstädten des ländlichen Raums zusammen, nämlich den sozialkulturellen Aspekten, den baulich-räumlichen und den ökonomischen Aspekten.

Ergebnisse der Expertise

Die Ergebnisse der Interviews fasst Boos-Krüger unter drei Aspekten der sozialräumlichen Intergration von Zuwanderern in Klein- und Mittelstädten des ländlichen Raums zusammen, nämlich den sozialkulturellen Aspekten, den baulich-räumlichen und den ökonomischen Aspekten.

Sozialkulturelle Aspekte der sozialräumlichen Integration
In einer Klein- oder Mittelstadt vollzieht sich Migration unter der Bedingung räumlicher Dichte und ist somit unmittelbar erlebbar. Die sozial-kulturelle Auseinandersetzung von Einheimischen mit Zugezogenen spielt sich – im Unterschied zur Großstadt – nicht in sozialräumlich abgespaltenen Stadträumen ab, sondern in der Gesamtstadt mit ihrer insgesamt eher durchmischten Bevölkerung. Eine Durchmischung der Bevölkerung ergibt sich zudem in den sozialen und kulturellen Einrichtungen der Orte, wie Kindergarten, Schule oder Vereine, die ihren Einzugsbereich in aller Regel auf das gesamte Stadtgebiet erstrecken. Die Integrationsbedingungen sind damit von Überschaubarkeit, Intimität, Nachbarschaft und sozialer Kontrolle geprägt.

Baulich-räumliche Aspekte der sozialräumlichen Integration
Die städtebauliche Lenkung von Zuwanderungsprozessen ist nach Boos-Krüger als ein entscheidender Integrationsfaktor zu werten. Dies vor allem dann, wenn Zugezogene leergefallene Bestände im Stadtkern aufkaufen und einer neuen wirtschaftlichen und Wohnnutzung zuführen, wie z.B. in Spangenberg oder Ober-Ramstadt. Die Weiternutzung und Instandsetzung bzw. –haltung der Gebäude und Flächen sollte unter baulich-räumlichen Aspekten so begleitet werden, dass der örtliche Charakter gewahrt bleibt.

Ökonomische Aspekte der sozialräumlichen Integration
Durch ihren Zuzug geben Zuwanderer Klein- und Mittelstädten neue wirtschaftliche Impulse. Insbesondere durch Aktivitäten in der lokalen Ökonomie wird die örtliche Wirtschaftskraft erweitert. Der ländliche Raum bietet Zuwanderern dafür insofern günstigere Einstiegsbedingungen, als die Immobilienpreise deutlich niedriger sind.

Ortsautoritäten als Vorbild

Micksch und Schwier wie auch Boos-Krüger konstatieren eine eminente Bedeutung von Ortsautoritäten bei dem Umgang mit der Herausforderung der Integration von Zuwanderern, insbesondere in dörflich strukturierten Kommunen. Diese Erfahrung wird durch die Berichte von Experten aus dem europäischen Ausland, die der Band „Fremde auf dem Land“ wiedergibt, bestätigt. Trotz großer kultureller Unterschiede scheint diese sozialstrukturelle Bedingung für alle ländlichen Räume zu gelten.

Klein- und Mittelstädte im ländlichen Raum als Lernfeld der Integration

Bezogen auf die verschiedenen Politikfelder stellt Boos-Krüger einen zumeist progressiven Umgang mit der Integration von Zuwanderern fest. Sie gelangt daher zu der Einschätzung, dass sich der ländliche Raum aufgrund seiner spezifischen Zuwanderungs- und Integrationsbedingungen durchaus als ein Lernfeld für die sozialräumliche Integration von Zuwanderern erweisen kann. Nicht zuletzt deshalb sollte die Befassung damit sowohl von Seiten der Wissenschaft als auch von Seiten der Politik intensiviert werden.

Für die als Abschluss der Untersuchung von Boos-Krüger genannte These bildet die Arbeit von Christine Grüger und Ingegerd Schäuble (2005) einen Beleg. In dem unter www.staedtebaufoerderung.bayern.de zum Download bereitstehenden Bericht „Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt in Bayern. Diskursive Bürgerbeteiligung. Bericht zum Modellversuch“ stellen die Autorinnen folgende der Integration und dem Anliegen der Bürgerbeteiligung förderliche Merkmale von Klein- und Mittelstädten fest:

  • „Zum einen unterscheiden sich die stadtstrukturellen Ausgangsbedingungen in Klein- und Mittelstädten im Vergleich zur Großstadt in Hinblick auf Urbanität, Dichte, Zentralität und Mischung sowie soziokulturelle Rahmenbedingungen (wie kulturelle und wirtschaftliche Traditionen, regionaler Wirkkreis, soziale Netzwerke, bürgerschaftliches Engagement, Vereinsleben, Identifikation). Sie bieten mehr Direktheit zwischen den Agierenden und mehr Überschaubarkeit über städtische Verständigungen.   
  • Des weiteren differieren die verwaltungsorganisatorischen Voraussetzungen, wie z.B. kleinere wirtschaftliche wie kommunale Arbeitseinheiten, sektorale Organisationsabläufe, die zu vereinfachten Organisations- und Arbeitsstrukturen, Personalqualifikationen, Personalstand und Dialogkultur führen können.“

Die wichtigsten Faktoren, die Integration auf dem Land beeinflussen

Auf der Basis der vorliegenden Untersuchungen und Berichte können also folgende Faktoren benannt werden, die die Integration von Zuwanderern im ländlichen Raum besonders beeinflussen:

  • Situation der Fremden unterscheidet sich nach Zuwanderungsgruppe, rechtlichem Status und Aufenthaltsdauer (z.B. Asylsuchende, ehemalige Gastarbeiter, Aussiedler)   
  • Integrationsanforderungen vor Ort sind für alle Gruppen die gleichen   
  • räumliche Überschaubarkeit, die mit einem hohen Maß an sozialer Öffentlichkeit einhergeht, macht die Auseinandersetzung mit neu Zuwandernden unumgänglich   
  • kaum sozialräumliche Segregation in örtlichen Einrichtungen, wie Kindergarten, Schule etc., die ihren Einzugsbereich i.d.R. über die Gesamtstadt bzw. die Gesamtgemeinde erstrecken   
  • ökonomische Situation des Ortes/der Region wirkt sich auf Integrationsbereitschaft und -erfolg aus   
  • historische Erfahrungen wirken auf neue Erfordernisse   
  • kommunale Verwaltungsstrukturen sind überschaubarer, Kontakte untereinander direkter   
  • Einstellung der Ortsautoritäten (Pfarrer, Ortsvorsteher) hat eminenten Vorbildcharakter   
  • Möglichkeiten der Abgrenzung für beide Seiten, die der Alteingesessenen und der neu Zugewanderten, müssen gegeben sein

Literatur

Boos-Krüger, Annegret: Sozialräumliche Integration von Zuwanderern in Klein- und Mittelstädten des ländlichen Raumes. Annäherung an ein neues Forschungsgebiet. In: Schader-Stiftung, Deutscher Städtetag, GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, Deutsches Institut für Urbanistik, Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft und Stadt- und Regionalentwicklung GmbH an der Ruhr-Universtität Bochum (Hrsg.): Zuwanderer in der Stadt. Expertisen zum Projekt. Darmstadt 2005. S.407-444

Grüger, Christine/Schäuble, Ingegerd: Diskursive Bürgerbeteiligung - Bericht zum Modellprojekt. I.A. der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative Soziale Stadt in Bayern. München 2005

Micksch, Jürgen/Schwier, Anja: Fremde auf dem Lande. 2. Aufl. 2001. Frankfurt a.M.: Otto Lembeck

Micksch, Jürgen/Schwier, Anja: Islam in europäischen Dörfern. Frankfurt a.M. 2002: Otto Lembeck