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Ich sehe was, was Du nicht siehst

Artikel vom 16.04.2015

Marion Eichmann: NEW YORK (Come Rain or Shine) 2014. Copyright: Marion Eichmann

Jeder kennt dieses alte Kinderspiel, das die Zeit vertrieb, wenn man irgendwo mit anderen herumsaß und nichts Aufregenderes zum Spielen hatte, als das, was einen umgab. Der Spielort war in der Regel ein Zimmer. Wie wäre es, wenn es der Stadtraum wäre - der Raum, der als vertrautes Quartier umgrenzte Heimat sein kann, aber auch der Ort sich anbietender vielfältiger Blicke in eine fremde Welt? Von Klaus-D. Pohl

Die Kunst des Sehens

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist ... . Man sucht, was der Andere finden soll. Man schaut sich um und sieht vielleicht etwas vorher noch nie Gesehenes, ein beiläufiges Detail, eine besondere Farbe, eine außergewöhnliche Form, ein merkwürdiges Material. Es sollte aber auch nicht etwas derart Besonderes sein, das sogleich auffällt oder ein Einzeldasein führen könnte, sonst wäre es ja eventuell sofort zu entdecken. Derart motiviert wird man in die Details der Umgebung eintauchen, sie gleichsam optisch scannen, gegebenenfalls systematisch vorgehen, auf jeden Fall konzentriert und voller Neugierde seine Umgebung neu wahrnehmen. Auf diese Weise den städtischen Raum, seine Architektur, seine Atmosphäre, seine Perspektiven und seine Fülle von unendlich vielen Dingen neu zu erleben, kann ein Akt spielerischer Lust sein. Diese Wahrnehmung jedoch mit welcher Methode auch immer festzuhalten, ist Arbeit. Wenn Arbeit und Lust zusammen kommen, handelt es sich im Idealfall um ein schöpferisches kreatives Tun.

In der Ausstellung „Künstlertourist: Urban Views“ geht es um Bilder der Stadt. Die Künstler bieten uns „Urban Views“ in ihren Fotos, Zeichnungen und Installationen. Wir als Betrachter befinden uns nicht in den Straßen von Istanbul, in den Cafés von New York, auf den Kreuzungen Tokyos und vor den Hochhäusern Shanghais. Wir sind nicht bedrängt vom Lärm der Menschen und Autos, den Gerüchen der Abgase und Garküchen, der heißen Sonne oder den kalten Winden. Wir haben uns nicht mühsam auf den Weg machen müssen, um dort hinzukommen, mussten weder Geld ausgeben noch uns mit anderen Sprachen und Sitten auseinandersetzen. Wir stehen bequem und wohl behütet „nur“ vor diesen Bildern und Objekten, in einem stillen Raum, umgeben vom Flüstern und Raunen der Anderen, freundlich beäugt von der Aufsicht - aber mit Lust am Sehen.

Der 1926 geborene britische Kunstkritiker und Schriftsteller John Berger, der für seine politischen und sozialkritischen Aktivitäten bekannt ist und sich zugleich der Kunstgeschichte und vor allem der Kunstrezeption gewidmet hat, vergleicht in seiner 1980 erschienenen zentralen Essaysammlung „About looking“ (deutsch: „Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens“) das Kunstwerk mit einer Wiese, einem „Feld“ der Ereignisse und stellt fest: „Das erste Ereignis führt dazu, dass man weitere Ereignisse bemerkt, die sich möglicherweise aus dem ersten ergeben können oder mit ihm überhaupt nichts zu tun haben, außer, dass sie im gleichen Feld stattfinden. (...) Nachdem man den Hund bemerkt hat, bemerkt man den Schmetterling. Nachdem man die Pferde bemerkt hat, hört man einen Specht klopfen…“ Es ist das Feld, was meinen Weg und meine Art der Wahrnehmung lenkt. Es ist das Bild, so John Berger, das „eine bestimmte Art des Sehens (verkörpert).“

Im Kunstwerk die Stadt anders wahrnehmen

Die Stadt lehrt uns das Sehen, denn in der Stadt müssen wir immer Obacht geben, uns auf nicht vertrauten und selbst auf bekannten Wegen immer wieder neu orientieren, nach oben, nach unten, zur Seite schauen, Zeichen beachten, Veränderungen bemerken, auf andere Menschen Rücksicht nehmen. Die Stadt lehrt uns vor allem das schnelle Sehen, sie fordert rasche Entscheidungen, eine unmittelbare Auswahl. Das Kunstwerk, das Bild oder das plastische Objekt, hängt oder steht still. Es ist das Bild, das uns die Ruhe geben kann, eine unendliche Fülle von Details zu erfassen. Jeder Mauerstein, jedes Schild, jedes Stromkabel, jedes Fenster, jeder Balkon, jede Dachrinne ist erfassbar. Das Sehen kann – nach der künstlerischen Vorarbeit – nun konzentrierter, systematischer geordnet werden.

Wir können aber unseren Blick auch frei und nach Zufallsprinzip schweifen lassen, wir können unseren Vorlieben nachgehen, vor allem können wir unsere Neugierde befriedigen. Niemand würde im normalen Leben die Fassaden offen mit einem Fernrohr abtasten, um einen Blick hinter die Gardinen zu werfen. Vielleicht wird man ermuntert, sich Gedanken über das Leben in diesen Straßen und hinter den Fenstern zu machen, Geschichten zu erfinden, von äußerer Fassade auf das innere Leben zu schließen. Wie kann man hier leben in dieser Überfülle der Dinge und in den anonymen Wohngefäßen der Hochhäuser, in dem Gewusel der Straßen und den überfüllten U-Bahnen? Und irgendwann wird man nach John Berger realisieren: „Das Feld, vor dem Du stehst, scheint dieselben Proportionen zu haben wie Dein eigenes Leben.“ Oder abgewandelt: Das Bild, vor dem Du stehst, setzt sich zu Deinem Leben in Beziehung.

Ich sehe was, was du nicht siehst – das ist das Spiel des Künstlers. Denn was und wie der Künstler sieht, so sehen wir die Welt in der Regel zunächst nicht. Er lässt uns neue Erfahrungen machen, er führt uns auf eine spielerische Suche. In diesem Falle müssen wir nur selbst entscheiden, was wir eigentlich suchen wollen. Das macht das Ganze nicht einfacher. Angenehmer hat es der Wissenschaftler. Er hat seine Methode, sein empirisches und wissenschaftliches Ziel. Ich sehe was ... und weiß dann etwas, sagt im besten Fall der Soziologe, schaut er sich in der Stadt um – oder manchmal auch auf den Bildern.

Der Autor: Dr. Klaus-D. Pohl ist Oberkustos und Kustos für Malerei und Plastik des 19. bis 21. Jahrhunderts am Hessischen Landesmuseum in Darmstadt. Er ist Mitglied im Großen Konvent der Schader-Stiftung und im Beirat der Galerie der Schader-Stiftung.

Der Beitrag erschien zuerst im Katalog der Ausstellung „Künstlertourist: Urban Views", die vom 17. April bis 6. September 2015 in der Galerie der Schader-Stiftung gezeigt wurde.