Filtern Sie im Bereich "Themen"

Thema
  • Kommunikation und Kultur
  • Gemeinwohl und Verantwortung
  • Demokratie und Engagement
  • Vielfalt und Integration
  • Stadtentwicklung und Wohnen
  • Demographie und Strukturwandel

Zur Filterung muss mindestens ein Thema ausgewählt sein.

Fokus
Zeitraum
Was bewegt Sie?

Sie haben offene Fragen? Anregungen? Ideen?

Wir kommen gerne mit Ihnen ins Gespräch. Bitte hinterlassen Sie das, was Sie bewegt, im Schader-Dialog.

Chancengleichheit – ungenutzte Potentiale

Artikel vom 19.02.2015

Podiumsdiskussion. Von links: Dr. Kirsten Mensch, Dr. Karin Uphoff, Barbara Kögler, Prof. Dr. Gabriele Abels, Prof. Jutta Allmendinger Ph. D.

Wie sehr Karrierechancen nach wie vor geschlechterabhängig und von bestehenden Institutionsstrukturen beeinflusst sind, schilderte Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), in ihrem Vortrag „Bestandsaufnahme zur Stellung von Frauen in Wissenschaft und Wirtschaft heute“. Der öffentliche Vortrag fand im Rahmen der Tagung „Chancengleichheit in Wissenschaft und Wirtschaft“ am 19. Februar 2015 im Schader-Forum statt. Von Johanna Volk

Bestandsaufnahme zur Stellung von Frauen in Wissenschaft und Wirtschaft heute

Mit der zunehmenden Zahl an Frauen in führenden Positionen ist eine neue Dimension der Benachteiligung entstanden, so Prof. Allmendinger. Die Ungleichheiten bestehen kaum mehr zwischen den Berufen, sondern in der jeweiligen Stellung, die innerhalb desselben Fachs durch Reputation entschieden wird. Zwar haben Frauen in der Wissenschaft wie in der Wirtschaft mittlerweile gesteigerte Aufstiegschancen, selten bekommen sie jedoch die Gelegenheit, ihr gesamtes Potenzial zu entfalten. Ein Indiz ist die Verleihung der bedeutenden Wissenschaftspreise, die nach wie vor überwiegend an Männer vergeben werden.

Nach Jutta Allmendinger spiegelt die Aufgabenteilung an Universitäten  eine gesamtgesellschaftliche Arbeitssituation wider, indem sie in Produktionstätigkeiten und Reproduktionstätigkeiten trennt. Während Professoren die karriereunabdingbare Forschung im In- und Ausland betreiben, Netzwerke aufbauen und sich dank Publikationen in Peer-Review-Journals  Förder- bzw. Drittmittel verschaffen, stecken Professorinnen einen Großteil ihrer Zeit in Arbeiten mit weniger Reputation, wie der Lehre und Betreuung von Studenten oder Kommissionssitzungen. Sie leisten „Reproduktionsarbeit“, sorgen sich um den Erhalt der „heimischen“ Universität – ähnlich der Pflege- und Hausarbeit, die von der entlohnten Produktionsarbeit entkoppelt ist – und bleiben in Bezug auf Karriere und Reputation  immer ein Stück hinter ihren Kollegen. Allmendinger fordert deshalb Stiftungen und Politik auf, Maßnahmen zu ergreifen, die Frauen Zeit und Unterstützung für reputationsträchtige Arbeiten einräumen. Mentoring-Programme sollten beispielsweise nicht mit dem Erreichen einer Professur enden, sondern den Frauen weiterhin zur Verfügung stehen. Die Arbeit in Kommissionen könnte durch eine Deputationsreduktion und Zeitgutschriften ausgeglichen werden.

Hürden in der Wirtschaft

Ganz andere Hürden haben Frauen, und auch Männer, in der Wirtschaft zu nehmen. Als größtes Problem identifiziert die WZB-Präsidentin die „Präsenzkultur“. Reine Anwesenheit steht in der Beurteilung noch über einer qualitativ hochwertigen Arbeit und erschwert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unnötig. Die ununterbrochene „Sichtbarkeit“ im Unternehmen ist für eine Karriere in der Wirtschaft unumgänglich. Um die Präsenzkultur zu ändern, müssen Unternehmen, so Allmendinger, eine neue Zeitgestaltung erarbeiten, die sowohl Arbeitsreduzierung als auch Arbeitsteilung erlaubt. Zudem kann die individuelle Arbeitszeit und der Karriereverlauf mehr auf das Leben verteilt werden und nicht mit festgeschriebenen 60,  65 oder 67 Jahren aufhören.

Inwiefern Führung in Teilzeit möglich ist, wurde auch in der anschließenden Podiumsdiskussion debattiert. Die Unternehmerin Dr. Karin Uphoff sprach aus eigener Erfahrung von der Möglichkeit einer Führungsfunktion in Teilzeit. Dass die Arbeitskultur im Wirtschaftsbereich große Sichtbarkeit verlangt, bestätigte hingegen Barbara Kögler, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Software AG. Sie machte auf die unterschiedlichen Anforderungen an Führungspositionen aufmerksam. Aufgrund der phasenweise zeitintensiven Kommunikationsarbeit könnte sie ihre Stelle jedoch nicht in Teilzeit ausführen.  

Mythos Präsenzkultur

Doch inwiefern ist die heutige Präsenzarbeit effektiv? Wollen Frauen überhaupt zeit- und arbeitsintensive Führungspositionen bekleiden, 60 Stunden die Woche in Sitzungen verbringen und das Risiko eingehen, mit Mitte 40 einem Herzinfarkt zu erliegen? Ja,  Frauen wollen forschen, publizieren und führen, sagt Jutta Allmendinger. Sie brauchen nur eben die Möglichkeiten dazu. Auch Prof. Dr. Gabriele Abels, Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW), sieht die zentralen Probleme in der Verengung von Reputation auf Forschungs- und Publikationsleistungen und einer „gläsernen Decke“, durch die Professorinnen nicht hindurch kommen.

Wie aber lassen sich zeitaufwendige Forschung und Präsenzkultur mit dem Wunsch nach Kindern vereinbaren? Vielleicht doch besser erst die Kinder und dann die Karriere? Karin Uphoff,  Mutter von sechs Kindern, rät, das Kinderkriegen nicht zum Projekt zu machen. Die Familienplanung muss keine Hürde sein und den richtigen Zeitpunkt gibt es sowieso nicht. Gerade in der Familie mit Kindern können Eltern viel dazulernen, was Zeitmanagement und Führungsqualität betrifft.

Chancengleichheit der Zukunft

Eine Chancengleichheit der Zukunft kann nicht ein Gegeneinander – Frauen gegen Männer – bedeuten. Eine neue Frauenbewegung muss die Männer mitnehmen, indem sie Bewusstsein schafft für neue Möglichkeiten der Arbeitsteilung in Beruf und Familie.

Inwieweit Chancengleichheit in zehn Jahren noch vom Geschlecht abhängig oder viel mehr eine Bildungs- und Zugangsfrage ist,  wirft Jutta Allmendinger in ihrem Schlusssatz des Abends auf: „Ich glaube, dass wir auf der Geschlechterachse weiter sind, sich die Ungleichheiten zwischen unterschiedlichen Personengruppen in Deutschland (jedoch) extrem verschlechtert haben und dann muss man fragen, was ist schlechter oder besser?“

Die Autorin: Johanna Volk war von Februar 2015 bis Mai 2015 Praktikantin bei der Schader-Stiftung.