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Salongespräche in transdisziplinären und transformativen Prozessen

Artikel vom 08.05.2019

Georg Melchior Kraus, Geselligkeit bei der Herzogin Anna Amalia von Weimar. Quelle: ammermann.de/Klassik/herzogin_anna_amalia_htm

Welche Funktionen kann das Format der Salongespräche vor dem Hintergrund der Herausforderung, Veränderungsprozesse in Richtung einer Nachhaltigen Entwicklung auf den Weg zu bringen, in transdisziplinären Prozessen und im Austausch mit Praxisakteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft erfüllen? Von Martin Führ und Silke Kleihauer

Ein Diskursformat als Basis innovativer Lösungsansätze

Mit den Sustainable Development Goals (SDGs) hat die Vollversammlung der Vereinten Nationen im September 2015 die Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, noch einmal im Zusammenhang formuliert.1 Es geht, jedenfalls in den Industriestaaten, um nicht weniger als eine grundlegende Umgestaltung der Produktions- und Konsummuster, was auch im Titel „Transforming Our World“ zum Ausdruck kommt. Angesichts dessen steht die Wissenschaft vor der Frage, wie sie ihre Rolle in den anstehenden Umgestaltungsprozessen definiert und ausfüllt.2 Der Wissenschaftsrat resümiert: „So erfordert die Komplexität, Dynamik und Langfristigkeit großer gesellschaftlicher Problemlagen eine wissenschaftliche Bearbeitung, die über eindimensionale, unidisziplinäre Analysen und Lösungsansätze hinausgeht und der Interaktion zwischen den Fachgebieten sowie zwischen der Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen Rechnung trägt.“3 Gefordert sind folglich Bearbeitungsformen, die sowohl eine Verständigung über Disziplingrenzen hinweg als auch den Austausch mit den Praxisakteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen. Eine Problemkonstellation inter- und transdisziplinär zu durchdringen und so die Basis für neuartige Lösungsansätze zu schaffen, gehört allerdings bislang nicht zum klassischen Kanon von Hochschul-Curricula. Vor diesem Hintergrund ist im Kontext des an der Schader-Stiftung angesiedelten Arbeitskreises „Transdisziplinarität in der Lehre“ das Format der Salongespräche entstanden.4

Die Idee der Salongespräche entstand in Anlehnung an die philosophischen, naturwissenschaftlichen und literarischen Salons des 18. und 19. Jahrhunderts. Dort trafen sich Denker, Politiker, Wissenschaftler mit Dichtern und anderen Künstlern in einem vertrauten Rahmen, um sich gemeinsam über Themen auszutauschen, die von aktuellem Interesse waren. Bekannt ist etwa die „Tafelrunde“, bei der die Herzogin Anna Amalia von Weimar jeweils freitags in ihrem Wittumspalais einen illustren Kreis versammelte.

Der Beitrag beschreibt die mit dem Format der „Salon-Gespräche“ verbundenen Intentionen und die bislang gewonnenen Erfahrungen und zeigt vor dem Hintergrund der Herausforderung, Veränderungsprozesse in Richtung einer Nachhaltigen Entwicklung auf den Weg zu bringen auf, welche Funktionen das Format der Salongespräche in transdisziplinären Prozessen erfüllen kann. Eine erste Themenreihe der Salongespräche fragte, wie eine energetische Stadtentwicklung nach den Kriterien der Nachhaltigen Entwicklung zu gestalten ist. Das abschließende Kapitel formuliert ein vorläufiges Fazit und ordnet in knapper Form die Salongespräche in den Kontext transformativer Wissenschafts-Praxis-Projekte ein.

Herausforderung: Veränderungsprozesse in Richtung Nachhaltige Entwicklung

Will man Beiträge zu den SDGs leisten, bedarf es in der Regel der Systeminnovationen: ein Zusammenspiel aus technischen und sozialen Innovationen, jeweils unterstützt durch veränderte institutionelle Rahmenbedingungen.5 Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass Veränderungsprozesse Richtung „Nachhaltige Entwicklung“ praktisch immer Verhaltensveränderungen von Akteuren erfordern. Dabei müssen verschiedene Akteure zusammenwirken: Zunächst schon dafür, um die jeweils anzugehende Problem-Konstellation in ihrem Wirkungsgefüge zu durchdringen; aber auch wenn es darum geht, kreative Potentiale freizusetzen, um Lösungen für diese Probleme zu entwickeln.

Wer transdisziplinäre Prozesse initiieren will, muss daher die Akteure für eine Mitwirkung gewinnen, die über das notwendige – oftmals implizite – Wissen verfügen. Dies sind aber in der Regel genau die Akteure, die auch in dem aktuellen System eine maßgebliche Rolle spielen. Angesichts des Umstandes, dass Veränderungen nicht nur die bisherige Praxis in Frage stellen, sondern zugleich mit Unsicherheiten einhergehen, die bei den Akteuren oftmals Abwehrreaktionen hervorrufen, kommt es darauf an, einen spezifischen Diskursraum zu schaffen: Das Format muss gewährleisten, dass diejenigen, die das bestehende Problem (mit)verursachen, sich öffnen dafür,

  • ihr bisheriges Vorgehen im Lichte der in den SDGs niedergelegten normativen Anforderungen in Frage zu stellen,
  • die problemverursachenden Faktoren zu analysieren,
  • um auf dieser Basis nach neuen Lösungen zu suchen.

Es geht also darum, mit den für eine Problemstellung relevanten Akteuren in eine konstruktive Form der Zusammenarbeit zu gelangen. Für transdisziplinäre Prozesse liegt darin eine der größten Herausforderungen. Denn in dieser Form zusammenzuarbeiten und gemeinsam neue Ideen zu entwickeln, überschreitet das Alltagsgeschäft. Daher müssen sich die relevanten Akteure aus ihren etablierten Routinen herausbewegen. Sie müssen aber nicht nur anders an die Fragestellung herangehen, sie müssen außerdem in der Lage sein, konstruktiv mit anderen Akteuren neue Ideen zu entwickeln. 

Idee und Zielsetzung der Salongespräche

Wie erarbeitet man mit Praxisakteuren ein gemeinsames Problemverständnis zu einem konkreten Thema? Diese Frage stand am Anfang der Überlegungen. Wie wir bestimmte Ideen bewerten und Probleme angehen, hängt davon ab, wie wir diese Probleme wahrnehmen. In unserem Alltagsgeschäft arbeiten wir meist in einem effektiven Standardmodus innerhalb etablierter Routinen. Daniel Kahneman bezeichnet diese Form des Denkens als „schnelles Denken“ oder System I-Denken.6 In einem vertrauten Umfeld führt schnelles Denken verlässlich zu guten Ergebnissen. Leider funktioniert dieser Standardmodus nicht, wenn es um Fragestellungen außerhalb unserer etablierten Routinen geht. Wenn wir Problemstellungen, die komplex, mehrdeutig und in die Zukunft gerichtet sind, bewältigen wollen, müssen wir vom schnellen Denken ins langsame Denken (System II-Denken) wechseln.

Dieser Wechsel in den Denkstrukturen ist dabei nicht allein auf der individuellen Ebene zu vollziehen; vielmehr muss das Format gewährleisten, dass eine Gruppe sich gemeinsam auf den Weg macht, in einen konstruktiven Dialog bisherige Wahrnehmungsraster und Denkschemata zu überschreiten, um zu Lösungen zu gelangen, die etablierte Strukturen aufbrechen. Die Erfahrung zeigt, dass dies durchaus voraussetzungsvoll ist. Denn nicht selten ist in den SDG-relevanten Handlungsfeldern etwas anderes zu beobachten: unproduktives Beharren auf den eigenen Standpunkten, Verweis auf Sachzwänge und die begrenzten eigenen Möglichkeiten.

Stufen der Gesprächsführung

In Anlehnung an Otto Scharmer7 lassen sich vier Stufen der Gesprächsführung unterscheiden: Zunächst die einseitige Form des Dialoges, in dem die Beteiligten Zueinander sprechen, ohne wirklich aufeinander einzugehen; von Scharmer bezeichnet als „downloading“, bei dem die Beteiligten in ihrer jeweiligen Blase (bubble) verbleiben. Auf der folgenden Stufe der Debatte gehen die Beteiligten zwar aufeinander ein, verbleiben im Wesentlichen in ihrer eigenen Perspektive und stellen die Unterschiede zu denen der anderen Diskursteilnehmenden im Modus des „Ja, aber“ heraus; oftmals mit dem Ziel, die anderen von der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Mit dieser Diskursform sind durchaus Lernprozesse verbunden, diese bleiben jedoch unterhalb der dritten Stufe, in der die Beteiligten in der Weise aufeinander eingehen, dass sie – in der Reflexion der Sichtweise des Gegenübers – ihre eigene Position verändern. Erst hier handelt es sich um einen wirklichen Dialog im Sinne des Miteinander-Sprechens, der es erlaubt, die eigene Perspektive im Modus des individuellen „ja, und“ zu erweitern und im Kontext eines größeren Systems einzuordnen. Auf der vierten, der eigentlich kreativen Stufe sind die Beteiligten in der Lage, gemeinsam neue Deutungsmuster und Lösungsansätze zu entwickeln. Fruchtbare, in die Zukunft gerichtete Gestaltungsoptionen lassen sich in einem Umfeld entwickeln, das der vierten Stufe entspricht und einen Dialog im Modus des kollektivenja, und“ unterstützt. Voraussetzung für die beiden letzten Stufen dürfte dabei eine Verständigung nicht nur über die Problemkonstellation sein, sondern auch darüber, welche normativen Ziele man anstrebt.

Anforderungen an das Diskursformat

Das zu entwickelnde Format sollte daher die Teilnehmenden aus ihren etablierten Routinen herausholen und eine Atmosphäre schaffen, in der sich die Teilnehmenden öffnen und gemeinsam an einem Thema weiterdenken, mit dem Ziel konstruktive Dialoge zu ermöglichen und zum kreativen Gedankenaustausch einzuladen. Die Herausforderung war daher auf zwei Ebenen zu verorten: der Ebene des individuellen Denkens und der kollektiven Ebene, in einem Diskursformat mit anderen gemeinsam kreativ Lösungen zu entwerfen. Dafür setzt das Formatkonzept auf ein entsprechendes Ambiente und auf Strukturen, die einen solchen Gesprächsverlauf ermöglichen.

Das Ambiente der Salongespräche orientiert sich an den historischen Vorbildern. Es schafft einen attraktiven Ort, für den die Beteiligten einen Teil ihres Feierabends „opfern“. Sie erwartet ein gedeckter Tisch, eingerahmt von einem virtuellen Kaminfeuer. Ein fester Kern an Teilnehmenden freut sich darauf, in vertrauter Atmosphäre anregende Gespräche zu führen. Leckere Häppchen und passende Getränke tun ihr Übriges. Das Ambiente unterstützt die Beteiligten, ihre etablierten Routinen zu verlassen und in einem ungewöhnlichen räumlichen Kontext gemeinsam weiter zu denken. Eine Bedingung für gelingende Salongespräche ist damit ein attraktives Ambiente, welches den Charakter dieses Diskursformates auch räumlich symbolisiert.

Salongespräche im hier beschriebenen Sinne sind keine lockere Plauderei. Sie bedürfen vielmehr einer spezifischen Strukturierung, die darauf angelegt ist, die Gruppe in einen konstruktiven Dialog zu führen mit dem Ziel, die Stufe des kollektivenja, und“-Modus zu erreichen.

Abfolge und Kontinuität der Teilnehmenden

Dies lässt sich erfahrungsgemäß nicht an einem einzigen Termin erreichen. Vielmehr muss die Gruppe die Möglichkeit haben, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Dazu bedarf es einer Abfolge von Terminen, die – bezogen auf das jeweilige Leitthema – unterschiedliche Praxisthemen zum Gegenstand haben. Voraussetzung für die angestrebten Lernprozesse ist eine Kontinuität der Beteiligten. Jedenfalls eine Kerngruppe der Mitwirkenden nimmt regelmäßig teil.

Weitere Voraussetzung ist eine Konstellation von Akteuren, die sich gegenseitig ergänzen. Sie bringen unterschiedliche disziplinäre und professionelle Erfahrungen in den Prozess ein, um aus der Zielorientierung Lösungen zu entwickeln. Otto Scharmer verwendet hierfür den Begriff der Co-Initiation8, denn es geht darum, nicht nur miteinander zu sprechen, sondern sich dafür zu öffnen, gemeinsam weiter zu denken und gemeinsam etwas Neues zu erschließen. Voraussetzung dafür ist eine vertrauensvolle Atmosphäre unter den Beteiligten, was einen „geschützten Raum“ des Diskurses erfordert.

Schon im Vorfeld des ersten Salongesprächs sind die (potentiellen) Teilnehmenden auf die Intention der Gesprächsreihe sowie auf die Kernfragen einzustimmen.

Frageraster

Die auf der Basis der Vorgespräche ausgewählten Akteure aus Wissenschaft und Praxis erörtern anhand mehrerer aufeinander aufbauender Fallbeispiele die Leitfrage: „Wie entstehen und was ebnet den Weg zur Planung und Umsetzung nachhaltigerer Konzepte in der Praxis?“ Ein Frageraster lenkt die Aufmerksamkeit auf die Akteur-Konstellation und die jeweils wirksamen Anreize und Hemmnisse. Den Gesprächseinstieg bilden jeweils kurze Impulse aus der Praxis, ergänzt um Kommentare anderer Praxis- und Wissenschaftsakteure. Projektmanager berichten aus der Praxis über ihre Lösungsansätze und neue Möglichkeiten der fachlichen Absicherung durch erweiterte Systemgrenzen (etwa: Quartier statt Einzelgebäude), durch Kooperation unterschiedlicher Akteure und das Zusammenführen der jeweils spezifischen Perspektiven. Explizit geht es nicht darum, „Leuchtturm“-Projekte vorzustellen, sondern „alltagsrelevante“ Probleme anzugehen.

Der Impuls sollte Aufschluss geben zu folgenden Aspekten („Frageraster“):

  • Was war die Motivation dafür, einen/diesen besonderen Weg zu gehen?
  • Welche Akteure hatten/haben hier Beiträge zu leisten? Welche Hemmnisse sind dabei zu überwinden? Was sind die kritischen Erfolgsfaktoren?
  • Wie lassen sich die angestrebten Innovationen mit den professionellen Standards der Akteure, aber auch den sonstigen Rahmenbedingungen (Recht, Finanzierung, Haftung etc.) vereinbaren?
  • Welche Änderungen in den institutionellen Rahmenbedingungen und sonstigen Arrangements empfehlen sich?

Wünschenswert ist es dabei, über die „Systemgrenzen“ des Projekts/Fallbeispiels hinauszugehen und andere/bessere Lösungen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht realisieren ließen beziehungsweise als Option nicht sichtbar waren, mit in den Blick zu nehmen.

Salongespräche zur energetischen Sanierung im Quartier

Gegenstand der ersten Reihe der Salongespräche war, die energetische Gebäudesanierung in bestehenden Siedlungsstrukturen mit anderen Anforderungen einer nachhaltigen Stadtentwicklung in Einklang zu bringen.9 Dazu gilt es, „Experimente zu wagen“. Welche Möglichkeiten gibt es, jenseits eingefahrener Standards (etwa: Gebäudehülle aus 18 cm Polystyrol-Dämmstoff, inkl. des toxikologisch hoch problematischen Flammschutzmittels Hexabromcyclododecan) die unterschiedlichen Anforderungen einer Nachhaltigen Entwicklung zu integrieren?

Die Salongespräche mit der Schader-Stiftung fragten daher danach, wie eine energetische Stadtentwicklung anhand der Kriterien der Nachhaltigen Entwicklung zu gestalten ist. Wie kann man zu ganzheitlichen Lösungen gelangen, die etwa auch die Lebensqualität im Quartier berücksichtigen? Akteure aus der Praxis berichten – gestützt auf das übergreifende Frageraster – über proaktive Lösungsansätze. Welche Möglichkeiten ergeben sich durch erweiterte Systemgrenzen (etwa: Quartier statt Einzelgebäude, Einbezug von Energiegewinnen und kybernetischen Ansätzen), durch Kooperation unterschiedlicher Akteure und das Zusammenführen der jeweils spezifischen Perspektiven?

Die Gesprächsleitung lag bei der Sonderforschungsgruppe Institutionenanalyse (sofia) an der Hochschule Darmstadt. Sie führte mit den Impulsgebern jeweils Vorgespräche entlang des Fragerasters. Das Frageraster strukturierte sowohl die Vorbereitung als auch den Ablauf der Salongespräche. Es regte die Beteiligten an nachzuzeichnen, wie nachhaltige Konzepte in der Praxis entstehen und was den Weg zur Umsetzung ebnet. Es bildete auch die Grundlage für die Auswertung. Dabei ergaben sich die folgenden konkretisierenden Hinweise (K) zu einzelnen Aspekten des Fragerasters (F):

(F): Was ist die Motivation dafür, Konzepte Nachhaltiger Entwicklung zu realisieren?
(K): Erschließung geschäftlicher Möglichkeiten; unter Berücksichtigung von u.a. institutionellen Rahmenbedingungen, gesellschaftlichen Zielvorgaben, Governancestrukturen.
(F): Was kann die Motivation hemmen?
(K): Mögliche Widersprüche zwischen ökologischer, sozialer und individueller Verantwortung und den ökonomischen Rahmenbedingungen.

(F): Welche Akteure haben hier Beiträge zu leisten?
(K): Welche Akteure sind relevant? Wann sind sie im Prozess relevant? Was können wir von ihnen erwarten? Wie binden wir sie ein?
(F): Welche Hemmnisse sind dabei zu überwinden?
(K): Welche strukturellen, organisatorischen oder informatorischen „Stolpersteine“?
(F): Was sind die kritischen Erfolgsfaktoren?
(K): Anreize durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Lernprozesse initiieren. Vorhaben muss im Hinblick auf die Ziele der jeweiligen Organisation plausibel sein.

(F): Wie lassen sich die angestrebten Innovationen mit den professionellen Standards der Akteure, aber auch den sonstigen Rahmenbedingungen (Recht, Finanzierung, Haftung etc.) vereinbaren?

(F): Welche Änderungen in den institutionellen Rahmenbedingungen und sonstigen Arrangements empfehlen sich?

(F): Wie entstehen innovative Lösungsansätze?
(K): Kenntnisse über alternative Optionen.

Prozessumsetzung:
(K): Akteur-Setting; Rolle und Zielvorstellung der beteiligten Akteure. Institutionelle Rahmenbedingungen müssen stimmen.

In den Diskussionen zeigte sich, dass in der öffentlichen Debatte, aber auch in den konkreten Vorgaben des Regelwerkes noch immer das Narrativ aus der „Ölkrise“ der 1970er-Jahre spürbar ist. Im Vordergrund steht das „Einsparen“ von Energie. Solange weit überwiegend fossile Energieträger zum Einsatz kommen, deckt sich dies mit den Klimaschutzzielen. Sobald man aber in nennenswertem Umfang auf Erneuerbare Energien zurückgreifen kann, verschieben sich die Gewichte: Die Kraft der Sonne steht reichlich zu Verfügung, was auch neue Gestaltungsoptionen eröffnet. Das bisherige „spare, spare“ bedeutete in der Praxis vor allem „dämme, dämme“; und zwar auch dann, wenn sich durch neue Lösungen, etwa der passiven Nutzung solarer Strahlungswärme, höhere CO2-Reduktionen erzielen lassen. Dementsprechend, so ein erstes Zwischenergebnis aus den Salongesprächen, sind das Regelwerk und die öffentliche Debatte klar am Klimaschutzziel auszurichten.10

Eine Fortführung der Salongespräche, aber auch die im Arbeitskreis „Transdisziplinarität in der Lehre“ konzipierte „Spring School“, in der in Form eines Planspiels mit Praxisakteuren Studierende unterschiedlicher Studiengänge der Hochschule Darmstadt und der Technischen Universität Darmstadt gemeinsam Lösungs-Optionen für ein Gebäude-Ensemble konzipieren sollten, scheiterten daran, dass die Praxisakteure aus der Stadtwirtschaft über einen längeren Zeitraum voll und ganz damit beschäftigt waren, Unterkünfte und sonstige Betreuung für die zahlreichen Flüchtlinge in Darmstadt bereitzustellen. Hinzu kamen personelle Wechsel in den Unternehmen der Stadtwirtschaft.

Fazit: Entwicklung eines kreativen Dialogs

Prozessschritte in transdisziplinären Projekten. Quelle: Silke Kleihauer 2016

In der Rückschau lässt sich festhalten: Das Format der Salongespräche eröffnet einen offenen Blick auf die konkreten Problemstellungen und ermöglicht die gemeinsame Reflexion über Hemmnisse. Es fördert die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Praxis, Behörden, Politik und Forschung mit dem Ziel, kreative Potentiale für „nachhaltigere“ Lösungs- und Handlungsoptionen zu entwickeln; und zwar sowohl innerhalb der beteiligten Unternehmen und sonstigen Organisationen, als auch auf lokaler beziehungsweise regionaler Ebene und schließlich auch im Hinblick auf die Fortentwicklung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen11.

Die Analyse der „neutralen“ Fallbeispiele über das Frageraster ermöglicht den Teilnehmern, sich konstruktiv mit konkreten Herausforderungen auseinanderzusetzen und dabei auch in das System II-Denken zu gelangen. Kurz gesagt: Die Salongespräche schaffen für den Transformationsprozess ein Klima, in dem unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Interessen über die Fallbeispiele offen und konstruktiv diskutieren. Die Fallbeispiele haben eine Katalysatorfunktion für den reflexiven Diskurs. So gewinnen die Akteure einen veränderten, systemoffenen Blick auf mögliche Lösungsoptionen.

Im Kreis der Teilnehmenden sollte dazu jeweils spezifisches Orientierungs-, Systemund Transformationswissen vertreten sein. Dies erlaubt es, ein gemeinsames „Transformatives Wissen“ zu entwickeln, das gute Voraussetzungen schafft, komplexe Projekte zum Erfolg zu führen (dazu die Abbildung oben „Prozessschritte in transdisziplinären Projekten“; auch im Downloadbereich). Je nach Gesprächsverlauf gelingt es, in den Salongesprächen die ersten vier Schritte zu gehen; im Idealfall entwickelt man gemeinsam (Konzepte für) Gestaltungsoptionen. Je nach Verlauf können sich mit den beteiligten Praxis-Akteuren Szenario-Prozesse12 anschließen, an deren Abschluss ein Strategieworkshop13 steht, der den Handlungsbedarf für die unterschiedlichen Akteure mittel- und langfristig aufzeigt.

Im Rahmen des Projektes „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung“ (s:ne), welches die Hochschule Darmstadt im Rahmen der Bund-Länder-Initiative „Innovative Hochschule“ durchführt, kommt das Format der Salongespräche – wiederum in Kooperation mit der Schader-Stiftung – erneut zur Anwendung.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der erweiterten Dokumentation des Symposiums „Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften“, das anlässlich des 90. Geburtstags des Stifters Alois M. Schader am 16. Juli 2018 im Schader-Forum stattfand.

Martin Führ und Silke Kleihauer: Salongespräche in transdisziplinären und transformativen Prozessen, in: Alexander Gemeinhardt (Hrsg.): Die Praxis der Gesellschaftswissenschaften. 30 Jahre Schader-Stiftung, Darmstadt 2018, 36-43.

Die Autoren:
Prof. Dr. Martin Führ ist Professor für Öffentliches Recht, Rechtstheorie und Rechtsvergleichung an der Hochschule Darmstadt und leitet dort die Sonderforschungsgruppe Institutionenanalyse (sofia) sowie ein Teilvorhaben des Projekts „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung (s:ne)“.

Dr. Silke Kleihauer leitet das Vorhaben „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung (s:ne)“ in der Hochschule Darmstadt (h_da) im Rahmen der BMBF-Förderung „Innovative Hochschule“, zu deren Projektpartnern unter anderen die Schader-Stiftung zählt. Zudem leitet sie die Nachhaltigkeitsaktivitäten der Hochschule Darmstadt.

 

1 United Nations (2015): Transforming Our World: The 2030 Agenda for Sustainable Development Agenda 2030).

2 Zu der diesbezüglichen Debatte siehe etwa: Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU, 2011): Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Berlin: WBGU. Schneidewind, Uwe / Singer-Brodowski, Mandy (2013): Transformative Wissenschaft – Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. Marburg: Metropolis; sowie Wissenschaftsrat (WR) 2015: Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große gesellschaftliche Herausforderungen. Positionspapier. Stuttgart/Köln: Wissenschaftsrat. Online verfügbar unter www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/4594-15.pdf (14.10.2018).

3 Ebd. (2015), S. 17.

4 Siehe dazu auch Kleihauer, Silke (2015): Salongespräche als transdisziplinäres Format am Beispiel einer „Energetischen Sanierung im Quartier“. Online verfügbar unter www.schader-stiftung.de/themen/gemeinwohl-und-verantwortung/fokus/sne/artikel/transdisziplinaere-nachhaltigkeitspotenziale (14.10.2018).

5 Siehe hierzu das Vorhaben „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung (s:ne)“, welches die Hochschule Darmstadt unter anderem mit der Schader-Stiftung durchführt, sne.h-da.de (21.10.2018).

6 Kahneman, Daniel (2012): Schnelles Denken, langsames Denken. München: Siedler.

7 Scharmer, C. Otto (2018): The Essentials of Theory U. Oakland (CAL): Berrett-Koehler, S. 42 ff.

8 Scharmer (2018), ebd., S. 78 ff.

9 Unter Berücksichtigung von Ergänzungen durch Dr. Bettina Brohmann, Öko-Institut e.V., und Dr.-Ing. Georg Cichorowski, Sonderforschungsgruppe Institutionenanalyse – sofia / Hochschule Darmstadt.

10 Dieses Narrativ fand noch während der Salongespräche auch Eingang in Führ, Martin (2015): Zu gut gemeint, aber überholt: Energieeinsparstandards als Innovationsbremse. In: Zeitschrift für Umweltrecht (ZUR), 2015, S. 129–130. Siehe dazu jetzt auch Führ, Martin / Rudolph-Cleff, Annette / Bizer, Kilian / Cichorowski, Georg (Hrsg., 2018): Dämmen allein reicht nicht – Plädoyer für eine innovationsoffene Klimaschutzpolitik im Gebäudebereich. München: Oekom (i.E.).

11 Konkrete Vorschläge für ein „Gebäudeklimaschutzgesetz“, zur Fortschreibung der Förderlandschaft, zur CO2-Bepreisung und zur Einrichtung eines generationenübergreifenden Klimaschutzfonds und begleitende Forschungsaktivitäten finden sich in einem Policy Paper Bizer, Kilian / Führ, Martin (2018): Effektiver Klimaschutz im Gebäudebestand. Verfügbar unter www.sofia-darmstadt.de/fileadmin/Dokumente/Sonstige/iENG/Forschungsbedarf_ iENG-Buergen_2018-04-15_final.pdf (02.10.2018).

12 Siehe etwa den Abschlussbericht zu dem durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderten Projekt „Marktchancen für eine nachhaltigere Chemie“ (SuSport): Kleihauer, Silke / Führ, Martin / Schenten, Julian et al. (2018). Online verfügbar unter www.sofia-darmstadt.de/fileadmin/Dokumente/Sonstige/SuSport/SuSportbericht- fortgeschrieben_2018-05-15_final.pdf (14.10.2018); sowie Schönborn, Joana (2018): Transdisziplinärer und transformativer Szenarioansatz (RASUM-Masterarbeit, i.E.).

13 Aus dem SuSport-Projekt (a.a.O.) ging etwa eine „Proactive Alliance“ hervor, indem Akteure aus global tätigen Unternehmen unterschiedlicher industrieller Branchen daran zusammenwirken, einen einheitlichen Standard zu erarbeiten, der über die industriellen Sektoren hinweg und auf globaler Ebene entlang der Lieferketten über die Inhaltsstoffe der Erzeugnisse berichtet, und zwar auf der Basis einer „full material disclosure“, also der Volldeklaration der chemischen Bestandteile; siehe dazu den Bericht in Chemical Watch vom 14.06.2018.