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Kunst im öffentlichen Raum – Ein soziologischer Hinweis auf Aneignungsprozesse und den Wandel von Kunst in der Öffentlichkeit

Artikel vom 05.04.2008

Während monumentale Herrschaftskunst oder religiös angelegte Denkmäler und Skulpturen in der frühen europäischen Neuzeit über die eindeutigere und verständlichere Sprache von der Mehrzahl und damit auch von denjenigen, die sich nicht für Kunst interessierten, verstanden werden konnten, löst sich die Kunst über die verstärkt kunstinterne Sprache immer mehr von der öffentlichen Laienkommunikation. Ist Kunst im öffentlichen Raum noch eine Kunst für die Öffentlichkeit? Von Christian Steuerwald

Kunst im öffentlichen Raum – Ein soziologischer Hinweis auf Aneignungsprozesse und den Wandel von Kunst in der Öffentlichkeit

Kunst im öffentlichen Raum begegnet allen. Entgegen dem überwiegenden Teil von Kunstwerken, die sich hinter Türen in Museen, Galerien oder gar hinter verschlossenen Türen im Privatbesitz befinden, ist die öffentliche Kunst auf Marktplätzen, Bahnhofsvorplätzen und in Fußgängerzonen installiert, in Parkanlagen aufgestellt und in die Architektur integriert. Während Museen oder Galerien als Kunststandorte zu verstehen sind, die vorwiegend von denjenigen Personen aufgesucht werden, die sich mit Kunst auseinandersetzen und sich für Kunst interessieren, ist die Kunst im öffentlichen Raum an alle adressiert und für alle sichtbar.1  Sie richtet sich demnach auch an die Menschen, die wenig oder kein Interesse an Kunst zeigen. Damit fordert Kunst im öffentlichen Raum auch von allen Personen spezifische Umgangsweisen heraus, die von schlichtem Desinteresse und einem Nicht- Wahrnehmen über ein kurzes Innehalten bis hin zu einer konkreten Auseinandersetzung wie dem Fotografieren reichen können.

Kunst in der Öffentlichkeit ist aber nicht nur Kunst für die Öffentlichkeit, sondern auch Kunst durch die Öffentlichkeit und damit als Öffentlichkeitsarbeit zu verstehen. Die Kunst dokumentiert historische und soziale Ereignisse, ist an gesellschaftliche Diskurse angeschlossen und eine grundlegende Möglichkeit, die Öffentlichkeit in Szene zu setzen. Über den Anschluss der Kunst an den Sozialraum der Öffentlichkeit zeigen sich jedoch gerade an Denkmälern und Skulpturen Spuren gesellschaftlicher Strukturen, die Hinweise auf eine veränderte Öffentlichkeit geben.

Wie die Geschichte der Öffentlichkeit aufschlussreich zeigt, ist letztere stets als ein sozialer Raum zu verstehen, der für die Allgemeinheit zugänglich ist und der inhaltlich für die Belange reserviert ist, die von allgemeinen Interesse sind und somit alle betrifft.2  So finden sich schon in der griechischen Antike die freien Bürger auf der Agora, dem antiken Äquivalent des Marktplatzes zusammen, um dort über staatliche, philosophische und kulturelle Angelegenheiten zu diskutieren und um sich zu informieren. Dementsprechend sind dort auch Kunstwerke aufgestellt, die an historische Ereignisse erinnern und die auf die Inhalte der Diskurse abgestimmt sind. Das öffentliche Interesse wird somit auch öffentlich über Kunst inszeniert. Analog dazu zeigt sich im 19. Jahrhundert eine Öffentlichkeit, die sich als eine aus dem Bürgertum zusammensetzende, publikumsbezogene Personengruppe versteht und die kulturellen Ereignisse und Staatsangelegenheiten der politisch sich neu formierenden Staaten kommentiert. Dementsprechend finden sich im öffentlichen Raum überwiegend Kunstwerke, die inhaltlich darauf Bezug nehmen wie etwa das Darmstädter Reiterdenkmal auf dem Friedensplatz vor dem Schloss, das den Großherzog Ludwig IV. von Hessen-Darmstadt als Kommandeur der hessischen Divisionen im Krieg 1870/71 zeigt, oder die ebenfalls auf dem Friedensplatz aufgestellte Skulptur eines sterbenden Löwen, die an die Gefallenen und Vermissten des Darmstädter Leibgardistenregiments erinnert. Vor allem die Kunstwerke im öffentlichen Raum aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert dokumentieren eindrucksvoll, wie über Kunst soziale Ereignisse nachgezeichnet werden und wie politische Machteliten über die Kunst Herrschaftsverhältnisse inszenieren, die schließlich als Öffentlichkeitsarbeit und als Regulierung der öffentlichen Diskurse aufzufassen sind. 

Während die Formen und Inhalte der sozialräumlichen Öffentlichkeit in der griechischen Antike und in Deutschland im 19. und im frühen 20. Jahrhundert ähnlich angelegt sind, zeigt sich nach 1945 ein neues Bild. Neben der zunehmenden gesamtgesellschaftlichen Verbreitung neuer Kommunikationsformen wie den Massenmedien und den sozial ungleich verteilten Zugangschancen ändern sich die Inhalte und Themen der Öffentlichkeit und darüber auch die Kunstwerke sowie die Bedeutung von Kunst in der Öffentlichkeit grundlegend. Die Skepsis gegenüber politischen Regimen und Herrschaftsprogrammen und eine Verschiebung hin zu kulturellen und sozialen Themen in den öffentlichen Diskursen wie die sich abzeichnende Freizeit- und Erlebnisgesellschaft gehen einher mit der Vermeidung politisch motivierter monumentaler Herrschaftskunst. So finden sich nach 1945 verstärkt Kunstwerke im öffentlichen Raum, die losgelöst von der politischen Inszenierung den sozialen Raum rein kunstästhetisch ausgestalten. Programmatisch zeigt sich diese Neufindung etwa an der Arbeit „Zwei Figuren in Beziehung” (1952) von Bernhard Heiliger in der Nieder-Ramstädter-Straße.

Neben einer Veränderung der neu aufgestellten Kunstwerke nach 1945 lässt sich der Strukturwandel der Öffentlichkeit auch an den veränderten kulturellen Aneignungsprozessen der Menschen im öffentlichen Raum beobachten. Während die Errichtung des Kaiser Wilhelm I. - Denkmals in Koblenz 1897 noch Unmengen an Besuchern anlockte, das Denkmal über einen pompösen Festakt eingeweiht und zusammen mit den Feierlichkeiten in der Öffentlichkeit breit kommentiert wurden, wird die Errichtung von Kunst im öffentlichen Raum heute weniger aufmerksam verfolgt und auch die öffentlich aufgestellte Kunst  im Allgemeinen weniger wahrgenommen.  Exemplarisch verdeutlichen dies wohl die vielen Menschen, die mit dem Rücken zu einem Denkmal oder einer Skulptur auf den Stufen sitzen, sich unterhalten, essen, trinken oder sich einfach ausruhen. Verantwortlich für die veränderten Umgangsweisen sind neben dem Desinteresse des öffentlichen Publikums und den Gewöhnungsprozessen, die aus den Veralltäglichungen von Neuem resultieren, vor allem die zunehmende Komplexität der Kunstwerke, die das Verständnis erschwert, sowie der veränderte Stellenwert der Kunst. Auch wenn die grundlegende Funktion der Kunst als eine Auseinandersetzung mit der Welt erhalten bleibt und die Kunst weiterhin zu Inszenierungszwecken und einer Imagepflege verwendet wird, wie es  die Skulptur „Große Reux” von Norbert Kricke vor dem Firmengebäude der Wella AG in der Berliner Allee aufzeigt, entspricht die Kunst nach 1945 im zunehmenden Maße nicht mehr den Anforderungen der öffentlichen Sphäre hinsichtlich einer einfachen und allgemein verständlichen Sprache. Während die monumentale Herrschaftskunst oder die religiös angelegten Denkmäler und Skulpturen in der frühen europäischen Neuzeit über die eindeutigere und verständlichere Sprache von der Mehrzahl und damit auch von denjenigen, die sich nicht für Kunst interessierten, verstanden werden konnten, löst sich die Kunst über die verstärkt kunstinterne Sprache immer mehr von der öffentlichen Laienkommunikation.3 Damit ist zu fragen, ob denn die Kunst im öffentlichen Raum noch eine Kunst für die Öffentlichkeit ist. Eine Antwort auf diese Frage hängt schließlich davon ab, inwieweit es Vermittlungsversuchen wie Ausstellungen oder Kunstführungen gelingt, diese kunstinterne Sprache verständlich in den öffentlichen Diskurs einzubinden.    

 

Der Autor: Dr. Christian Steuerwald ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Er ist Mitglied im Großen Konvent der Schader-Stiftung und im Beirat der Galerie der Schader-Stiftung.

Der Beitrag erschien zuerst im Katalog zur 3. gemeinsamen Ausstellung "Skulptur Raum Darmstadt." des Hessischen Landesmuseums Darmstadt und der Schader-Stiftung in der Reihe „Bilder gesellschaftlichen Wandels”.

1) Wie empirische Forschungen über Kunstbesucher immer wieder aufzeigen, ist ein Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Kunstpublikum und dem Publikum der Öffentlichkeit die überdurchschnittlich hohe Bildung der Kunstbesucher. Siehe hierfür etwa Bourdieu, Pierre 2006: Die Liebe zur Kunst. Europäische Kunstmuseen und ihre Besucher. Konstanz: UVK.

2) Siehe vor allem Habermas, Jürgen 1990: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Frankfurt: Suhrkamp sowie Hölscher, Lucian 1979: Öffentlichkeit und Geheimnis. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung zur Entstehung von Öffentlichkeit in der frühen Neuzeit. Stuttgart: Klett-Cotta.

3) Dass die öffentliche Kommunikation nur über Laienkommunikation funktionieren kann und sich darüber wesentlich von Expertengesprächen unterscheiden, haben hinreichend Jürgen Gerhards und Friedhelm Neidhardt herausgearbeitet. Siehe hierfür Gerhards, Jürgen u. Friedhelm Neidhardt 1991: Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit. Fragestellungen und Ansätze. In: Müller-Doohm, Stefan u. Klaus Neumann-Braun (Hg.): Öffentlichkeit. Kultur. Massenkommunikation. Beiträge zur Medien- und Kommunikationssoziologie. Oldenburg: bis.