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Praxis des Stadtumbaus: Stadtrückbau

Artikel vom 22.05.2006

Stadtrückbau zum gezielten Abbau des gesamtstädtischen Wohnungsüberhangs

Eine gezielte Schrumpfung des Stadtkörpers zur Reduktion des Wohnungsüberhangs erfolgt durch bestandsreduzierende Maßnahmen wie Abbruch und Rückbau und die anschließende Nachnutzung der Freiflächen. Dafür stehen beispielhaft Projekte in Schwedt, Halberstadt und Ascherleben.

Praxisbeispiel: Stadtrückbau in Schwedt

Eckdaten des Stadtumbaus in Schwedt

Einwohnerentwicklung:
Wanderungsverluste zwischen 1993 und 2003 von ca. 25 % in der Gesamtstadt und von ca. 65 % im Stadtteil „Am Waldrand“
1993: ca. 50.500 Einwohner; davon ca. 13.500 im Stadtteil „Am Waldrand“
2003: ca. 37.000 Einwohner; davon ca. 4.500 im Stadtteil „Am Waldrand“

Ziele des Stadtumbaus:

  • Anpassung des Wohnungsbestandes und der Infrastruktur an die Bevölkerungsentwicklung
  • Wahrung eines kompakten Siedlungsgefüges mit dem Leitbild „Stadt am Wasser“
  • weitgehende Konzentration der Wohnungsleerstände / Abbruchgebiete auf den Stadtteil „Am Waldrand“
  • zielgerichtete Wohnungssanierung und Wohnraumdifferenzierung in den Bestandsgebieten


Ziele des Projekts:

  • Abbau des gesamtstädtischen Wohnungsüberhangs durch räumlich konzentrierten Abbruch (ca. 3500 Wohneinheiten im Stadtteil „Am Waldrand“, insgesamt 4.300)
  • Umbau / Vitalisierung des schrumpfenden Stadtteils zur Siedlung am Stadtrand

Projektmaßnahmen:

  • flächiger Abbruch von Wohngebäuden am Stadtrand
  • punktuelle Abbrüche einzelner Wohngebäude im Bestand
  • Nachnutzung durch Grünflächen (Gehölzpflanzungen, Wildblumenwiesen, Parkflächen)


Die Situation

Im Jahr 1958 wurde durch einen Parteitagsbeschluß der SED in Schwedt/Oder ein Zentrum der Petrochemie- und der Papierindustrie aufgebaut. Aus der kleinen Provinzstadt mit 6.200 Einwohnern und ohne nennenswerte Gewerbeansiedlungen entwickelte sich eine planmäßig wachsende Industriestadt. Dabei wurde im Gleichklang mit den Industrieansiedlungen auch kontinuierlich neuer Wohnraum geschaffen. Das Einwohnermaximum erreichte die Stadt im Jahre 1980 mit 55.000 (1990: 52.500). Mit der Wende von 1989 kam die industrielle Entwicklung zum Stillstand bzw. kehrte sich um. Betrug das Bevölkerungswachstum zwischen 1958 und 1989 im Saldo mehr als 46.500 oder 600%, trat seitdem ein Verlust von 15.500 oder 30% ein.

Die sich aus diesem Bevölkerungsverlust ergebenden Leerstände konnten von den Wohnungsgesellschaften finanziell nicht verkraftet werden. Ihre Lage war um so prekärer, da auch mittel- und langfristig mit einer relevanten Belebung des industriell geprägten Wohnungsmarkts nicht zu rechnen ist. Bei einer Arbeitslosenrate von derzeit 23% ergeben sich weder aus der wirtschaftlichen Entwicklung nennenswerte Zuzüge, noch kann die aktuelle Geburtenrate eine Umkehrung des Trends bewirken. So wurde in Schwedt frühzeitig ein ganzheitliches Konzept entwickelt, das einen Ausgleich zwischen den Gemeinwohlinteressen, hier insbesondere den städtebaulichen sowie den (wohnungs-) wirtschaftlichen Belangen sucht. In Arbeitsgruppen, in denen neben den städtischen Ämtern auch die beauftragten Stadtplaner, die beiden Wohnungsunternehmen, die Versorgungsträger und zeitweise Kommunalpolitiker vertreten waren, wurden die Programmziele des Stadtumbaus formuliert.

Bei der Formulierung der Programmziele war die Tatsache besonders bedeutsam, dass sich die Leerstände räumlich konzentrierten. Siedlungsstrukturell besteht Schwedt aus einem kleinen Altstadtbereich, mehreren plattenbaugeprägten Erweiterungen, großindustriellen Produktionsstätten und einigen dörflichen Ortsteilen. Bei den Wanderungsverlusten, die sich sowohl aus Abwanderungen wie aus Eigenheimbauten im Umland zusammensetzen, zeigten sich deutliche Schwerpunkte im Bereich der zuletzt fertiggestellten Plattenbauten. Für den Bereich der Altstadt und des angrenzenden Wohngebiets „Neue Zeit“ betrug der Einwohnerrückgang im Jahr 1999 zum Beispiel 5%, während im Westen der Stadt ein Rückgang von 20% zu beobachten war.

Daraus wurde die Strategie entwickelt, den Kern-/Zentrumsbereich zu stärken (Leitbild: „Stadt am Wasser“) und das Rückbauvolumen am Stadtrand, d.h. vor allem im Stadtteil „Am Waldrand“ zu konzentrieren. Wobei in dem Rückbaugebiet eine parallele Durchführung von Sanierungs-/Vitalisierungs- und Leerzugs-/Abbruchmaßnahmen vorgesehen wurde.


Das Umbauprojekt

1996 wurde für die am meisten von Leerstand betroffenen, westlichen Wohngebiete „Kastanieenallee“, „Talsand“ und „Am Waldrand“ mit vorbereitenden Untersuchungen begonnen, die 1999 in der Ausweisung des Sanierungsgebiets „Obere Talsandterrasse“ mündeten. Parallel zu der Festlegung des Sanierungsgebietes wurde auch eine Rahmenplanung beschlossen, die in ihren Grundzügen bis heute gültig ist. Die 2003 aufgrund der weiterhin negativen Einwohnerentwicklung vorgenommene Fortschreibung der Rahmenplanung sieht im Kern eine weitere Intensivierung der Wohnungsabbrüche im Stadtteil „Am Waldrand“ vor.

Prinzipiell geht die Rahmenplanung für das Quartier „Obere Talsandterrasse“ davon aus, dass nach und während des Rückbaus eine möglichst kompakte Siedlungsstruktur erhalten bleibt, um kurze Wege zu ermöglichen, die stadttechnischen Systeme wirtschaftlich zu erhalten und die gewachsenen sozialen Kontakte möglichst unangetastet zu belassen. Hierzu wurden in einem „Dichtemodell“ radiale Bereiche definiert, die von der „Konsolidierten Zone“ (verdichteter Bereich) über die „Transformations- oder Atmungszone“ (Bereich mittlerer Dichte) bis zu „Peripheren Zonen“ (aufgelockerte Bereiche) reichen.

Bei den „Konsolidierten Zonen“ handelt es sich um den zentralen Bereich, um die Mitte des Quartiers. Durch Abbruch von elfgeschossigen Plattenbauten mit insgesamt 750 Wohnungen entlang der „Leipziger Straße“, die an der Nahtstelle der Stadtteile „Am Waldrand“ und „Talsand“ liegt, wurde eine wichtige Radialerschließung zu einem Boulevard umgebaut. In seinem Umfeld kam es zu Modernisierungs-, Umstrukturierungs- und Aufwertungsmaßnahmen sowie zur Stärkung der vorhandenen Nahversorgungs-, Dienstleistungs- und Sozialeinrichtungen.

Die „Transformations- oder Atmungszone“ schließt sich westlich an die „Konsolidierten Zonen“ an und besitzt Charakteristika sowohl von der verdichteten, wie auch der peripheren Zone. Ihre wichtigste Funktion ist es, auch nach 2010 eine flexible Entwicklung zu ermöglichen. Dabei gilt es, räumlich plausible Strukturen zu definieren, welche die Durchführung von Modernisierungs- und Aufwertungsmaßnahmen ermöglichen, zugleich aber auch Raum bieten, um zukünftig weitere Rückbaumaßnahmen oder den Neubau von Einfamilienhäusern vorzunehmen.

In den „Peripheren Zonen“ finden die größten Transformationen statt. In ihnen sollen bis 2010 die flächigen Abbruchmaßnahmen umgesetzt werden und rund 3.500 Wohnungen abgebrochen werden. Ziel ist es, die Zone zu einer aufgelockerten, „suburbanen“ Siedlung am Stadtrand zu wandeln, die aus Grün- und Gehölzflächen, aus Einfamilienhausbauten und aus weitgehend umgestalteten Plattenbauten (im sogenannten Külzviertel) besteht.

Insgesamt werden im Quartier „Obere Talsandterrasse“ auf einer Fläche von 25 ha Rückbaumaßnahmen erfolgen, wobei allein ca. 23 ha im Stadtteil „Am Waldrand“ liegen. Von diesen rund 23 ha sind 20 ha sind für Waldaufforstungen und nur 3 ha für Gehölzpflanzungen, Wildblumenwiesen und Wohnumfeldverbesserungen vorgesehen. Ungeachtet von langfristigen Überlegungen, dass auf den Flächen neue Einfamilienhäuser entstehen könnten, werden die Aufforstungsbereiche planungsrechtlich als „Waldfläche“ festgesetzt. Die vorhandene Infrastuktur wird zurückgebaut, die Straßenkörper bleiben als Pflegewege bestehen.

Von zentraler Bedeutung für die Akzeptanz und die reibungslose Realisation der weitreichenden Abbruchmaßnahmen war sicher die Koordination der Handlungsträger. So wurde während der Planungsphase auf eine enge Verzahnung von städtebaulichen, kommunalpolitischen und wohnungswirtschaftlichen Vorstellungen ebenso geachtet, wie während der Umsetzungsphase auf die Kongruenz zwischen dem städtischen Haushalt und dem der Wohnungsunternehmen. Leerzug, Entkernung, Abriss und Neugestaltung der Abrissflächen wurden räumlich und zeitlich klar definiert und Hand in Hand mit Sanierungs- und Aufwertungsmaßnahmen im Umfeld durchgeführt.


Die Erscheinung

Vermutlich hat die schnelle und expansive Wachstumsphase, die Schwedt nach 1958 erlebt hat, es den Verantwortlichen und Bewohnern erleichtert, auch das Gegenteil, das Schrumpfen zu denken. In Schwedt/Oder wurde jedenfalls früh an einer Strategie der klaren Verortung von schrumpfenden und stabilen Wohngebieten gearbeitet. Dabei fällt auf, dass man auf das Bild der europäischen, zentral organisierten Stadt vertraut hat und mit der Stadtreduktion keine neuen, strukturellen Ansätze verbunden hat. Aus ökonomischen wie aus Gründen der Akzeptanz wurden die randständigen Siedlungsflächen vielmehr pragmatisch und unsentimental in neue Waldbestände rückverwandelt.

Der Annahme dieses schwierigen Prozesses durch die Bewohner, bei dem ein Stück der vertrauten Stadt durch steigende Leerstände, gezielten Leerzug und Abbruch gekennzeichnet ist, hat es sicher genützt, dass die Umbauziele von den Entscheidungsträgern gemeinsam entwickelt und auch gemeinsam und offensiv in der Öffentlichkeit vertreten worden sind.

Praxisbeispiel: Stadtrückbau in Halberstadt

Eckdaten des Stadtumbaus in Halberstadt

Einwohnerentwicklung:
Wanderungsverluste von ca. 10% in der Gesamtstadt und von ca. 90% am Nordring
1990: ca. 45.500 Einwohner; davon ca. 3.000 Einwohner am Nordring
2002: ca. 40.500 Einwohner (mit Eingemeindungen, ohne ca. 39.000); davon ca. 300 Einwohner am Nordring (nach flächigen Rückbau; 1999 ca. 1.300 Einwohner)

Ziele des Stadtumbaus:

  • Wiederherstellung bzw. Konsolidierung des Stadtkerns
  • Priorität der Innenentwicklung bei Verzicht auf Außenexpansion
  • Stärkung des Zentrums und der Achsbeziehungen


Ziele des Projekts:

  • Reduzierung des Wohnraumüberhangs
  • Beseitigung eines städtischen Brennpunktes
  • (Langfristige) Bereitstellung von Bauland für Einfamilienhäuser


Projektmaßnahmen:

  • Abbruch der Gebäude
  • Raseneinsaat


Die Situation

Halberstadt war im Mittelalter eine der größten Städte Deutschlands und beherbergte einen bedeutsamen Bischhofssitz in seinen Mauern. Das daraus resultierende, umfängliche bauhistorische Erbe ging im April 1945 bei einem verheerenden Bombenangriff weitgehend verloren. Zwar konnten die stark beschädigten Kirchen als die Wahrzeichen der Stadt gesichert werden, doch blieben weite Bereiche der sechs Hektar großen Innenstadt unbebaut.

Erst mit der Wende von 1989 wurde die Kernstadt zum zentralen Thema der Stadtentwicklung. 1990 wurde Halberstadt in die Gruppe der fünf Modellstädte aufgenommen, in denen die städtebauliche Sanierung in den neuen Bundesländern erprobt wurde. Unter der Leitidee, den historischen Stadtgrundriss wieder aufleben zulassen, entstand in der Folgezeit die Innenstadt neu. Neben zahlreichen Sanierungen und der Wiedererrichtung des Rathauses wurden rund 20.000 qm Verkaufsflächen und 200 Wohnungen neu errichtet. Durch diese Maßnahmen gelang es, die Kaufkraft weitgehend in der Innenstadt zu bündeln und eine neue Stadtidentität auszubilden.

Nicht zuletzt durch diese städtebaulichen Maßnahmen konnte sich Halberstadt als Mittelzentrum des östlichen Harzvorlandes mit wichtigen Kompetenzen in Handel, Dienstleistung und Verwaltung behaupten. Die Stadt weist seit 1994 eine stabile Beschäftigungszahl von rund 19.000 auf. Die Einpendlerquote liegt bei gut 50%, von denen wiederum 50% aus den unmittelbaren Umlandgemeinden stammen. Der Bevölkerungsrückgang Halberstadts ist bislang moderat geblieben und liegt bei knapp 10%. Die Arbeitslosenquote befindet sich mit 20% im Durchschnitt Ostdeutschlands.

2001 wurde eine gesamtstädtische Entwicklungskonzeption erarbeitet und vom Stadtparlament beschlossen. Auf Grundlage der prognostizierten Einwohnerentwicklung werden in ihr perspektivische Aussagen zum Gewerbe, zu Handel und Dienstleistung sowie zu Tourismus und Kultur getroffen. Stadträumlich hat die Konzeption der Innenentwicklung, insbesondere der Kernstadt mit ihren Zugangsachsen, weiterhin klare Priorität; zudem wird die Grünraumentwicklung und der Stadtrückbau verortet.

Die Rückbauüberlegungen gründen auf der Einschätzung, dass ohne Eingriffe in den Wohnungsbestand die Leerstände langfristig bestehen bleiben, was für die Wohnungsunternehmen wirtschaftlich nicht tragbar ist. In der Entwicklungskonzeption wird für 2010 mit einem Überhang von 1.500 bzw. 3.500 Wohneinheiten gerechnet, je nachdem ob von einer Stabilisierung oder einer Fortschreibung des gegenwärtigen Trends ausgegangen wird. Die Prognose soll 2004 überprüft und die Konzeption entsprechend fortgeschrieben werden. Indirekte Ermittlungen der Wohnungsunternehmen lassen aber bereits heute auf einen Leerstand von etwa 3.000 Wohnungen schließen.

Bei der Festlegung der Schwerpunktbereiche für den Stadtrückbau war es von zentraler Bedeutung, dass die Wohnungsleerstände eindeutig lokalisierbar waren. Sie konzentrierten sich auf zwei Bereiche des industriellen Wohnungsbaus: auf die „Bahnhofsvorstadt“ und den „Nordring“. Daneben fanden sich nennenswerte Leerstände nur noch in eingestreuten, unsanierten und meist ungünstig gelegenen Gründerzeitgebäuden. So lag es nahe, den vorhandenen Wohnungsüberhang vorwiegend in den beiden auffälligen Stadtteilen zu reduzieren.

Das Umbauprojekt

Das Stadtquartier „Nordring“ liegt am Rand der Kernstadt, zwischen dem äußeren Stadtring, einer Sammelstraße und der Bahntrasse. Hier wurden Mitte der achtziger Jahre insgesamt 1.170 Wohneinheiten meist in sechsgeschossiger Plattenbauweise errichtet. Ab Mitte der neunziger Jahre führte ein auf über 50% anwachsender Leerstand zu Verwahrlosungstendenzen, die mit einer Stigmatisierung des Gebietes einherging.

In der Lenkungsgruppe, die den Stadtumbau koordiniert und die sich aus den städtischen Ämtern und Versorgungsträgern, den Wohnungsunternehmen und bedarfsweise dem Oberbürgermeister und dem Landesverwaltungsamt zusammensetzt, wurde aufgrund dieser Leerstandsproblematik der konsensuale Beschluss zum Abriss gefasst. Zunächst sollten zwischen 2002 und 2004 die Bestände von zwei Wohnungsunternehmen mit zusammen 860 Wohnungen flächenhaft abgebrochen werden. Inzwischen beabsichtigt ein weiteres Unternehmen ab 2005 zusätzliche 110 Wohnungen von Markt nehmen.

Die Rückbaureihenfolge im Quartier wurde maßgeblich vom Erfolg des Umzugsmagements, dem Verlauf der leitungsgebundenen Infrastruktur und dem Nistverhalten bedrohter Zugvögel abhängig gemacht und musste mehrfach angepaßt werden.

Zeitgleich mit den Abbruchplanungen wurden umfängliche Überlegungen zur Bebauung der freiwerdenen Flächen mit Ein- und Zweifamilienhäusern angestellt. Solche aufgelockerten Nachnutzungen sind aber derzeit nicht vermarktbar, so dass alle Neubauüberlegungen bis 2010 zurückgestellt wurden. Die technische Infrastruktur bleibt zunächst liegen und auf den Abbruchflächen wird eine Wiesenaussaat vorgenommen.

Die Erscheinung

Halberstadt geht am „Nordring“ einen überaus pragmatischen Weg: Im Bereich mit der höchsten Leerstandsproblematik wird abgerissen und liegen gelassen. Auf diese Weise werden die Rückbaukosten minimiert und zugleich bleiben strategische Reserveflächen für zukünftige Entwicklungen erhalten. Die stadtstrukturell etwas separierte Lage des Quartiers, die sicherlich mit zur hohen Leerstandsquote beigetragen hat, macht dieses Vorgehen verträglich.

Praxisbeispiel: Konzentrische Schrumpfung in Aschersleben

Eckdaten des Stadtumbaus in Aschersleben

Einwohnerentwicklung:
Rückgang der Einwohnerzahl zwischen 1990 und 2000 um 19%. Negativer Wanderungssaldo von durchschnittlich 260 Personen im Jahr.
1990: 33.725 Einwohner
2000: 27.312 Einwohner

Ziele des Stadtumbaus:

  • dauerhaften Leerstand beseitigen
  • Aufwertung des Altstadtzentrums
  • Aufgabe kompletter Wohnstandorte an der Peripherie
  • Einbeziehung von „Landschaft in die Stadt“
  • mit der Umgestaltung grauer, vernachlässigter Stadträume das Fremdimage verbessern
  • über die Nachnutzung der beräumten Flächen die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt stärken


Die Situation

Die Stadt Aschersleben liegt im nordöstlichen Harzvorland (Land Sachsen-Anhalt) und ist die Kreisstadt des Aschersleben-Staßfurter Landes. Mit dem Ende der DDR verlor die Stadt etwa 10.000 industrielle Arbeitsplätze, was bisher nur zu einem kleinen Teil durch Neuansiedlungen kompensiert werden konnte. Diese Rahmenbedingungen sind für die starke Abwanderung verantwortlich.

Die Schrumpfungsstrategie der Stadt Aschersleben ist ein „konzentrischer Rückbau“ von außen nach innen. Periphere Plattenbaustandorte sollen aufgegeben werden und eine Kontraktion in Richtung der traditionellen Stadtgrenzen erfolgen. Die verbleibenden Bebauungsstrukturen werden als „Satelliten“ betrachtet, die den strukturellen Bezug zur Innenstadt beibehalten.

Eine „konzentrische Schrumpfung“ gilt als notwendig, um die Lebensqualität in der Stadt zu erhalten. Die Funktion der Innenstadt als Zentrum von Kommunikation, Freizeitgestaltung und Konsum wird dabei besonders betont. Dieser Strategie kommt zu Gute, dass bei der Genehmigung von Einzelhandelsstandorten außerhalb der Innenstadt zu Beginn der 1990er Jahre sehr restriktiv vorgegangen wurde und die innerstädtischen Einkaufsstraßen heute ein sehr belebter Bereich sind.

Der Gesamtwohnungsbestand Ascherslebens beträgt rund 15.000 Wohneinheiten (WE). Etwa ein Drittel davon ist älterer Geschosswohnungsbau aus der Zeit vor 1948, ein weiteres Drittel entstand zwischen 1949 und 1990 in industrieller Bauweise. Mit 2.300 leeren WE liegt der durchschnittliche Leerstand bei 15%. Während in den Altbaubeständen etwa 30% der Wohnungen leer stehen, sind es im Plattenbaubereich lediglich 7% (Daten des ISEK 2000, aktuellere Werte nicht verfügbar).

Räumlicher Schwerpunkt des Altbau-Leerstands ist der Bereich der Ortsdurchfahrten der Bundesstraßen B6, B180 und B185 (im Durchschnitt 40% Leerstand). Dieser Bereich ist durch ein Nebeneinander von Geschosswohnungen und Industriebrachen gekennzeichnet. Mit Mitteln aus dem Programm „Stadtumbau Ost“ wurden bis Juni 2004 zunächst 61 WE entlang der Ortsdurchfahrten abgerissen. Eigentümer der abgerissenen Gebäude war die städtische Wohnungsbaugesellschaft. Wegen der zeitlich verzögerten Auszahlung der Fördermittel verläuft der Abriss durch Private nur stark gebremst. Ein weiteres Problem sind die sehr hohen Kosten des Abrisses im Altbaubereich pro Quadratmeter Wohnfläche. Durch notwendige Sicherungsmaßnahmen wie Giebelabstützungen und die oft erforderliche Einbeziehung von Nebenflächen sinkt der Anteil der Förderung an den Gesamtkosten des Abrisses.

Der Schwerpunkt des Leerstands im Plattenbau liegt im Bereich Helmut-Welz-Straße. Dies ist ein peripherer Standort, der 1988/89 fertig gestellt wurde. Bis 2010 sollen dort mindestens 374 WE der insgesamt 521 WE abgerissen werden.

Ziel des Stadtumbaus an der Ortsdurchfahrt ist es, dauerhaften Leerstand zu beseitigen. Zugleich wird das Ziel verfolgt, mit der Umgestaltung grauer, vernachlässigter Stadträume das Fremdimage zu verbessern. Der Prozess des Stadtumbaus wird auch als kommunikative Herausforderung erkannt. Um die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt zu stärken, wird eine Nachnutzung der beräumten Flächen angestrebt (IBA-Projekte).

Der Aufwertung des Altstadtzentrums steht die Aufgabe kompletter Wohnstandorte an der Peripherie gegenüber. Aus ökonomischen Gründen, zum Beispiel wegen der Unternutzung der technischen Infrastruktur, wird überlegt den Bereich Helmut-Welz-Straße vollständig abzureißen.

Ein weiteres Ziel ist die Einbeziehung von „Landschaft in die Stadt“. Neben der Rückgabe nicht mehr benötigter Flächen an die Natur (z.B. im Bereich des Flusslaufs der Eine) sollen auch Möglichkeiten geschaffen werden, „neue“ Wohnformen wie Eigenheime in der Innenstadt zu realisieren. Der Erwerb großer innenstadtnaher Industriebrachen durch die Stadt Aschersleben wird fortgesetzt. Das rund 3 ha große Industrieareal des ehemaligen Verpackungsmittelwerkes OPTIMA soll unter dem Namen „Bestehornpark“ neu belebt werden (Details unter www.aschersleben.de).

Das Umbauprojekt

An der Ortsdurchfahrt begann im Januar 2003 der Abriss verfallener Altbausubstanz. Bis Juni 2004 wurden 61 Wohneinheiten der städtischen Wohnungsgesellschaft abgerissen. Die Zwischennutzung der Flächen soll als Kommunikationsinstrument für den weiteren Stadtumbauprozess dienen. Für die mittelfristige Entwicklung beräumter Flächen wird die Anlage von Grünflächen favorisiert (z.B. begrünte Wallanlage im Bereich Steinbrücke), da auch nach dem Bau der Ortsumfahrung mit einem hohem Verkehrsaufkommen gerechnet wird (85% innerstädtischer Verkehr).

Der Kommunikation des Stadtumbaus dient das Pilotprojekt „Info-Satellit“. Hierbei wurde der Sockel eines abgerissenen Eckgebäudes gesichert und temporär mit Bruchmaterial aufgefüllt. Der Info-Satellit steht als Symbol dafür, dass mit der Beräumung der Fläche die Chance besteht, 476m² der Altstadt neu zu nutzen. Besonders den Autofahrern sollen an der Ortsdurchfahrt die Konsequenzen des Stadtumbaus demonstriert werden. Mit der Durchwegung des Grundstücks ist die Absicht verbunden, die Bewohner auf die positiven Aspekte von Stadtumbau-Maßnahmen hinzuweisen und zur Nutzung dieses Stücks Altstadt zu ermutigen.

Das Wohngebiet Curthstraße, ein beliebtes, innenstadtnahes Wohngebiet mit Geschossbauten aus den 1920er bis 1950er Jahren, befindet sich in der Nähe des viel befahrenen, nordwestlichen Teils der Ortsdurchfahrt. Innerhalb dieses Bereiches werden Gebäude und Wohnumfeld saniert. Die Besonderheit des Gesamtprojekts besteht darin, dass ein dort eigentlich „fremder“ Wohnblock aus den 1980er Jahren nicht komplett abgerissen, sondern durch „Herabzonen“ von fünf auf drei bis vier Geschosse terrassiert wird. So werden attraktive Wohnungen in einer bevorzugten Lage geschaffen, und der umgebaute Wohnblock behält seine Funktion als Lärmriegel zwischen Ortsdurchfahrt und dem dahinter liegenden, älteren Wohngebiet.

An dem peripher im Osten der Stadt gelegenen Plattenbaugebiet Helmut-Welz-Straße aus den 1980er Jahren läuft der Abriss seit 2004, wobei bisher 167 Wohneinheiten verschwanden,  weitere Blocks sind zum Abriss vorbereitet. Da sich der Wegzug der Bevölkerung und der wegen dauerhaften Leerstands notwendige Abriss offenbar gegenseitig verstärken („Eigendynamik“ des Rückbaus), wird nun überlegt, das Gebiet inklusive der zugehörigen technischen und sozialen Infrastruktur komplett zurückzubauen. Dies soll bei der ISEK-Fortschreibung 2005 berücksichtigt werden. Die bisher geplante Vorhaltung von technischer Infrastruktur für eine spätere Eigenheim-Bebauung wurde verworfen, da der Umbau teurer als ein eventueller Neubau wäre (z.B. überdimensionierte Rohrquerschnitte für Wasser/Abwasser). 

Im Zuge der Strategie der „konzentrischen Schrumpfung“ sollen künftige Aufwertungsmaßnahmen nach Möglichkeit innenstadtnah durchgeführt werden. Es wird erwartet, dass es dort nur vereinzelte Abrisse durch Eigentümer sowie einige Abbrüche als Ordnungsmaßnahmen geben wird. Generelles Problem der Aufwertung von älteren Wohnungsbeständen sind die Schwierigkeiten, die mit der notwendigen Anpassung an heutige Wohnstandards verbunden sind.

Die Neunutzung der Industriebrache „Optima-Gelände“ ist ein weiterer Entwicklungsschwerpunkt. Von den eingesetzten Mitteln aus der Stadtkasse wird ein Aktivierungseffekt von 1:5 erwartet, da Gelder der Stadtsanierung, des Denkmalschutzes und des Stadtumbaus in Kombination genutzt werden können. Die Einbeziehung lokaler Firmen, vor allem des Handwerks, in Bauprojekte vor Ort ist möglich.

Ein möglichen Problembereich der Zukunft stellen die älteren, zwischen 1964 und 1970 errichteten Plattenbauquartiere dar. Diese haben zwar derzeit noch eine intaktes Wohnumfeld und Infrastruktur, könnten aber wegen ihrer stark überalterten, homogenen Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit ihre Stabilität verlieren. Ein ähnliche Entwicklung könnte in älteren Einfamilienhaus-Gebieten auftreten. Hier könnten zunehmend Leerstände auftreten, wenn der Generationswechsel aufgrund des Wegzugs der Jüngeren ausbleibt.

Die konsequente Umnutzung von Abrissflächen an der Ortsdurchfahrt gilt als Herausforderung für die Kommunikation des Stadtumbaus. Man erhofft sich, die Motivation von Händlern, Handwerkern und Firmen zu weiterem Engagement für die Innenstadt zu fördern.

Die Erscheinung

Der Stadtumbau in Aschersleben zeichnet sich durch die konsequente Umsetzung der Strategie der „konzentrischen Schrumpfung“ aus. Der Rückbau des peripheren Standorts Helmut-Welz-Straße wird auch bereits sanierte Bestände in einem aufgewerteten Umfeld betreffen, was einen hohen finanziellen Verlust bedeutet. Der beschriebene Umbau eines Wohnblocks in Innenstadtnähe (Bereich Curthstraße) wird zwar nicht durch Mittel aus dem Stadtumbauprogramm gefördert, doch wegen seiner Bedeutung für das Quartier trotzdem durchgeführt (Eigentümerin: „WG Einigkeit“). Der dauerhafte Leerstand von Altbauten im Bereich der Ortsdurchfahrten war lange Zeit im negativen Sinn Image prägend, der Problemdruck an dieser Stelle gut sichtbar. Die Stadt will jedoch den Stadtumbau nicht mit „Produktion“ von Brachen beendet wissen. Die Vorschläge für Nachnutzungen, auch wenn sie zurzeit noch symbolhaft sind wie beim „Info-Satelliten“, werden die Auseinandersetzung der Bewohner mit dem Stadtumbau fördern. Dies ist wegen der Dimension der noch ausstehenden Umbaumaßnahmen wichtig, da davon ausgegangen wird, dass Nachnutzungen primär durch privates Engagement zu Stande kommen.

Die Strategie der konzentrischen Schrumpfung wird durch die Kontinuität der Funktion „Einkaufen“ in der Innenstadt getragen. Dank der Begrenzung des Einzelhandels auf der „Grünen Wiese“ besteht die Chance, dass die Ascherslebener Innenstadt durch Erhalt und Umbau zu einem Ort der Lebensqualität wird.