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Befunde zur Erwerbstätigkeit - Die Zukunft der Arbeit

Artikel vom 23.09.2004

Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Geht uns die Arbeit aus? Wie wird die Erwerbsarbeit der Zukunft organisiert sein?

Flexibler und selbst organisiert: die Erwerbstätigkeit

„Vielfach wird die Meinung vertreten, modernen ‚Arbeitsgesellschaften‘ gehe die Arbeit aus (H. Ahrendt). In diesem Zusammenhang wird auf die anhaltende Massenarbeitslosigkeit hingewiesen und berechnet, dass das ‚Arbeitsvolumen‘, d.h. die insgesamt geleisteten Stunden der Erwerbsarbeit seit 1975 um gut 10 zurückgegangen sei. Als Begründung wird unter anderem angeführt:

  • Die Tendenzen zur Rationalisierung der Erwerbsarbeit in Landwirtschaft, Produktion und sachbezogenen sowie wenig qualifizierten Dienstleistungen.
  • Die Auslagerung vor allem von Produktionstätigkeiten ins Ausland.

Trotz alledem wird der Arbeitsgesellschaft wohl die Arbeit nicht ausgehen, auch nicht die Erwerbsarbeit. Die o.a. Altersstrukturentwicklung wird in einigen Jahren die Nachfrage nach Erwerbsarbeit sinken und Arbeitskräftemangel entstehen lassen. Da immer höhere Qualifikationen gesucht werden und per saldo Arbeitsplätze vor allem im Bereich der Humandienstleistungen und der neuen Technologien entstehen, werden Arbeitskräfte zuerst und vor allem dort rar werden. Dem wird freilich Arbeitslosigkeit von gering Qualifizierten gegenüberstehen.

So wächst derzeit zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten wieder eine Generation heran, denen nicht nur die Tore der Bildungseinrichtungen, sondern auch vieler Unternehmen offen stehen werden. Wenn man davon ausgeht, dass die (Aus-)Bildung der kommenden Arbeitsmigranten sich trotz aller Bemühungen nur teilweise auf die Bereiche der fehlenden Höchstqualifikationen erstrecken wird, stehen einheimischen Ober- und Hochschülern gute Aufstiegschancen besonders in die oberen Etagen von Dienstleistungsunternehmen offen. Die angehenden Akademiker werden zum Teil von Unterschichtungsprozessen durch Arbeitsmigranten profitieren. Allerdings wird sich die Situation derjenigen Einheimischen zuspitzen, deren Leistungen nicht hinreichen, die Berufsfelder und Qualifikationsniveaus der Arbeitskräfteknappheit zu erreichen. Sie werden sich harter Konkurrenz ausgesetzt sehen und nicht selten Zuwanderer auf der Überholspur in Bildungseinrichtungen und Unternehmen an sich vorbei ziehen sehen. Entsprechende Erfahrungen aus den USA machen deutlich, dass hier hohe Konfliktpotenziale entstehen werden.

Was die verfügbaren Arbeitsplätze betrifft, so zeigt der Blick über die Landesgrenzen, dass die technologische Entwicklung sowie eine geeignete Sozial-, Wirtschafts- und Arbeitszeitpolitik durchaus in der Lage sind, das Angebot an Arbeitsplätzen zu halten, wenn nicht zu vermehren. Freilich wird darunter der Anteil der ‚normalen‘, d.h. der abhängigen, außerhäuslichen Vollzeit-Dauer-Arbeitsplätze, der Ende der 90er Jahr nur noch bei ca. 70 lag, weiter zurückgehen. Teilzeitbeschäftigungen, Heimarbeit, befristete Arbeitsverhältnisse, vorübergehende Nicht-Beschäftigung, neue Selbstständigkeit und Parallelbeschäftigung bei mehreren Arbeitgebern werden häufiger werden. Dem Trend hin zur flexiblen Arbeitsorganisation wird der zur individuellen Arbeitsflexibilität entsprechen.

Dem widerspricht nicht, dass auch nichtbezahlte ‚Tätigkeiten‘ stark zunehmen werden. Zwar werden diesbezügliche Konzepte der ‚Bürgerarbeit‘ und der ‚Tätigkeitsgesellschaft‘ kaum als vorrangige Strategien zur Bewältigung von Arbeitslosigkeit dienen können (Beck 1999 und Mutz 1997 sehen dies freilich anders). Aber die Ergänzung von Familien- und Erwerbs- durch ‚soziale Bürgerarbeit‘ in Nonprofit-Organisationen wird dazu beitragen können, bestimmte Arbeitsmarktprobleme zu lösen, Menschen Sinn und Integration zu vermitteln und die Pluralisierung der sozialen Sicherung zu fördern.“
(Hradil, Stefan 2001: Bevölkerungsentwicklung und Gesellschaftsveränderung in den kommenden Jahrzehnten. In: Gegenwartskunde 3/2001, S. 398f.)

Arbeitsmarktentwicklung

„Im Strukturwandel der Arbeitslandschaft manifestiert sich letztlich auch eine Verschiebung in den Qualifikationsanforderungen. Wenngleich die gewählten Beschreibungsmerkmale in Form von Tätigkeiten eine unmittelbare kongruente Umsetzung in ‚formale höchste Ausbildungsabschlüsse‘ nicht zulassen, lassen sich doch gewisse Rückschlüsse ziehen.

Aus dem Blickwinkel des Tätigkeitsniveaus gesehen, zeigt sich der Trend in Richtung steigender Anforderungen überdeutlich. Der schon in der Vergangenheit beobachtbare Rückgang der ‚Hilfstätigkeiten‘, also der Tätigkeiten, die Auffangbecken für ungelernte Arbeitskräfte sind, wird in den kommenden Jahren ungebremst weitergehen. Der Abbau von derartigen Arbeitsplätzen, die für technisch-organisatorische Rationalisierung besonders zugänglich sind, vermindert die Chancen für Arbeitskräfte ohne jegliche berufliche Qualifizierung gravierend. Auch für die Ebene der ‚einfachen Fachtätigkeiten‘, d.h. Tätigkeiten, die nicht zwingend eine berufsqualifizierende Ausbildung voraussetzen bzw. vielfach durch Angelernte besetzt werden, ist ein drastischer Arbeitsplatzverlust zu erwarten. Hier schlagen sowohl technisch-organisatorische Rationalisierungseffekte als auch ein hoher Konzentrationsgrad im beschäftigungsmäßig rückläufigen produzierenden Gewerbe negativ zu Buche.

Für die ‚Qualifizierten Fachtätigkeiten‘, also Tätigkeiten, die überwiegend einen qualifizierten Ausbildungsabschluss (Lehre u. ä.) als Einstiegskriterium voraussetzen, zeichnet sich gesamthaft zwar eine annähernde absolute und relative Stabilisierung ab. Diese Entwicklung ist allerdings Ergebnis zweier sich kompensierender Effekte. ‚Qualifizierte Fachtätigkeiten‘, die in der unmittelbaren Güterproduktion angesiedelt sind, erfahren zukünftig eine spürbare Abnahme als Folge steigender Produktionsverlagerung an ausländische Standorte. ‚Qualifizierte Fachtätigkeiten‘ mit Dienstleistungscharakter dagegen bleiben zum Teil konstant, lassen zum Teil aber auch kräftige Zuwächse erwarten.

Das Tätigkeitsfeld der ‚Fachtätigkeiten mit Führungsaufgaben‘, die Tätigkeitsebene, die sehr stark durch Aufgabenstellungen für Personal mit Meisterqualifikation respektive mit Qualifikationen der höheren Sachbearbeiterfunktion charakterisierbar ist, kann mittel- und langfristig zulegen. Prägnant ist, dass sich der Bedeutungsgewinn für dieses Tätigkeitsniveau nicht nur bei Dienstleistungsfunktionen, sondern auch bei Funktionen der unmittelbaren Güterproduktion vollzieht. Ursache ist, dass die Produktionsverlagerung an ausländische Standorte häufig im Stil ‚verlängerter Werkbänke erfolgt. Anspruchsvollere Produktionsfunktionen, die sich durch einen begrenzten Umfang von Dispositions-, Kontroll- und Führungsverantwortlichkeiten auszeichnen, die in enger Verbindung zu den Entwicklungsabteilungen stehen, werden häufig am deutschen Standort erhalten.

Auf deutlichem Expansionskurs befinden sich schlussendlich die ‚hoch- und höchstqualifizierten Tätigkeiten‘, wo i. d. R. eine hochqualifizierende Ausbildung (Fachhochschule, Hochschule u. ä.) die Einstiegsvoraussetzung darstellt. Selbst ein im Zuge der ‚Sparmaßnahmen‘ der öffentlichen Hand zu erwartender leichter Arbeitsplatzabbau im Tätigkeitsbereich ‚Unterrichten/Lehren‘ vermag den Arbeitsplatzgewinn von 1,2 Mio. (1995-2010) in der höchsten Qualifikationsstufe kaum zu schmälern.“
(Weidig, Inge 1999: Sektoraler Strukturwandel und Beschäftigungsentwicklung. Die Arbeitslandschaft im Jahr 2010. In: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 11/12.1999, S. 743f.)

Qualifikationsanforderungen

„Ebenso wie der globale Überhang des Potentials über die verfügbaren Arbeitsplätze werden die strukturellen Veränderungen des Beschäftigungssystems tiefgreifende Konsequenzen für die Berufe und Qualifikationsanforderungen haben. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig:

Manuelle und Routinearbeit verlieren zunehmend an Bedeutung
zugunsten komplexer Aufgaben an hochtechnisierten Arbeitsplätzen, flexiblen Fertigungsanlagen und in spezialisierten, beratungsintensiven Dienstleistungen. Dezentralisierung in kleinere autonome Einheiten, Prozess- und Kundenorientierung anstelle von Abteilungsdenken sowie Gruppen- und Teamarbeit mit verteilten Verantwortlichkeiten erfordern auch neue und erweiterte Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf allen Ebenen. Identifikation mit der Arbeit, Handlungs-, Methoden-, Fach- und Sozialkompetenzen sind die ‚Schlüsselqualifikationen‘, die zunehmend gefragt sind und auch in der Ausbildung verstärkt vermittelt werden sollten.

Neue Produktions- und Organisationskonzepte können aber auch zu flacheren Hierarchien führen, indem sie die Mitarbeiterkompetenz und -Verantwortung dezentralisieren Das bedeutet steigende Qualifikationsanforderungen auf mittleren Positionen. Dort, wie auf den Führungsebenen, sind Innovation und Kreativität - gestützt auf Fachwissen und kontinuierliche Weiterbildung - gefragt.

Die mittleren Positionen sind teils Einsatzfeld von (Fach-)Hochschulabsolventen, die sozusagen von oben in potentielle Aufstiegsbereiche von betrieblich qualifizierten Fachkräften vordringen, teils bleiben sie Einsatzfeld und eröffnen in Überschneidungsbereichen, auch Aufstiegsmöglichkeiten für Fachkräfte. Dies insbesondere dann, wenn sie - wie es die neuen Ausbildungsordnungen vorsehen - ihre Aufgaben tatsächlich selbständig planen, durchführen und kontrollieren können. Der Einsatzbereich von Hochschulabsolventen ist im übrigen nicht und war auch nie automatisch die Führungsebene; traditionell besetzen sie die gehobenen Positionen der mittleren Ebene - vor allem in mittleren und größeren Betrieben -, als Lehrer in Verwaltungs-, Rechts- und freien Berufen, in Stabsfunktionen, als Wissenschaftler, Ingenieure usw.“
(Tessaring, Manfred 1996: Wandel der Beschäftigungs- und Qualifikationsstrukturen auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft. In: Schulte, Dieter, Hrsg.: Arbeit der Zukunft, Köln: Bund-Verlag, S. 29f.)

Literatur und Links

Links zum Thema Erwerbstätigkeit

Downloadbare Dokumente

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  • Hartz, Peter et al. 2002: Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt. Vorschläge der Kommission zum Abbau der Arbeitslosigkeit und zur Umstrukturierung der Bundesanstalt für Arbeit, Berlin: Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit. Online-Version
  • Hof, Bernd 2001: Szenarien zur Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B8, S. 20-30. Online Version
  • Kistler, Ernst / Hiplert, Markus 2001: Auswirkungen des demographischen Wandels auf Arbeit und Arbeitslosigkeit. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B3/4, S. 5-13. Online-Version
  • Klauder, Wolfgang 2001: Ende oder Wandel der Erwerbsarbeit? Die hausgemachte Arbeitslosigkeit. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B21, S. 3-7. Online-Version
  • Klemm, K. 1999: Junge Erwachsene ohne Berufsausbildung. Zustandsbeschreibung und Perspektiven. Arbeitspapier 12 der Hans Böckler Stiftung.
  • Klenner, Christina 2002: Geschlechtergleichheit in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B 33-34, S. 17-28. Online-Version
  • Naegele, Gerhard 2001: Demographischer Wandel und „Erwerbsarbeit“. In: Aus Politik und Zeitgeschichte B3/4, S. 3-4. Online-Version
  • Scherrer Käslin, Regina 2001: Auf dem Weg zur „Zweidrittelgesellschaft“. Integrationsprobleme marginaler Bevölkerungssegmente in die moderne Arbeitswelt. Online-Version
  • Schmidt, Simone 2000: Erwerbstätigkeit im Mikrozensus. Konzepte, Definition, Umsetzung, Mannheim: ZUMA. pdf-Datei, 989kb
  • Statistisches Bundesamt 2002a: Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 2002, Stuttgart: Metzler-Poeschel. pdf-Datei, 382kb
  • Statistisches Bundesamt 2002b: Datenreport 2002, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Möglichkeit zum Download

Literatur zur Erwerbstätigkeit

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