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Spielplatz Bildung und Ausbildung

Seit ausländische Schüler Mitte der 60er Jahre in die allgemeine Schulpflicht einbezogen wurden, sind sie in dieser Hinsicht ihren deutschen Altersgenossen gleichgestellt. Dennoch kann von tatsächlicher Chancengleichheit im Bildungssystem nicht die Rede sein. Nicht zuletzt die internationalen Vergleichsstudien PISA und IGLU haben mit dem erschreckenden Befund aufgewartet, dass in keinem Vergleichsland die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen derart vom sozialen Status der Eltern abhängen wie in Deutschland.

Literatur

Kaum Unterschiede beim Kindergartenbesuch
Der vermeintlich ausbleibende Besuch eines Kindergartens wird häufig als eine der Ursachen für die zu geringen Sprachkompetenzen von Zuwandererkindern und ihre damit verbundenen Schulschwierigkeiten genannt. Die statistischen Zahlen widersprechen dieser Aussage: Die Kindergartenbesuchsquote ist bei ausländischen Kindern nicht wesentlich geringer als bei den Deutschen und bewegt sich um die 50 %. Dies ist umso erfreulicher, als eine aktuelle Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) belegt, dass Kinder aus sozio-ökonomisch besser gestellten Familien häufiger einen Kindergarten besuchen als Kinder aus niedrigeren Einkommensgruppen. Da Migrantenfamilien häufiger diesen unteren Einkommensschichten zuzurechnen sind, ist der hohe Versorgungsgrad umso überraschender.

Trotz Kostenpflichtigkeit des Kindergartenbesuchs sind also ausländische Eltern in nahezu gleichem Umfang wie deutsche Eltern darum bemüht, ihren Kindern vorschulische Lern- und Förderangebote zukommen zu lassen. Dennoch spielt der Kostenfaktor eine wichtige Rolle: So hat sich im Saarland nach Auskunft des Kultusministeriums der Anteil ausländischer Kinder, die einen Kindergarten besuchen, deutlich erhöht, seit das letzte Kindergartenjahr kostenfrei angeboten wird. Auch der hohe Anteil ausländischer Kinder am vorschulischen Angebot dürfte darauf zurück zu führen sein, dass dieses Schulangebot grundsätzlich kostenfrei ist. Ein weiterer Grund für ihren hohen Anteil besteht darin, dass sie überproportional häufig bei der Einstellung - oft aufgrund von Sprachdefiziten - zurückgestellt werden und der Besuch einer Vorschule dann für sie verpflichtend ist.

Schüler mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen
Im Schuljahr 2003/ 2004 (*) besuchten knapp 12,5 Millionen Schülerinnen und Schüler die allgemeinbildenden und beruflichen Schulen. Davon waren 9,3 % nichtdeutscher Staatsangehörigekeit. Die Anteile von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an der Gesamtschülerschaft sind je nach Bundesland unterschiedlich. In Bremen und Hamburg liegen sie bei 40,7 % beziehungsweise 38,5 %, in Hessen und NRW sind es knapp 32 %, in Baden-Württemberg 29 %, in Rheinland-Pfalz 25 % und in Bayern 22 %. Betrachtet man indes die Schulstatistik, so vergleicht diese ausschließlich die Bildungsbeteiligung und Schulerfolge von deutschen und ausländischen Schülern. Daten zum Migrationshintergrund werden nicht erfasst.

Ausländische Schüler sind an höheren Bildungseinrichtungen unterrepräsentiert
Während im Schuljahr 2002/2003 nur 19 Prozent der deutschen Kinder eine Hauptschule besuchten, lag der Anteil bei ausländischen bei 44 Prozent. Im vergangenen Jahrzehnt ist ihr Anteil an den Hauptschulen jedoch leicht zurück gegangen. Der Besuch des Gymnasiums stagnierte zur selben Zeit: Während diese Schulform von 32 Prozent der deutschen Schüler besucht wird, sind es bei den ausländischen Kindern lediglich 14 Prozent. Bei den Realschulen ist der Abstand nicht ganz so ausgeprägt. Hier hat die Beteiligung ausländischer Schüler im vergangenen Jahrzehnt leicht zugenommen. Ebenso gewachsen ist der Gesamtschulanteil, der bei ausländischen Schülern mit 13 Prozent ohnehin deutlich höher liegt als bei den deutschen Altersgenossen. Wie auch bei den deutschen Schülern lassen sich geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen: Ausländische Mädchen gehen häufiger (38 Prozent) als die Jungen (32 Prozent) auf Realschule und Gymnasium.

Überproportional häufige Einleitung eines Sonderschul-Aufnahmeverfahrens
Seit Beginn der 90er Jahre hat sich der Ausländeranteil an Sonderschulen drastisch erhöht. Bei einem Anteil von 9,8 Prozent an der Gesamtschülerschaft liegt der Anteil ausländischer Schüler an den Sonderschülern bei 16 Prozent und im „besonderen Förderbereich ‚Lernen’“ – früher sprach man von Sonderschulen für Lernbehinderte – sogar bei 19 Prozent. Es lassen sich in dieser Hinsicht große Unterschiede zwischen den Bundesländern feststellen: Den höchsten Ausländeranteil an Sonderschulen hat Hamburg mit 33 Prozent, gefolgt von Hessen mit 26 Prozent und Baden-Württemberg (25 Prozent). Die niedrigsten Anteile haben Schleswig-Holstein (acht Prozent) sowie Rheinland-Pfalz und Bayern mit jeweils 13 Prozent.

Ein Grund für diesen hohen Anteil ist nach Ansicht der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung die häufige Zurückstellung von Migrantenkindern bei der Einschulung. Damit steige das Risiko der so genannten Überalterung von Kindern in der Grundschule, die dann unter der Prämisse alters- und leistungshomogener Gruppen als legitimer Grund für die Einleitung eines Sonderschul-Aufnahmeverfahrens gelte. Mangelnde und fehlende Deutschkenntnisse würden häufig zu generellen Lernschwierigkeiten umdefiniert und nicht als mögliche Ursachen für Lernprobleme erkannt. Zweisprachigkeit werde mehrheitlich ignoriert oder sogar negativ belegt und mit mangelndem Integrationswillen gleichgesetzt.

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Niedrigeres Niveau der Schulabschlüsse
Das Niveau der Schulabschlüsse spiegelt eine tendenzielle Verbesserung in der Schulbildung ausländischer Jungendlicher wider. Während Ende der 70er Jahre noch fast die Hälfte der ausländischen Jugendlichen die allgemeinbildenden Schulen ohne Abschluss verließen, ist dieser Anteil im Schuljahr 2001/2002 auf 19,5 Prozent gesunken. Damit bleibt jedoch noch immer jeder fünfte ausländische Jugendliche ohne Schulabschluss – bei den Deutschen ist es nur jeder Zwölfte.

Bei den ausländischen Schülern dominiert auch weiterhin der Hauptschulabschluss. Während fast 70 Prozent der deutschen Schulabgänger einen mittleren oder höheren Abschluss erzielen, verlassen nur knapp 40 Prozent der ausländischen Jugendlichen die Schule mit einem solchen Abschluss. Besonders drastisch ist der Unterschied zwischen deutschen und ausländischen Schülern in Hinblick auf das Erlangen der Hochschulreife: Jeder vierte Deutsche verlässt die Schule mit dem Abitur; bei den Ausländern ist es nicht einmal jeder Zehnte.

Weiterhin zeigt sich, dass – wie bei deutschen Jugendlichen auch – junge Ausländerinnen im Schnitt höhere Abschlüsse erzielen als männliche ausländische Jugendliche. Deutlich mehr Mädchen erreichen den Realschulabschluss und das Abitur und erheblich weniger verlassen die Schule ohne Abschluss. Gerade junge Migrantinnen zeichnen sich durch eine hohe Bildungsmotivation aus und ihre Eltern sind in hohem Maße bereit, in Bildung zu investieren. Trotz überwiegend niedrigem sozialem Status der Migrationsfamilie ist die Aufwärtsmobilität der jungen Migrantinnen enorm groß.

Schulversagen differiert nach Bundesländern
Betrachtet man die Schulabgänger ohne Abschluss bzw. mit Abitur nach ausgewählten Bundesländern, so zeigen sich z. T. erhebliche Unterschiede. In den Ländern Niedersachsen (26,6 %), Bayern (24,5 %) und Berlin (24,1 %) ist das Schulversagen ausländischer Jugendlicher besonders hoch, während in Nordrhein-Westfalen (14,4 %) und Bremen (14,3 %), wo die Versagensquote generell niedrig ist, auch ausländische Schulentlassene deutlich seltener die Schule ohne Abschluss verlassen. Ob dies an einer insgesamt besseren individuellen Förderung oder an einem generell niedrigeren Leistungsniveau liegt, kann hier nicht geklärt werden. Auch das Abitur erreichen ausländische Jugendliche überproportional häufig in den Stadtstaaten und in Nordrhein-Westfalen. Besonders niedrige Abiturswerte erreichen Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und das Saarland.“ (Integrationsbeauftragte 2005: 38 f)

Rückläufige Beteiligung an der beruflichen Bildung
Die Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird beim Übergang von der Schule ins Ausbildungssystem und in den Arbeitsmarkt fortgesetzt. Die Beteiligung ausländischer Jugendlicher an der Berufsausbildung ist nach einer Verbesserung in den 80er Jahren seit Mitte der 90er Jahre wieder rückläufig. Während die Ausbildungsbeteiligung ausländischer Jugendlicher 1979/80 bei nur 14 Prozent lag, stieg sie 1994 auf 44 Prozent (Deutsche: 70 Prozent) und erreichte damit ihren bisherigen Höchststand. Mittlerweile wird ein neuer Berechnungsmodus zugrundegelegt, weshalb die Zahlen nur bedingt vergleichbar sind. Für das Jahr 2003 wurde eine Ausbildungsquote von 27,1 Prozent errechnet.

schweißen
Als Ursache für den Rückgang der Ausbildungsbeteiligung ausländischer Jugendlicher ist die insgesamt verschlechterte Lage auf dem Ausbildungsmarkt zu nennen. Insbesondere ausländische Jugendliche beginnen mit ihrer Ausbildung in der Regel nicht unmittelbar nach ihrem Schulabschluss. Ihr Weg auf den Arbeitsmarkt ist durch Umwege und Mehrfachdurchläufe gekennzeichnet, die sich leicht zu „Maßnahme-Karrieren“ addieren. 40 Prozent aller ausländischen Jugendlichen bleiben im Anschluss an ihre Schulzeit ohne jede Ausbildung. Hinsichtlich der Ungelerntenquote gibt es erhebliche Unterschiede zwischen ausländischen Männern und Frauen. Trotz ihrer besseren schulischen Leistungen verbleiben etwa zehn Prozent mehr junge ausländische Frauen als Männer ohne berufliche Qualifikation.

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Enges Berufsspektrum ist problematisch
Die problematischere Ausbildungssituation wird durch die Tatsache verschärft, dass ausländische Jugendliche in der Regel auf solche Branchen konzentriert sind, die aufgrund ihrer geringeren Verdienstmöglichkeiten und schlechteren Arbeitszeiten und – bedingungen von deutschen Gleichaltrigen gemieden werden. 43 Prozent aller ausländischen Azubis entfallen auf nur zehn Berufe: 14 Prozent der ausländischen Mädchen lernen Friseurin, elf Prozent Arzt- oder Zahnarzthelferin. Die ausländischen Jungen lernen am häufigsten Kfz-Mechaniker (7,6 Prozent), zehn Prozent lernen Maler und Lackierer sowie weitere zehn Prozent Gas- und Wasserinstallateur.

Bibliothek „Bildungsinländer“ an deutschen Hochschulen unterrepräsentiert
Mit jeder Stufe des Bildungssystems nimmt der Anteil ausländischer Jugendlicher weiter ab. Während an den allgemeinbildenden Schulen noch jeder zehnte Schüler Ausländer ist, so ist es bei den Auszubildenden nur noch jeder Sechzehnte und bei den Studierenden sogar nur noch jeder Dreißigste. Lediglich 26,7 Prozent der ausländischen Studierenden sind dabei Bildungsinländer, also solche Studierenden ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die ihre Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland erlangt haben. An den Studierenden insgesamt beträgt ihr Anteil gerade einmal 3,3 Prozent.


(*) Die verwendeten Daten stammen aus dem Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Berlin, Juni 2005


Literatur


Auernheimer, Georg 2001: Migration als Herausforderung für pädagogische Institutionen. Opladen: Leske + Budrich

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Beuchling, Olaf 2003: Vom Bootsflüchtling zum Bundesbürger: Migration, Integration und schulischer Erfolg in einer vietnamesischen Exilgemeinschaft. Münster [u.a.]: Waxmann, 2003

Empfehlungen der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung: Schule und Migration
01/2004

Gogolin, Ingrid 2003: Förderung von Migranten und Migrantinnen im Elementar- und Primarbereich: Fachtagung am 7. März 2003 in Berlin ; Dokumentation. Berlin [u.a.]: Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration

Gogolin, Ingrid 2000: Migration, gesellschaftliche Differenzierung und Bildung: Resultate des Forschungsschwerpunktprogramms FABER. Opladen: Leske + Budrich

Gültekin, Nevâl 2003: Bildung, Autonomie, Tradition und Migration: Doppelperspektivität biographischer Prozesse junger Frauen aus der Türkei. Opladen: Leske + Budrich

Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS): Migration – Integration – Bildung. Grundfragen und Problembereiche. Für den Rat für Migration herausgegeben von Klaus J. Bade und Michael Bommes

Integrationsbeauftragte der Bundesregierung: Ausführliche Linkliste zum Thema "Bildung und Migration"

Kammerer, Bernd 2004: Migration - Integration - Interkulturelle Arbeit: Chancen und Perspektiven der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (mit Fachbibliografie). Nürnberg

Karakasoglu, Yasemin 2004: Migrationsforschung und interkulturelle Pädagogik: aktuelle Entwicklungen in Theorie, Empirie und Praxis; Ursula Boos-Nünning zum 60. Geburtstag. Münster [u.a.]: Waxmann

Michel, Ute 2001: Nutzung von Kindergärten und Kindertageseinrichtungen durch Migrantenkinder: Hamburg und Altona-Altstadt. Hamburg

Meendermann, Karin 2003: Migration und politische Bildung: Integration durch Information. Münster [u.a.]: Waxmann

Neubauer, Gunter 2003: " ...fremde Jungs?" : interkulturelle Aspekte der Jungenpädagogik - interkulturelle Lebenslagen von Jungen. Tübingen: Neuling

Schliep, Beat. 1999: Von der Zweisprachigkeit zum sozialen Lernen: zur Entwicklung migrationspädagogischer Konzepte in Deutschland seit den 60er Jahren.

taz-Serie "Bildung und Migration"

Wenning, Norbert 2004: Innovationen in der Bildung durch Migration und Globalisierung. Folge, Versprechen, Herausforderung? Münster [u.a.]: Waxmann


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Letzte Änderung: 29.06.2005