 |
Alternde Zuwanderer
Die in Deutschland lebenden Migranten werden in Deutschland älter. Sie kehren, anders als erwartet und anders als sie es selbst wünschten, immer seltener in ihre Heimat zurück, vor allem weil ihre Kinder in Deutschland leben und weil ihre Bindungen in die Herkunftsregion über die Jahre brüchig geworden sind. Das konnten auch jährliche Besuche in der alten Heimat nicht verhindern. Die Bevölkerungsszenarien zeigen deshalb einen kontinuierlichen Anstieg der über 60 Jahre alten Migranten; sie waren in den 1950er und 60er Jahren als Arbeitskräfte angeworben worden. Noch handelt es sich bei den älteren Migranten um so genannte "junge Alte".
Praxisbeispiele und Projekte
Links und Literatur
Älterwerden in der Fremde
Für den Wunsch, auch im Alter in Deutschland zu bleiben, gibt es eine Reihe von Gründen: |
- der Wunsch, bei den Kindern und Enkelkindern zu bleiben;
- der Bedarf an qualifizierter medizinischer Betreuung, die in Deutschland eher gewährleistet zu sein scheint;
- die zunehmende Entfremdung vom Heimatland;
- finanzielle Gründe, wie der Verlust sozialrechtlicher Leistungsansprüche bei Rückkehr (z.B. Leistungen der Rehabilitation und der Pflegeversicherung);
- deutschstämmige (Ehe-)Partner und Partnerinnen;
- politische Ereignisse und Verhältnisse in den Herkunftsländern.
|
Weil manche Migranten über ihre Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, nicht glücklich sind, weil sie immer wieder schwanken, wo sie gerne leben wollen, versuchen sie, in beiden Ländern zu leben, so lange sie mobil sind.
Die Lebenslage älterer Zuwanderer unterscheidet sich von der deutscher alter Menschen in manchen Punkten erheblich. Vor allem der Wandel der Arbeitswelt stellt die Migranten vor Probleme, wenn sie älter werden: Sie wurden von Branchen angeworben, in denen Rationalisierungsprozesse stattgefunden haben (im produzierenden Gewerbe), die nurmehr subventioniert am Leben erhalten werden (Bergbau und Stahl) oder die auf mindere Qualifikation setzen (wie die Baubranche). Hier ist mit der Öffnung der Grenzen im Osten eine neue Konkurrenz entstanden. Das alles hat zum Absinken des Einkommens der ehemaligen Gastarbeiter beigetragen, deren Auskommen im Alter häufig auf niedrigem Niveau liegt.
|
Kulturelle Differenzen des Älterwerdens bei Zuwanderern
Lebenslagen älterer Zuwanderer sind sehr unterschiedlich je nach Herkunftsland. Zuwanderer aus den EU-Ländern haben andere kulturelle Bindungen als türkische. Daraus resultieren unterschiedliche Integrationsformen und Kontakte zur deutschen Bevölkerung. Zuwanderer, die nur kurz in Deutschland gearbeitet haben, haben geringere Renten als die erste Zuwanderergeneration. Die Situation stellt sich für Zuwanderer in Regionen mit hoher Zuwanderung aus demselben Herkunftsland anders - i.d.R. besser - dar als in Regionen mit hoher Dispersion. Die Annahme, bei Zuwanderern sei die Familie noch intakter als bei Deutschen, ist nach Ethnien und Generationen zu relativieren. Zwar leben die Familien der Migranten enger und intensiver zusammen als deutsche Familien, aber das Familienband ist durch die kulturellen Brüche der zweiten und dritten Generation oft stark bedroht.
|
 |
 |
Eigenpotenziale stärken
Zuwanderer sind es gewohnt, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen - wie bei der vielfältigen "Migrantenökonomie" zu sehen ist. Aber sie brauchen dafür den nötigen Raum. Wenn dieser angeboten (oder nicht weggenommen) wird, ergeben sich möglicherweise mehr Lösungsansätze auch für die schwierigen Fragen des Älterwerdens in der Fremde als bei den mit political correctness eingefädelten Projekten "enthnienspezifischer" Altenbetreuung. Eine "Sozialbilanz" der zahlreichen türkischen Schrebergärten im Ruhrgebiet würde sicherlich sehr gut ausfallen.
Das zu ziehende Fazit lautete: Gerade für solche Gruppen, die - noch - über familiale und freundschaftliche Netzwerke verfügen, keine "Sonderprogramme" für bestimmte Problemlagen aufzustellen, sondern darauf zu achten, dass die Nischen erhalten bleiben bzw. für Strukturen zu sorgen, die neue Nischen eigenverantwortlichen Handelns ermöglichen.
nach oben
|
Praxisbeispiele und Projekte
Berlin
"Freizeit(t)räume im Alter" ist ein Projekt von "Ein Haus in Europa" des Heimatmuseums Neukölln, das mit einer Nachbarschaftskonferenz Kooperationen anstiften will.
Alternde Migranten als Thema der Politik
Mit der Frage, was das Älterwerden für Zuwanderer bedeutet, beschäftigt sich die Politik auf verschiedenen Ebenen. Interessanterweise führen hier die Überlegungen weg von der Rentendiskussion hin zu den Fragen des Wohnungs- und Städtebaus, wie die Anhörungsprotokolle der Enquetekommission des Deutschen Bundestags zeigen. Das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung hat nicht nur Studien zur Lebenssituation erstellen lassen, sondern auch besondere "Strategien" zur "Versorgung älter werdender Ausländer" debattiert und Fachtagungen durchführen lassen. Es werden Modellprojekte gefördert wie "Deutsche und Ausländer gemeinsam: Aktiv im Alter", ein Projekt in Düsseldorf. In Untersuchungen wird hervorgehoben, dass sich das Problem des Älterwerdens für Zuwanderer in noch größerer Schärfe darstellt als für deutsche. Daher beschäftigen sich mit dieser spezifischen Thematik jetzt auch die kirchlichen Wohlfahrtsverbände und die Träger sozialer Dienste.
Initiative drittes Lebensalter: ein Modellprojekt in Mannheim
Im Mittelpunkt des Modellprojekts in Mannheim soll die "selbstbestimmte Integration und das fruchtbare Nebeneinander verschiedener Kulturformen" stehen. Die Altenhilfe wird in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten zunehmend mit alten Menschen aus der ersten Arbeitsmigrantengeneration konfrontiert sein. Die offene Altenhilfe muss dort, wo die ausländischen Menschen leben, Angebote machen, die für sie und ihre ethnische Lebenswelt annehmbar sind.
Das Projekt hat folgende Ziele:
|
- Vorhandene Ressourcen werden aufgespürt und nutzbar gemacht. Dies bezieht sich sowohl auf Fähigkeiten als auch auf die ideelle Vorbereitung auf das Alter.
- Ethnisch geprägte Altersmuster sollen gefunden und dokumentiert werden.
- Zugangsbarrieren zu den verschiedenen Bereichen der Altenhilfe werden aufgespürt, und es werden Wege gesucht, diese zu beseitigen.
- Adäquate Maßnahmen werden entwickelt, die der besonderen Situation der älteren Ausländer gerecht werden und für diese Zielgruppe attraktiv sind.
- Integrative Konzepte zur Öffnung bestehender Altenangebote werden entwickelt.
- Selbsthilfestrukturen werden aufgebaut; beispielsweise nach dem Modell der Seniorengenossenschaften.
- Räume und Gelegenheiten werden geschaffen, die Begegnung zwischen deutschen und ausländischen Senioren ermöglichen.
- Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit werden entwickelt, die die Situation der alten Arbeitsmigranten thematisieren und Sympathie transportieren.
|

Interkulturelle Öffnung des Kleingartenwesens
Das Pilotprojekt "Interkulturelle Öffnung des Kleingartenwesens in Hannover" (erreichbar über den Menüpunkt "Interkulturelles") wurde vom 01.12.2001 bis zum 31.05.2003 in der Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Hannover-Stadt e.V. in Zusammenarbeit mit dem Referat für interkulturelle Angelegenheiten und dem Fachbereich Umwelt und Stadtgrün der Landeshauptstadt Hannover sowie unter Einbeziehung des Bezirksverbands Hannover der Kleingärtner e.V. durchgeführt.
Mit der Projektkonzeption reagierten die Verantwortlichen auf die aktuelle Situation in den Kleingartenvereinen und entwickelten ein entsprechendes Beratungsmodell mit folgenden Schwerpunkten:
|
- Zuwanderer sollten verstärkt als neue Interessentengruppe für die Bewirtschaftung von Kleingärten gewonnen werden.
- Die Vorstände der Kleingartenvereine sollten dahingehend beraten und interessiert werden, sich (weiter) interkulturell zu öffnen und sich dem Fremden gegenüber aufgeschlossen zu zeigen.
- Konstruktive Dialoge zwischen Vereinsvertretern und Zuwanderern sollten mit dem Ziel einer real gelebten Integration in den Vereinen initiiert werden.
|

Stiftungsdorf Gröpelingen - Bremen
Mittelpunkt des Stiftungsdorfes bilden 58 Wohnungen für ältere Menschen, die Wohnen mit Service anbieten. Außerdem werdem 13 Wohnungen für ältere muslimische Migranten eingerichtet, die mit der Möglichkeit, der Versorgung und Betreuung in der Nähe ihrer häufig im Bremer Westen ansässigen Familien leben können.
|
|
 |