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Minsky meets Habermas: Ein interdisziplinärer Selbstversuch

Artikel vom 22.05.2019

Ein Jahrestag, der an unerfreuliche Ereignisse erinnert und zur Reflexion einlädt, ist die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, die den vorläufigen Höhepunkt der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise markiert und sich 2018 zum zehnten Mal jährt. Von Moritz Hütten, Andreas Kaltwasser und Ulrich Klüh

Die Finanzkrise und der interdisziplinäre Dialog in den Gesellschaftswissenschaften

„To be precise the most important concern in court politics is access to the mind of theprince. And if economics is too important to be left to the economists, it is certainly tooimportant to be left to economist courtiers. Economic issues must become a serious publicmatter and the subject of debate if new directions are to be undertaken. Meaningful reformscannot be put over by an advisory and administrative elite that is itself the architect of theexisting situation. Unless the public understands the reason for change they will not acceptits cost; understanding is the foundation of legitimacy for reform.”
Hyman P. Minsky, 1986: Stabilizing an Unstable Economy

„Wenn das zutrifft [dass praktische Fragen wahrheitsfähig sind, Anmerkung der Verfasser], lassen sich rechtfertigungsfähige Normen von solchen Normen unterscheiden, die Gewaltverhältnisse stabilisieren. Soweit Normen verallgemeinerungsfähige Interessen ausdrücken, beruhen Sie auf einem vernünftigen Konsensus (oder sie würden einen solchen Konsens finden, wenn ein praktischer Diskurs stattfinden könnte). Sofern Normen nicht verallgemeinerungsfähige Interessen regeln, beruhen sie auf Gewalt; wir sprechen dann von normativer Macht.“
Jürgen Habermas, 1973: Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus

Im einleitenden Zitat sucht der heterodoxe Ökonom Hyman Minsky Legitimität für soziale und wirtschaftliche Veränderungsprozesse. Eine Grundthese dieses Beitrags ist, dass eine solche Suche nach Legitimität neue Räume für Interdisziplinarität öffnet. Dies wird durch das zweite einleitende Zitat verdeutlicht. Wahrscheinlich ohne es zu wissen schließt Minsky mit seinen Ausführungen an Gedanken an, die Jürgen Habermas bereits in den sechziger und siebziger Jahren formuliert hatte. In seinem Beitrag „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ aus dem Jahr 1973 (in der Folge abgekürzt mit LIS) zeigt er, wie schwierig es in komplexen, funktional differenzierten Gesellschaften ist, die von Minsky geforderte Legitimität für Reformen herzustellen.1 Insbesondere das Verhältnis von Komplexität und Demokratie erweist sich als „unhandliches Problem“2. Dreh- und Angelpunkt der Analyse ist hierbei der Begriff der Krise. Im ersten Teil des Buches widmet er sich der Frage, wie die Unzulänglichkeiten der Marxschen Krisentheorie mittels einer Anwendung von Konzepten und Kategorien der Systemtheorie überwunden werden können. Darauf aufbauend werden Krisentendenzen im Spätkapitalismus beschrieben. Drittens wird im Vorgriff auf spätere Analysen die Logik von Legitimationsproblemen in den Blick genommen.

Gerade weil LIS sich eher als Fundus für Probleme und nicht als Ansammlung von Lösungen versteht, ist es ein wichtiger (und häufig zu wenig beachteter) Baustein in Habermas‘ Projekt der „Konstituierung eines Modells der Kommunikationsgemeinschaft der Betroffenen“, die als „Beteiligte an einem praktischen Diskurs den Geltungsanspruch von Normen prüfen und, sofern sie ihn mit Gründen akzeptieren, zu der Überzeugung gelangen, dass unter den gegebenen Umständen die vorgeschlagenen Normen ‚richtig‘ sind.“3 Aus unserer Sicht widmet sich die Schader-Stiftung seit 1988 nicht zuletzt diesem Projekt. 2018 feiert sie damit ein doppeltes Jubiläum: Einerseits den 90. Geburtstag ihres Gründers, andererseits das 30-jährige Bestehen der Stiftung.

Ein Jubiläum ist immer auch ein Ereignis, das zur Reflexion einlädt über das, was bereits geschafft wurde, und über das, was noch zu schaffen ist. Dies gilt gleichermaßen für Jahrestage, die nicht an erfreuliche, sondern an unerfreuliche Ereignisse erinnern. Ein solcher Jahrestag ist die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, die den vorläufigen Höhepunkt der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise markiert und sich 2018 zum zehnten Mal jährt. Gemeinsam mit der Schader-Stiftung, dem Nell-Breuning-Institut (NBI) und dem Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut (SOFI) haben wir, die Arbeitsgruppe Politische Ökonomie der Nachhaltigkeit (APÖ) am Zentrum für Nachhaltige Wirtschafts- und Unternehmenspolitik (ZNWU)4, zwei Veranstaltungen begleitet, die sich mit der Aufarbeitung dieses Ereignisses beschäftigten: die wissenschaftliche Tagung „Taking Back Control“ im September 2018 und den Praxis-Workshop „Zehn Jahre Lehman-Pleite: Deutung und Bedeutung eines schwierigen Jahrestages“.

Wir wollen einige Erkenntnisse aus diesen Veranstaltungen mit dem Thema dieses Bandes „Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften“ verbinden (Abschnitt 2). Das Jubiläum der Schader-Stiftung wird zum Anlass genommen, um über die Frage nachzudenken, wie die in diesen beiden Veranstaltungen reflektierte Krise den Dialog der Gesellschaftswissenschaften untereinander beeinflusst hat. Auch wenn die Krise (gefühlt) in Deutschland nie ganz angekommen ist, war sie ein einschneidendes Ereignis im Leben unzähliger Menschen. Auch im Wissenschaftsbetrieb hat die Krise Spuren hinterlassen. Hierzu zählen beispielswiese die Förderinitiative „Finanzsystem und Gesellschaft“ und das im Rahmen dieser Initiative durchgeführte Projekt Gutbank, das unter anderem die beiden bereits genannten Tagungen organisiert hat. Doch auch die Arbeit von Forschungseinrichtungen wie dem bereits erwähnten ZNWU ist von der Krise nicht unbeeinflusst geblieben. In Abschnitt 3 greifen wir einige Erfahrungen zum Thema Interdisziplinarität aus den ersten Jahren dieser Arbeit heraus.

Eine theoretische Rahmung für unsere Ausführungen suchen wir dem Titel des Beitrags folgend in Ideen des heterodoxen Ökonomen Hyman Minsky – insbesondere in seinem Hauptwerk „Stabilizing an Unstable Economy“ (SUE)5 – und des Sozialtheoretikers Jürgen Habermas. Wir greifen Parallelen und Differenzen zwischen beiden Autoren auf und fragen, welche Impulse sich aus diesen Benennungen für aktuelle Diskurse zum Thema Interdisziplinarität und Krise ziehen lassen. Wir suchen nach Hinweisen zu der Frage, wie sich der von Habermas und Minsky sehr unterschiedlich beschriebene Spätkapitalismus weiterentwickelt hat. Und wir fragen, wie diese Weiterentwicklung interdisziplinäres Arbeiten befördern oder behindern könnte.

Problemaufriss: Die Krise seit 2008 als interdisziplinäres Problem

Dass die prognostischen Fähigkeiten von Sozialtheoretikern nicht unbedingt besser als die von Volkswirten sind, zeigt der letzte Satz im ersten der drei Hauptteile in LIS.6 Dort fragt Habermas durchaus suggestiv, ob der Kapitalismus im Zuge der Nachkriegsjahrzehnte in eine postkapitalistische Gesellschaftsform überführt worden sei, „die die krisenhafte Verlaufsform des ökonomischen Wachstums überwunden hat“. Habermas‘ „Hoffnung“ ist verständlich, wenn man die wirtschaftliche Entwicklung in den 25 Jahren vor dem Erscheinen von LIS kennt. Zwischen dem zweiten Weltkrieg und 1973 waren größere Wirtschaftskrisen in den entwickelten Volkswirtschaften weitgehend ausgeblieben. Die Wirtschaftsentwicklung war zudem durch ein stabiles Wachstum bei Vollbeschäftigung und steigenden Reallöhnen gekennzeichnet. Der Kapitalismus hatte sich wahlweise zum „Spätkapitalismus“, „organisierten Kapitalismus“ oder auch „staatlich geregelten Kapitalismus“7 entwickelt, in dem der „interventionistische Staat in die wachsenden Funktionslücken des Marktes einspringt“.8 Aufbauend auf seiner in den Jahren zuvor geführten Auseinandersetzung mit Niklas Luhmann beschreibt Habermas das politisch-administrative System als ausdifferenziertes Steuerungszentrum, das „gegenüber dem soziokulturellen und dem ökonomischen System eine übergeordnete Stellung einnimmt“.9

Ironischerweise ist das Jahr 1973 auch das Jahr, in dem von vielen die beginnende Umkehr dieser Verhältnisse verortet wird. Mit der Beendigung des Systems fester Wechselkurse findet auch der „Postwar Consensus“ einer auf staatliche Stabilisierung und Intervention beruhenden Wirtschaftsordnung ein Ende. Es setzt eine Phase ein, in der das ökonomische und das soziokulturelle System sich zunehmend einem hegemonialen Projekt verschreiben, das Nancy Fraser10 als progressiven Neoliberalismus beschreibt, die Kombination eines auf angebotsseitigen Reformen, Finanzialisierung und „trickle down“ setzenden ökonomischen Programms mit einer liberal-meritokratischen Politik der Anerkennung.

Habermas‘ Frage, ob die krisenhafte Verlaufsform des ökonomischen Wachstums nun überwunden sei, ist mit dem Einsetzen dieser Entwicklung schnell beantwortet. Zwischen der Mitte der siebziger Jahre und der Krise von 2008 kommt es in zunehmendem Maß zu finanziellen und realwirtschaftlichen Instabilitäten, die sich insbesondere in einer stetig zunehmenden Zahl von Finanzkrisen Bahn brechen. Bereits Minsky (1986) kann sich auf eine ganze Reihe von Episoden ausgeprägter Instabilität beziehen, deren Häufigkeit und Schwere im Verlauf der achtziger und neunziger Jahre weiter zunimmt. Von der politischen und medialen Öffentlichkeit werden die entsprechenden Ereignisse jedoch bis zur großen Krise 2008 nicht als Kette miteinander zusammenhängender Hinweise auf eine zunehmende Krisenanfälligkeit wahrgenommen. Vielmehr erscheinen sie als Einzelfälle mit begrenzten sozioökonomischen Implikationen.

Diese Wahrnehmung wird nicht zuletzt durch die Tatsache befördert, dass sich die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in dieser Zeit weniger durch besonders tiefe und lange Rezessionen, sondern vielmehr durch ein anämisches Wachstum auszeichnet. Die sich zunehmend abschwächenden – aber immer noch vorhandenen – Produktivitätssteigerungen spiegeln sich immer weniger in Reallohnsteigerungen wider. Die trotzdem notwendige Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage wird vermehrt über die Ausweitung privater Verschuldungshebel finanziert, denen ein Aufbau privater Geldvermögen besonders vermögender Bevölkerungsteile gegenübersteht. Der Staat verliert zwar nicht direkt an Bedeutung, entwickelt sich jedoch vom investiven Steuerungszentrum zum Reparaturbetrieb. Vor dem Hintergrund sinkender Besteuerungsmöglichkeiten muss dieser sich, ähnlich wie viele Privathaushalte, immer stärker auf die Möglichkeiten der Kreditfinanzierung verlassen. Die Zunahme der Verschuldung erhöht die Krisenwahrscheinlichkeit sukzessive.

Trotz zunehmender Krisenhäufigkeit und abnehmender Wirtschaftsdynamik kam die Krise 2008 (die eigentlich schon 2007 begann, aber nur langsam ins Licht der Öffentlichkeit trat) für viele Beobachter überraschend. Die Jahrzehnte vor der Krise hatten sich zwar einerseits durch eine Zunahme von Finanzkrisen (insbesondere, aber nicht nur in Schwellenländern) sowie einer Abnahme des Output- und Produktivitätswachstums (insbesondere, aber nicht nur in den entwickelten Volkswirtschaften) ausgezeichnet. Andererseits war es in einigen entwickelten Volkswirtschaften jedoch zu einer schrittweisen Abnahme der Volatilität gesamtwirtschaftlicher Maßgrößen wie der Wachstumsrate des BIP gekommen. Namhafte Ökonomen hatten sich dadurch ermutigt gefühlt, eine neue Ära auszurufen: Die Zeit der „Great Moderation“, in welcher ökonomische Expertise und insbesondere eine auf Inflationsbekämpfung fokussierte Geldpolitik unabhängiger Zentralbanken dafür sorgen könne, die schlimmsten Schwankungen der Wirtschaft einzudämmen. In Verbindung mit der Vorstellung, dass zunehmend effiziente und liquide Finanzmärkte zu einer steten Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Allokation von Ressourcen und Risiken führen würden, beispielsweise mittels des Instruments der Verbriefung und anderer Finanzinnovationen, sah man sich auf den Weg in eine Welt zunehmender Stabilität und Prosperität.

Es ist mehr als eine Ironie des Schicksals, dass genau jene Produkte und Institutionen, die vor der Krise als Garanten einer zunehmenden Stabilisierung der Weltwirtschaft gesehen wurden, dann im Zentrum der Ereignisse ab 2007/08 stehen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass insbesondere die Wirtschaftswissenschaften, die unter den Sozialwissenschaften seit den siebziger Jahren eine zunehmende Dominanz entwickelt hatten, für die überraschende Krise zunächst hart ins Gericht genommen wurden. Wie konnte die bis dato dominante Erzählung, gesellschaftlicher Fortschritt könne mittels einer Mixtur aus technokratischer Steuerung und globaler Vervollständigung der Marktdominanz erwirkt werden, derart falsch sein?

Die von vielen geteilte Irritation über die Orientierungslosigkeit der sonst so selbstbewussten Zunft wurde besonders prägnant von Queen Elizabeth II bei einem Briefing an der London School of Economics auf den Punkt gebracht. Die Antwort auf ihre Frage, wieso niemand eine Krise dieser Größenordnung habe kommen sehen, war sicherlich wenig befriedigend: „At every stage, someone was relying on somebody else and everyone thought they were doing the right thing.“11 Sie weist aber bereits auf erste Gründe für das nach der Krise gestiegene Interesse an Interdisziplinarität hin. Zum einen verdeutlichen die Ereignisse seit 2007, dass man sich im Kontext gesamtgesellschaftlicher Risikoanalysen und Technologiefolgenabschätzungen nie darauf verlassen darf, dass die relevanten Experten schon genau hinschauen und entsprechende Warnhinweise abgeben werden – besonders dann nicht, wenn sie selbst an der Konstruktion von Technologien wie Finanzinnovationen mitwirken. Zum anderen veranschaulicht die Krise im Nachhinein, wie wichtig es in modernen Risikogesellschaften ist, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen. Je komplexer Wertschöpfungsketten werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Verantwortliche für ein Glied in der Kette gute Gründe für sein Tun anführen kann, obwohl es im Gesamtzusammenhang erhebliche Negativfolgen zeitigt.

Ein dritter Grund für das Aufleben interdisziplinärer Bestrebungen nach der Krise ist die seltsame Gleichzeitigkeit von ökonomischem Wissen und Unwissen über die Fragilität des Wirtschaftssystems. Tatsächlich ist es ja keineswegs so, dass die Zunahme der finanziellen Instabilität in den Jahren seit 1973 unter Ökonomen unbemerkt geblieben wäre. Vielmehr hatte sich die Untersuchung von Finanzkrisen schon vor der Krise zu einem stark wachsenden und respektierten Forschungsfeld entwickelt. Dabei geht es keineswegs nur um heterodoxe Ökonomen wie Minsky. Der allergrößte Teil der Mechanismen, die während der Krise zum Tragen kamen, war der sogenannten Mainstream-Ökonomik gut bekannt und musste nur auf die Spezifika der Situationübersetzt werden.12

Auch stark orthodox geprägte Ökonomen wie der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Raghuram Rajan, hatten schon frühzeitig vor genau jenen Entwicklungen gewarnt, die ab 2007/08 dann Realität wurden.13 Ebenso bekannt war die Tatsache, dass eine frühzeitige Rücknahme monetärer und fiskalischer Impulse nach großen Krisen verheerende Wirkungen hat. Doch weder die Erkenntnisse zur Fragilität des Systems noch das Wissen um adäquate Krisenreaktionen fanden ein entsprechendes Gehör.

Die Gleichzeitigkeit von wirtschaftswissenschaftlichem Wissen und wirtschaftswissenschaftlicher Ignoranz einerseits, wirtschaftswissenschaftlicher Wirkmächtigkeit und wirtschaftswissenschaftlicher Machtlosigkeit andererseits stellt offensichtlich Puzzles dar, die zum Kern einer ganzheitlichen Aufarbeitung der Krise gehören. Wie lassen sich die erwähnten Diskrepanzen erklären? Jedenfalls ist vor allzu einfachen Erklärungsansätzen zu warnen, wie Klüh14 zeigt. Vielmehr ist eine Kombination von erkenntnistheoretischen, soziokulturellen und politischen Faktoren am Werk, deren Verständnis regelmäßige Grenzüberschreitungen zwischen den Disziplinen erfordert. Die 2008 einsetzende Kritik am Versagen und am Weltbild der Ökonomen, die nicht zuletzt eine Kritik der in der Ökonomik vorherrschenden Modelle war,15 kann in der Retrospektive als Initialzündung eines Wandels im Wissenschaftsbetrieb verstanden werden, im Rahmen dessen es vermehrt zu genau solchen Grenzüberschreitungen kommt: Einerseits gibt es bei manchen Ökonomen nun ein verstärktes Interesse an Theorien anderer Gesellschaftswissenschaften.16 Andererseits wird ein verstärktes Interesse der Gesellschaftswissenschaften an wirtschaftlichen, wirtschaftswissenschaftlichen und vor allem finanzwirtschaftlichen Vorgängen geweckt.

Dynamisiert wird die Initialzündung durch die Art und Weise, mit der der Krisendiskurs zunächst organisiert wird. Die kritischen Fragen der Politik an die Ökonomik werden fast ausschließlich an die Ökonomen selbst gestellt. Eine nicht ganz überraschende Konsequenz hiervon ist, dass schon bald von einigen einflussreichen Ökonomen auf die praktische Unvorhersagbarkeit der Krise hingewiesen wird, um die Kritik an der eigenen Profession abzuwenden. Bei heterodoxen Ökonomen hingegen wird darauf gedrungen, die Krise zum Anlass zu nehmen, die Wirtschaftswissenschaften vom Kopf auf die Füße zu stellen, beziehungsweise – mit Kuhn17 und Lakatos18 gesprochen – einen Paradigmenwechsel einzuleiten.

Das Gros der Sozialwissenschaften wird von dieser Entwicklung zunächst überrumpelt. Wie kann es sein, dass der Delinquent gebeten wird, sich gewissermaßen selbst zu resozialisieren, dabei auch noch den angerichteten Schaden im Alleingang zu beheben und für die Zukunft sicherzustellen, dass das System in Zukunft stabil bleibt? Schnell formiert sich deshalb Widerstand gegen diese Art der Krisenaufarbeitung. Ein Zweig der Wirtschaftssoziologie, dessen Wurzeln in der Wissenschaftssoziologie liegen, spielt hierbei eine zentrale Rolle. Dieser versucht, das Verhältnis zwischen Wirtschaftsgeschehen und Wirtschaftswissenschaften von einer beobachtenden Perspektive aus zu verstehen: Die Wirtschaft werde von letzterer nicht nur beobachtet und in theoretischen Modellen abgebildet, sondern in diesem Prozess auch nach ebenjenen theoretischen Vorstellungen geformt. Diese Performativität19 wird durch die Krise sowohl eindrucksvoll veranschaulicht als auch in Frage gestellt. Wie kann es beispielswiese sein, dass wirtschaftswissenschaftliche Forschung zur Informationseffizienz von Märkten einen dermaßen entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des Finanzsystems hat, die im Wissenschaftssystem ebenso etablierte Forschung zu Marktversagen und finanzieller Instabilität eher keine?

Die Beschäftigung mit der Funktionsweise und gesellschaftlichen Rolle wirtschaftlichen und finanziellen Denkens allgemein und ökonomischer Expertise im Besonderen stellt einen wichtigen Bezugspunkt für die Stärkung interdisziplinärer Forschung nach der Krise dar. Sie ist Teil eines größeren Forschungsprogramms, das sich grob mit dem Schlagwort „Ökonomisierungs- und Finanzialisierungsforschung“ überschreiben lässt. Gerade die Finanzialisierungsforschung erwies sich nach der Krise als äußerst produktiver Ort für ein disziplinübergreifendes Arbeiten.20 Allerdings ist die Rolle von Wirtschaft und Finanzwesen sowie von Wirtschafts- und Finanzdenken nicht der einzige Bereich, der nach der Krise eine intensive sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit erfährt. Ganz im Gegenteil kommt es in allen Zweigen der Sozial- und Politikwissenschaften zu einem massiven Aufwuchs an Krisenforschung. Es ist an dieser Stelle weder sinnvoll noch möglich, die unterschiedlichen Strömungen und Forschungsprogramme zu benennen, die sich mit einer Aufarbeitung der Gründe, Mechanismen und Implikationen der Ereignisse seit 2007/08 auseinandersetzen, geschweige denn in all ihren Verästelungen. Stattdessen sollen zwei Aspekte der politischen Reaktion auf die Krise benannt werden, die wichtige Teile der sozialwissenschaftlichen Forschung entscheidend beeinflusst haben. Dazu beschreiben wir den Umgang mit dem globalen Wirtschaftssystem seit 2008 als Therapie eines schwer angeschlagenen Patienten.

Da ist zunächst der Umstand, dass die Politik nach der Krise auf eine grundsätzliche und ganzheitliche Auseinandersetzung mit den der Krise potenziell zugrundeliegenden Problemen verzichtet, sich selbst auf das Krisenmanagement konzentriert und die Krisenaufarbeitung den schon vor der Krise entscheidenden technokratischen Kreisen überlässt. Im Herbst 2008 droht dem globalen Wirtschaftssystem ein seit den dreißiger Jahren nicht mehr dagewesener Kollaps. Eine der wesentlichen Erkenntnisse der Großen Depression, die Notwendigkeit internationaler Koordination, wird glücklicherweise ernst genommen. Die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer kommen deshalb zusammen, um die intensivmedizinischen Maßnahmen zu koordinieren. Tatsächlich gelingt es den politischen Handlungsträgern, dem Patienten eine wirksame Mischung fiskal- und geldpolitischer Infusionen zu verabreichen, er stabilisiert sich relativ schnell. Gleichzeitig überlegt man, welche mittel- bis langfristige Therapie angeraten ist. Obwohl zunächst sehr grundsätzliche Veränderungen in den Raum gestellt werden (beispielsweise in Form einer Rückbesinnung auf die Prinzipien des Bretton-Woods-Abkommens von 1944) entschließt sich die Politik, auf die Frage einer grundsätzlichen Umstellung des Lebenswandels des Patienten zu verzichten. Statt einer langfristigen und ganzheitlichen Therapie des Wirtschaftssystems sollen lediglich die finanzwirtschaftlichen Organe behandelt werden. Dies soll zudem nicht mit innovativen Therapieformen, sondern mit einer starken Erhöhung der Dosis der in den Jahren zuvor entwickelten Medikamente geschehen, und zwar nicht durch die politischen Chefärzte auf den Gipfeln in Washington, London und Toronto, sondern durch die Spezialabteilungen des Krankenhauses in Basel, Brüssel und in den Nationalstaaten.

Der Umstand, dass die Antwort auf die schwerwiegende Krise der globalisierten Wirtschaft aus einem bunten Cocktail aus Pillen mit Namen wie Basel III, CRD IV oder MiFID II und nicht aus einer ganzheitlichen politischen Therapie bestand, fordert die Sozialwissenschaften auf ganz unterschiedliche Arten heraus. Unter anderem wirft sie noch einmal ein Schlaglicht auf die zunehmende Rolle technokratischer Expertise in der globalisierten und finanzialisierten Wirtschaft des frühen 21. Jahrhunderts. In diesem Zusammenhang geraten einzelne Akteursgruppen und epistemische Zirkel in den Blick, beispielsweise Zentralbanken und ihre internationalen Gremien. Etwas grundsätzlicher fasziniert an der Aufarbeitung der Krise die dahinter hervorscheinende Vorstellung von Möglichkeiten und Grenzen einer Steuerung wirtschaftlicher Prozesse. Des Weiteren wird die Frage aufgeworfen, ob es Zusammenhänge zwischen einem wahrgenommenen Kontrollverlust demokratischer Politik und der Art der Krisenaufarbeitung gab, die sich aktuell im Aufkommen post- oder pseudodemokratischer Regime widerspiegelt. Diese und viele andere Facetten der politischen Krisenbewältigung erweisen sich schnell als originär interdisziplinär.

Ebenso prägend für die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Krise ist die Wende hin zu einer breit angelegten Austeritätspolitik, die bereits im Jahr 2010 erfolgt. Zur Erläuterung des Hintergrunds lässt sich das Bild des Patienten weiterspinnen. Bereits 2009 werden – wiederum vor allem von den oben benannten epistemischen Zirkeln – Warnungen laut, der Patient leide immer noch an einigen schwerwiegenden Defekten. Insbesondere müsse befürchtet werden, die zum Höhepunkt verabreichte Akutmedizin einer Ausweitung der Staatsverschuldung verursache schon bald unerwünschte Nebenwirkungen. Als Belege werden die Probleme einiger Länder in der europäischen Peripherie angeführt. Konfrontiert mit diesen Problemen sind sich Politik und Experten schnell über die adäquate Therapie einig. Diese besteht in einer Art Schröpfen, also in einer bewussten Schwächung des Patienten zur Herbeiführung einer Reinigungskrise, die gewissermaßen Voraussetzung einer dauerhaften Gesundung ist. Die Warnungen vor den verheerenden Folgen einer solchen Politik, die interessanterweise vor allem aus den bisher – wie oben erwähnt – häufig als performativ wahrgenommenen Wirtschaftswissenschaften kommen, werden in den Wind geschlagen, obwohl sie sich schnell als äußerst realistisch erweisen. Zunehmend verzweifelt bemühen sich auch etablierte Ökonomen um eine Skandalisierung der sowohl sozial- als auch wirtschaftspolitisch widersinnigen Vorgehensweise, erfolglos.

Für die Sozial- und Politikwissenschaften und auch für viele Ökonomen ist die Austeritätswende ein Weckruf zur Intensivierung der Zusammenarbeit. Schnell wird klar, dass es sich hier nicht nur um ein Bündel wirtschaftspolitischer Maßnahmen, sondern um eine für die Stabilität demokratischer Gesellschaften „gefährliche Idee“ handelt,21 die sich nur interdisziplinär verstehen lässt. Hinter der Bedeutung der Idee steckt ein langfristiger Prozess der Institutionalisierung,22 der ebenfalls wiederum nur disziplinübergreifend verständlich wird.

Die genannten Entwicklungen lassen sich in drei Kernimpulsen für interdisziplinäres Arbeiten nach der Krise zusammenfassen:

  • Vermehrtes Hinterfragen der Möglichkeiten einzelner Disziplinen und insbesondere der Wirtschaftswissenschaften im Hinblick auf die Analyse krisenhafter Entwicklungen im Wirtschafts- und Finanzsystem
  • Erstaunen über den schnellen Wechsel zum „business as usual“, sowohl im Hinblick auf die nach der Krise maßgeblichen Akteure als auch im Hinblick auf die verwendeten Maßnahmen
  • Umschlag auf und Festhalten an einem Regime der Austerität, trotz erheblicher sozialer, politischer und wirtschaftlicher Kosten.

Diese Impulse haben (selbstredend im Zusammenspiel mit anderen Faktoren) zu einer Stärkung interdisziplinärer Forschung zu Wirtschafts- und Finanzkrisen beigetragen. Es ist ein Bestreben erkennbar, der eher nicht-systemischen Antwort auf die Krise zumindest eine systemische sozialwissenschaftliche Analyse entgegen zu setzen. Der hiermit verbundene Wandel ist besonders gut auf Konferenzen und Workshops wie den beiden oben genannten, von der Schader-Stiftung mitausgerichteten, Veranstaltungen ersichtlich. Er bleibt allerdings weitgehend spontan und zufällig. Doch was passiert, wenn dieser Wandel institutionalisiert wird?

Ein interdisziplinärer Selbstversuch

Im Wissenschaftsbetrieb zu einer sozioökonomischen und politökonomischen Praxis zu finden ist weder selbstverständlich noch unkompliziert. Interdisziplinarität wird heute allerorts hochgehalten und als dringend notwendiger Dialog zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen angepriesen. Dieser Dialog entsteht aber nicht von selbst. Er ist eine ständige Arbeits- und Übersetzungsleistung. Der Grundzustand des disziplinübergreifenden Austausches ist Unverständnis, nicht die gegenseitige Bereicherung. Dieser Austausch wird zusätzlich dadurch erschwert, dass der sonstige Wissenschaftsbetrieb auch wenig auf ihn ausgerichtet ist: Zwar wird in Förderrichtlinien viel Wert auf Interdisziplinarität gelegt, in Publikationen und der Stellenvergabe scheint aber häufig eine Selbstdarstellung zielführender, welche eine deutliche Zunftzugehörigkeit und das Vertreten eines klar abgrenzbaren Ideenpakets beinhaltet.

Doch es gibt ein grundsätzlicheres Problem. Die Schwierigkeiten interdisziplinären Arbeitens spiegeln nicht zuletzt die systemtheoretischen Erwägungen wider, die Habermas bei seiner Analyse von Legitimationsproblemen umtreiben. Die sich ausdifferenzierenden gesellschaftlichen Teilsysteme begünstigen auch in der Wissenschaft geschlossene kommunikative Regelkreisläufe. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Wirtschafts- und Finanzsoziologie, die die wissenschaftliche Heimat von gleich zwei der drei Autoren dieses Artikels ist. Ein Blick zurück auf die Geschichte der Disziplin zeigt, dass in den Anfängen der Soziologie eigentlich ein reges Interesse am Thema Wirtschaft bestand. Dort finden sich auch über die Fachgrenzen hinaus bekannte Autoren wie Georg Simmel oder Max Weber, wobei letzterer auch bei wenig pluralistisch ausgerichteten Ökonomen oder Juristen zitationsfähig ist. Zugleich gab es viele Grenzgänger, die sich durch eine bemerkliche Nähe zur Soziologie auszeichneten, so zum Beispiel Karl Polanyi oder Joseph Schumpeter. Das Verhältnis der Soziologie zum Thema Wirtschaft hat sich dabei lange durch das ausgezeichnet, was David Stark23 einmal treffend als „Parsons‘ Pakt“ bezeichnet hat. Dabei geht es darum, dass die Wirtschaftssoziologie sich seinerzeit die Duldung durch die Wirtschaftswissenschaften zugesichert hat, indem man den Ökonomen die Bestimmung des „Werts“ überlassen hat, während Soziologen sich mit „Werten“ befassen. Kurz gesagt, befassen sich Ökonomen also mit der Ökonomie und Soziologen mit den sozialen Beziehungen, in welche diese – mit Polanyi gesprochen – „eingebettet“ ist.24 Obwohl es einen solchen Pakt natürlich nie explizit gab, beschreibt diese imaginäre Grenze über einen längeren Zeitraum hinweg erstaunlich gut das Verhältnis zwischen den beiden Disziplinen.

Das APÖ am ZNWU wurde unter anderem explizit mit dem Anspruch gegründet, Grenzgänge zwischen den beiden genannten Disziplinen zu fördern. Zudem soll die komplexe Wechselbeziehung zwischen Volksvertretung durch die Politik, Rechtfertigung gegenüber der Wählerschaft, wirtschaftlichem Geschehen und beratender ökonomischer Expertise aufgegriffen werden. Der – wie auch immer bemessene – Erfolg wirtschaftspolitischer Maßnahmen kann für Zufriedenheit und Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger weniger relevant sein als die damit verbundene Kommunikation. Darüber hinaus wird die Dynamik kapitalistischer Gesellschaften klarer nachgezeichnet, wenn wirtschaftliches Handeln nicht als bloßes Resultat eines abstrakten Marktmechanismus betrachtet wird, sondern als Verteilungskampf, in dem unter anderem auch Machtasymmetrien eine Rolle spielen. Entsprechend ist es ein aktives Bestreben der Forschenden der APÖ, einen politökonomischen Bezugsrahmen zu verwenden.

Zu Beginn (2015) bestehend aus einem Politologen und einem Wirtschaftswissenschaftler gehören der Arbeitsgruppe aktuell die beiden Gründer, zwei Finanz- und Wirtschaftssoziologen, eine Wirtschaftswissenschaftlerin sowie eine Wirtschaftshistorikerin und Makroökonomin an. Hinzu kommen Studierende aus unterschiedlichen Bereichen, die an Projekten mitarbeiten, und Gastforscher, wie aktuell eine Historikerin, die sich mit den Auswirkungen ordoliberaler Ideen auf wirtschaftspolitische Entscheidungen befasst. Im Zentrum der aktuellen Arbeit stehen neben makroökonomischen und sozialpolitischen Fragen Untersuchungen zu gesellschaftlichen Erwartungen an Banken, zur Auswirkung von digitalen und finanziellen Innovationen auf Arbeit und Organisationen, zur möglichen Rolle der Finanzwirtschaft im Hinblick auf „Nachhaltige Entwicklung“ sowie zur Herausbildung sogenannter Makroregimes.25 Bei all diesen Arbeiten wird stets die kritische Rückbindung an den verhandelbaren „Leitbegriff der Nachhaltigkeit“ gesucht.

Wie befördert, wie behindert Interdisziplinarität den Forschungsprozess in dieser noch jungen Gruppe? Was befördert, was behindert Interdisziplinarität? Eine häufig vertretene Grundannahme ist, dass Interdisziplinarität besonders dann notwendig und dynamisch wird, wenn praktische Probleme im Mittelpunkt stehen. Die im APÖ versammelten Erkenntnisinteressen verorten sich allerdings auf einem oft sehr hohen Abstraktionsniveau. Die großen Fragen dominieren häufig die eher kleinteiligen: Wie kann eine Gesellschaft die notwendige Balance zwischen ökonomischer Rationalität und anderen Voraussetzungen gesellschaftlicher Reproduktion bewahren? Welche Rolle spielt wirtschaftliches Denken in unserer Gesellschaft? Was sind Organisationen, und wie verändert sich unser Begriff von ihnen durch gesellschaftliche Veränderungsprozesse? Wie greifen politische, ökonomische und soziokulturelle Aspekte ineinander, wenn eine nachhaltigere Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung angestrebt wird? Diese Vielfalt an Erkenntnisinteressen würden wir beschreiben als „eine konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit der Rolle von Wirtschaft in einer Gesellschaft, deren Wirtschaft gesellschaftsgefährdende Risikopotenziale aufgebaut hat.“

Offensichtlich verlangen alle diese Fragen ein beträchtliches Maß an Interdisziplinarität, sind aber gleichzeitig in einem Ausmaß abstrakt, das disziplinäre Herangehensweisen vorteilhaft erscheinen lässt. Dies hat in der APÖ eine überraschende Konsequenz. Während inter- und transdisziplinäre Prozesse nicht selten daran scheitern, dass sich die unterschiedlichen Disziplinen nicht aufeinander einlassen oder dass unüberwindbare Interessen- und Übersetzungsprobleme entstehen, ist in der APÖ das Problem häufig ein anderes: Es gibt eine Tendenz, zu schnell die eigene Disziplin hinter sich zu lassen und sich allzu sehr auf die komplexitätsreduzierenden Möglichkeiten der anderen Disziplinen zu verlassen. Dies führt gelegentlich zu Problemen, da sich Unschärfen in der Beobachterperspektive ergeben und man sich zudem oft auf das Glatteis einer Anwendung von nicht wirklich verdauten Inhalten begibt.

Welche Strategien haben sich in der APÖ herausgebildet, um mit diesen Problemen umzugehen? Aktuell kristallisieren sich drei Ansatzpunkte heraus:

  • Erstens geht es immer wieder darum, sich die Rückmeldung abzuholen, man verstehe die andere Disziplin im Vergleich zum letzten Gespräch etwas besser, aber bei Weitem noch nicht gut genug. Ein solcher Dialog der Disziplinen, der die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Herangehensweisen ganz bewusst bewahrt, ist die beste Absicherung gegenüber einer verfrühten Übernahme von noch nicht vollständig durchdrungenen Elementen.
  • Zweitens sollte regelmäßig und in einer parallelen Denkbewegung die Auseinandersetzung mit vor- und/oder nachdisziplinären Theorieansätzen gesucht werden. Hierzu zählt die Beschäftigung mit Autoren wie Schumpeter, Polanyi, Weber und Veblen, aber auch die regelmäßige Auseinandersetzung mit Großtheorien á la White und Luhmann. Man kann auch selbst an Versuchen arbeiten, disziplinäre Denkweisen auf transparente Weise zu transzendieren (wie im Falle der Makroregimes).
  • Drittens hilft es, den Dialog mit der Praxis nicht aus den Augen zu verlieren, indem entsprechende Forschungsanträge geschrieben, Diskursformate unter der Einbindung von Praktikern gesucht und geschaffen werden. Die Praxis zwingt zu einer Rückbesinnung auf das, was man im Kern kann, und von dem aus man die andere Disziplin sehr viel besser erschließt.

Insgesamt zeigt sich, dass die Zusammenarbeit zwar besonders schwierig ist, wenn Erkenntnisse über unterschiedliche Perspektiven, methodische Herangehensweisen und Fragen der Performativität gesucht werden. Es sind jedoch genau diese grundsätzlichen Fragen, die den motivatorischen Motor interdisziplinären Arbeitens darstellen. Spiegelbildlich dazu ist es zwar richtig, dass Interdisziplinarität relativ schnell produktiv wird, wenn an konkreten, praktischen Dingen gearbeitet werden kann, wie der Frage der Auswirkungen einer neuen Technologie in einem Unternehmen, der Stabilisierung makroökonomischer Aggregate durch alternative Ausgestaltungen des Steuer und Abgabensystems oder der Möglichkeiten von Banken, nachhaltig zu agieren und zu nachhaltiger Entwicklung beizutragen. Genau dies sind jedoch auch die Fragen, die dem Prozess zuweilen die Energie rauben. 

„Parteilichkeit für Vernunft“

Die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007/08 hat in vielerlei Hinsicht Impulse zur Intensivierung inter- und transdisziplinärer Forschung gegeben. Die in diesem Artikel  beschriebene Praxis dieses Forschens auf zwei von der Schader-Stiftung mit begleiteten Veranstaltungen sowie im Rahmen der noch jungen APÖ zeigt sowohl die Notwendigkeit als auch die Herausforderungen entsprechender Initiativen auf. Vor allem zeigt sie jedoch, dass die sowohl von Habermas als auch von Minsky  beschriebenen Probleme einer Legitimation von Veränderungen im Spätkapitalismus seit den siebziger und achtziger Jahren keinesfalls geringer, sondern sehr viel größer geworden sind. Weder Minskys Forderung nach einer öffentlichen und nicht nur von Experten getragenen Diskussion ökonomischer Sachverhalte noch Habermas‘ Apell, eine Praxis zu etablieren, die Begründungsforderungen nicht ausweicht, sind in spürbarer Weise wirksam geworden. Ähnlich wie Habermas kann man deshalb mit zwei einfachen Forderungen enden, die zumindest eine Parteilichkeit für Vernunft (LIS, S. 194) befördern: Theoretische Klarheit darüber zu verlangen, was wir nicht wissen, und den Kampf „gegen die Stabilisierung eines naturwüchsigen Gesellschaftssystems über den Köpfen seiner Bürger“ aufzunehmen.

Von Minsky lässt sich in diesem Zusammenhang nicht zuletzt die Überzeugung übernehmen, dass ohne die Anerkenntnis tiefgründiger und fundamentaler Fehlstellungen in der vorherrschenden Wirtschaftsordnung keine Hoffnung auf Besserung steht (SUE, S. 321). Ein Herumdoktern an Symptomen wird weder den grundsätzlichen Widersprüchen der von Habermas beschriebenen spätkapitalistischen Gesellschaften noch der aktuell häufig als letzten Ausweg beschriebenen Herausbildung postkapitalistischer Strukturen im Sinne von Mason26 oder Žižek27 gerecht. Vielmehr verstärkt sie postdemokratische Tendenzen. Nur die von Minsky geforderte klare Benennung und Formulierung grundsätzlicher Alternativen zu aktuellen Steuerungsansätzen hat das Potenzial, Reformen zu einer nachhaltigen Stabilisierung von Wirtschaft und Gesellschaft demokratisch in Gang zu setzen.

Im Gegensatz zu den Ausführungen Minskys in SUE sollte dabei allerdings nicht die Anfälligkeit zu gesellschaftlich destabilisierenden Fluktuationen im Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses stehen. Diese Anfälligkeit, das zeigt die Erfahrung der letzten zehn Jahre eindrücklich, ist durch entsprechende Makropolitiken durchaus zu bewältigen. Vielmehr ist einerseits auf die Passagen in LIS zu verweisen, die bereits 1973 auf die alles überschattenden Herausforderungen der Wiederherstellung ökologischer Balance (insbesondere den „Einfluss des Energieverbrauchs auf das Klima“, LIS S. 63), anthropologischer Balance (insbesondere im Hinblick auf die durch die Digitalisierung aktuell von Individuen und Organisationen abverlangte Folgebereitschaft oder auch Massenloyalität, LIS S. 64) und internationaler Balance (insbesondere im Hinblick auf die militärischen Konflikte und Flüchtlingsströme) eingehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der erweiterten Dokumentation des Symposiums „Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften“, das anlässlich des 90. Geburtstags des Stifters Alois M. Schader am 16. Juli 2018 im Schader-Forum stattfand.

Moritz Hütten, Andreas Kaltwasser und Ulrich Klüh: Minsky meets Habermas: Ein interdisziplinärer Selbstversuch, in: Alexander Gemeinhardt (Hrsg.): Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften. 30 Jahre Schader-Stiftung, Darmstadt 2018, 117-128.

Die Autoren:
Moritz Hütten ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Darmstadt Business School und Fellow am Zentrum für Nachhaltige Wirtschafts- und Unternehmenspolitik der Hochschule Darmstadt (h_da).

Andreas Kaltwasser ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Darmstadt (h_da) sowie Fellow am dortigen Zentrum für Nachhaltige Wirtschafts- und Unternehmenspolitik.

Prof. Dr. Ulrich Klüh ist seit 2015 Professor für Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Hochschule Darmstadt (h_da). Er ist zudem Gründungsmitglied und Direktor am Center for Sustainable Economic and Corporate Policy.

 

 

Literatur

Blyth, Mark (2013): Austerity: The History of a Dangerous Idea. Oxford University Press.

Callon, Michel (1998): Introduction: The Embeddedness of Economic Markets in Economics. The Embeddedness of Economic Markets in Economics. In: The Sociological Review 46 (S1), S. 1–57.

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Habermas Jürgen (1973): Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus (LIS). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hütten, Moritz/Klüh, Ulrich (2017): No More Cakes and Ale: Banks and Banking Regulation in the Post-Bretton Woods Macro-Regime. In: Monetary Policy, Financial Crises and the Macroeconomy. Cham: Springer, S. 325–349.

Kaltwasser, Andreas (2016): Money, Power and Recognition: Post Keynesians and the Global Financial Crisis. A Sociological Inquiry into the Performance of Economic Paradigms. Saarbrücken: AV Akademikerverlag.

Klüh, Ulrich (2012): Paradoxie und Wirtschaftswissenschaft im Kontext der Krise. In: Jahrbuch Normative und institutionelle Grundlagen der Ökonomik 11. Marburg: Metropolis-Verlag, S. 33-60.

Klüh, Ulrich (2015): Denken im Makroregime und Große Transformationen: Eine Anwenderperspektive. In: Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik 15. Marburg: Metropolis-Verlag, S. 135-164.

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Žižek, Slavoj (2014): Trouble in Paradise. From the End of History to the End of Capitalism. London: Allen Lane.

1 Bermbach (1974) sieht in Habermas‘ Beitrag die „Kernfrage aller Reform“ gestellt.

2 Habermas, Jürgen (1973): Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus (LIS). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 182.

3 Habermas, Jürgen, LIS, a.a.O., S. 144.

4 Die Arbeitsgruppe Politische Ökonomie (APÖ) am ZNWU setzt sich mit sozio- und politökonomischen Fragen auseinander und sucht dabei kontinuierlich die kritische Rückbindung an den verhandelbaren „Leitbegriff der Nachhaltigkeit“ (im Sinne von Neckel et al. (2018)).

5 Minsky, Hyman P. (1986): Stabilizing an Unstable Economy. New Haven: Yale University Press.

6 Habermas, Jürgen, LIS, a.a.O., S. 49.

7 Ebd., S. 50

8 Ebd., S. 51

9 Ebd., S. 15

10 Fraser, Nancy (2017): From Progressive Neoliberalism to Trump – and beyond. In: American Affairs, 1(4), S. 46–64.

11 Die Antwort wurde von Luis Garicano, Forschungsleiter am Fachbereich Management, gegeben. Das Zitat findet sich auch bei Pierce, Andrew (2008): The Queen Asks Why No One Saw the Credit Crunch Coming. In: The Telegraph vom 05.11.2008. Online verfügbar unter www.telegraph.co.uk/news/uknews/theroyalfamily/3386353/The-Queen-asks-why-no-one-saw-the-credit-crunch-coming.html (21.11.2018).

12 Klüh, Ulrich (2012): Paradoxie und Wirtschaftswissenschaft im Kontext der Krise. In: Jahrbuch Normative und institutionelle Grundlagen der Ökonomik 11. Marburg: Metropolis-Verlag, S. 33–60.

13 Siehe Rajan, Raghuram (2005): Has Financial Development Made the World Riskier? Proceedings of the Federal Reserve Bank of Kansas City Symposium at Jackson Hole, vor allem jedoch auch die im gleichen Band ebenfalls enthaltenen Reaktionen weiterer Tagungsteilnehmer.

14 Klüh, Ulrich, Paradoxie und Wirtschaftswissenschaft im Kontext der Krise, a.a.O.

15  Bezemer, Dirk (2009): Explaining the Great Moderation: Credit in the Macroeconomy Revisited. Groningen University MPRA Paper, 15893. Online verfügbar unter mpra.ub.uni-muenchen.de/15893 (17.08.2018). Ders. (2012): Finance and Growth: When Credit Helps, and When it Hinders. Institute for New Economic Thinking. Online verfügbar unter www.ineteconomics.org/uploads/papers/bezemer-dirk-berlin-paper.pdf, zuletzt geprüft am 06.08.2018.

16 Klüh, Ulrich (2012): Paradoxie und Wirtschaftswissenschaft im Kontext der Krise, a.a.O.

17 Kuhn, Thomas S. (1962): The Structure of Scientific Revolutions. Chicago: Univ. of Chicago Press.

18 Lakatos, Imre (1978): The Methodology of Scientific Research Programmes. Cambridge: Cambridge University Press (Philosophical papers, 1).

19 Callon, Michel (1998): Introduction: The Embeddedness of Economic Markets in Economics. The Sociological Review 46 (S1), S. 1–57.

 

20 Hütten, Moritz / Klüh, Ulrich (2017): No More Cakes and Ale: Banks and Banking Regulation in the Post-Bretton Woods Macro-Regime. In: Monetary Policy, Financial Crises and the Macroeconomy. Cham: Springer, S. 325–349.

21 Blyth, Mark (2013): Austerity: The History of a Dangerous Idea. Oxford University Press.

 

22 Streeck, Wolfgang / Mertens, Daniel (2010): Politik im Defizit: Austerität als fiskalpolitisches Regime. In: Der moderne Staat 3, 2010, No. 1. MPIfG Discussion Paper 10/5. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, S. 7–29.

 

23  Stark, David (2000): For a Sociology of Worth. Keynote address. Annual Conference of the European Association of Evolutionary Political Economy Vol. 3. Berlin, November.

 

24 Polanyi, Karl (1995): The Great Transformation: The Political and Economic Origins of Our Time. Boston: Beacon Press [Original: 1944].

 

25 Zum Begriff Klüh, Ulrich (2015): Denken im Makroregime und Große Transformationen: Eine Anwenderperspektive. In: Jahrbuch Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik 15. Marburg: Metropolis-Verlag, S. 135-164.

26 Mason, Paul (2015): Post Capitalism. A Guide to our Future. London: Allen Lane.

27 Žižek, Slavoj (2014): Trouble in Paradise. From the End of History to the End of Capitalism. London: Allen Lane.