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Die Suche nach der unbekannten Insel

Artikel vom 01.02.2017

Im Rahmen der Tagung „Inter – Multi – Trans: Wissenschaftsförderung und disziplinäre Grenzüberschreitungen“, die von der Schader-Stiftung in Kooperation mit dem Arbeitskreis Wissenschaft und Forschung des Bundesverbands Deutscher Stiftungen am 1. Februar 2017 veranstaltet wurde, beschäftigte sich Prof. Dr. Stefan Selke in seiner Keynote mit der Frage, ob disziplinäres Grenzgängertum innerhalb des Wissenschaftssystems überhaupt gewünscht ist. Von Stefan Selke

Intro

Gerade wurde es in der Einführung erwähnt: Ich habe die Biografie eines Grenzgängers. Das war auch der Grund dafür, warum ich gerne bereit war, einen einleitenden Vortrag bei dieser Tagung mit dem Titel „Inter-Multi-Trans. Wissenschaftsförderung und disziplinäre Grenzüberschreitungen“ zu halten. Hinter meinem Grenzgängertum steckt eine Haltung.

Vielleicht irritiert der Titel meines Vortrages „Die Suche nach der unbekannten Insel“ ein wenig. Aber er soll dazu dienen, auf eine zentrale Frage hinzuarbeiten: Ist disziplinäres Grenzgängertum innerhalb des Wissenschaftssystems überhaupt gewünscht? Und wenn ja, wie ist es möglich? Um meine Antwort wird schon vorweg zu nehmen: Grenzgängertum halte ich nur für bedingt umsetzbar. Dafür gibt es jede Menge Gründe. Nur einige kann ich ansprechen. Aber ich setze sehr große Hoffnungen auf Sie, die Stiftungen. Sie könnten eine wichtige Leerstelle besetzen und zum Glück tun sie es ja teilweise schon.

Erzählungen über notwendige Grenzverschiebungen

Beim gestrigen Abendvortrag durften wir der faszinierenden Rede von Juan Miró über dunkle Materie und die Grenzen unseres Universums lauschen. Der Weltraum und die Raumfahrt - das sind ganz große Erzählungen über Grenzen, die immer wieder neu verschoben werden. Diese Fallhöhe kann ich Ihnen mit meiner irdischen Erzählung nicht bieten. Dennoch stimme ich eine Erzählung an, die wichtig ist, die Erzählung darüber, wie Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit neu interpretiert werden können, ja interpretiert werden müssen. Es ist eine zeitgenössische Erzählung über notwendige Grenzverschiebungen, wenngleich nicht im ganz großen Maßstab des Universums.

Mit großer Genugtuung habe ich gestern gehört, dass Herr Miró davon sprach, dass er anlässlich eines Science Slams bei der Schader-Stiftung bemerkte, dass die Gesellschaftswissenschaften doch einer anderen „Dimension“ angehören. Gut so! Ich habe das sehr positiv aufgenommen. Aber diese Aussage macht auch deutlich, wie unterschiedlich Naturwissenschaftler, Techniker und Vertreter der Gesellschaftswissenschaften immer noch denken und sprechen. Daraus ließe sich bereits eine Notwendigkeit zur Grenzerweiterung ableiten: Wir brauchen mehr und bessere Brücken zwischen den Natur- und den Gesellschaftswissenschaften. Durch mein eigenes biografisches Driften – zuerst Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, später dann eine Laufbahn als Soziologe, jetzt Grenzgänger zwischen den Welten Wissenschaft und Literatur – hatte ich es schon immer ein wenig leichter, Perspektiven zu verbinden und zwischen „Fachsprachen“ zu übersetzen. Gleichwohl: in der Praxis ist es immer noch zäh, sehr zäh sogar.

Meine irdische Erzählung von den notwendigen Grenzverschiebungen handelt daher vom notwendigerweise revidierten Passungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Ich werde über mögliche neue Wissenschaftsverständnisse – oder wie ich es nenne – Wissenschaftsnarrative sprechen.  Und ich werde dabei sehr persönlich, subjektiv und vielleicht auch ein wenig provokant sein. Was ich vorstelle, speist sich aus meiner eigenen Erfahrung. In Absprache mit Herrn Klein habe ich mir erlaubt, einige Beispiele aus meiner eigenen Praxis zur Illustration mit aufzunehme

Alternative Wissenschaftsmodelle in einer Nebenfolgengesellschaft

Beginnen möchte ich mit der These, dass Wissenschaft einerseits organisierbar ist, andererseits aber auch alternativ organisiert werden könnte. Es braucht nur noch mehr Ideen für diese alternative Form. Die Frage, die sich dann stellt, lautet: Wie kommt eine andere Orientierung in die Wissenschaft? Eine Orientierung, die weniger unternehmens- oder industriezentriert ist, die nicht nur wachstumsgetriebenen ist und Effizienzsteigerung, sondern Gemeinwohl in den Mittelpunkt rückt. Möglicherweise ist genau dies die Option für Stiftungen.

Zunächst ein paar Überlegungen zur Notwendigkeit dieses neuen Passungsverhältnisses. Diese Forderung ist nicht neu. Seit 20 oder 30 Jahren wird ein neues Passungsverhältnis diskutiert. Aber aus der Praxis heraus kann ich sagen, dass diese neuen Leitbilder der Wissenschaft in Forschung, Lehre sowie der Hochschulpolitik noch nicht wirklich angekommen sind. Hochschulen, Forscherteams und Lehrende operieren eigentlich immer noch nach den Leitbildern der 1970er und der 1980er Jahre.

In seinem Eingangsstatement ging Herr Klein bereits darauf ein, dass wir in einer Nebenfolgengesellschaft leben. Nebenfolgengesellschaft ist ein Begriff, der vom Soziologen Ulrich Beck geprägt wurde. Eine Nebenfolgengesellschaft ist eine Gesellschaft, in der die technologischen Errungenschaften selbst als neue entgrenzte Probleme wieder auf die Gesellschaft zurückwirken und nicht allein mit technologischen Lösungen „in Ordnung“ gebracht werden können. Ein Beispiel dafür ist die Reaktorkatastrophe in Fukushima. Auch bei der humanitären Katastrophe – der Flucht über das Mittelmeer nach Europa – handelt es sich um entgrenzte Probleme. Natürlich gibt es noch viele andere ähnlich strukturierte Probleme, denken wir nur an den Klimawandel. Dieser Problemtyp wird in Zukunft verhindern, Wissenschaft wie bisher zu betreiben. Nebenfolgen lassen sich nicht allein mit disziplinärem Denken, mit herkömmlicher Technologie oder Terminologie bearbeiten. Stattdessen wird vermehrt Grenzgängertum notwendig werden. Und zwar diszipliniertes Grenzgängertum

Beachtung des „mitsprechenden Kontexts“

Vor dem Hintergrund dieser neuen Anforderungen entstand auch ein gesteigertes Partizipationsbedürfnis von Bürgerinnen und Bürgern sowie von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Nur ein Beispiel hierzu: regenerative Energien am Beispiel von Windkraftanlagen im Schwarzwald. Was lässt sich dabei lernen? Man kann einfach wie bisher Wissenschaft betreiben. Oder man zieht neue Erkenntnismethoden zur Beurteilung hinzu, weil die Widerspenstigkeit der empirischen Welt dies erfordert und weil es eine Spannung zwischen der normativ aufgeladenen Idee regenerativer Energien und deren praktischer Umsetzung gibt, die zunächst nicht anders aufgelöst werden kann. Man kann die Idee regenerativer Energie einerseits gut finden und andererseits doch wenig Lust haben, sich eine Stromleitung durch den eigenen Vorgarten legen zu lassen oder von der eigenen Terrasse aus auf ein Windkraftrad in Sichtweite zu blicken. Ich lebe im Schwarzwald. Dort gibt es mittlerweile eine intensive Debatte über den Sinn und Unsinn von Windkraftanlagen. An einigen Stellen wird darüber heftig gestritten. Ein Freund und Kollege, Richard Schindler, Soziologe und zugleich bildender Künstler, hat in diesem Kontext vorbildlich disziplinäre Grenzen überschritten. Schindler ist der Autor des ersten Gutachtens eines Künstlers, das jemals in Deutschland vor Gericht verwertet wurde, ein Gutachten zum Thema Landschaftsästhetik und Windkraftanlagen im Schwarzwald. Es ging dabei um einen konkreten Fall in der Nähe von Freiburg, die Windkraftanlagen auf der Holzschlägermatte. Zwar gab es auch eine herkömmliche Umweltverträglichkeitsprüfung, damit aber kam man vor Ort aber nicht weiter, die Konflikte nahmen nicht ab. Daraufhin wurde ein bildender Künstler beauftragt und erstellte ein landschaftsästhetisches Gutachten. Für mich ist das nur ein Beispiel dafür, wie in vielen Bereichen das bereits erwähnte Partizipationsverlangen tatsächlich immer stärker wird und zu Grenzüberschreitungen einlädt.

Aber wie reagiert Wissenschaft darauf? Eigentlich sollte sie mehr Rückkopplung zur Gesellschaft erzeugen, mehr Bürgerinnen und Bürger einbinden. Sie sollte dies auch schon in der Definition von Forschungsfragen und von Forschungsagenden tun. Gleichzeitig gibt es aber noch starke Reaktanzen, Widerstände aus dem Kreis der disziplinär organisierten Wissenschaft. Im Kern geht es hierbei um die Befürchtung, dass der „heilige Gral“ der Wissenschaftsautonomie beschädigt würde und dass Wissenschaftler nun bald dazu gezwungen würden, politische Vorgaben einzulösen oder auf die Meinungen außerwissenschaftlicher Akteure Rücksicht zu nehmen. Nichts ist größer als die Angst vor Laien, die in die Arbeit des wissenschaftlichen Forschers „hineinreden“ und „hineinpfuschen“ (so einige meiner Kollegen im O-Ton).

Ich sehe das lockerer. Ich glaube, man sollte überhaupt gar keine Angst vor der Öffnung der Wissenschaft und vor disziplinären Grenzüberschreitungen haben. Je offener und vielfältiger Wissenschaft wird, desto besser wird dann auch das Ergebnis von Wissenschaft. Es gibt erste Projekte, die versuchen, Perspektivenvielfalt vor dem Beginn der eigentlichen Forschung systematisch zu erfassen. So z.B. das Projekt CIMULACT am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. Dort wird versucht, systematisch alle gesellschaftlichen Stakeholder in den Entscheidungsprozess für oder gegen eine Forschungsagenda einzubeziehen. Bürger werden also nicht erst an bereits laufenden Projek-ten beteiligt, sondern schon vor dem eigentlichen Projektstart – und das auf europäischer Ebene. Die Grundidee der frühzeitigen Rückkopplung an die Gesellschaft zur Gesellschaft ist bestechend. Es geht schlicht darum, Bürgerinnen und Bürger sowie zivilgesellschaftliche Akteure an Zukunftsfragen - die immer auch Wertefragen sind - angemessen zu beteiligen. Damit ist ein Paradigmenwechsel verbunden. Im klassischen Wissenschaftsverständnis existieren keine expliziten Wertefragen, sie werden höchstens implizit zugelassen, nie aber eingefordert und transparent gemacht. Aber genau das ist der Weg des disziplinären Grenzgängertums auf der Basis eines alternativen Wissenschaftsverständniss

Betriebsamkeit statt Gelehrsamkeit

Nun möchte ich noch ein ganz anderes Thema anschneiden. Es geht um die Praxis der Wissenschaft selbst. Ich habe sehr viel mit Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern gesprochen – bei der Schader-Stiftung nennt man diese Personengruppe zu Recht die „nächste akademische Generation“ (NaG). Und ich habe sehr viel über folgende Frage nachgedacht: Wie haben sich in den letzten 10 oder 20 Jahren die Produktion von Wissen sowie die wissenschaftliche Arbeit verändert? Ich erinnerte mich dann an ein Zitat von Mathilde Vaerting - eine frühe Soziologin, Pädagogin und Frauenrechtlerin, eine der ersten promovierten Soziologinnen in Deutschland. Vaerting hat schon vor langer Zeit das Gefühl perfekt auf den Punkt gebracht, um das meine Gedanken kreisten: „Gedächtnisfleiß auf einem Gebiet, das nicht interessiert“, so sagte sie, „ist Prostitution der Intelligenz.“

Wir arbeiten mittlerweile in einem Wissenschaftssystem, in dem Betriebsamkeit, vor allem sichtbare, messbare und ökonomisch verwertbare Betriebsamkeit wichtiger geworden ist als fundierte, nachhaltige und engagierte Gelehrsamkeit. Sie haben gerade von biografischer Verantwortung gesprochen, Herr Klein. Diesen Punkt möchte ich gerne aufgreifen. Was passiert eigentlich mit jungen Menschen, die in ein solches System eintreten, ein System, das sie zu immer intensiverer und schnellerer Betriebsamkeit zwingt? Der Gradient dieser Betriebsamkeit steigt immer weiter an, das Gefühl, nicht mehr hinterherzukommen wird zum Grundrauschen der Wissenschaftswelt und zur Grundierung der eigenen Biografie. Promovierende müssen heute bereits in der Qualifikationsphase so viel publizieren, dass damit manchmal die eigentliche Qualifikationsarbeit gefährdet ist. Diese Betriebsamkeitsspirale macht aus Wissenschaft etwas, was der Kunsthistoriker Martin Warnke einen „Knechtungsakt“ nannte. Das ist vielleicht ein wenig bissig ausgedrückt. Aber wer regelmäßig Kongresse besucht, wer sieht, wie sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dort verhalten, ja verhalten müssen, welchen Ritualen sie sich dabei – kaum freiwillig – unterwerfen, der erkennt, wie weit wir uns bereits von einem Ethos der Wis-senschaft entfernt haben, bei dem es darum geht, Erkenntnisse zu gewinnen und die eigene Intelligenz freiwillig auf dem richtigen Gebiet einzusetzen. Was aber ist das richtige Gebiet? Wie findet man es biografisch? Es ist sicher eines, das man sich selbst ausgewählt hat und genau dort lauert die Gefahr. Die meisten verlagern das eigene Interesse für Themen, die bei ihnen echte „Wertberührungen“ auslösen, auf einen unbekannten späteren Zeitpunkt innerhalb ihrer Biografie. An dem zu arbeiten, was wirklich interessiert, wird so zu einer Zukunftsprojektion. Sie stellen sich eine Zukunft vor, in der sie „etabliert“ sind. Und sie belügen sich selbst, indem sie vorgeben, dann genau das zu machen, was sie wirklich berührt. Diese Selbstlüge ist gefährlich. Sie ist das Gegenteil biografischer Verantwortung, die darauf beruht, Menschen dazu zu ermutigen, frühzeitig, besser noch so früh wie möglich, authentisches Interesse zu entwickeln und auch zu leben. Biografische Verantwortung würde bedeuten, diese Menschen nicht erst durch Rituale der Selbstverleugnung hindurchgehen zu lassen, sie zu „knechten“, sondern vielmehr zu verhindern, dass sie ihre eigene authentische Wissenschaft in eine ferne, meist unerreichbare Zukunft projizieren. In der Welt der Wissenschaft gibt es sehr viele, zu viele Rituale der Selbstgeißelung. Die meisten Kollegen, die ich kenne, beklagen diesen Druck, der durch die Norm der Betriebsamkeit ent-steht, doch zu wenige wehren sich dagegen. Wissenschaft ist inzwischen auch Unterwerfung. Nur wenige Grenzgänger sind bereit, auszuscheren und den Preis, den sie dafür bezahlen müssen, auch in Kauf zu nehmen. Dabei ist es möglich, auch wenn der Preis hoch ist. Wissenschaft ist anders organisierbar, Lehre und Forschung sind anders organisierbar. Vielleicht ist das Problem dabei, dass man dann auf eine gesicherte Karriere verzichten muss. Aber wir sprechen hier ja hier nicht über Karrierewege sondern über die Möglichkeit zum Grenzgängertum.

Mein Zwischenfazit: In der Praxis der Wissenschaft ist Grenzgängertum eigentlich kaum umsetzbar. Es wird tendenziell eher bestraft als belohnt. Die inzwischen verbreitete ökonomische Denkungsart fördert dies zusätzlich. Ich meine damit das Effizienzdenken bei der eigenen Arbeit, der Anreiz, schnell zu publizieren, viel zu publizieren, die Frage, ob aus einem Ergebnis eine große Publikation entsteht oder lieber zehn kleine, weil sich diese „Salami-Taktik“ unter dem Strich eher lohnt. Wo lernen wir eigentlich dieses Taktieren, anstatt uns wirklich auf Inhalte, Visionen und kreative Ideen zu fokussieren? Diese Frage habe ich einmal zum Gegenstand eines Science Slams gemacht. In diesem Science Slam frage ich provokant, was aus der Bergpredigt – immerhin ein recht wichtiges Referenzdokument unserer Kultur – geworden wäre, wenn Evaluationsagenturen bei der Predigt anwesend gewesen wären und Fragebögen ausgeteilt hätten. Und zwar zufällig genau diejenigen Fragebögen, mit denen gegenwärtig massenhaft Lehrveranstaltungen an Hochschulen evaluiert werden. Was wäre aus der „Geltung“ der Bergpredigt geworden, um es in Worten des Philosophen Lambert Wiesing zu sagen?

Aber im Ernst: Das Problem beginnt dort, wo die Mittel sich in den Vordergrund schieben und dann die Ziele in den Hintergrund drängen. Der Evaluationsfetischismus ist ein manipulatives Mittel, manipulativ deshalb, weil die Logik der Betriebsamkeit Eigenlogiken erzeugt. Damit verändert sich der Modus der Wissensproduktion grundlegend. Grenzgängertum wird schwierig bis unmöglich. Auf einer strukturellen Ebene spricht Richard Münch sogar vom „akademischen Kapitalismus“. Kurz gesagt geht es ihm dabei darum, dass es Themen gibt, die aufgrund von Lobbyismus, politisch-normativen Programmen und Rahmungen eine starke Überinvestition im Bereich der Forschungsförderung erfahren. Diese Themen werden beleuchtet, herausgehoben, strategisch besetzt - alle rennen genau dort hin. Andere Themen werden eher unterbelichtet, in sie wird nicht genügend investiert, sie werden marginalisiert. Das bedeutet im Einzelfall auch eine Verschiebung eigener Lebensentscheidungen oder von strategischen Entscheidungen der Hochschulen, die ja ebenfalls Themen besetzen wollen. Es bedeutet gerade nicht, dass automatisch Themen bearbeitet werden, die wirklich wichtig und notwendig für das Gemeinwohl sind. Das aber wäre der Referenzpunkt für ein alternatives Wissenschaftsverständnis. An dieser Stelle nochmals das Stichwort: Partizipation. Wie sieht Wissenschaftsförderung aus der Sicht derer aus, die zwar nicht Teil des Wissenschaftssystems sind, die es aber letztlich finanzieren? Wäre es nicht wichtig, diese Personen auch an Entscheidungen zu beteiligen? Oder sollen Forschungsthemen weiterhin in einem selbstbezüglichen Wissenschaftssystem innerhalb „geschlossener Gesellschaften“ einfach gesetzt werden?&nb

Gesellschaft als „unsauberes“ Labor – Rückkopplung von Wissenschaft

Ich gehöre zu denen, die auf diese Frage mit der immer lauter werdenden Forderung einer verstärkten Rückkopplung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft antworten. Richtig neu ist diese Idee allerdings nicht. Schon Ulrich Beck schrieb in den 1990er Jahren über die Praxis als Labor. Er hatte beobachtet, dass es immer mehr Probleme gibt, die sich nicht allein durch einen Rückzug ins technische Labor lösen lassen. Draußen in der Praxis gab es stattdessen Widersprüche, Widerspenstigkeiten, Dispute und Diskussionen. Die Leute wollten beteiligt sein, das Gegenexpertentum wurde lauter und vielfältiger. Man wollte mitreden. Demokratie, so Beck, schlich sich ein.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs: Gestern sprach Juan Miró über Forschung im Weltall und erläuterte dabei seine Vorstellung eines idealen Labors. Er fragte, warum Menschen überhaupt im Weltall forschen. Seine Antwort: Weil es dort keine Schwerkraft gibt. Das Weltall ist eine „saubere“ Laborumgebung. Im geplanten „Moon Village“, einer Siedlung auf dem Mond, erkannte Miró auch so etwas wie eine „saubere“ Laborumgebung. Er sprach von einer „idealen“ Umgebung, um Menschen auf eine neue Art und Weise unter „kontrollierten“ Bedingungen zusammenzubringen und menschliches Zusammenleben in einem ungestörten Entstehungsprozess zu beobachten. Von dieser Vorstellung eines Labors war ich wie elektrisiert. Warum? Weil daran deutlich wird, wie verschieden in den Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften gedacht wird. Im Weltall mag es diese „saubere Umgebung“ geben, das akzeptiere ich auf einer rein physikalischen Ebene. Aber immer dort, wo Menschen zusammenkommen, dort, wo Gesellschaft erforscht wird, kann es niemals eine ideale, saubere oder kontrollierte Umgebung geben. Gesellschaft lässt sich, auch auf dem Mond, nicht auf „Null“ setzen, Gesellschaft lässt sich nicht durch den Druck auf den „Reset“-Knopf neu starten – auch wenn viele sich genau das im Sinne von Social Engineering wünschen. Gesellschaft ist immer schon da, vorgängig, vermischt, wild: Kulturen, Interessen, Erwartungen, Traditionen usw. Und deswegen würde man auch auf dem Mond kein ideales „Gesellschaftslabor“ etablieren können. Gleichwohl lässt sich Gesellschaft selbst als ein Labor betrachten. Und damit zurück zu Ulrich Beck, der bereits in den 1990er Jahren von der Praxis als Labor sprach. Wie forscht man in diesem Labor? Ich möchte Ihnen nun ein paar konkrete Beispiele zeigen, die dies vielleicht ein wenig illustrieren.

Erstes Beispiel: die Bioökonomiestrategie. Klingt erst einmal sehr technisch. Es geht darum, dass aus nachwachsenden Rohstoffen alle möglichen Dinge erzeugt werden sollen, angefangen bei Biokraftstoffen über Energie bis hin zu Lebensmitteln. Ich plante, dass sich mein Forschungsteam im Kontext „Öffentlicher Wissenschaft“ an einer Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zur gesellschaftswissenschaftlichen Begleitforschung beteiligt. Die Aufgabe bestand darin, die völlig divergierenden Meinungen und Positionen zu diesem höchst umstrittenen Thema transparent zu machen und zwischen ihnen zu vermitteln. Was mich völlig überraschte: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meines Teams, Sozialwissenschaftler Mein Team, bestehend aus Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern verschiedenster disziplinärer Herkunft, weigerten sich, diesen Antrag mit mir zusammen zu schreiben. Aus ihrer Perspektive würden wir damit nur „die Bösen“ unterstützen und das wollten sie nicht. Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe, wie stark Grenzziehungen wirken, wie stark Berührungsängste sind, wie hermetisch Welten voneinander abgeschlossen sein können. Ich wollte keine Kampagne für die Bioökonomiestrategie konzipieren, sondern methodisch untersuchen, wie man sich in einem argumentativen Minenfeld bewegen kann, wie sich zerstrittene Akteure zusammenbringen lassen, wie man lernt, mit denen zu sprechen, die man nicht mag und wie man dennoch zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen kann. Das war also der Punkt, an dem ich ganz praktisch gemerkt habe, dass es „auf beiden Seiten“ immense Ängste und Befürchtungen gibt, die im schlimmsten Fall bis zur Totalverweigerung reichen.

Zweites Beispiel: Das gesellschaftliche Megathema Digitalisierung. Diesmal aber werde ich von einem Positivbeispiel berichten. Es zeigt, dass und wie Grenzüberschreitung tatsächlich möglich ist. Das Schauspielhaus Essen widmete eine gesamte Spielzeit dem Leitthema „Werte zählen“. Es ging dabei um numerische, ökonomische und ethische Werte im Kontext von Big-Data und der Algorithmisierung der Gesellschaft. Eines Tages saß ich im Theater und realisierte, dass eine Szene des Theaterstückes „Mein Leben mit Big Data. Ich habe nichts zu verbergen“ auf Texten basiert, die ich selbst geschrieben habe. Sie stammten wortwörtlich aus meinem Debattenbuch über Lifelogging, einem Buch über die digitale Selbstvermessung. Für mich war das eine vollkommen neue Erfahrung. Künstler, die sich ernsthaft mit sozialwissenschaftlichen Argumenten auseinandersetzen und diese in der Form von Dialogen auf die Bühne bringen. Ich lernte, dass Künstler in diesem Fall die interessanteren Fragen stellen, als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ich auf vielen Tagungen und Kongressen zum Thema Big Data getroffen hatte. Liegt vielleicht das Geheimnis darin, all diese Leute zusammenzubringen? Das wäre ein wahrhaft gelungenes Beispiel für Grenzgängertum. Ich kann an dieser Stelle nur für mich sprechen. Ich persönlich versuche, alle diese unterschiedlichen Fäden aufzugreifen und mit fremden Gehirnen zu denken

Engagierte Öffentliche Soziologie als Grenzgängertum und Wissensintegration

Mein fachlicher Hintergrund sind die Gesellschaftswissenschaften. Im Kontext der „New Public Social Sciences“ wird gerade sehr viel darüber nachgedacht, welche Rolle Gesellschaftswissenschaften als Übersetzer, Mediatoren oder Brückenbauer spielen könnten. Vielleicht können sie besser mit unter-schiedlichen Wissenssorten umgehen und zur Wissensintegration beitragen? Erstens mit instrumentellem Wissen, also Wissen, das beschreibt, wie etwas geht, know-how. Zweitens mit reflexivem Wissen, der Frage nach dem know-why. Und drittens mit transformativem Wissen, das etwas vor Ort verändert. Wissensintegration ist für mich ein anderer Begriff für disziplinäres Grenzgängertum. In der Soziologie gibt es seit rund einem Jahrzehnt eine Debatte zu einer neuen Programmatik, die sich Öffentliche Soziologie nennt. Public Sociology ist nur ein Beispiel für die vielen Public Turns, die von öffentlicher Ethnologie über öffentliche Geografie bis zu öffentlicher Theologie reichen. Die Grundidee lautet in all diesen Fällen: Man stelle sich vor, dass Wissen nicht nur für innerakademische, sondern auch für außerakademische Publika produziert wird. Publika also, die ganz verschiedene Interessen haben. Wie muss diese Wissenschaft arbeiten, welches Potenzial hat sie und welche Dilemmata sind damit verbunden? Öffentliche Soziologie versucht in diesem Kontext engagierte Dialoge mit neuen Publika zu führen. Und das auf eine mehr oder weniger „organische“ Art und Weise. Diese Debatte ist inzwischen mit ein wenig Nachlauf im deutschsprachigen Raum angekommen. Öffentliche Soziologie und Öffentliche Gesellschafts-wissenschaften – das klingt erst einmal toll. Das Problem ist – und das sage ich nun wirklich aus Über-zeugung und bewusst kritisch – dass damit auch die Gefahr einer Art „Ghettoisierung“ verbunden ist. Alle, die nicht zum „professionellen Kern“ einer Disziplin gehören, vielleicht einfach nur, weil sie nicht die entsprechenden Verträge haben, laufen Gefahr, in den Quadranten der Öffentlichen Soziologie abgeschoben zu werden. Damit ließe sich das Erfolgsmodell Öffentliche Soziologie auch als eine Art „Resterampe der Wissenschaft“ vorstellen. Vielen Soziologinnen und Soziologen, die sich eigentlich ein chancenreiches Grenzgängertum wünschen, kritisieren tatsächlich, dass auf diese Weise eine Zwei-Klassen-Wissenschaft oder eine Zwei-Klassen-Soziologie entstehen könnte. Sicher, es gibt dieses Poten-zial, anders zu forschen und anders zu lehren. Aber diese Praxis der Wissenschaft entspricht dann immer weniger den klassischen Reputationskriterien und ermöglicht so immer weniger klassische Karrierewege für die NaG: Ich erwähne das, trotz meiner persönlichen Begeisterung für Öffentliche Soziologie, um überzogene Erwartungen an disziplinäres Grenzgängertum ein wenig zu dämpfen. Inzwischen bin mir fast sicher, dass der Wandel in Richtung Grenzgängertum nicht aus den Disziplinen heraus stattfinden wird. Überall dort, wo disziplinäres Denken vorherrscht, werden Grenzgänger marginalisiert oder ghettoisiert. Querdenker werden zwar auf der rhetorischen Ebene eingefordert, praktisch bleibt es bei weitgehender Verhaltensstarre. 

Öffnen disziplinärer Bunker und Heraustreten aus Denkburgen

In wenigen Sätzen möchte ich nun umreißen, wie ich mir ein Wissenschaftsverständnis vorstelle, das Grenzgängertum nicht nur akzeptiert, sondern sogar befördert. Der Sozialwissenschaftler John Brewer fordert uns auf, aus den „disziplinären Bunkern“ herauszutreten. Der Soziologe Richard Sennett spricht von den „Denkburgen“ innerhalb derer „Dogmen“ gepflegt und geschützt würden. Wie auch immer man diese Haltung bezeichnet, es hat Vorteile, sich nicht zu öffnen und innerhalb des bekannten und vertrauten Terrains zu bleiben: Ordnung und Sicherheit. Aber wer wirklich „entgrenzte“ Probleme bearbeiten möchte, also Zukunftsprobleme mit Wertebezug, Probleme, die nicht vor Disziplingrenzen haltmachen, der muss irgendwie aus den Bunkern und Burgen herauskommen. Aus meiner Sicht gibt es dafür vier Voraussetzungen.

Zunächst hat Grenzgängertum sehr viel mit Haltung zu tun. Ich meine damit eine persönliche Haltung und beschreibe diese Haltung als „disziplinierte Disziplinlosigkeit“. Nehmen Sie mich als Beispiel: Ich bin zwar Vertreter einer Disziplin, ich bin Soziologe, weil ich Soziologie studiert habe, weil ich Soziologie lehre usw. Aber ich muss dies nicht in jedem Moment und an jeder Stelle zeigen. Es ist nicht nötig, ständig die Flagge der eigenen Disziplin zu hissen. Diese Einsicht beruht auf einem kleinen persönlichen „Erweckungserlebnis“, von dem ich kurz berichten möchte. Vor einigen Jahren sollte ich mit dem katho-lischen Pfarrer Franz Meurer aus Köln zu einem kontroversen Thema diskutieren – in den Räumen seiner Kirche. Aber nirgends fand sich eine weiße Wandfläche, um die von mir vorbereitete Präsentation zu projizieren. Mitten an der einzigen weißen Wand hing mittig eine drei Meter hohe Jesus-Figur. Plötzlich betrat Pfarrer Meurer den Raum, begriff die Situation und hing die Jesusfigur einfach ab, schleppte sie durch den Raum und legte sie in einer Ecke des Raumes auf ein Klavier. Sein Kommentar dazu: „Der hält das aus!“. Das ist genau das, was ich mit „disziplinierter Disziplinlosigkeit“ meine. Unsere Disziplinen halten es aus, nicht immer distinktiv erkennbar als akademische Disziplinen in den Vordergrund gerückt zu werden. Unsere Debatten und Diskurse halten es aus, ohne distinktive Wissensbestände auszukommen. Zwar lässt sich damit zeigen, wer man ist und woher man kommt, aber das Ziel darin besteht, ein Problem zu lösen und etwas zu verändern, dann ist dies überhaupt nicht hilfreich – im Gegenteil. Probleme werden nicht mittels eines akademischen „Stallgeruchs“ gelöst, sondern mit grenzüber-schreitenden Ansätzen.

Haltung, das ist auch eine Frage von Persönlichkeit. Haltung bedeutet, sich zu entscheiden. Und dabei im Kern die Frage zu beantworten, wie engagiert man als Person einer Problemstellung gegenüber ist, ob man nah dran ist oder nicht, ob man eine eigene Meinung hat – auch öffentlich – oder nicht. Schon mehrfach habe ich von Partizipation gesprochen. Die Frage ist, ob man als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler Beteiligung zulässt, wünscht, fördert – oder eben systematisch verhindert, zum Beispiel weil man „seine Ruhe“ haben möchte. Friedhelm Neidhardt spricht in einer Vorlesung im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) über „Wissenschaft als öffentliche Angelegenheit“ etwa davon, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler „ein Recht auf Schweigen“ sowie „ein Recht auf Unverständlichkeit“ hätten. Da sind sie wieder, die Bunker und Denkburgen. Wer Wissenschaft so versteht, wird disziplinäres Grenzgängertum immer systematisch verhindern anstatt zu fördern.

Der wesentliche Punkt ist aber die Frage, ob man etwas verändern oder nur reflektieren möchte. Es geht also in anderen Worten um die Frage, ob neben instrumentellem und reflexivem Wissen auch transformatives Wissen erzeugt werden soll. Wissen also, das etwas konkret vor Ort verändert. Missstände, die abgeschafft werden könnten, gibt es ja bekanntlich genug. Damit ist die Aufgabe benannt, der sich die „nächste akademische Generation“ stellen muss, eine Aufgabe der Positionierung. Es geht darum, die disziplinären Theorien und Diskurse zu überschreiten, sie auszuweiten, sie selbst zu entgrenzen, um dann entgrenzte Probleme lösen zu können. Ein Begriff dafür, den ich kurz einführen möchte, lautet: Postdisziplinarität. Der Begriff ist zunächst nur eine Hülse, ein Arbeitsbegriff, Bezugspunkt oder schlicht ein anderes Wort für Gratwanderung. Die Rede von der Interdisziplinarität geht mir nicht weit genug. In der Praxis habe ich inzwischen zu oft erlebt, dass es sich dabei eigentlich eher um „arrangierte Disziplinarität“ handelt, d.h. einige Disziplinen stimmen sich nach außen hin symbolisch unter der Führung einer Leitdisziplin ab. Zu oft handelt es sich schlicht um Fake, wenn von Interdisziplinarität gesprochen wird. Postdisziplinarität braucht es dort, wo es Probleme gibt, die sich nicht monodisziplinär lösen lassen. Ein Beispiel ist die Beachtung von Biomimikry in der Architektur. In diesem Feld gibt es eine ganz faszinierende Durchmischung bzw. Neuordnung der disziplinären Landschaft. Ein weiteres Beispiel sind Frage-stellungen, an denen Natur- und Sozialwissenschaften auf Augenhöhe zusammenarbeiten, wo sich soziale und technologische Innovationen verzahnen, zum Beispiel beim Problem des Klimawandels. Der Begriff der Postdisziplinarität könnte daher ein neuer Referenzpunkt für heterodoxe Grenzgänger sein, er könnte helfen, die disziplinären Silos zu verlassen

Organische Öffentliche Soziologie als ethisch engagierte Beteiligung

Anhand einiger ausgewählter Beispiele über meine eigene Arbeit als Öffentlicher Soziologe möchte ich nun ein paar der vorgestellten Ideen aufgreifen und verdeutlichen. Einer der Höhepunkte meiner Arbeit war sicherlich 2013 eine Demonstration zusammen mit Armutsbetroffenen, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Das war eine große Aktion. Ich beschäftigte mich damals intensiv mit Arbeitsbekämpfung am Beispiel der Tafeln und wollte öffentlich Aufmerksamkeit für bestimmte Paradoxien erzielen. Diesen Ansatz nannte ich „wütende Wissenschaft“. Ich war wütend über die Missstände in diesem reichen Land, wütend über das Leid der Menschen, von dem ich in über 150 Interviews in drei Jahren erfahren hatte. Eine kleine Seitenbemerkung hierzu: Zu genau diesem Zeitpunkt legte die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) das Programm „DGS goes public“ auf. Damit sollten Formate Öffentlicher Soziologie gefördert werden. Ich gab eine Bewerbung für die Aktion „Armgespeist“ vor dem Brandenburger Tor ab – genau genommen waren es drei Tage voller Diskussionen, Lesungen, Symposien etc. Die Aktion wurde nicht gefördert. Und zwar mit der äußerst interessanten Begründung, dass kein anderer Antrag eingereicht worden ist. So viel zum Interesse an Öffentlicher Soziologie zum damaligen Zeitpunkt. Gegenwärtig sieht es zum Glück schon besser aus. Übrigens hat uns dann die Rosa Luxemburg Stiftung großzügig unterstützt. Das Beispiel zeigt, wie schwierig disziplinäres Grenzgängertum ist, wenn es einmal ganz konkret wird. Am Rande möchte ich noch erwähnen, dass das Museum Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland inzwischen diese Aktion von 2013 entdeckt hat und Materialien (T-Shirts, Fahnen, Transparente, Plakate, Fotos) ab 2017 als „historische Dokumente“ ausstellen wird. Gelebte Öffentliche Soziologie, dokumentiert im Museum. Vielleicht, so meine Hoffnung, trägt dies – über Bande gespielt – zur Legitimation disziplinärem Grenzgängertums im Format organischer Öffentlicher Soziologie bei.

Andere Beispiele für meine Form Öffentlicher Soziologie sind öffentliche Lesungen, z.B. auf der „Domplatte“ vor dem Kölner Dom, eine Performance zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern. Ich halte regelmäßig öffentliche Vorträge für Nichtwissenschaftlerinnen und Nichtwissenschaftler, seien es Senioren oder Börsianer. Es ist immer wieder faszinierend, wie groß die Nachfrage nach sozialwissenschaftlicher Deutung ist, die sich nicht als rein disziplinäres Deutungsangebot versteht. Ein Teil meiner Arbeit besteht auch in der Teilnahme an Streitgesprächen, denn ein produktiver und öffentlicher Dissens ist sicher zielführender als der Harmoniekult in den disziplinären Bunkern und Denkburgen. Wissenschaft ist immer auch geregelter Streit. Immer wieder erlebe ich die Unfähigkeit, mit anderen Meinungen und Perspektiven produktiv umzugehen. Nach einer kontroversen Debatte kommt jemand auf mich zu und sagt: „Lieber Kollege, das war ja interessant, aber Sie meinen es ja gar nicht so.“ Doch! Sicher meine ich es so. Sicher meinen es auch andere so. Was uns fehlt, ist die Einübung der Wissensintegration auf der Basis von Dissens.

Dabei gibt es Dissens auf jeder nur denkbaren Ebene. Auf der Ebene der Wissenschaftsmodelle entwickelte sich in den letzten Jahren eine Programmatik, die progressiv auftritt, gleichwohl umstritten ist: Transformative Wissenschaft. Ich möchte an dieser Stelle nur auf zwei, drei Punkte eingehen. Idealtypisch lassen sich drei Modi von Wissenschaft unterscheiden. Wissenschaft im Modus 1, d.h. geschlossen, monodisziplinär und sich selbst regulierend. Wissenschaft im Modus 2, d.h. reflexiv und kontextbezogen. Und schließlich Wissenschaft im Modus 3, quasi als Steigerungsform, bei der es darum geht, Zukunftsfragen mit Wertebezug kooperativ zu beforschen und zu beantworten. Damit ist auch das Ende der Ausklammerung des Wertebezuges in der Wissenschaft verbunden. Automatisch führt dies dann zu einer stärkeren Rückkopplung an die Gesellschaft und zu einer breiteren und verbesserten Validierungsbasis von Wissen. Die Hinzunahme von Laienwissen, d.h. von Wissensbeständen die außerhalb der etablierten Wissenschaftsarena erzeugt werden, wird als konstitutives Element neuer Formen der gesellschaftlichen Ko-Produktion von Wissen angesehen. Der erweiterte Validierungsradius des Wissens wird häufig auch als sozial robustes Wissen klassifiziert. Unter sozial robustem Wissen wird Wissen verstanden, bei dessen Produktion Belange, Interessen und Bedürfnisse von Laien, Anwendern, Patienten etc. nicht nur bei der Prioritätensetzung, sondern auch im Prozess der Forschung und bei der Präsentation der Forschungsergebnisse beachtet werde

Konsultative Forschung als lokal verankertes Grenzgängertum

Diese Programmatik wird gegenwärtig in vielen Bereichen praktisch umgesetzt – dafür ein paar Beispiele. Ich selbst spreche in meinem Arbeitsumfeld gerne von „konsultativer Forschung“ – weil ich den Rat und die Meinung von außerwissenschaftlichen Akteuren bewusst einhole. Der Begriff konsultative Forschung stammt übrigens aus den Ritualwissenschaften. Ein öffentlicher Theologe, der sich mit religiösen Ritualen beschäftigt, hat mich darauf aufmerksam gemacht. Dies nur am Rande, als ein weiterer Beleg für gelebtes Grenzgängertum. Diese konsultative Forschung betreiben wir in einem Kompetenzzentrum für Bildung für nachhaltige Entwicklung (Regional Centre of Expertise - RCE). Es ist das einzige RCE in Baden-Württemberg und wurde 2014 von der United Nation University zertifiziert und ausgezeichnet. Die Einrichtung dieser partizipativen Kompetenzzentren folgt einem Reformvorschlag, der von Uwe Schneidewind, einem der Protagonisten Transformativer Wissenschaft, stammt und in die Praxis umgesetzt wurde. Die Schirmherrinnen und Schirmherren des RCEs sind Ministerin Theresia Bauer vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst (MWK) sowie Minister Peter Hauk vom Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR). Auch daran lässt sich erkennen, dass disziplinäres Grenzgängertum politisch-normativ gewollt wird. Am RCE versuchen wir zusammen mit lokalen Akteurinnen und Akteuren, d.h. mit Vereinen, Einzelpersonen und mit vielfältigen zivilgesellschaftlichen Akteuren, konkrete Problemfelder des ländlichen Raums forschend aufzugreifen, die die Lebensqualität im ländlichen Raum, d.h. im Hochschwarzwald, tangieren.

Wir erzeugen dabei lokales Wissen und betreiben „engagierte Forschung vor Ort“. Das hat auch Nachteile. Es kostet zum Beispiel viel Zeit. Zeit, die für akademische Rituale, die für eine akademische Karriere notwendig sind, fehlt. Die konsultative Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern ist äußerst aufwendig. Es geht darum, Erwartungen, Wünsche und Ängste aufzugreifen, zu systematisieren, in Forschungsfragen zu übersetzen, rückzukoppeln. Es geht darum, die gesamte Wertschöpfungskette, beginnend von der Ko-Definition von Fragen, über die Ko-Praxis in lokalen Handlungsfeldern und der Ko-Produktion von Wissen bis zur Ko-Präsentation von Lösungen partizipativ und kollaborativ zu bearbeiten. Dabei entsteht ein Dilemma, das Dilemma zwischen Engagementzeit und Karrierezeit. Wer als Grenzgänger zwischen den Welten arbeitet, muss, jedenfalls bislang, auf Karriere (oder auf einen Teil dieser Karriere) verzichten.

Präsentation von Wissen für verschiedene Publika

Ich möchte mich nun auf das letzte Bindeglied in der Wertschöpfungskette von Wissen beziehen, die Präsentation von Wissen. Wie lassen sich hier Grenzen überschreiten? Einer meiner persönlichen Referenzpunkte ist Rob Kitchen aus Irland, ein öffentlicher Geograf. Wie Kitchen Forschungsergebnisse präsentiert, ist faszinierend und für mich ein Paradebeispiel für disziplinäres Grenzgängertum. Kitchen beschäftigt sich mit Gentrifizierungsprozessen in Dublin und mit der digitalen Überwachung des öffentlichen Raums in der Stadt. Das machen viele, aber er macht es auf eine einzigartige Weise. Kitchen hat zehn Formate entwickelt, in denen er dieses Thema parallel bzw. sequenziell präsentiert. Er hat einen Roman geschrieben, der die Konflikte aufgreift und der sogar ein Bestseller wurde. Schreiben für eine nicht-akademische Öffentlichkeit kann produktive Diskussion auslösen. Er hat einen Dokumentarfilm gedreht, Radioprogramme produziert, einen Blog online gestellt. Natürlich hat er auch öffentliche Voträge gehalten und wissenschaftliche Artikel für Fachjournale geschrieben. Man könnte sagen: Öffentliche Geografie auf allen Kanälen. Damit präsentierte er seine Ergebnisse - im Sinne Öffentlicher Wissenschaft - tatsächlich sowohl „alten“ (disziplinären) und „neuen“ (außerdisziplinären und außerwissenschaftlichen) Publika. Für mich ist das eine Art Benchmark. Wer weiterhin Themen mit derartiger gesellschaftlicher Relevanz rein monodisziplinär im Bunker behandelt und Wissen entsprechend präsentiert, darf sich über die eigene gesellschaftliche Irrelevanz nicht wundern.

Ein weiteres hochspannendes Feld ist künstlerische Forschung als disziplinäres Grenzgängertum. Daniel Fetzner, ein Medienkünstler und Grenzgänger wurde vor einigen Jahren noch verlacht, heute ist künstlerische Forschung – oft auch: artistic research oder arts-based-research – schon fast im Mainstream. Mittlerweile hat man erkannt, dass es neben rein rationalen Erkenntnisformen, die wir oft vereinfachend mit Wissenschaft gleichsetzen, noch weitere, gleichberechtigte Erkenntnisformen gibt. Der künstlerische Blick bietet hier vollkommen neue Perspektiven auf klassische Forschungsthemen, hier z.B. Migration.


Das letzte Beispiel in dieser subjektiven und persönlichen Reihe ist Patricia Levy, die als Soziologin fiktionale Texte, Romane und Novellen, verfasst. Wenn das kein Tabuthema ist! Ich finde diese Form des Grenzgängertums spannend, die neue gewundene Grenzziehung zwischen Fakten und Fiktionen. Ich erlebe gerade, dass wir zaghaft wieder an Traditionen anknüpfen, an das goldene Zeitalter der Narrativität in den Sozialwissenschaften, in dem Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler nicht nur empirische Fakten produzieren, z.B. Surveys, sondern, teils unter Pseudonym, fiktional schrieben. Bei näherem Hinsehen ist es erstaunlich, wie viele Klassiker der Sozialwissenschaften heimlich Dichter und nicht nur Denker waren. Manche waren mit ihren Romanen sogar weit erfolgreicher als mit ihren wissenschaftlichen Texten. Ich selbst forsche gerade zu diesem Thema und versuche sowohl einen theoretischen Rahmen für soziologisch informiertes fiktionales Schreiben zu entwickeln und dies zugleich – anders geht es bei mir gar nicht – schreibend in die Praxis umzusetzen. Hier finden Sie auch einen Grund dafür, warum mich die Arbeit der Schader-Stiftung derart motiviert: Der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis muss eben selbst wieder in die Praxis umgesetzt werden, um seine Wirkung zu entfalten. Fiktionales Schreiben in den Sozialwissenschaften ist nur ein Beispiel für eine fruchtbare disziplinäre Entgrenzung. Ich wette auf den Erfolg dieses Unterfangens, weil Menschen Geschichten brauchen und gesellschaftlichen Wandel dann verstehen, wenn er in Geschichten gekleidet wird. Was sie nicht brauchen, sind langweilig geschriebene Abschlussberichte von Projekten. Patricia Leavy, um bei meinem Beispiel zu bleiben, analysiert Genderthemen in der Form fiktionaler Erzählungen. Sie können sich sicher vorstellen, dass dies sehr erfolgreich ist, wenn man es in eine spannende und affektive Geschichte packt.

Aber Grenzgängertum braucht auch noch auf einer ganz anderen Ebene Geschichten, nicht bloß Geschichten vom Wandel der Städte oder vom Wandel der Geschlechterverhältnisse. Transformative Wissenschaft braucht Geschichten über den Wandel selbst. Alternative Geschichten statt alternative Fakten. Transformation braucht Veränderungsveränderungen und Veränderungsveränderungen basieren auf „handlungsleitendem Wissen“. Dieses Wissen lässt sich ideal über Geschichten transportieren. Alternati-e Groß- und Gegenerzählungen zur Zukunft moderner Gesellschaften sind eine weitere Form der produktiven Entgrenzung disziplinär organisierter Wissenschaf

Handlungs- und Spannungsfeld entgrenzter Öffentlicher Sozialwissenschaften

Ich möchte Ihnen nun eine Übersicht vorstellen, die ich entwickelt habe. Sie illustriert vier Hauptdimensionen Öffentlicher Soziologie bzw. Öffentlicher Gesellschaftswissenschaften im Sinne eines disziplinären Grenzgängertums. Dabei werden vier Fragen deutlich, die beantwortet werden müssen, will man als Grenzgänger am Tisch der Wissenschaften sitzen. Grenzgänger erzeugen zunächst Ärger auf der Dinnerparty. Es dauert, bis man sie zu schätzen lernt. Sie stören und verstören, weil diejenigen, die bereits am Tisch der Wissenschaften sitzen, schnell merken, dass sie mit einem anderen Wissenschaftsverständnis konfrontiert werden. Das irritiert.

Betrachten wir nacheinander die vier Dimensionen: Repräsentation des Wissens, Art des Engagements, Wertebezug und Form der Beteiligung. In diesem vierdimensionalen Feld muss man sich immer irgendwie positionieren. Zunächst zur Frage der Wissensrepräsentation - was steht hierbei im Vordergrund? Gelebtes Leben, Augenschein und Analyse oder abstrakte Modelle oder Theorien? Dann die Art des Engagements – findet dieses öffentlich sichtbar statt oder bevorzugt man den kontemplativen Rückzug? Beim Wertebezug geht es um die Frage, ob Wissenschaft als neutrale oder als explizit normative Praxis angesehen wird. Und schließlich stellt sich die Frage, ob man eher distanziert und unbeteiligt bleiben möchte oder sich ethisch beteiligen will. Eine Studie aus Großbritannien, bei der britische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragt wurden, zeigte einen starken Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und den Antworten auf die gerade genannten Fragen. Die Pointe dabei: Grenzüberschreitungen, Beteiligung, Öffnung, all das wird institutionell nicht gefördert, sondern muss vielmehr individuell errungen werden. Grenzüberschreitung ist immer noch Privatsache. Das sollte sich ändern

Herausforderungen und Potenziale für Stiftungen

Damit komme ich abschließend zu den Potenzialen und Optionen für Stiftungen. Wie könnten Stiftungen Grenzüberschreitungen fördern?

Im herkömmlichen Wissenschaftsverständnis und im aktuellen Wissenschaftssystem gibt es noch ziemlich viel Beharrungsvermögen. Es gibt eine Evaluations- und Betriebsprüfungskultur, die uns dazu zwingt, bestimmte Dinge immer schneller zu machen. Diese Betriebsamkeit verändert die Wissensproduktion und hemmt disziplinäre Entgrenzung. Sicher, es hat Vorteile, sich in Disziplinen zu organisieren, das ist eine Art der symbolischen Ordnung. Aber diese ordentliche Wissensproduktion wird auch ziemlich schnell selbstbezüglich.

Die Evaluations- und Betriebsprüfungskultur soll Exzellenz erzeugen. Exzellenz ist etwas Feines, aber wenn Exzellenz über lokale Verankerung und Verantwortung gestellt wird, tauchen Probleme auf. Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich nur dann für „gut“ oder „exzellent“ halten, wenn sie in internationalen Journals publizieren, dann entkoppelt sich Wissenschaft von der Praxis, dann entkoppelt sich Wissenschaft vom lokalen Engagement vor Ort. In andern Worten: Dann sitzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einfach irgendwo und machen Wissenschaft, wissen aber gar nicht, wo sie sind und was es dort für Probleme gibt, die sie anpacken oder zumindest mit anpacken könnten. Genau diesen Trend würde ich gerne umdrehen.

2015 widmete sich die Schader-Stiftung dem ambivalenten Thema Öffentliche Wissenschaft. Wir konn-ten uns nicht einigen, was Öffentliche Wissenschaft eigentlich ist, aber ich halte nach wie vor daran fest, dass eine Haltung, die mit Öffnung und mit Grenzüberschreitung verbunden ist, Zukunft haben wird. Wir müssen einfach noch lernen, welche Methoden und Instrumente funktionieren und wir müssen uns noch besser vernetzen. Genau hier könnten Stiftungen ansetzen.

Für mich besteht eine zentrale Aufgabe darin, bei der biografischen Verantwortung zu beginnen. Das bedeutet die nächste akademische Generation dafür zu sensibilisieren, dass es zunächst immer um existentielle Wahlfreiheiten geht, die sie selbst treffen müssen. Es geht um die Frage einer Wertberührung, die Frage, was man eigentlich macht und warum. Und es geht darum, dies nicht mit Narrenfreiheit zu verwechseln, denn genau das passiert zu oft. Viel zu viele hoffen darauf, sich zunächst im akademischen System zu etablieren und dann frei wie ein Narr zu sein. Das ist katastrophal, auf diese Weise kommt nie etwas Authentisches heraus. Junge Menschen schließen die Augen, versperren sich selbst die Sicht, weil sie Narrenfreiheit mit Wahlfreiheit verwechseln. Stiftungen könnten hier gegensteuern. Was es braucht, ist sicherlich Angstfreiheit. Ich kämpfe an meiner Hochschule darum, dass keine Einjahres-Verträge angeboten werden, das halte ich unter dem Gesichtspunkt der Verantwortung für nicht tragbar. Arbeitsverträge sollten nicht bloß den Betriebsamkeitsimperativ sichtbarmachen, sondern auch eine Gelehrsamkeitschance beinhalten. Stiftungen könnten darüber hinaus Projekte und Prozesse unterstützen, die frühzeitig, also schon bei der Definition von Forschungsthemen, Partizipation möglich machen und sie könnten die Gemeinwohlorientierung von Wissenschaft noch deutlicher fördern. Letztlich können Stiftungen aber an einem Punkt besonders ansetzen. Sie können Best-Practice-Beispiele zeigen und Vorbilder anbieten. Überall mangelt es an nachahmenswerten Vorbildern. Spreche ich mit Vertretern der nächsten akademischen Generation, dann merke ich immer wieder, dass dem enormen Fachwissen auch eine enorme Desorientierung gegenübersteht. Es fehlt schlichtweg an der Bekanntheit und der Sichtbarkeit von Alternativen und Vorbildern. Dazu gehört auch, die zahlreichen – auch außerakademischen – Nachfragefelder sichtbar zu machen. Grenzgängertum wird gebraucht, aber in disziplinär organisierten Hochschulen und Institutionen erfährt man nicht wo es diese Nachfrage gibt. Es sollte sich herumsprechen, dass es sich lohnt, nicht ausschließlich monodisziplinär zu studieren oder zu forschen. Tatsächlich ist genau das Gegenteil richtig: Umwege erhöhen die Ortskenntnisse. Es gibt viel Nachfrage nach der Inter-, Multi- und Transdisziplinarität. Nur wissen ganz viele Studierende nicht davon, schlimmer noch: sie können sich das noch nicht einmal vorstellen. Sie halten es für ein Risiko und nicht für eine Chance.

Was Erfolg in der Wissenschaft bedeutet, sollte bei nächster Gelegenheit neu definiert werden. Die Persönlichkeitskomponente sollte wieder mehr in den Vordergrund gerückt werden. Wenn ich in Berufungskommissionen erlebe, dass sich jemand mit seinem Zitierindex vorstellt, dann ist das für mich ein echtes Armutszeugnis. Vielleicht mag der Zitierindex ein Qualitätsmerkmal oder Indikator sein. Aber diese Sichtweise ist doch letztlich zu isoliert. Dort, wo es keine „sauberen“, „idealen“ und „kontrollierten“ Labore gibt, dort, wo sich die im Labor Praxis Demokratie einschleicht, dort brauchen wir Persönlichkeiten, die etwas verändern wollen und niemanden, der sein Selbstbild über einen Zitierindex definiert. Das ist eine Pathologie, die überwunden werden sollte.

Mein wichtigster Punkt nun am Ende: Wir brauchen neue Gratifikationsmodelle und neue Karrierewege. Mit Gratifikationsmodellen meine ich, dass wir lernen müssen, Leistungen anzuerkennen und zu honorieren, die weder monodisziplinär noch geradlinig sind. Forschung, die nicht in disziplinären Bunkern stattfindet, sollte belohnt anstatt bestraft werden.

Und wie könnten neue Karrierewege aussehen? Das möchte ich zum Schluss in ein Bild fassen. Ich habe einige Zeit zu Feldforschungszwecken in einem Kloster gelebt und dabei einen Eremiten kennengelernt. Er ist für mich bis heute das Sinnbild für gelebtes Grenzgängertum und für die Einheit von Wissensform und Lebensform. Diesen Eremiten besuche ich regelmäßig, nicht aus religiösen Gründen, sondern um von ihm zu lernen, indem ich mich von ihm irritieren lasse. Der Eremit ist Teil des Klosters, des Konvents, also der Gruppe der Mönche. Er gehört zur „Innenwelt“. Zugleich ist er aber auch auf sich alleine gestellt, er hat nur sich und das „Außen“. Dabei entsteht ein sehr produktives Spannungsverhältnis. Als Eremit geht der Mönch seinen eigenen Interessen nach, er studiert die Geschichte der ersten Mönche, der Wüstenväter. Ein paar Mal im Jahr gibt er im Kloster Kurse für christlichen Zen-Buddhismus, die meist ein oder zwei Jahre im Voraus ausgebucht sind. So viel zur Nachfrage nach Grenzgängern. Was sich hier ganz unproblematisch anhört, ist jedoch das Ergebnis eines 25jährigen Prozesses, einem Ringen um Autonomie und Zugehörigkeit. Inzwischen ist dieser Eremit – paradoxerweise – zur „Marke“ des Klosters geworden. Das „Innen“ hat das „Außen“ schätzen gelernt und belohnt es inzwischen. Beide, Konvent und Eremit haben etwas von diesem Arrangement.

Aus meiner Sicht ist dies ein Modell für erfolgreiches disziplinäres Grenzgängertum. Ich würde mich freuen, wenn Stiftungen derartige Modelle etablieren könnten. Wenn sie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fördern würden, die bewusst außerhalb der Scientific Community ihren eigenen Weg gehen aber dennoch immer noch Teil des Wissenschaftssystems sein wollen. Statt einer starken Kopplung brauchen wir eine lose Kopplung zwischen dem Konvent der Wissenschaft und den eremitenhaften Grenzgängern der Wissenschaft. Wer nur außerhalb der Wissenschaft als „Eremit“ lebt, muss einen hohen Preis bezahlen, wer nur innerhalb des Konvents lebt, wird es auf andere Weise schwer haben, vielleicht durch die Selbstbezüglichkeit der Diskurse

Die Suche nach der unbekannten Insel

Leider ist das nur ein idealisiertes Bild. Niemand weiss, wie es sich genau in die Praxis umsetzen ließe. Daher zitiere ich als Abschluss gerne noch aus einer meiner Lieblingsgeschichten von José Saramago, einem portugiesischen Nobelpreisträger und Autor des kleinen Buches „Die Geschichte einer unbekannten Insel“.

Ein Mann klopft an die Tür des Königs und sagt, gib mir ein Schiff. Darf man fragen, wozu du ein Schiff willst, fragte der König. Um die unbekannte Insel zu suchen, antwortete der Mann. Was für eine unbekannte Insel, fragte der König und unterdrückte ein Lachen. Die unbekannte Insel, wiederholte der Mann. Unsinn, es gibt keine unbekannten Inseln mehr. Wer hat dir denn gesagt, König, dass es keine unbekannten Inseln mehr gibt? Sie sind alle auf der Landkarte, so der König. Auf der Landkarte sind nur die bekannten Inseln, sagte der Mann. Und welche ist die unbekannte Insel, die du suchen willst, fragte der König. Wenn ich dir das sagen könnte, König, dann wäre sie nicht unbekannt.

Dieses Bild trage ich fest in meinem Herzen. Es gibt unbekannte Inseln in der Wissenschaft. Um diese zu entdecken, brauchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Schiff, das ich hier „disziplinäres Grenzgängertum“ genannt habe. Aber unser Wissenschaftssystem ist eher so gestrickt wie der König. Vielleicht sollte man genau hier ansetzen und einfach mehr Menschen, die die unbekannte Insel suchen, mit einem Schiff ausstatten.

Ich danke Ihnen herzlich!

 

Keynote bei der Veranstaltung „Inter – Multi – Trans:Wissenschaftsförderung und disziplinäre Grenzüberschreitungen“. Veranstaltet von der Schader-Stiftung in Kooperation mit dem Arbeitskreis Wissenschaft und Forschung des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, Darmstadt, 1. Februar 2017.

Der Autor: Prof. Dr. Stefan Selke ist Professor für das Lehrgebiet Gesellschaftlicher Wandel sowie Forschungsprofessor für Transformative und Öffentliche Wissenschaft an der Hochschule Furtwangen (HFU). Er ist Mitglied des Kleinen Konvents der Schader-Stiftung und Projektpartner im Themenfeld Öffentliche Wissenschaft.