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Alltagsorte der Migration – Eine Einführung

Artikel vom 23.04.2019

Ende September 2018 fand die Jahrestagung der Deutschen Akademie für Stadt- und Landesplanung (DASL) in Mainz zum Thema „Migration als Alltag“ statt. Zur Vorbereitung wurden im Rahmen eines Workshops in Kooperation mit der Schader-Stiftung im März 2018 Projekte ausgewählt, die Orte des Alltags von Migranteninnen und Migranten identifizieren und benennen. 

Einführung

Es wäre mehr zu wagen in der Debatte um Alltag und Migration, gerade jetzt. Migrationsorte klingen in diesem Frühjahr 2018 mehr nach Rückzug und Segregation, nach Wegschauen und Wegziehen als nach der Aussicht auf einen Alltag, der zu leben lohnt. Und dabei sprechen wir von Alltagsorten und nicht etwa von Nicht-Orten. Von Orten, die sich alltäglich bewähren, die Funktionen täglichen Bedarfs oder alltäglicher Begegnung erfüllen, die zumindest tagtäglich im Bewusstsein sind. Der von der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) so klug gewählte und in diesem Workshop mit der Schader-Stiftung themengebende Begriff der „Alltagsorte“ weist aber auch darauf hin, dass allein die Inbesitznahme und Nutzung von Alltagsorten keine Selbstverständlichkeit ist, vor allem nicht, wenn an Zugezogene, Zugeschobene, Geflüchtete und Fliehende zu denken ist. „Unser’n täglich’ Ort gib uns heute“ könnte ein Seufzer vieler Entheimateter auch nach der vermeintlichen Ankunft bleiben.

Es wäre also mehr zu wagen und gerade dafür hat die Schader-Stiftung mit dem Schader-Forum für den Workshop „Alltagsorte der Migration“ einen Ort bereit gestellt, der zu mehr einlädt. In diesem Workshop sind Mut-Orte und Vertrauens-Orte zu entdecken, die selbstbewusst und reflektiert, prospektiv und innovativ auf die Suche nach dem Ort des Alltags vor dem Horizont der Migration reagieren. Manche der präsentierten Orte scheinen erstaunlich privat und sind gerade damit politisch – auch das ist keine neue Erkenntnis. Manche Orte zeigen aus einer vermeintlich banalen Idee heraus ihre Dynamik und ihr Potenzial, Bedeutung für den Alltag zu gewinnen. In diesen Betrachtungen und Anregungen fügt sich der Workshop nahtlos ein in das Konventsthema 2018 der Schader-Stiftung: „Mehr … wagen! `68, `18 und die politisierte Gesellschaft“. Es geht dabei nämlich nicht nur um die Lücke des bekannten Zitats aus dem Wahlkampf Willy Brandts (von 1969), Demokratie zu wagen. Genau diese Lücke ist zu füllen mit mehr, ist die selbstgestellte Herausforderung der Stiftung im 50. Jahr nach `68 – in diesem Fall mit den Alltagsorten, die zu wagen sind.

Das Wagnis, Alltagsorte zu denken, anzubieten und zu beschreiben ist vielseitig. Für diejenigen, die sie annehmen ebenso wie für diejenigen, die sie bereitstellen. In hochverdichteten Agglomerationen bedeutet das Beschreiben eines Ortes eben auch schnell die Entnahme eines Ortes aus anderer Nutzung oder von anderen Interessentinnen und Nutzern. Angebot und Nachfrage sind konfliktträchtig auszutragen in einer massiven Kompetition um die Währungen der Gesellschaft; Raum, Ressourcen und Aufmerksamkeit. Die Migrationen in Räume sind in den vergangenen Jahrzehnten vielfältiger und schneller geworden; während früher die intranationale Landflucht und die Folgen kriegerischer Auseinandersetzungen in der unmittelbaren Umgebung wesentliche Parameter der Migration stellten, globalisieren sich die gezwungenen Wanderungsbewegungen aus Flucht, Verelendung und der Suche nach dem persönlichen Glück. Die Herausforderungen einer Willkommenskultur und Ankunftsbereitschaft treffen auf rationale wie von Ressentiments geprägte Widerstände und Notwendigkeiten. Alltagsorte politischer Debatte sind über weite Strecken die Sozialen Medien, in denen weniger Dialog als Meinung vorherrscht.

Umso wichtiger ist es also, Orte des Dialogs, der echten Begegnung, der ehrlichen und offenen Auseinandersetzung zu schaffen. Orte, die Unsicherheiten zulassen, weil diese Voraussetzung für neue Erfahrungen bieten. Orte, die den Partnerinnen und Partnern der Begegnung Raum, Zeit, Nähe und Distanz lassen und Zuversicht ausstrahlen. Alltagsorte, die programmatisch werden für gesellschaftliche Entwicklung und jene Potenziale, die das diesen Workshop ermöglichende Projekt „Integrationspotenziale in Gesellschaftswissenschaften und Praxis“ beschreibt, das mit Förderung des Hessischen Ministerium für Soziales und Integration die inhaltliche Basis bietet. Diese Orte bieten nicht nur Alltag, sie sind und werden auch alltäglich in der nüchternen Betrachtung, dass viele kommen, um zu bleiben. Also ist es Aufgabe von Planerinnen, Gesellschaftswissenschaftlern, Praktikern und Wissenschaftlerinnen, gemeinsam herauszufinden, wie die Charakteristik solcher Orte beschaffen sein kann und wer die Verantwortung für die Entwicklung solcher Orte tragen wird.

Es ist ausgesprochen verdienstvoll, dass die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung diesen drängenden Fragen Ort und Wert verleiht und es ist der Schader-Stiftung ein Anliegen aus ihrer dreißigjährigen Erfahrung, deren Expertise sich nicht nur, aber besonders auch in der Stadtentwicklung und der Integration manifestiert, dafür die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen. Die Schader-Stiftung dankt den Beteiligten dieses Workshops, natürlich zunächst der DASL, deren Landesgruppenvorsitzender Monika Meyer sowie dem Wissenschaftlichen Sekretär Julian Wékel, besonders aber für die konkrete Vorbereitung Hans Fürst und der Wissenschaftlichen Referentin für das Projekt „Integrationspotenziale in Gesellschaftswissenschaften und Praxis“ der Schader-Stiftung, Natascha Riegger. Die Unterstützung der Nassauischen Heimstätte trägt zur Gestaltung des Workshops bei.

Die Schader-Stiftung wird zum Ende des Jahres 2018 das Thema „Mehr … wagen“ abschließen und sich dem neuen Konventsthema 2019 widmen. Die Kooperation mit der DASL zugunsten der „Alltagsorte der Migration“ hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass dabei der öffentliche Raum wieder stärker in den Blick kommen wird. „Das Private ist politisch“, konnte man 1968 lernen. „Der Alltagsort ist programmatisch“, wollen wir heute lernen.

Alexander Gemeinhardt ist Vorsitzender des Vorstands und Direktor des Stiftungszentrums der Schader-Stiftung in Darmstadt. Der vorliegende Text erschien erstmalig in der Publikation „Migration im Alltag. Kulturelles Erbe und Wandel in der Planung“ (Berlin 2018).