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Zuwanderung in Deutschland - Einwanderer-Ökonomie

Artikel vom 23.11.2005

Bei unternehmerischen Aktivitäten von Ausländern denken die meisten wohl zunächst an den Dönerstand oder den chinesischen Schnellimbiss. Weit gefehlt, denn die Einwanderer-Ökonomie liefert ein ausgesprochen vielfältiges und volkswirtschaftlich relevantes Bild. Welche Rolle spielen ausländische Unternehmer für den deutschen Arbeitsmarkt?

Zuwanderer im Arbeitsmarkt

Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Migration ist nicht zu unterschätzen, da Zuwanderer Lücken im Produktions- und Dienstleistungssektor füllen. Migration besitzt sowohl eine komplementäre wie auch eine substituierende Funktion für den Arbeitsmarkt. Außerdem entfalten Zuwanderer eigene wirtschaftliche Aktivitäten, unter anderem in Bereichen, die die Einheimischen verlassen haben. Diese Aktivität gründet weitgehend auf intakten Familienstrukturen. Zudem bilden Migranten wirtschaftliche Brücken zu ihren Herkunftsländern und fördern damit unter Umständen den Export.

Die bisherige Zuwanderung führt zu einem Wachstum des Angebots an gering qualifizierten Arbeitskräften und zu Verschiebungen innerhalb des bestehenden Dienstleistungsarbeitsmarkts. Durch die Zuwanderer besteht dort ein Trend zur low economy mit vergleichsweise niedriger Arbeitsproduktivität. Auf diese Dienstleistungen ist die lokale Ökonomie angewiesen.

Wirtschaftskraft ausländischer Unternehmer

Eine im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit erstellte Studie des Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim hat jüngst die Zunahme ethnischer Selbstständigkeit dokumentiert: Im Jahr 2003 wurden insgesamt etwa 286.000 ausländische Selbstständige gezählt, dies kommt einem Anstieg um ca. 110.000 Unternehmen, also 63 Prozent seit Anfang der 90er Jahre gleich. Die Italiener stellen mit 46.000 die größte Gruppe dar, gefolgt von 43.000 türkischen Unternehmern, 26.000 Griechen sowie jeweils 21.000 Ex-Jugoslawen und Österreichern. Berücksichtigt man jedoch auch die eingebürgerten Selbstständigen, so bildeten die Türken mit 60.500 die größte Gruppe vor den italienischen Unternehmern (49.500) und den 27.500 Griechen.

Die Selbstständigenquote ist hingegen bei den Griechen mit 15,5 % am höchsten. Bei Italienern liegt sie bei 13,1 %, bei den Türken beträgt sie nur 5,8 % im Vergleich zur deutschen bei 10 %. Die Studie des Mannheimer Instituts schätzt die Zahl der durch ausländischstämmige Selbstständige geschaffenen Arbeitsplätze auf 940.000 bis 1.380.000 ein. Dies entspricht 3-4 % aller Arbeitsplätze in Deutschland.

Längere Wochenarbeitszeiten und weniger Unternehmerinnen

Im Unterschied zu den Wochenarbeitszeiten deutscher Gewerbetreibender liegt diejenige der Selbstständigen mit Migrationshintergrund zwischen drei bis sechs Stunden darüber. Im Handwerk und bei den wissensintensiven Dienstleistungen (z.B. Rechtsberatung, Wirtschaftsprüfung) sind die ethnischen Unternehmer unterrepräsentiert. Weitere Unterschiede sind der niedrige Frauenanteil (29 % bei Deutschen, 24 % bei griechischen, 20 % bei italienischen und 19 % bei türkischen Selbstständigen) und der höhere Anteil unbezahlter Familienangehöriger im Betrieb.

Ausdifferenzierung städtischer Arbeitsmärkte durch drei Trends

  1. Informalisierung von Arbeitsverhältnissen
    Seit den 1980er Jahren ist die Gruppe der illegal in Deutschland lebenden und informell arbeitenden Migranten stetig gewachsen. Als fester Bestandteil städtischer Arbeitsmärkte rekrutieren sich aus dieser Gruppe v.a. Anbieter hauswirtschaftlicher Dienstleistungen und handwerklicher Tätigkeiten. Da es in Deutschland im Unterschied zu anderen Ländern keine Legalisierungsprogramme für Illegale oder Illegalisierte (jene, deren Aufenthaltserlaubnis abgelaufen ist) gibt, bleiben die ökonomischen Aktivitäten dieser Gruppe dauerhaft dem Bereich der Schattenwirtschaft zugeordnet. 
  2. Mobilität von Hochqualifizierten
    In den 1990er Jahren wächst mit der Globalisierung der Märkte und der Internationalisierung der Städte die Mobilität von Hochqualifizierten an. Diese organisieren ihre Zuwanderung in einen anderen Arbeitsmarkt allerdings häufig über Visa oder als Pendler.
  3. Ethnisierung von Teilarbeitsmärkten und von Arbeitslosigkeit
    Vor allem ehemalige Gastarbeiter und ihre Familien sind von dieser Entwicklung betroffen; bis in die zweite und dritte Generation nahm und nimmt dieser Personenkreis niedrige Positionen im formellen Arbeitsmarkt ein, die außerdem von Prekarität gekennzeichnet sind. Entsprechend hoch ist die Gefahr, arbeitslos zu werden. Bei einem gegenüber Deutschen durchschnittlich deutlich niedrigeren schulischen und beruflichen Qualifikationsniveau sinken die Chancen auf einen sicheren Arbeitsplatz weiter.

Kennzeichen und soziologisches Konzept der ethnischen Ökonomie

Kennzeichnend für ethnische Ökonomie sind:

  1. horizontale und vertikale Vernetzung
  2. vorrangiges Zugreifen auf Arbeitskräfte und Zulieferer derselben Ethnie   
  3. Zielgruppe ist die jeweilige ethnische community   
  4. kontinuierliche Mitarbeit von Familienangehörigen.

Die Soziologie nähert sich dem Konzept der ethnischen Ökonomien mit zwei unterschiedlichen Interpretationslinien:   

  • Ethnische Ökonomien bieten Chancen für ankommende Migranten und besitzen eine Katalysatorfunktion in den formalen Arbeitsmarkt. Außerdem sind sie ein Vehikel des sozialen Aufstiegs. Angenommen wird bei dieser Sicht eine Solidarität der sozialen Netzwerke, die die Grundlage der ethnischen Ökonomie bilden.   
  • Ethnische Ökonomien neigen zum Funktionieren unter ausbeuterischen Bedingungen und weisen eine Nähe zur informellen Wirtschaft auf. Die Solidarität der sozialen Netzwerke wird damit in Frage gestellt.

Soziale Netze sind von hoher Bedeutung für ethnische Ökonomien. Ethnische Ökonomie entfaltet sich häufig im Nahraum. Nach Untersuchungen in Hamburg sind für das Funktionieren ethnischer Ökonomien räumliche Bindungen allerdings weniger wichtig als soziale Netze. Ob diese Ergebnisse auf den gesamten Bereich der Beschäftigung im Stadtteil übertragen werden können, ist noch fraglich, da familiäre und verwandtschaftliche Bindungen unter vielen Zuwanderern noch deutlich stärker ausgeprägt sind als unter Deutschen.

Ausländische Unternehmer im deutschen Arbeitsmarkt

Die Migrantenökonomie hat mittlerweile ein volkswirtschaftlich relevantes Volumen erreicht, wobei die Selbstständigkeit unter Ausländern in dem Maße zunimmt, wie die Chancen auf Lohnarbeit sinken. Unternehmensgründungen sind allerdings häufig ein Problem, da keine oder ungenügende Kenntnis über unterstützende Institutionen besteht. Die vergleichsweise stärkere Gründungsneigung geht daher auch mit häufigerem Scheitern einher. Der Großteil aller ausländischen Selbstständigen lebt bereits länger als 20 Jahre in Deutschland; d.h. viele von ihnen sind ehemalige Gastarbeiter, von denen nur noch formal als Ausländern zu sprechen ist.

Das Potenzial an ausländischen Selbstständigen ist noch nicht ausgeschöpft, vor allem jenseits der Schwerpunkte Handel und Gastronomie. Manche Ethnien zeigen eine auffällige Konzentration auf einschlägige Märkte und Nischen:

  • Italiener: Gastronomie
  • Türken: Einzelhandel
  • zum Vergleich: das Tätigkeitsprofil nordeuropäischer Ausländer ähnelt dem der deutschen Selbstständigen.

Stärkung der lokalen Ökonomie durch Wohnungsunternehmen

Die wirtschaftliche Aktivität der Zuwanderer ist der Schlüssel für ihre Integration. Will die Wohnungswirtschaft dazu einen Beitrag leisten, müsste sie dafür sorgen, dass unterschiedliche Formen des Wirtschaftens in ihren Wohnsiedlungen Raum finden. Vor allem müssten Mieten für gewerbliche Räume niedrig sein. Bei der Erneuerung von Wohngebieten sollten gewebliche Räume einfacher Art geschaffen werden. Die wirtschaftlichen Aktivitäten der Zuwanderer zu stützen, kann eine bessere „Aufwertungsstrategie“ für einen Stadtteil bedeuten als die traditionelle Sozialarbeit.

Praxisbeispiele und Projekte

Türkisch-deutsche Unternehmervereinigung
Die Türkisch-deutsche Unternehmervereinigung wurde 1996 gegründet und ist der erste Wirtschaftsverband in der ethnischen Ökonomie. Er fördert Weiterbildungen und Schulungen sowie Existenzgründungen. Er ist Interessenverband für die organisierten Unternehmen, und er pflegt Kontakte zu Wirtschaftsinstitutionen und Verwaltungen in der Türkei.

Integration ausländischer Unternehmer
In fünf nordrhein-westfälischen Städten sind „Regionale Transferstellen für die Integration ausländischer Unternehmer in NRW“ eingerichtet worden.
„Die fünf Transferstellen widmen sie sich heute einer Vielzahl verschiedener Schwerpunkte und Themenstellungen, die sich aus den regionalen und teils lokalen Besonderheiten ergeben. Förderungen von Stadtteilprojekten, Entwicklungen von Qualifizierungsprogrammen, Frauenförderungen, die Organisation von Gründertagen und die Förderung von Medienberufen sind Beispiele der umfangreichen Aktivitäten der Transferstellen. Da die Transferstellen in strukturschwachen bzw. von starken strukturellen Veränderungen betroffenen Städten und Regionen angesiedelt sind, leisten sie einen Beitrag, durch die Förderung der Selbständigkeit die wirtschaftliche Diversifizierung voranzutreiben und neue Arbeitsplätze zu schaffen.“ (Sen 1997, S.124-127)

Duisburg: Ethnische Ökonomie nachhaltig entwickeln
Das Adapt-Projekt „Der interkulturelle Impuls: Verschiedenheit nutzbar machen“ der Vokshochschule Duisburg lief von 1998 bis 2001 und verfolgte diese Ziele:

  • Arbeitnehmer/innen ausländischer Herkunft fit machen für den Strukturwandel im Betrieb und auf dem Arbeitsmarkt
  • ethnisch geprägte kleine Unternehmen stärken durch Zuwachs an Fachkenntnissen, Fertigkeiten, Organisation, Integration
  • neue Methoden und Formen für die berufs- und unternehmensorientierte Qualifizierung entwickeln, insbesondere für Deutsch und Betriebswirtschaft
  • Ausbildung in ethnischen Betrieben fördern
  • für die Einbürgerung werben
  • kulturelle Flexibilität trainieren

Literatur und Links

Fischer, Ivonne: Ethnische Ökonomie zur Stabilisierung benachteiligter
Stadtteile? Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Fakultät Raumplanung der
Universität Dortmund 2001 (Online-Version)

Häußermann, Hartmut / Oswald, Ingrid: Zuwanderung und Stadtentwicklung. Leviathan Sonderheft 17/1997. Opladen (Im Abschnitt I. „Arbeit, Beschäftigung“ finden sich zahlreiche Aufsätze zu ethnischen Ökonomien.)

Hillmann, Felicitas: Ethnische Ökonomien: eine Chance für die Städte und ihre Migrant(inn)en? In: Gestring, Norbert / Glasauer, Herbert / Hannemann, Christine / Petrowsky, Werner / Pohlan, Jörg (Hrsg.): Jahrbuch StadtRegion 2001. Schwerpunkt: Einwanderungsstadt. Opladen: Leske + Budrich 2001. S. 35-55

Mai, Marina: Ethnische Ökonomie ist auch in Berlin eine Chance. In: taz vom 1.2.2002

Pütz, Robert: Von der Nische zum Markt? Türkische Einzelhändler im Rhein-Main-Gebiet. In: Escher, Anton (Hrsg.): Ausländer in Deutschland. Probleme einer transkulturellen Gesellschaft aus geographischer Sicht. Mainz 2000. S.27-39

Rada, Uwe: Berliner Barbaren. Wie der Osten in den Westen kommt. Berlin: BasisDruck 2002

Sassen, Saskia: Dienstleistungsökonomien und die Beschäftigung von MigrantInnen in Städten. In: Schmals, Klaus M. (Hrsg.): Migration und Stadt. Entwicklungen, Defizite, Potentiale. Opladen: Leske + Budrich 2000. S. 87-113

Sen, Faruk: Das Modellprojekt Regionale Transferstellen für die Integration ausländischer Unternehmer des Zentrums für Türkeistudien in Nordrhein-Westfalen. In: Joachim Brech; Laura Vanhué (Hrsg.): migration. Stadt im Wandel. Darmstadt: Vlg. für Wiss. Publ. 1997. S.124-127

Stichwort „Selbstständige“ in www.drehscheibe.org, dem Pressedienst für Lokalredakteure

Beispiele ethnischer Ökonomien in Berlin:

1. Ersöz, Ahmet: Türkische Ökonomie nach der Wende in Berlin. In: Amann, Renate/ von Neumann-Cosel, Barbara (Hrsg.): Berlin. Eine Stadt im Zeichen der Migration. Darmstadt: Vlg. für Wiss. Publ. 1997. S.114-116

2. Liepe, Lars: Vietnamesische Migrantenökonomie im Ostteil Berlins In: Amann, Renate / von Neumann-Cosel, Barbara (Hrsg.): Berlin. Eine Stadt im Zeichen der Migration. Darmstadt: Vlg. für Wiss. Publ. 1997. S.126-128

3. Pichler, Edith: Commuity-Formierung und ethnisches Gewerbe. Zur Rolle der italienischen Zuwanderer. In: Amann, Renate/ von Neumann-Cosel, Barbara (Hrsg.): Berlin. Eine Stadt im Zeichen der Migration. Darmstadt: Vlg. für Wiss. Publ. 1997. S.106-108