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Doppelworkshop lotet Perspektiven der Netzwerkforschung aus

Artikel vom 26.02.2018

Ein Bericht über den Workshop „Kultur, Stadt und Netzwerke. Positionen, Verhältnisse und Herausforderungen für die Netzwerkforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Netzwerkforschung (DGNet) und der Schader-Stiftung im Januar 2018. Von Rosa Aue und Bastian Junkermann

Einleitung

Der von den DGNet-Arbeitsgruppen „Netzwerke und Kultur“ und „Stadtnetzwerkforschung“ inhaltlich vorbereitete Doppelworkshop zielte darauf ab, Schnittstellen zwischen Forschenden aus unterschiedlichen Disziplinen, den beteiligten Arbeitsgruppen und der Praxis ausfindig zu machen, an Berührungspunkten zu arbeiten und womöglich Ideen für zukünftige Aktivitäten zu sammeln. In den verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten wurden sowohl Grundlagenfragen als auch Forschungsprobleme und praktische Anwendungen diskutiert.

Stadt und Kultur

Christina Herrmann vom Max-Weber-Institut für Soziologie der Universität Heidelberg greift in ihrem Vortrag die Beziehung zwischen Urbanität und sozialen Kreisen, hier als Synonym zu Egonetzwerken verstanden, auf. Demnach ist Urbanität kein räumlich gebundenes Phänomen, sondern konstituiert sich vielmehr in der Interaktion zwischen Menschen. Der am Beispiel der Heidelberger Bahnstadt durchgeführten n Forschung liegt die Frage zugrunde, wie sich eine urbane Orientierung von Personen auf deren soziale Kreise auswirkt. Herrmann beginnt mit einer begrifflichen Annäherung an Urbanität beziehungsweise Suburbanität unter Bezug auf Simmel und Weber. Anschließend geht sie näher auf ihr methodisches Vorgehen bei der Untersuchung der Offenheit beziehungsweise Geschlossenheit von emotionalen und organisatorischen Netzwerken ein. Herrmann schließt mit der These, dass die Offenheit von Netzwerken mit einem stärkeren Grad an urbaner Orientierung zunimmt.

Julia Dupont vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Frankfurt und Marc-Christian Schäfer von der „wer denkt was GmbH“ Darmstadt beschäftigen sich in ihrem Vortrag mit politischer Teilhabe aus sowohl theoretischer als auch praktischer Perspektive.  Dupont nimmt Bezug auf die Debatte um Postdemokratie, die dazu neigt, Demokratie entweder zu verabschieden oder zu verklären. Da der Rückbau politischer Partizipation nicht eindeutig festzustellen ist, plädiert sie im Gegenteil für eine konstruktive Auseinandersetzung, die die gesellschaftlichen Prozesse um Teilhabe weiter beobachtet. Schäfer nimmt die Perspektive des Praktikers ein und evaluiert den partizipativen Ansatz der digitalen Bürgerbeteiligung am Beispiel des Beteiligungsformats für Darmstadt. Demnach ist es Städten durch eine Verbesserung der Bereitstellung von Netzwerkdaten im zunehmenden Umfang möglich, die Bedürfnisse der Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner zu erfassen.

Matthias Bixler vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich und Michael Kronenwett von „Kronenwett & Adolphs UG“ stellen ein Projekt im Bereich der Kulturentwicklungsplanung vor. Mithilfe einer Netzwerkanalyse wurde die dezentrale Organisationsform des kulturellen Sektors einer süddeutschen Großstadt erfasst. Der Mixed-Methods-Ansatz des Projektes basiert auf einer qualitativen Bestandsaufnahme durch Interviews mit der Net-Map-Toolbox, einem quantitativen Netzwerksurvey und einer daran anschließenden Analyse durch Cultural Mapping.

In der abschließenden Diskussionsrunde werden die Chancen und Risiken digitaler Bürgerbeteiligung weiter ausdifferenziert. Demnach hängt es von den lokalen Gegebenheiten ab, ob das Potential genutzt wird, die Reichweite zu erhöhen und die Umsetzung des Bürgerwillens zu fördern, oder ob die eigentliche Situation unverändert bleibt.

Kulturgenese im Netzwerk

Iris Clemens von der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth konzentriert sich in ihrem Vortrag besonders auf das Phänomen des Transfers von Wissen zwischen verschiedenen Netzwerken. Dabei verweist sie auf differente Arten der Wissensvermittlung anhand des Beispiels der Division im Mathematikunterricht. Sie demonstriert ein bestimmtes Verständnis der Division in Nigeria, welches im Gegensatz zum westeuropäischen Verständnis nicht die Reihe beziehungsweise Serie beim Rechenprozess in den Fokus nimmt, sondern die „Ganzheit“ der Zahl. In dem von ihr vorgestellten Beispiel unternimmt ein (nigerianischer) Lehrer allerdings den Versuch, beide Verständnisformen miteinander zu kombinieren. Daran macht Clemens deutlich, dass Wissen und Bedeutung in erster Linie durch Kommunikation zwischen Akteuren emergieren und, in Anlehnung an Harrison Whites Konzept der Netzwerk-Domäne, an spezifische Netzwerkkontexte gebunden sind. Das bedeutet auch, dass Wissensformen nicht einfach von einem Netzwerk in ein anderes übertragen werden können, sondern es immer zu einer Verschiebung/Anpassung der Bedeutung kommt.

Daniel Reupke, ebenfalls von der Universität Bayreuth, greift als Vertreter des dortigen Forschungsinstituts für Musiktheater die historische Netzwerkforschung als Forschungsansatz auf und stellt exemplarisch seine Untersuchung zu Georg Philipp Telemann I. vor. Davon ausgehend, dass Netzwerke den Fluss und die Ansammlung von Ressourcen zwischen Akteuren koordinieren und Kultur, in Anlehnung an Alfred Weber (1951) stets in Struktur eingelagert ist, fokussiert er Telemanns Briefkorrespondenzen und kategorisiert diese sowohl auf räumlicher als auch auf inhaltlicher Ebene. Die Netzwerkanalyse als solche dient Reupke als Systematisierungs- und Darstellungswerkzeug bei der Auswertung historischer Quellenkorpora. Die computergestützte Variante ist laut ihm im Bereich der historischen Musikwissenschaft erst wenig entwickelt. So prognostiziert er, dass beispielsweise sogenanntes „Chord Labeling" die Überführung ganzer Œuvres in Netzwerkvisualisierungen ermöglichen würde.

Christian Stegbauer von der Goethe Universität Frankfurt bezieht sich in seinem Vortrag auf den Kulturbegriff als solchen. Er definiert den Begriff der „Alltagskultur“ als „relationales Bedeutungsgewebe aus Symbolen, Normen, Werten und Routinen“, der ebenso ein gemeinsam geteiltes Wissen voraussetzt. Stegbauer geht davon aus, dass sich divergierende Kulturen im Miteinander konstituieren und unterstreicht das besondere Erkenntnispotential durch die Analyse von Mikrokulturen. Im Zentrum seiner Präsentation steht die „Aushandlung von Kultur“ mittels Weitergabe und Verfestigung in Situationen, sogenannten „chains of situation“. Demnach wäre zu fragen, ob sich gewisse Situationen als besonders produktiv oder unproduktiv für die Kulturentwicklung herausstellen können. Weitere Forschungsdesiderata sieht Stegbauer beispielsweise in der Untersuchung von Übertragungsmechanismen innerhalb von kulturellen Netzwerken, sowie in einer tiefergehenden Analyse der Types of Tie. Er plädiert daher für eine stärkere Auseinandersetzung mit Beobachtungen und Experimenten sowie eine Erweiterung der Methodologie der Netzwerkforschung.

Die abschließende Diskussionsrunde beschäftigt sich vornehmlich mit Fragen der Weiterentwicklung von Netzwerken, sowie der Sichtbarmachung von Struktur innerhalb des Netzwerks, sodass sich dieses über ein bloßes Darstellungsmittel hinausentwickeln kann. Während der Netzwerkbegriff in allen Präsentationen vornehmlich auf soziale Netzwerke abzielte, wird im Rahmen der Diskussion auch auf die enge und nur analytisch trennbare Verknüpfung mit kulturellen Netzwerken hingewiesen. Ebenso wird die Notwendigkeit betont, die Begriffe „Bedeutung“ und „Sinn“ als zwei unterschiedliche Analysekategorien zu begreifen.

Kulturelle Eigenlogiken der Netzwerkgenese

Claudius Härpfer vom Institut für Soziologie der Universität Frankfurt untersucht in seinem Vortrag das netzwerktheoretische Potential der frühen deutschen Soziologie. Hierfür konzeptualisiert er Netzwerke – angelehnt an Max Weber – als akkumulierte soziale Beziehungen, die auf wechselseitigen Erwartungen beruhen. Individuen werden dabei als Träger und Vermittler von Kultur verstanden, wodurch sie gleichzeitig Einfluss auf die kulturelle Konstitution von Netzwerken nehmen. Laut Härpfer ist die Netzwerkforschung im Sinne einer erkenntnistheoretischen Wirklichkeitswissenschaft, deren Anspruch die begriffliche Fassung gesellschaftlicher Realitäten ist, zu begreifen. Bei dem Versuch, Kultur auch visuell greifbar zu machen, sieht er die mathematische Darstellbarkeit jedoch an ihre Grenzen gebracht und unterstreicht daher die Notwendigkeit vereinfachter Darstellungsmodi.

Sebastian Manhart aus der Abteilung Organisationspädagogik der Universität Trier arbeitet mit dem Begriff der Semiose, um die Luhmannsche Systemtheorie für die Netzwerkforschung fruchtbar zu machen. Dabei begreift Manhart Kulturen als komplexe Polysemiosen, die einer spezifischen, aber zeitlich dynamischen Zeichenregulation und -kombination unterworfen sind. Davon auszugehen, dass das Soziale nur aus Kommunikation bestehe und sich Netzwerke vor allem durch diese konstituieren, greife daher zu kurz. Vielmehr aktualisieren sich Netzwerke fortwährend durch die Verkettung unterschiedlicher Zeichen und Sinnformen, wodurch kontinuierlich neue, sozial innovative Polysemiosen entstehen. Durch die Anwendung qualitativer und quantitativer Netzwerkforschung, so seine These, können solche polysemiotischen Zusammenhänge aufgeschlüsselt und damit auch das Zusammenspiel von Kulturen besser analysiert werden.

Philip Roth vom Institut für Soziologie der RWTH Aachen argumentiert in seinem Vortrag, dass sich Netzwerkdynamiken besser verstehen lassen, wenn man in Rechnung stellt, dass die kulturspezifischen Regeln der Praxis (geteilte Routinen und Institutionen) auch die Regeln der interaktiven Entwicklung von Beziehungen betreffen. Anhand von empirischen Beispielen führt Roth die konkrete Bedeutung dieses Arguments aus. Im Hinblick auf die Regeln der Partnerselektionsentscheidung plausibilisiert Roth, dass Netzwerkmechanismen wie Clustering, Homophilie und Reziprozität in erheblichem Maße kulturell strukturiert sind. Im Hinblick auf die praktische Konstitution von Beziehungen demonstriert er zum einen am Fall der Anbahnung amouröser Beziehungen zwischen amerikanischen Soldaten und britischen Frauen, wie kulturelle Grenzen die Grenzen von Netzwerken beeinflussen. Zum anderen greift Roth die empirischen Daten aus seinem Promotionsprojekt auf, in dem er das Zustandekommen informeller Konsultationen im Kontext von Innovationsprojekten empirisch untersucht hat ein. Er zeigt am Material erstens auf, dass Gelegenheiten das Zustandekommen von Konsultationsbeziehungen systematisch strukturieren und zweitens, dass die Ansprüche an Gelegenheiten zwischen lokalen Kulturen variieren, sodass auch die Systematik, mit der Gelegenheiten Netzwerkdynamiken strukturieren, kulturspezifisch ist.

Die anschließende Diskussion geht verstärkt auf die Definitionen von „Interaktion“, „Institution“ und „Beziehung“ ein. Außerdem werden forschungsethische sowie methodische Fragen in Bezug auf die Forschung in Großraumbüros geklärt. Erneut wird die Diskussion zu Begrifflichkeiten wie Kultur, Bedeutung und Sinn aufgegriffen.

Stadt und Technologie

Josef Attmann, Vertreter des Open Knowledge Labs Karlsruhe, hält einen Impulsvortrag, in welchem er das Citizen Knowledge Lab, ein Produkt der Kooperation des Zentrums für Kunst und Medien mit dem OK-Lab, vorstellt. Inhalt dieses Projekts sind vornehmlich Workshops, welche die digitale Kompetenz der Bürgerinnen und Bürger verbessern möchten und der Frage nachgehen, wie aus unterschiedlichen digitalen Daten von Bürgern ohne Programmierkenntnissen mit der Hilfe einfach zu bedienender Objekte praktisches Wissen gewonnen und dargestellt werden kann, zum Beispiel in Form der Visualisierung eines Stadtteilprofils oder eines Statistikatlasses für die Stadt Karlsruhe.

Xiaoming Fu vom Institut für Informatik der Georg-August-Universität Göttingen stellt sein grundlagenorientiertes Forschungsprojekt zur socio-economic Status Prediction vor. Im Vordergrund seines Forschungsinteresses steht hierbei die Frage, ob Mobilfunkdaten in Verbindung mit Daten aus Sozialen Medien und mit der Hilfe von Data Mining zur Vorhersage des sozioökonomischen Status eines Individuums oder einer Region genutzt werden können. In einem weiteren Schritt fragt er sich, ob diese Vorhersagen wiederum zur Rekonstruktion des sozioökonomischen Profils einer Region oder eines Individuums genutzt werden können.

Petra Grell, Franco Rau und Ilaria Kosubski vom Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik der Technischen Universität Darmstadt stellen Prozesse der Netzwerkbildung in communitybasierten Smartphonespielen anhand der Augmented Reality Games Ingress und Pokemon GO vor. Im Mittelpunkt des Vortrags steht die Bedeutung von Spielen als Mittel des Kennenlernens einer Stadt und zur Kommunikation mit Mitspielerinnen und Mitspielern aus einer pädagogischen Forschungsperspektive. Der Begriff der Augmented Reality wird mittels dieses Ansatzes erweitert und umfasst nun sowohl den Raum, also auch den Aspekt des Sozialen, was Grell und ihr Team als „Layered Reality“ bezeichnen.

Karoline Krenn vom Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme in Berlin präsentiert methodische und ethische Überlegungen zur Positionierung der Netzwerkforschung im Kontext von Smart Cities und Big Data. Dabei thematisiert sie besonders die Frage der Forschungsethik, beziehungsweise widerstreitender Interessen der Technologiegestaltung gegen wahrgenommene Bürgerrechte. Ebenfalls Thema ist der Datenschutz, sowie das Interesse der kommerziellen Nutzung von Daten im Gegensatz zu kommerziellen Interessen. Sie fordert einen offeneren Umgang mit Limitationen bei der Nutzung von Daten, jedoch ebenfalls eine ausdrückliche forschungsethische Strenge.

Regina Gaitsch und Alexander Mehler von der Fakultät für Informatik und Mathematik der Goethe-Universität Frankfurt stellen ihre Forschung zu wiki-basierten Zugängen zu kollektiven mentalen Karten als Modelle der Stadtgeographie vor. Das am Beispiel von Stadt- und Regionalwikis vorgestellte Modell, welches nach Themengebieten und deren Vernetzung untereinander klassifiziert, erlaubt eine Darstellung von „mental maps“. Darunter sind mentale Repräsentationen geographischer Räume zu verstehen. Laut Mehler sind auch andere Daten, jenseits von Wikis, wie beispielsweise von Plattformen wie Facebook oder Twitter für zukünftige Datenanalysen im Rahmen des Projektes von Interesse.

Abschließend findet eine weitere Diskussionsrunde statt, welche vor allem nochmals den Datenschutz, am Beispiel der Datenschutzgrundverordnung der EU, in den Fokus nimmt. Krenn weist darauf hin, dass Regulierung nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Chance begriffen werden kann.

Stadt und Planung

Yvonne Haffner und Lena Loge vom Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt führen in ihrem Vortrag konzeptionelle Überlegungen zu milieuspezifischen Netzwerken von Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohnern aus. Milieu definieren sie im Sinne Bourdieus als bestimmte Position im sozialen Raum, die von einer sozialen Gruppe geteilt und maßgeblich durch den Habitus bestimmt wird. Die aus dem Sozialraum resultierenden milieuspezifischen sozialen Praktiken konstituieren wiederum das Netzwerk. Da sich laut Haffner und Loge aber nicht nur verschiedene Milieus, sondern auch bestimmte Geschlechtsvorstellungen in Netzwerken festigen, ist die Analyse des Sozialraums der des reinen geographischen Raums vorzuziehen.

David Heimann vom Institut für Geographie der Universität Osnabrück beschäftigt sich anschließend mit Governanceaspekten im Kontext der nachhaltigen Aufwertung städtischer Gewerbegebiete. Da über die soziale Netzwerkanalyse verschiedene Stränge der Transitionsforschung zusammengeführt werden, trägt dieser integrative Ansatz zu einem tieferen Verständnis von Prozessen des Nachhaltigkeitswandels bei. Heimann unterscheidet zwischen Unternehmens- und Verwaltungsnetzwerken, um die Dynamiken innerhalb und zwischen unterschiedlichen Netzwerken zu analysieren. Gegenstand der Untersuchung sind die Nachhaltigkeitsprojekte, die von beiden Seiten, den Unternehmens- und den Verwaltungsakteuren durchgeführt werden.

Malte Möck vom Institut für Sozialwissenschaften der Technischen Universität Braunschweig betont das Potential der Netzwerkanalyse in der Polyzentralitätsdebatte, sprich in der Untersuchung des Verhältnisses von Städten zueinander. Seinen mathematischen Berechnungen liegt die Unterteilung in (statische) Attributdaten, wie Anzahl an Arbeitsplätzen, und (relationale) Netzwerkdaten, wie Pendleraufkommen, zugrunde. Möck kritisiert, dass sich die Berechnung von Relationalität größtenteils zwar auf Netzwerkdaten stützt, aber diese über Indegree-Werte in Attributdaten transformiert. Er plädiert folglich für die Berechnung funktionaler Polyzentralität durch Netzwerkanalyse.

Miriam Voigt von der Universität Koblenz-Landau thematisiert die Herausforderung von Akteursvielfalt für die regionale Netzwerkgestaltung. Am Beispiel der integrierten Entwicklungsstrategie für die Region Koblenz legt sie dar, wie regionale Governance im Sinne einer systemübergreifenden Zusammenarbeit von Akteuren aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus verschiedenen Theorieperspektiven analytisch gefasst werden kann.

Die abschließende Diskussion geht unter anderem näher auf das Potential des Habitus-Konzepts für die Netzwerkforschung ein. Es wird festgehalten, dass der Habitus anstelle von Struktur als Möglichkeitsraum gedacht werden soll, in den soziale Arbeit beziehungsweise Stadtplanung intervenieren kann.

Kulturelle Bedeutungsstrukturen in Netzwerken

Sven Banisch vom Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften stellt in seinem Vortrag theoretische und methodische Überlegungen sowie erste Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt ODYCCEUS (Opinion Dynamics and Cultural Conflict in European Spaces) vor. Dabei geht er der Frage nach, wie sich Meinungsbildung und Dynamiken politischer Diskurse anhand textueller Daten mathematisch modellieren lassen. Hierfür orientiert er sich an sozialtheoretischen Ansätzen wie der Spieltheorie oder dem Rational-Choice-Ansatz  und wirft die Frage auf, wie sich Kultur im individuellen Verhalten äußert. Weiterhin stellt er die These der Homophilie von Inhalten, am Beispiel von politischen Diskursen, auf. Demzufolge kommt es nur dann zum gegenseitigen Austausch, wenn eine ähnliche Einstellung zum jeweiligen Thema vorhanden ist.

Jan Fuhse vom Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin gewährt  mit seinem Beitrag Einblick in eine Big-Data-Untersuchung, die sich mit den sozialen und symbolischen Relationen in den Reichstagsprotokollen der Weimarer Republik von 1919-1933 befasst. So werden beispielsweise Reaktionen der Parteien aufeinander analysiert, um im Ergebnis Rückschlüsse auf den damaligen politischen Diskurs ziehen zu können. Fuhse unterscheidet hierbei zwischen kulturellen und sozialen Netzwerken und differenziert zwischen semantischen Beziehungen, sozio-symbolischen Konstellationen und sozialen Beziehungen. Kultur versteht er allgemein als Repertoire an (gemeinsam) verfügbaren und gebräuchlichen Sinnmustern in sozialen Kontexten. Gleichzeitig sieht er Akteure und deren Beziehungen als Träger von Symbolen. Daher plädiert er dafür, im Zuge automatisierter Textanalysen sowohl soziale als auch symbolische Konstellationen zu berücksichtigen.

Haiko Lietz vom GESIS – Leibnitz-Institut für Sozialwissenschaften in Köln geht in seinem Vortrag der Frage nach, wie wir zukünftig mit großen Datenmengen und dem massiven Anstieg an digitalen Verhaltensdaten umgehen sollen. Vor dem Hintergrund, dass diese Daten nicht nur Informationen über formale Strukturen, sondern auch über den kulturellen Gehalt von Transaktionen, sogenannte „Stories", liefern, stellt er mit dem Jupyter-Notebook ein Anwendungstool vor, das social analytics, cultural analytics sowie individual analytics vereint. Auf der Grundlage von 26.000 Publikationen aus dem Web of Science stellt Lietz die Möglichkeit des Clusterings von Transaktionsstrukturen vor, um diese nach fünf Themenfeldern zu kategorisieren und eine Bedeutungsstruktur zu extrahieren, beziehungsweise diese anschließend grafisch darstellen zu können.

In der anknüpfenden Diskussionsrunde wird sich sowohl über die Operationalisierung von Netzwerken, als auch über die Möglichkeiten einer Ausweitung der vorgestellten Forschungsgegenstände ausgetauscht. Weiterhin finden sich verschiedene Argumentationen bei der Gegenüberstellung von automatisiertem und manuellem Codieren von Daten.

Zukünftige Themen und Aktivitäten der Arbeitsgruppen „Netzwerke und Kultur“ und „Stadtnetzwerkforschung“

Sowohl die Arbeitsgruppe „Kultur und Netzwerke“ bestimmten mit Sven Banisch, Meike Beyer, Philip Roth und Julia Thibault als auch die Arbeitsgruppe „Stadt, Land, Netzwerke“ mit Melanie Nagel, David Heimann, Marco Schmitt und Martin Stark den jeweiligen Sprecherkreis. Beide Gruppen planen weitere Treffen im einjährigen Turnus.