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Wohnformen im Alter - Ambulant betreute Pflegewohngruppen

Artikel vom 30.06.2006

Foto: Renate Narten

Die gemeinschaftlich organisierte Pflege und Betreuung von älteren, hilfe- oder pflegebedürftigen Menschen, die nicht aus eigener Kraft eine gemeinschaftliche Wohnform verwirklichen können, ist eine Errungenschaft engagierter Pflegedienste und Vereine der Altenhilfe. Seit Mitte der 1980er Jahre entwickelten sich in Braunschweig, Bielefeld und Berlin je nach Arbeitsschwerpunkt drei unterschiedliche Organisationsmodelle. Von Renate Narten

Das Braunschweiger Modell

Das Braunschweiger Modell konzentriert sich vor allem auf ältere Menschen mit psychischen Problemlagen wie Depression oder Vereinsamung, gesundheitlichen Risiken in Form von Sturzgefährdung, Kreislaufschwäche oder fortgeschrittene Diabetes und mit leichtem Pflegebedarf. Ziel der Betreuung ist die weitestgehende Aufrechterhaltung und Wiederherstellung einer selbständigen Lebensführung. Die Bewohner werden angehalten, ihren Haushalt und ihre alltäglichen Verrichtungen soweit wie möglich mit gegenseitiger Hilfe selbst zu bewältigen. Professionelle Hilfe steht nur stundenweise am Tag zur Verfügung und beschränkt sich auf das wirklich Notwendige. Die Gruppengrößen sind klein, meist vier bis fünf Personen, weil man an den Erfahrungen der Bewohner mit Haushaltsgrößen anknüpfen will, die sie von ihrer Familienphase her kennen. Zur Stärkung der Selbständigkeit steht den Gruppen eine sozialpädagogische Fachkraft zur Verfügung, die ihnen hilft, ein konstruktives und emotional befriedigendes Gruppenleben aufzubauen.

Insgesamt gibt es in Braunschweig mittlerweile acht ambulant betreute Wohngruppen für ältere Menschen. Sie werden nach dem Modell des individuell betreuten Wohnens finanziert, das heißt es gibt eine Betreuungspauschale für die sozialpädagogische Begleitung und für eine stundenweise Haushaltshilfe (633 Euro/Monat). Pflegeleistungen und Therapien werden - wie in der eigenen Wohnung auch - individuell abgerechnet. Mit dem Sozialamt der Stadt Braunschweig besteht eine schriftlich formulierte „Leistungs- und Prüfungsvereinbarung“ zur Qualitätssicherung und Finanzierung der Betreuungsleistungen. Darin wurden Betreuungsstandards festgeschrieben, deren Einhaltung Voraussetzung dafür ist, dass das Sozialamt bei Menschen mit geringem Einkommen einen Teil der Betreuungspauschale übernimmt.

Die Wohnungen wurden durch den Umbau großer Altbauwohnungen oder durch eine Zusammenlegung kleiner Neubauwohnungen geschaffen. Ziel ist es, die Wohngruppen möglichst breit über die Stadt verstreut in normalen Wohnhäusern mit gemischter Bewohnerstruktur unterzubringen. Damit soll es zum einen möglich werden, dass hilfe- und pflegebedürftige ältere Menschen ein Angebot in der Nähe ihrer bisherigen Wohnung finden können. Zum anderen soll durch die Integration in ein normales Wohnhaus auch die Normalität des Wohnens in der ambulant betreuten Gruppe unterstrichen und gefördert werden (Narten/Fuhrig 2000).

Beim Bau oder Umbau der Wohnungen wird darauf geachtet, dass eine häusliche Pflege möglich ist, ohne einen heimähnlichen Eindruck zu erwecken. Im Zweifelsfall wird der Wohnaspekt vorrangig zum Pflegeaspekt behandelt. Trotzdem ist es innerhalb der fast 20 Jahre, in denen es dieses Wohnmodell in Braunschweig gibt, immer gelungen, den Bewohner/innen auch bei schwerer körperlicher Pflegebedürftigkeit den Umzug in eine stationäre Einrichtung zu ersparen. Grenzen des Verbleibs in der Wohngruppe gibt es im Braunschweiger Modell nur bei einer dauerhaft notwendigen Rund-um-die-Uhr-Betreuung, wie sie vor allem bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz erforderlich ist. In der Regel lässt sich der dabei entstehende Personalaufwand in kleinen Gruppen von 4 - 5 Personen mit vorwiegend niedrigen Pflegestufen nicht finanzieren.

Das Berliner Modell

Anders als in Braunschweig wurde das Berliner Modell ausdrücklich für Menschen entwickelt, die eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen. Voraussetzung hierfür ist allerdings eine größere Gruppe, in der Regel mindestens sechs Personen, in der jede Person mindestens der Pflegestufe II zuzuordnen ist. Entwickelt wurde das Modell vor allem für demenziell erkrankte Menschen. Für diesen Personenkreis ist es erforderlich, dass während des Tages mindestens zwei Personen in der Wohngruppe anwesend sind. Nachts ist die Anwesenheit einer Person ausreichend.

Ebenso wie in Braunschweig sieht das Betreuungskonzept vor, die Normalität des Wohnens so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. Noch vorhandene Fähigkeiten der Bewohner sollen gestärkt werden, indem sie ihre alltäglichen Verrichtungen so weit wie möglich selbst ausführen und sich am Geschehen in der Gruppe beteiligen. Nicht der optimale Ablauf der Pflege bestimmt den Tagesablauf, sondern pflegerische Leistungen werden an die Gewohnheiten der einzelnen Bewohner angepasst und in den Tagesablauf integriert (Pawletko 2002, Pro Alter, 4/1998).

Finanziert werden die Wohngruppen des Berliner Modells vorwiegend aus den individuellen Pflegeleistungen, die der betreuende ambulante Dienst den einzelnen Bewohnern in Rechnung stellt. Durch das Zusammenleben mehrerer schwer pflegebedürftiger Menschen in einer Wohnung entfallen für den Pflegedienst Wegezeiten und es lassen sich verschiedene Tätigkeiten für die einzelnen Personen, wie die gemeinsame Essenszubereitung, miteinander kombinieren. Die dadurch entstehenden Synergieeffekte machen es möglich, rund um die Uhr in der Wohngruppe anwesend zu sein.

Auch die Wohngruppen für Menschen mit Demenz werden in normalen Wohngebäuden in unterschiedlichen Stadtteilen realisiert. Durch eine vertraute und überschaubare Wohnsituation soll die Orientierung erleichtert und eine psychische Stabilisierung erreicht werden. Die baulichen Anforderungen, die eine Gemeinschaftswohnung für demenziell erkrankte Menschen erfüllen muss, ähneln denen anderer betreuter Wohngruppen. Allerdings erhält hier der zentrale Aufenthaltsraum mit angrenzender Küche eine Aufwertung gegenüber den Individualräumen. Da Menschen mit Demenz sich den größten Teil des Tages im zentralen Gemeinschaftsbereich der Wohnung aufhalten, muss dieses Zimmer sehr geräumig sein, während die Individualräume meist nur zum Schlafen genutzt werden und deshalb auch kleiner ausfallen dürfen (Verein für Selbstbestimmtes Wohnen im Alter e.V. 2003).

Das Berliner Modell hat bundesweit große Verbreitung gefunden. Allein in Berlin gibt es mittlerweile annähernd 100 ambulant betreute Wohngruppen für Menschen mit Demenz. Aber auch an vielen anderen Orten wurde das Modell übernommen und teilweise weiterentwickelt. Hierzu trug auch ein Planungsleitfaden zum Aufbau ambulant betreuter Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz bei, der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlicht wurde (Pawletko 2002). Ähnlich wie in Braunschweig wurden auch in Berlin Qualitätskriterien für die neue Wohnform entwickelt. Allerdings werden sie hier als Teil einer freiwilligen Selbstkontrolle verwendet. Im Herbst 2002 schlossen sich engagierte Träger und Mitarbeiter der Berliner Wohngruppen zu dem Verein „Selbstbestimmt Wohnen im Alter“ zusammen, der als Instanz der freiwilligen Selbstkontrolle fungiert und interessierten Menschen Orientierungshilfen bei ihrer Wohnentscheidung gibt.

Das Bielefelder Modell

Das Bielefelder Modell unterscheidet sich vom Berliner und Braunschweiger Modell durch eine stärkere konzeptionelle Offenheit und Vielfalt. Es ist nicht auf eine bestimmte Klientel festgelegt. Im Gegenteil: Angestrebt wird eine möglichst große Mischung unterschiedlicher Lebenslagen in einem Wohnprojekt. Alte und Junge, Behinderte und Nicht-Behinderte, Kranke und Gesunde sollen möglichst zwanglos zusammenleben können. Es gibt keine baulichen Vorgaben und auch keine empfohlenen Gruppengrößen. Die Projekte des Bielefelder Modells können sowohl als Wohngemeinschaft, als Hausgemeinschaft oder auch als Nachbarschaftsgemeinschaft organisiert sein. Gemeinsam ist allen Projekttypen lediglich, dass eine gewisse Anzahl schwer pflegebedürftiger Menschen in räumlicher Nähe zueinander wohnt. Unter dieser Voraussetzung ist es möglich, dass ein Pflegeteam rund um  die Uhr in der Wohnung, dem Gebäude oder der Nachbarschaft anwesend ist und die betreffenden Menschen versorgt.

Zentrales Element des Bielefelder Modells ist auch die Ausstrahlung der Betreuungsleistungen auf das umgebende Wohnquartier. Durch die ständige Anwesenheit von Pflegepersonal in fußläufiger Entfernung wird es möglich, auch für Menschen aus den umliegenden Häusern schnell Hilfe- und Pflegeleistungen zu organisieren oder sie an gemeinschaftlichen Aktivitäten wie dem gemeinsamen Mittagessen teilnehmen zu lassen. Finanziert wird die ständige Anwesenheit des Personals im Bielefelder Modell ebenso wie in Berlin aus der Summe individuell abgerechneter Pflege- und Hilfsdienste (Narten/Stolarz 2000, Pro Alter 4/1998).

Verbreitung der Wohnform

Die Kosten des Lebens in einer ambulant betreuten Wohngruppe sind günstiger als die Kosten einer Heimunterbringung, wenn es sich - wie in Braunschweig - um Menschen handelt, die noch keinen umfassenden Hilfebedarf haben, aber nicht mehr allein leben können. In diesem Fall wird eine Überversorgung im Heim vermieden und professionelle Hilfeleistungen bei der Hausarbeit werden verringert. Bei schwer pflegebedürftigen Menschen - vor allem bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz - liegen die Kosten für eine ambulant betreute Wohngruppe nicht niedriger als die Kosten einer Heimunterbringung. Allerdings hat sich gezeigt, dass sowohl die Betreuungsqualität als auch die Zufriedenheit von Bewohner und Betreuungspersonal in der Wohngruppe in der Regel höher ausfallen als im Heim (vgl. Pawlettko 1996).

Diese hohe Zufriedenheit mit dem neuen Wohnmodell ist auch der Grund für die sprunghafte Zunahme ambulant betreuter Wohngruppen in der Bundesrepublik in den letzten Jahren. Im Herbst 2003 führte das Kuratorium Deutsche Altershilfe eine Bestandsaufnahme ambulant betreuter Wohngruppen in Deutschland durch. Dabei konnten insgesamt 143 Gruppen ermittelt werden, von denen 57 Prozent erst ab dem Jahr 2000 entstanden waren. Ungefähr drei Viertel der Gruppen waren für die Betreuung demenzkranker Menschen eingerichtet worden. Das restliche Viertel wendete sich an Menschen mit unterschiedlichem Hilfebedarf (Bertelsmann Stiftung und Kuratorium Deutsche Altershilfe 2004).

Bei der Realisierung ambulant betreuter Wohngruppen entstehen bisher vor allem Probleme bei der Beschaffung geeigneten Wohnraums, der Finanzierung notwendiger Umbaumaßnahmen, der Abgrenzung zum Heim und der Übernahme von Betreuungskosten durch den örtlichen Sozialhilfeträger (Narten 1997). Auch die Krankenkassen sind nicht unbedingt an dieser Wohnform interessiert, weil sie hier die medizinischen Behandlungskosten tragen müssen, die im Heim durch höhere Leistungen der Pflegekassen abgedeckt werden. Angesichts der überzeugenden Vorteile dieser Wohnform ist aber davon auszugehen, dass diese Schwierigkeiten in absehbarer Zukunft überwunden werden können.

Die Autorin: Dr.-Ing. Renate Narten M.A. ist Architektursoziologin. Sie gründete 1996 das Büro für sozialräumliche Forschung und Beratung in Hannover mit dem Arbeitsschwerpunkt „Wohnen im Alter“.

Literatur

Bertelsmann Stiftung, Kuratorium Deutsche Altershilfe (2004): Leben und Wohnen im Alter. Band 4: Betreute Wohngruppen - Pilotstudie. Band 5: Betreute Wohngruppen - Fallbeispiele und Adressenlisten, Köln.

Kleiber, A.: Zwangsräumung einer „Alzheimer-Wohngemeinschaft“, in: Pro Alter 3/2000

Klie, Th. (2002): Wohngruppen für Menschen mit Demenz, Hannover.

„Klönen in der Küche, Schlager im Wohnzimmer“ - Sechs demente Ältere leben in betreuter Wohngemeinschaft in Berlin, in: Pro Alter, 4/1998

Narten, R. (1997): Rahmenbedingungen für die Entstehung und Etablierung neuer Wohnformen im Alter. Das Beispiel der betreuten Wohngruppen für alte Frauen des Vereins ambet in Braunschweig, in: Deutsches Zentrum für Altersfragen (Hrsg): Wohnformen älterer Menschen im Wandel. Expertisenband 3 zum Zweiten Altenbericht der Bundesregierung, Frankfurt.

Narten, R.; Fuhrig, A. (2000): Betreute Wohngruppen für ältere Menschen. Nutzungsanalysen und Planungsempfehlungen, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bonn.

Narten, R.; Stolarz, H. (2000): Neue Wohnmodelle für das Alter. Dokumentation des Expertenworkshops in Bonn-Oberkassel, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bonn.

Pawlettko, K.-W. (1996): Erste ambulant betreute Wohngemeinschaft demenziell erkrankter älterer Menschen in Berlin. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung, Berlin.

Pawletko, K.-W. (2002): Ambulant betreute Wohngemeinschaften für demenziell erkrankte Menschen. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin.

Verein für Selbstbestimmtes Wohnen im Alter e.V. (2003): Qualitätskriterien für ambulant betreute Wohngemeinschaften mit demenziell erkrankten Menschen, Berlin.

Wie man zu Hause wohnt. Alt und Jung - Wohn- und Hausgemeinschaften in Bielefeld, in: Pro Alter 4/1998