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Praxis des Stadtumbaus
„Perforierte Innenstadt“ in Eisleben


Abriss maroder Altbauten, Verbesserung der Wohnqualität in der Innenstadt, Punktueller Neubau


Das Projekt in Bildern: Zur Fotogalerie


Lutherstätten in Eisleben: Abriss und Neubau an sensibler Stelle sollen die Innenstadt touristisch beleben Eisleben Stadtumbau Ost Perforierte Innenstadt
Bereich der Lutherstätten
Eckdaten des Stadtumbaus in Eisleben Einwohnerentwicklung:
Rückgang der Einwohnerzahl zwischen 1990 und 2001 um 20%.
1990: 25.874 Einwohner
2001: 20.771 Einwohner

Ziele des Stadtumbaus:
- „Perforierte Innenstadt“: Verbesserung der Wohnqualität in den verbleibenden Häusern durch Verringerung der Dichte
- Gezielte Förderung der Vorteile innerstädtischen Wohnens
- Rückbau von peripheren Standorten: Asymmetrische Verkleinerung des Stadtkörpers


Die Situation Die Lutherstadt Eisleben liegt im Südwesten des Landes Sachsen-Anhalt und ist Kreisstadt des Mansfelder Landes. Die Hauptursache für den starken regionalen Rückgang der Einwohnerzahl ist der massive Verlust von Arbeitsplätzen mit dem Ende des Kupferschieferbergbaus 1990.

Diese Rahmenbedingungen bestimmen auch die Einwohnerentwicklung in der Lutherstadt Eisleben. Zwischen 1990 und 2001 verlor Eisleben 20% seiner Einwohner, 2001 lebten dort noch knapp 20.000 Menschen. Hauptursache dieser Entwicklung ist der negative Wanderungssaldo von etwa 3.200 Personen in diesem Zeitraum. Während Anfang der 1990er Jahre sowie im Jahr 2000 die Arbeitsmigration in die alten Bundesländer der wesentliche Verlustfaktor war, führte besonders zur Mitte der Dekade die Abwanderung ins Umland zu weiteren Einwohnerverlusten.

Der Wohnungsleerstand stieg zwischen 1995 und Ende 2001 von 7,3% auf 8,7% (von 809 auf 980 WE) an. Einerseits kompensierte die Verkleinerung der durch-schnittlichen Haushaltsgröße diesen Einwohnerrückgang, andererseits ist durch Neubau und die Sanierung von (vorher nicht erfassten) ehemaligen „Abrissobjekten“ seit der Gebäude- und Wohnungszählung 1995 die Zahl der Wohnungen in Eisleben um 310 gestiegen. In innerstädtischen Altbauten stehen nun 560 Wohnungen leer, sie sind meist wegen schwerer Baumängel nicht mehr bewohnbar. An peripheren Plattenbaustandorten stehen weitere 420 Wohnungen leer, hier gelten funktionale und gestalterische Defizite sowie Image-Probleme der Wohngebiete als Ursache.

Das geplante Rückbauvolumen bis 2010 beträgt insgesamt 700 Wohnungen. Im Altbaubereich sollen bis 2010 200 Wohnungen abgerissen werden.

Räumlicher Schwerpunkt des Leerstands im Altbau ist die historische Innenstadt. Mit Mitteln des Programms „Stadtumbau Ost“ wurden in diesem Bereich bis Juni 2004 bereits 60 Wohnungen abgerissen. Diese ausschließlich im „Umbaugebiet Altstadt“ durchgeführten Maßnahmen gehen auf die Initiative einzelner Privateigentümer zurück, aber auch auf Aktivitäten der städtischen Wohnungsbaugesellschaft und der ehemaligen Arbeiter-Wohnungsgenossenschaft.

Der Schwerpunkt des Leerstands im Plattenbau liegt im Quartier Gerbstedter Straße, das in den 1980er Jahren fertig gestellt wurde. Hier sollten nach den Vorgaben des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts der Lutherstadt Eisleben aus 2002 bis zum Jahr 2010 etwa 100 Wohnungen abgerissen werden. Nach Ansicht des Eislebener Baudezernenten wäre an diesem Standort mittlerweile das dreifache Abrissvolumen wünschenswert.
Ein weiterer Schwerpunkt der Rückbauplanungen ist das angrenzende Plattenbaugebiet Helbraer Straße. Dort sollen 140 Wohnungen fallen.


Strategie des Stadtumbaus in Eisleben Die „Schrumpfungsstrategie“ der Lutherstadt Eisleben besteht aus zwei Komponenten. Zum einen wird unter dem Stichwort der „perforierten Innenstadt“ mit der Verringerung der baulichen Dichte gleichzeitig eine Verbesserung der Wohnqualität in den verbleibenden Häusern angestrebt. Zum anderen wird der Rückzug von peripheren Standorten nicht als konzentrischer Schrumpfungsprozess betrachtet, sondern als asymmetrische Verkleinerung des Stadtkörpers von Norden her. Im nördlichen Teil der Stadt liegen Schwerpunkte des Umbaus im Plattenbau. Von dort aus wird ein Rückzug auf die historischen Stadtgrenzen angestrebt, wobei punktuell Reststandorte erhalten bleiben.

Der Stadtumbau in Eisleben begann im Bereich der Altstadt. Das Bestreben, diesen Kernbereich der Stadt zu beleben, findet in der Bevölkerung offenbar Zuspruch. Vor allem aus den jüngeren Plattenbaugebieten ziehen Eislebener in die Altstadt. Aus den älteren Gebieten des komplexen Wohnungsbaus ziehen dagegen deutlich weniger Menschen in die Altstadt, wofür die dortigen, gewachsenen Nachbarschaftsbeziehungen ursächlich sein könnten.

Ein weiterer Grund für das Engagement der Verwaltung im Altstadtbereich ist die Möglichkeit der Kombination der Städtebauförderung mit dem Programm „Stadtumbau Ost“. Dabei wird ein „gewisser Widerspruch“ zwischen den Zielen der Städtebauförderung im Sanierungsgebiet Altstadt (z.B. Schließung von Baulücken) und Stadtumbaumaßnahmen im gleichen Bereich (z.B. Umnutzung nach Abriss) durchaus gesehen. Großer Wert wird daher auf die frühzeitige Einbeziehung der Denkmalschutzbehörden gelegt.

Die „Perforierte Innenstadt“ - Ziele und Projekte Die Stadtverwaltung sieht die Altstadt als den Bereich mit dem größten Aufwertungspotenzial, aber auch als das Gebiet mit dem größten Handlungsdruck. Der Stadtumbauprozess begann mit der Erarbeitung von Stellplatz- und Spielplatzkonzepten, mit denen der ruhende Verkehr neu geordnet, sowie dem Wunsch der Bürger nach mehr Grün- und Freiflächen nachgekommen werden sollte. Der strategische Ansatzpunkt, mit dem ein weiteres „Ausbluten“ der Stadt Eisleben verhindert werden soll, ist die gezielte Förderung der Vorteile des innerstädtischen Wohnens. Nach dem Prinzip der „kurzen Wege“ sollen fußläufig zu erreichende Dienstleistungseinrichtungen für ältere Menschen in der Altstadt konzentriert werden, da dies aufgrund der Bevölkerungsentwicklung (Alterung) für die Stadt Eisleben besonders relevant ist.

Drei bisher im Eislebener Altstadtbereich durchgeführte bzw. begonnene Maßnahmen innerhalb des „Stadtumbaus Ost“ werden im folgenden exemplarisch beschrieben.


Altstadt Eisleben: Bereich Grabenstraße (2002)
In diesem zentralen Bereich der Altstadt wurden 20 Wohnungen in maroder, seit längerem leer stehender Bausubstanz durch den Privateigentümer abgerissen. Dieser nahm das Vorhaben hauptsächlich aufgrund hoher Leerstandskosten und des Verfalls der Gebäude in Angriff. Positiver Nebeneffekt war, dass der notorische Mangel an Pkw-Stellplätzen in diesem eng bebauten Teil der Eislebener Altstadt entschärft werden konnte. Da sich die entstandenen Stellplätze verpachten lassen, ist eine Nutzungsänderung von Seiten des Eigentümers nicht zu erwarten (Abbildung 1).


Altstadt Eisleben: Pilotprojekt Lutherstraße (2003/04)
Diese innerstädtische „Insellage“ war durch eine äußerst hohe Baudichte gekennzeichnet. In den frühneuzeitlichen Handwerkerhäusern war keine den heutigen Ansprüchen gemäße Wohnnutzung mehr möglich. Im Umgang mit diesem stark überbauten Bereich wurde der Leitgedanke der „perforierten Innenstadt“ entwickelt. Diese Pilotprojekts wurde in Kooperation mit dem Verein Haus&Grund Mansfelder Land sowie den Eigentümern des gesamten Quartiers entwickelt. Es konnte eine Reduktion der baulichen Nutzung und eine Neuordnung der Grundstücke erreicht werden. Von Privateigentümern wurden 3 WE, aus dem Besitz der städtischen Wohnungsgesellschaft 1 WE abgerissen.

Die Besonderheit dieses Projekts sind die durch Bauamt und IBA-Büro koordinierten privatrechtlichen Auseinandersetzungs- und Einigungsverfahren, als deren Ergebnis eine nachhaltige Aufwertung der Wohnsituation in den verbleibenden Gebäude möglich wurde. Zum Untersuchungszeitpunkt waren die Abrissarbeiten im Wesentlichen abgeschlossen (Abbildung 2). Der Endzustand des Pilotprojekts ist an einem Modell zu erkennen, das Teil einer Ausstellung im Foyer des Bauamtes Eisleben ist (Abbildung 3, helle Bereiche sind noch zu realisieren).

Altstadt Eisleben: Bereich Hallesche Straße - Lutherstätten
Dieses Stadtumbau-Projekt wird direkt am Stadtring (B180) realisiert. Nach dem Abriss mehrerer Altbauten durch die städtische Wohnungsgesellschaft sowie der Ersteigerung einer Restfläche von einem Privateigentümer soll die entstehende Freifläche zusammengefasst werden. Als Nachnutzung ist der Neubau eines Empfangszentrums der Lutherstiftung geplant. Da das Projekt im Bereich der Lutherstätten liegt, war wegen Konflikten mit den Denkmalschutzbehörden die besondere Moderation des IBA-Büros im Vorfeld der Projektumsetzung notwendig. Das Projekt Lutherstätten ist für den Umbauprozess in Stadt Eisleben bedeutsam, da der Status des historischen Ensembles als UNESCO-Welkulturerbe bewahrt und mit der besseren touristischen Erschließung der Lutherstätten eine weitere Belebung der Innenstadt erfolgen soll.


Künftige Schwerpunkte: Mehr Grün, Flächen für Eigenheimbau Im Sinne des ökologischen Stadtumbaus ist die Weiterführung des „grünen Ringes“ vom Bereich des die Altstadt durchquerenden Stadtgrabens in Richtung Norden geplant. Dabei ist vorgesehen, der Weiterentwicklung des Straßenbegleitgrüns eine stärkere Aufmerksamkeit zu widmen. Weiterhin soll unter Einbeziehung der topographischen Gegebenheiten eine fußläufige Grünverbindung zum „Campo Santo“ (alte Friedhofsanlage) geschaffen werden und am höchsten Punkt des Stadtgebiets, im historischen Annenviertel, ein Aussichtspunkt entstehen. Beim ökologischen Umbau wird die Nachnutzung von Abrissflächen eine große Rolle spielen.

Das Angebot von Flächen für den innerstädtischen Eigenheimbau soll den zweiten Schwerpunkt des künftigen Umbauprozesses bilden. So sollen im Umbaugebiet Raismeser Straße geeignete Standorte für den Bau von Eigenheimen ausgewiesen werden. Dies ist ein älterer Standort des komplexen Wohnungsbaus, der aufgrund seiner Nähe zur Dorflage Helfta und zur benachbarten Eigenheimsiedlung über eine gewisse Lagegunst verfügen soll. Dort wird der Umbauprozess im Jahr 2005 mit dem geschossweisen Teilrückbau von Wohnblocks beginnen.



Die Erscheinung Der Schwerpunkt der in Eisleben bisher durchgeführten Projekte liegt eindeutig auf dem Umbau der Altstadt. Dort besteht auch ein besonderer Handlungsdruck, da der dortige Wohnungsbestand stark überaltert ist und einen hohen Grad an verfestigtem Leerstand aufweist. Andererseits dominieren Plattenbauten aus der DDR-Zeit den restlichen Wohnungsbestand, so dass sich die Eigentumsbildung bisher im wesentlichen außerhalb der Stadtgrenzen vollzogen hat (Suburbanisierung). Aus dieser Notsituation heraus waren neue Formen des Umgangs mit der Altstadt notwendig geworden.

War das Projekt Grabenstraße noch eine reine Abrissmaßnahme (Flächensanierung), so wurde mit dem Pilotprojekt Lutherstraße bereits ein differenzierter Umgang mit der Altbausubstanz sichtbar. So wurden die für den Eislebener Stadtkern identitätsbildende Bedeutung der Gebäudedimensionen überlieferten Raumkanten erkannt.
Durch Moderation des IBA-Büros gelang es, eine konzertierte Aktion von Altstadtbewohnern, Planern und Verwaltung ins Leben zu rufen (Workshop im November 2003 – Pilotprojekt Lutherstraße). Wichtig für deren innovativen Charakter war, einen Gedankenaustausch ohne starres Konzept zu initiieren. Das primäre Ziel bestand in der Formulierung gemeinsamer Interessen.

Die Qualität „gewollter Perforation“ kann beim Pilotprojekt „Lutherstraße“ erst bewertet werden, wenn der Umbau der „Insel“ abgeschlossen ist. Dann wird sich auch zeigen, ob dies ein Modell für den weiteren Stadtumbau in der historischen Altstadt Eislebens sein kann. Ein hoffnungsvolles Zeichen dafür ist, dass sich Teilnehmer des Gemeinschaftswerks „Lutherstadtumbau“ bereits an ähnlichen Projekten in ihrer Stadt beteiligen. Das Gemeinschaftswerk war eine temporäre Einrichtung in Zusammenhang mit dem genannten Workshop und ist deshalb nicht in der Kontaktliste aufgeführt. Anfragen an die DSK/Herrn Graf.

Ziel der „Perforations-Strategie“ ist die Wiederbelebung der Innenstadt. Über deren Erfolg wird letztlich die Akzeptanz der Bürger entscheiden.

Planung und weitere Kontakte Stadtverwaltung Lutherstadt Eisleben, Bauamt
Dezernent: Herr Richter
Klosterstraße 23, 06295 Lutherstadt Eisleben
Tel.: 03475/655 732, Fax: 03475/655 773
E-Mail: bauamt@lutherstadt-eisleben.de

DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH
Regionalbüro Halle/Saale, Herr Graf
Kleine Klausstraße 2, 06108 Halle/Saale
Tel.: 0345/225590, Fax: 0345/2255999

Büro für urbane Projekte
Gottschedstr. 12, 04109 Leipzig
Tel.: 0341/215470, Fax: 0341/2154711
E-Mail: mail@urbaneprojekte.de

IBA-Büro GbR
Gropiusallee 38, 06846 Dessau
Tel.: 0340/6508207, Fax: 0340/6508470
E-Mail: info@iba-stadtumbau.de

Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
Schlossplatz 2, 06295 Lutherstadt Eisleben
Tel.: 03475/6780, Fax: 03475/678131
E-Mail: info@wobau-eisleben.de

Haus und Grund Mansfelder Land e.V.
n. Angaben v. Haus&Grund Sachsen-Anhalt nicht mehr existent

 
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Letzte Änderung: 21.09.2004