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Stadtentwicklung trotz Schrumpfung?

Artikel vom 01.09.2003

Einige Bemerkungen über die mentalen Hemmisse städtischer Kreativität. Von Herbert Grymer

Einleitung

In einem amerikanischen Science-Fiction-Roman der siebziger Jahre haben Wissenschaftler mit einer neuen Technologie die Gravitation der Erde überwunden. Es wurde möglich, Großobjekte aus dem geologischen Verbund mit der Erde zu lösen. Um der Dichte und Übervölkerung, den ökologischen Verwüstungen und den unerträglichen Konflikten zwischen Regimen und Regionen auf der Erde zu entkommen, begannen nun ganze Städte damit, sich einen anderen Planeten als neue Heimat zu suchen.

Doch die „ausgewanderten“ Städte konnten weder die Technologie reproduzieren, mit der sie die Erde verlassen hatten, noch den Lebensstandard auf Dauer aufrecht erhalten, mit dem sie gekommen waren. In ihrer Euphorie über die neuen Möglichkeiten hatten die Menschen eine einfache ökonomische Tatsache vergessen: Dass es einer großen Zahl an vernetzt arbeitenden Menschen bedarf, die eine ungeheuer lange Kette von vorgelagerten Produkten herstellen, um ihr hohes Niveau in Technologie und Produktion aufrecht erhalten zu können. Dies war auf der Erde mit ihren riesigen Ressourcen und verflochtenen Wirtschaften selbstverständlich möglich, nicht aber in den vergleichsweise kleinen neuen Gesellschaften auf anderen Planeten. Die „Städte“ waren so zum Schrumpfen verdammt, ohne Fluchtmöglichkeit und ohne die von der Erde gewohnten Möglichkeiten, durch den rigorosen Einsatz von mehr Mitteln, notfalls auf Kosten anderer, das eigene technische Niveau zu halten.

Bereits der nächsten Generation standen dramatische Veränderungen bevor: Der Verzicht auf selbstverständlich gewordene Genüsse, auf Maschinen und Computer, auf ein Lebensniveau, das körperliche Arbeit nur mehr als Fremdwort gekannt hatte. Es kam zu Protesten, Aufständen, und die Verteilungskämpfe, deretwegen man ja gerade die Erde verlassen hatte, brachen - wenn auch in kleinerem Maßstab - von neuem auf.

1. Sind wir auf Schrumpfung mental vorbereitet?

Trotz der Ölkrise von 1973 konnte man in den siebziger Jahren einen solchen Roman mit Distanz und Genuss lesen. Wachstum war selbstverständlich. Und wenn es einmal ausbliebe, dann würde es früher oder später wieder herbeigeführt werden können. Alles andere war Fiktion. Doch wie verhält es sich damit im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts?

Es erscheint fraglich, ob die gegenwärtige wirtschaftliche Krise nur ein vorübergehender Einbruch ist, oder ob vielmehr die europäischen Staaten, und vor allem Deutschland, am Anfang einer längerfristigen Schrumpfungsperiode stehen. Es ist auch nicht einfach, sich vorzustehen, dass hinter der gegenwärtigen Krise kein säkularer Aufschwung kommt, der die Rentenkassen finanziert, die Gesundheitskosten trägt, weiterhin hohe soziale Transferzahlungen ermöglicht, den Konsum auf hohem Niveau erhält und nicht zuletzt der kommunalen Planung wieder Spielraum verschafft Leichter fällt es, mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zu rechnen, der - wenn man ihn schon mit Maßnahmen im Inland nicht induziert - dann durch die irgendwann wohl wieder anziehende Konjunktur in den USA kommen wird. Wie belastend der Gedanke an Schrumpfung empfunden wird, zeigt sich etwa daran, dass „bis heute die Querelen um die Schrumpfungssemantik nicht abgeklungen (sind). Ob man nun das Kind beim Namen nennen oder Umschreibungen finden soll die das Positive betonen, ist noch immer umstritten.“ (Göschel 2003: 5)

Doch was ist, wenn keine wirtschaftliche Wende die kommunalen Finanzen saniert? Können wir uns überhaupt gedanklich auf die Problematik des langfristigen Schrumpfens einstehen? Auf einen generellen Rückgang der Bevölkerung, eine dramatische Veränderung der Altersstruktur, ein dauerhaftes Sinken der Kaufkraft und des Steueraufkommens? Auf Bürger, die immer weniger für städtische Dienstleistungen bezahlen können? Und auf steigende Kosten allein für den baulichen Erhalt des in die Erde gesenkten gesellschaftlichen Kapitals: Schulen, Straßen, Brücken, Straßenbahngleise, Verwaltungsgebäude, Krankenhäuser, Kläranlagen, Abwasserleitungen, Kanalisation, Elektrizitätswerke, Museen, Theater? Wie kann man mit etwas umgehen, das man sich einfach nicht vorstellen kann?

Die Science-Fiction-Story ist eine Parabel auf unsere Probleme mit solchen Zukunftsbildern:

  • In ihrer Überzeugung und Euphorie etwas klar im Griff zu haben, irren sich Menschen und menschliche Kollektive manchmal gravierend; sie vergessen, die Folgeprobleme und die ungeplanten Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu berücksichtigen - die in ganz andere Richtung gehen können. (vgl. z.B. Dörner 1994)
  • Die Tatsache, dass man etwas erreicht hat (etwa: einen hohen Stand der Technologie, des Glaubens, des Wohlstands, der Erleuchtung) gibt einer Gesellschaft weder die Sicherheit, noch den Mitgliedern den Anspruch, dass man dieses Niveau immer wird für sich beanspruchen können.

Im folgenden geht es nicht um die Frage, ob eine bevorstehende langfristige Schrumpfungsentwicklung zu Recht befürchtet wird. Es geht vielmehr darum, ob die städtischen Akteure die mentalen Voraussetzungen dafür mitbringen, Stadtentwicklung und soziale Probleme in den Städten auch dann perspektivisch zu bearbeiten, wenn Bevölkerung, Einnahmen, Auslastungen etc. tatsächlich längerfristig zurückgehen sollten. Ich werde zeigen, dass die städtischen Akteure wegen ihrer vorherrschenden Grundeinstellungen auf eine solche Entwicklung nicht besonders gut vorbereitet sind.

2. Wachstumsmentalität: Fortschritt ist Wachstum - Schrumpfung nicht vorgesehen

Zum europäischen kulturellen Erbe zählt eine „Wachstumsmentalität" (Hager / Schenkel 2000:3 ff.). Mentalitäten sind individuelle oder kollektive Einstellungen, die als grundlegende Geisteshaltungen das Verhältnis zur Wirklichkeit insgesamt bestimmen: die Wahrnehmungen, das Selbstverständnis, die Handlungsorientierungen und die Motive der Menschen.

Für unsere Frage - den mentalen Voraussetzungen für den Umgang mit einem relativ neuen, zumindest ungewohnten, ökonomischen und soziokulturellen Zustand - ist es von entscheidender Bedeutung, wie fest die Wachstumsmentalität im gesellschaftlichen Wertesystem und im kollektiven Wahrnehmungssystem verwurzelt ist. Denn je tiefer eine Mentalität in diesem gesellschaftlich für sicher gehaltenen System des Wissens über die Welt sedimentiert ist, desto wirksamer bestimmt sie die Deutung der Alltagswelt und desto mehr selektiert sie die Zahl und die Qualität der aktuellen Handlungsoptionen, die in einer Situation gesehen und in Erwägung gezogen werden.

Je stabiler und kollektiv mit Konsens ausgestattet eine solche Geisteshaltung ist, umso resistenter erweist sie sich gegenüber Erfahrungen oder empirischen Tatsachen, die ihr widersprechen. Der bekannte Satz, wonach „nicht sein kann, was nicht sein darf“, bezeichnet die Neigung, eine komplexe und unerfreuliche Realität in eine bearbeitbare, wenngleich oft falsche Form zu bringen. Wenn Tatsachen den aus der Mentalität heraus für möglich gehaltenen Ereignissen widersprechen, wird nicht die Geisteshaltung verändert, sondern werden die Tatsachen so weit umgedeutet, bis sie der Welt-„Anschauung“ nicht mehr widersprechen.

In Mittel- und Nordeuropa (die USA mögen hier einmal außen vor bleiben) hat sich nach dem 30-jährigen Krieg und mit der Aufklärung ein System ökonomisch-technischer Rationalität ausgebildet, das auf unablässigen Fortschritt durch Wachstum setzt. Das „Gerüst der Moderne“ (Toulmin 1991: 192ff.) beruht auf dem naturwissenschaftlich gestützten Glauben an die Unbegrenztheit der menschlichen Möglichkeiten, die auf der Basis des Wissens um universelle, zeitlich-räumlich unbeschränkt geltenden Gesetze, letztendlich jede Expansion möglich machen, wenn man nur die Mittel dafür aufzubringen willens und in der Lage ist: instrumentelle Rationalität. Und auf der Basis christlich-jüdischer Entelechie1 bedeutet Fortschritt im westlichen Kulturkreis das Auf-Dauer-Stellen des Erreichten: So ist eine kulturelle Grundhaltung entstanden, in der man hofft, einen Zustand herstellen zu können, in dem es Prosperität ohne Verzicht, ewigen Frieden ohne Krieg, Gesundheit ohne Krankheit, Reichtum ohne Armut, Gerechtigkeit ohne Missstände, Fortschritt ohne Nebenwirkung und Städte ohne Verfall gibt. Dies ist die sozio-kulturelle Tiefenstruktur der modernen Menschen, die Tiefenstruktur unserer Wahrnehmung und unserer Vorstellung von Entwicklung. In einem solchen System sind Schrumpfung, Rückentwicklung oder Verzicht als längerfristige oder gar dauerhafte Phänome nicht vorgesehen.

Man sollte sich vorstehen, dass die langfristige Prägung der westlichen Zivilisation im Sinne einer durchgängigen Wachstumserwartung noch mehr ist als eine Mentalität: Es ist das bisher sicher geglaubte Wissen, dass die Welt sich in Richtung eines mehr, besser, höher weiter entwickelt, wenn auch vielleicht zuweilen mit Unterbrechungen. Es durfte daher sehr schwierig sein, in dieser „Welt-Anschauung“ ein Phänomen wie Schrumpfung, Ende des Wachstums und der Notwendigkeit von dauerhaftem Verzicht unterzubringen und sich Schrumpfung als ein generelles, längerfristiges Phänomen vorzustellen, das nicht durch Einsatz von Ressourcen, durch Planung und Technik beseitigt werden kann.

Zwar hat es Schrumpfungsprozesse von Städten und Regionen zu allen Zeiten gegeben. Doch die Einstellungen, mit denen die Menschen solchen Veränderungen begegneten, waren anders. Die Veränderungen wurden als „Schicksalsschläge" hingenommen, gegen die man nichts ausrichten konnte. Die Schicksalhaftigkeit des Lebens war im Vergleich zu heute höher: In der heutigen wissenschaftlich-technischen Welt gilt alles als veränderbar, gestaltbar und planbar, man selbst begreift sich als ein sich legitimer Weise wehrender Bürger, notfalls legt man Rechtsmittel ein. Umso schwieriger ist es heute, tatsächlich unbeeinflussbare Entwicklungen zu akzeptieren. Die „Enttäuschungsfestigkeit“ (Klages 1981: 33 f.) ist daher heute im Vergleich zu früheren Zeiten wesentlich weniger ausgeprägt. Daraus ergibt sich heute von Seiten der Bürger auch eine ungleich größere Erwartung an das Handeln der Institutionen.

3. Fehlerkultur als Grundlage städtischer Kreativität

Wenn hier von „städtischer Kreativität“ die Rede ist, so will ich diese auf das Handeln beziehen und nicht auf das kreative Denken und Planen. Denn die für einen produktiven Umgang mit Schrumpfung erforderliche Kreativität verlangt nach der Willens- und Entschlusskraft, Entscheidungen auch ohne letztendliche Sicherheit zu treffen. Sie verlangt auch nach der Fähigkeit, Innovationen, Alternativen oder andere Vorgehensweisen gegen lange eingefahrene Verfahren und etablierte Interessen durchzusetzen. Dabei wird es immer ein Argument der bewahrenden Kräfte sein (sie sollen hier auch gar nicht negativ etikettiert werden), dass mit Innovativem und Kreativem Unsicherheiten verbunden sind, dass man die Protagonisten „nicht voll im Griff habe“ (!), dass also Risiken damit verbunden seien. Risikovermeidung und antizipierende Berücksichtigung aller Eventualitäten in der Planung gehören zu den Grundanstrengungen klassischer bürokratischer Organisationen. Sie sind damit aber gleichzeitig der Tod jeglicher Kreativität.

Städtische Kreativität erfordert somit einen völlig anderen Umgang mit Fehlern und Fehlentwicklungen. Es ist eine sehr deutsche Haltung - im Gegensatz etwa zum angelsächsischen Vorgehen - dass man in Projekten und Planungen (sei das die Gründung eines Vereins oder der Bau eines Jugendtreffs) mit ungeheurem Aufwand antizipierend Risiken und Unsicherheiten vermeiden will. In die perfekte Planung und Fehlervermeidung, in das Bedenken und Berücksichtigen aller Eventualitäten wird so viel Kraft und Aufmerksamkeit gesteckt, dass man manchmal den Eindruck hat, es ginge gar nicht mehr darum, etwas positiv zu schaffen. Mit einer solchen Haltung ist kreative Stadtentwicklung nicht vereinbar. Jegliches kreatives Planen, Projektieren, Partizipieren und Umsetzen birgt Unsicherheitsfaktoren. Diese Unsicherheiten müssen akzeptiert, Fehlentwicklungen zugegeben und später „in actu“ bearbeitet werden. Dies bedeutet „trial und error“ und die nachträgliche Korrektur als normalen Weg in städtischen Projekten zuzulassen. Das Konzept der „unvollständigen Planung“ lässt bewusst offen, was erst in einer späteren Phase festgelegt wird. Ganz zaghaft erst werden in Deutschland Versuche gemacht, Planungen nicht als endgültige, zeitlich unbeschränkt geltende Wahrheiten zu behandeln, sondern sie als veränderliche, nach gewisser Frist neu zu überdenkende Teile der Realität anzusehen.

Fehler sind in einer komplexen Aufgabe unvermeidlich, aber man kann einen anderen Umgang mit ihnen etablieren. Man kann planen, aus ihnen zu lernen - und nicht, sie zu vertuschen, wenn sie passieren.

4. Anspruchsdynamik und Allzuständigkeit als Hemmnisse kreativen Handelns

In der Geschichte der modernen deutschen Staatstätigkeit - und das gilt für die westlichen Bundesländer wie für die östlichen - haben Selbstorganisation und verantwortliche Mtwirkung von Privaten bei der Produktion öffentlicher Leistungen keine Tradition. Meist wird eine stark ausgeprägte Anspruchshaltung der Bürger befunden und dafür verantwortlich gemacht, dass bei Mängeln oder empfundenen Defiziten sofort nach dem Staat als ordnender, konfliktlösender oder versorgender Macht gerufen wird. Zwar ist dieses Verhalten sicher in zahllosen Fällen beobachtbar und auch richtig beschrieben, dennoch aber oft falsch interpretiert worden. Denn daraus folgt noch nicht, dass die Bürger diese Anspruchserwartung originär ausgebildet hätten. Vielmehr haben die Parteien und der Staat - wie Klages (1981) überzeugend gezeigt hat - seit 120 Jahren immer umfassender den Bürgern nahe gebracht, sich nur auf ihn zu verlassen. Sie haben sich damit Macht gegeben und den Bürgern zugesichert, dass sie sich um alles, was nicht privater Konsum ist, nicht zu kümmern brauchen. Unter dem Etikett einst der Krankheits-„Vörsorge", der „Fürsorge", dann der sozialen Absicherung, weiter der Daseins-"Vorsorge", und schließlich als für die umfassende „Sicherung der Lebensqualität“ verantwortlich stellte der Staat in Deutschland bisher immer umfassender institutionell Güter und Dienstleistungen zur Verfügung. „Der Begriff Lebensqualität, dem wir heute zu folgen beginnen, weitet den Spielraum staatlicher (und auch kommunaler, H.G.) Kompetenz und Verantwortung auf eben derjenigen Linie, die mit dem Leitziel der Daseinsvorsorge eingeschlagen war, noch weiter aus. Der Staat wird nunmehr zum Generalagenten der Lebenszufriedenheit und des Lebensglücks seiner Einwohner.“ (Klages 1981: 32)

In einer sehr unmittelbaren Weise kann man dies verfolgen in den Äußerungen und Veröffenlichungen der Parteien und Kandidaten in den Wahlkämpfen; und sehr konkret dort, wo Stadtverordnete oder andere Funktionsträger auf Versammlungen von Stadtteilgruppen, Initiativen oder Bürgerversammlungen auftreten: Das politische Personal zieht dort am unmittelbarsten Macht und Gratifikation aus dem „Volk“, wo man sagen kann:„Ich werde mich (dort und anderorts...) darum kümmern.“

Selbst unter den Sparzwängen der gegenwärtigen Finanzpolitik wagen es die Parteien auf den verschiedenen Ebenen immer noch nicht, sich explizit von diesem vorsorgestaatlichen Verständnis abzuwenden und die Diskrepanz von privat konsumiertem Wohlstand und den nur noch gemeinschaftlich zu bewältigenden Problemen neu zu thematisieren. So entsteht ein Syndrom, in dem weder die Bürger noch die Verwaltungen auf die Idee kommen, man könnte in Bezug auf Stadtentwicklung in irgendeiner sinnvollen Weise kooperieren. Während die eine Seite, die Bürger, in ihrer Anspruchshaltung und erlernten Inaktivität verbleiben, kann die andere Seite auf die zum Engagement unfähigen oder unwilligen Bürger verweisen, die nur ihre private Welt der Medien, der Autos usw. im Sinn haben.

Es ist jedoch wichtig, die simplifizierende Kritik an der gestiegenen Anspruchshaltung der Bürger zu korrigieren. Vielmehr sind der Staat und mit ihm die Städte als „Anspruchsinnovatoren und -mobilisatoren" tätig geworden. Die Verstrickung des Staates in die Entwicklung der sozialen Ansprachsdynamik sei, so Klages (1981: 33), bereits so weit fortgeschritten, „daß sie von bewußter Voraussicht und Planung unabhängig wird. Es läßt sich... ablesen, daß der Staat jenseits jeglicher direkter Absicht, einfach aufgrund der ungeheuer gesteigerten Bedeutung seiner Handlungen und Entscheidungen für die Binnenaspekte der menschlichen Psyche, Ansprachsdynamik erzeugend... wirkt.“ Bedauerlicherweise, so Klages weiter, hätten diejenigen, die heute in den Parlamenten und Ministerien Politik machen, diese eminent „anthropologische“ Dimension ihrer Tätigkeit bisher noch kaum erkannt. Dies durfte auch 2003 noch immer gelten, wobei der mittlerweile eingeleitete zaghafte Umbau des Sozialstaates gerade wegen des eben skizzierten Zusammenhangs zu ganz erheblichen Ängsten und Verunsicherungen der Bürger führen dürfte.

Die „Absicherangs- und Versicherungsmentalität“ gibt den Behörden eine ungeheure Verhinderungsmacht. Kritik an dem den umfassenden Regelungs-, Genehmigungs- und Absicherungsapparat, der in Deutschland (und nicht nur dort) entstanden ist, ist keine oberflächliche Stammtischklage.2 Wenn man davon spricht, einen „Geist der Zusammenarbeit" mit der Verwaltung zu schaffen, so muss zuerst die Komplementarität von automatisierter, verselbständigter Versorgungserwartung und dem Omnipotenzverständnis der Verwaltungen auf den Prüfstand.

Kreatives Handeln würde also zuallererst darin bestehen, die Bürger ernsthaft an Beteiligung, Mitwirkung und Selbstorganisation heran zu führen, doch nicht über Wahlen und auch nicht einfach im Sinne einer Partizipation an der Planung. Gerade letzteres hat ja zu zahllosen Frustrationen auf Seiten der Bürger geführt, wenn sie zusehen mußten, wie die unter ihrer Beteiligung zustande gekommenen Planungen in der Realisierung bis zur Unkenntiichkeit kleingearbeitet wurden. Gemeint ist eine Mtwirkung im Sinne einer Beteiligung an Realisierungs- und Umsetzungsprozessen, von eigenständigen Beiträgen oder von eigener Produktion im Rahmen von Projekten.

Dies würde für die städtischen institutionellen Akteure - Ämter, Behörden, Planungsgremien, Stadtbetriebe - eine Neuorientierung bedeuten, die sicherlich nicht leicht fällt, da sie doppeltes Aufgeben wäre. Es würde von ihnen erstens verlangen, ihre Stereotype über die fehlenden Fähigkeiten, egozentrischen Erwartungen und das Desinteresse der Bürger aufzugeben und ihr Bild von der Inkompetenz und Engstirnigkeit der Bürger zu korrigieren. Zugleich müssten sie bereit sein, mit der Kreativität und dem Engagement der Bürger zu rechnen, ihnen dies überhaupt zuzutrauen.

Und zum Zweiten würden die städtischen politischen und administrativen Akteure Macht aufgeben. Macht, die ihnen aus der Grundhaltung zuwächst, dass die Stadtverordneten, die Ämter, Stadtbetriebe usw., dank ihrer Sachkompetenz als Einzige festzustehen in der Lage sind, welche Maßnahmen wo, wann und wie erforderlich sind. Und dass sie die Einzigen sind, die einen legitimen Auftrag haben, die im Sinne des Gemeinwesens notwendigen Leistungen zu erbringen.

Der Erhalt der kommunalen Wohlfahrt unter Schrumpfungsbedingungen hängt daher meines Erachtens nicht primär an den allgemein beklagten, unzureichenden kommunalen finanziellen Ressourcen. Die politische Stadt kann ihre Funktionen nicht mehr in der ursprünglichen, gewohnten Form erfüllen, jedenfalls nicht im Rahmen des alten Selbstverständnisses von kommunaler „Selbstverwaltung“.

5. Spielräume durch neue Steuerungsmodelle

Städtische Kreativität verlangt ein verändertes Rollenverständnis der lokalen politisch-administrativen Systeme, und damit auch eine andere Sichtweise der Erwartungen und der Leistungsfähigkeit der Bürger. Erst auf dieser Basis kann dann nach Wegen gesucht werden, wie die lokalen Akteure und Interessengruppen zusammen wirken können: Ob es ihnen gelingt, durch neue Formen der Kooperation „Synergien“ hervorzubringen, mit denen bei geringerem Aufwand mehr Wirkung erzielt wird.

Nach dem Willen des Grundgesetzes sollten die Gemeinden für die „Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft“ zuständig sein. Sie haben sich längst - dies ist schon lange festgestellt und kritisiert worden - zu mächtigen bürokratischen Systemen entwickelt. Auch wenn es eine Reihe von begrüßenswerten Dezentralisierungen gibt - Stadtteilbüros, Stadtteilkonferenzen, Stadtteilmanager und anderes - so wird „die Stadt“ doch von den Bürgern als „Staat“ wahrgenommen: im Sinne von Obrigkeit und Untertan-Sein, von „Vater Staat“, von Zwang und Hoheitlichkeit. Zurecht, denn die Institution „Stadt“ genehmigt, regelt, bewilligt, stellt zur Verfügung, und das alles nach Regeln, die dem Einflussbereich der Bürger entzogen sind. Ein Verhältnis also, das einem traditionellen Eltern-Kind-Verhältnis trotz aller Demokratie nicht ganz unähnlich ist. Das erfahren die Bürger spätestens dann hautnah und ohnmächtig, wenn sie eine scheinbar so einfache Sache wie ein Straßenfest in „ihrer“ Straße veranstalten wollen.

Die Reorganisation von Stadtverwaltungen nach dem „neuen Steuerungsmodell“ führte dazu, dass die Verwaltungen nun gerne von sich als „Dienstleistungsunternehmen“ sprechen. Die Bürger, früher Hilfebedürftige und Antragsteher, entwickelten sich so von „Anspruchsberechtigten“ zu „Kunden“. Wenngleich der Umbau von Stadtverwaltungen in Orientierung an den betriebswirtschaftlichen Strukturen von Privatunternehmen, zusammen mit der Einführung der entsprechenden Controllingverfahren und Organisationsgrundsätze häufig dazu diente, die Streichung von Stellen und Sachmitteln zu verschönern, so veränderte dies doch die Sichtweise des Stadtbürgers. Sie ist näher an einem Verständnis, wie es die „kreative Stadt“ benötigt.

Das „New Public Management“, wie das Neue Steuerungsmodeh in anderen Ländern genannt wird, kann in sehr unterschiedhcher Weise dazu beitragen, kreativen Potenzialen in Städten Raum zu geben.3 Doch wenn sich die lokale Politik vollständig auf ein „neues Steuerungsmodell“ einlässt und nur noch die zentrale Gesamtsteuerung mittels Zielvorgaben übernimmt, also den Ressorts und Stadtbetrieben die dezentrale Selbststeuerung überlässt, dann entstehen Spielräume. Das weiterentwickelte „Tilburger Modell“  sieht den Bürger in drei Rollen: als Kunde von städtischen Dienstleistungen, als Bewohner einer Nachbarschaft, und als politischen Akteur auf der Ebene der gesamtstädtischen Interessen. Unter anderem wird die Verwaltung durch systematische Befragungen für die Anliegen der Bürger geöffnet. Ziel ist eine andere Stadtkultur, die sich durch transparente Arbeitsweise, Interaktion mit den Bürgern und verantwortliche Teams von städtischen Beschäftigten auszeichnet. Zu den neuen Kernkompetenzen der städtischen Beschäftigten werden „netzwerken - kommunizieren - verhandeln - nach win-win-Lösungen suchen“ gerechnet.

6. Chancen der Inszenierung städtischer Kreativität

Es spricht vieles dafür, dass die Identifikation mit der „örtlichen Gemeinschaft“ auch unter Schrumpfungsbedingungen zunimmt, wenn die Bürger ernst genommen werden und verantwortlich private Initiative entfalten können. Dies erfordert eine Umgestaltung des Verhältnisses von politisch-administrativem System und städtischen Akteuren.

Diese Umgestaltung kann, kommunikationssoziologisch gesprochen, „inszeniert“ werden. Jemand, der in einer bestimmten Rolle seinem Gegenüber etwas zutraut oder ihm eine Fähigkeit abspricht, beeinflusst bereits dadurch das Verhalten des Anderen; Es wird wahrscheinlicher, dass der Andere sich so wie angenommen verhält. Auf diese Weise kann man bürgerschaftliches Engagement im Umgang mit Schrumpfung verhindern - oder es fördern.

Bei der Einleitung von kreativen Stadtentwicklungsprozessen dürfen daher keine festgefügte Erwartungshaltungen oder unveränderliche Motivationsstrukturen unterstellt werden. Motivation und Verhalten sind wechselseitig voneinander abhängig. Die Wahrnehmung, dass man als Bürger anders behandelt wird, kann zum Beispiel Motivation verändern oder neue Motivation entstehen lassen. Auf der anderen Seite kann die institutionelle Seite neue Möglichkeiten eröffnen, wenn sie die veränderte Motivationslage wahrnimmt. So inszenieren sich beide Seiten gegenseitig positiv. Doch die Bereitschaft, neue Erfahrungen zu machen, muss sich vielfach erst noch entwickeln.

Wenn es stimmt, dass der Staat in der Postmoderne, mithin auch das städtische politisch-administrative System, Unterstützung, Engagement, Motivation und Mitwirkung von Bürgern braucht, um ein funktionierendes Gemeinwesen zu erhalten, so wäre es töricht, Chancen zur Mobilisierung zivilgesellschaftlicher Ressourcen und zum Lernen bürgerschaftlicher Verantwortung verstreichen zu lassen. Im Umgang mit den zweifellos erforderlichen Einsparungen könnte auf Prinzipien aus der Gruppendynamik und Motivationspsychologie zurückgegriffen werden. Um aus der demotivierenden Dichotomie von win-and-loose-Konstellationen (der eine gewinnt, der andere verliert) und den damit verbundenen Konflikten herauszukommen, wird dort nach Lösungen gesucht, die beide beteiligte Akteure in irgendeiner Weise zu „Gewinnern“ machen.

Dies kann auch auf die Schrumpfung städtischer Infrastruktur angewandt werden. Normalerweise ist dies mit einer Reduktion von Angeboten, Kapazitäten oder Dienstleistungen verbunden. Dabei fallen einerseits Einsparungen an, andererseits erleiden die bisherigen Nachfrager oder „Anspruchsberechtigten“ Einbußen und müssen eine Verschlechterung ihrer Versorgungssituation hinnehmen. Einem neuen Selbstverständnis des „lokalen Staates“ folgend wäre es naheliegend, mit den Kürzungseffekten anders als konventionell, finanzpolitisch-autoritär umzugehen. Statt den Bürgern ausschließlich Belastungen abzuverlangen, könnten die positiven Effekte der (notwendigen) Einsparungen auch geteilt werden. Ein Teil des Ersparten könnte den städtischen Akteuren zufallen, die durch Kürzungen, Stilllegungen oder Angebotseinschränkungen sonst nur die negativen Effekte von Schrumpfung zu spüren bekommen.

7. Stadtumbau ist auch Umbau der mentalen Verwaltungsstrukturen

„Die Menschen verfügen über ein enormes Wissen und sie sind die Experten vor Ort.“ Dieser Satz ist die Grundlage für ein neues Kapitel städtischer Kreativität, das außerhalb der Abnahme von Ressourcen, Bevölkerung und Wirtschaftskraft aufgeschlagen werden könnte und sollte. Dies bedeutet auf der Seite der Stadtverwaltungen einen grundlegenden Umbau der Einstellungen der Verwaltung gegenüber den Kompetenzen und Fähigkeiten von Bürgern. „Stadtumbau“ heißt so auch Umbau von mentalen Verwaltungsstrukturen - Stereotypen des Desinteresses, Annahmen über Egoismus, über Beschränktheit und Unmündigkeit der Bürger und ihrer Assoziationen. Ob die Stadtverwaltungsressorts und -mitarbeiter sich verstehen als Genehmiger, Kontrolleure, Überwacher - oder ob die Bürger mehr und mehr die Erfahrung machen können, dass die Verwaltung und ihre Mitarbeiter ermöglichen, auf den Weg bringen, unterstützen, Kooperation organisieren, beraten, begleiten - davon hängt die Entfaltung städtischer Kreativität und die Eröffnung neuer Ressourcen für Stadtentwicklung in Zeiten der Schrumpfung wesentlich ab. Es wäre nicht nur eine neue Stadtkultur, sondern eine neue Kultur der Stadt.

Der Autor: Prof. Dr. Herbert Grymer lehrt Soziologie und anwendungsbezogene Soziologie an der Bergischen Universitätsgesamthochschule Wuppertal, Studienschwerpunkt Politik und Verwaltung.

Literatur

■    Dörner, D. (1994): Die Logik des Mißlingens. Strategisches Denken in komplexen Situatio-
nen Reinbek

■    Göschel, A. (2003): Schrumpfende Städte: Planerische Reaktionen auf den Leerstand. Manu-
skript

■    Hager, F. / Schenkel, W. (2000): Schrumpfungen: Chancen für ein anderes Wachstum. Ein
Diskurs der Natur- und Sozialwissenschaftem Berlin

■    Hinte, W. (1998): Der heimliche Lehrplan der neuen Steuerungsmodelle. Im Reis C. /Schulze-
Böing, M. (Hrsg.): Planung und Produktion sozialer Dienstleistungen Berlin, S. 203ff.

■    Hannemann, C. (2003): Schrumpfende Städte in Ostdeutschland - Ursachen und Folgen
einer Stadtentwicklung ohne Wirtschaftswachstum. Im Politik und Zeitgeschichte Heft 28 /
2003, S. 16-46

■    Klages, H. (1981): Überlasteter Staat - verdrossene Bürger? Zu den Dissonanzen der
Wohlfahrtsgesellschaft Frankfurt am Main New York

■    Iiebmann, H. / Robischon, T. (2002): „Städtische Kreativität - westeuropäische und ostdeut-
sche Erfahrungen im Umgang mit Schrumpfungsprozessen". Manuskript

■    Lutz, B. (1984): Der kurze Traum immerwährender Prosperität Eine Neuinterpretation der
industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa des 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main,
New York

■    Reis C. / Schulze-Böing, M. (1998): Planung und Produktion sozialer Dienstleistungen Die
Herausforderung neuer Steuerungsmodelle. Berlin

■    Tiefensee, W. (2003): Stadtentwicklung zwischen Schrumpfung und Wachstum. Im Poßtik
und Zeitgeschichte Heft 28 / 2003, S. 3-15

■    Toulmin, St (1991): Kosmopolis. Die unerkannten Aufgaben der Moderne. Frankfurt am Main

1 Entelechie bezeichnet die in einer bestimmten wirklichkeit angelegte Möglichkeit. Modern könnte man sagen die Optionen und Chancen.

2 Es wurde von uns einmal untersucht, wie man einen privaten Kindergarten planen kann; dabei stellte sich (Stand 2000) heraus, dass 51 verschiedene Gesetze, Verordnungen, Richtlinien, Sicherheitsbestimmungen usw. zu beachten sind oder ihre Erfüllung sichergestellt werden muss. Kaum ein privater Initiator wird diesen Aufwand leisten können.

3 Zur Kritik des Konzepts des „Konzerns Stadt" vgL Hinte, W. (1998): Der heimliche Lehrplan der neuen Steuerungsmodelle.