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Zuwanderer auf dem Land - Historische Formen der Migration

Artikel vom 20.04.2007

Migration im ländlichen Raum ist kein Phänomen ausschließlich jüngeren Datums. Zu allen Zeiten hat es größere und langfristig wirksame Wanderungsbewegungen auf dem Land gegeben, die, ebenso wie heute, unterschiedlich motiviert waren.

Der Wandernde, der Fremde

„Der Wandernde, der heute kommt und morgen geht“ (Simmel)
Zu den Fremden, die kamen und wieder gingen und die Bestandteil alltäglicher Erfahrung waren, gehörten die Händler, Reisenden, Hausierer und Vaganten. Dieser Wanderungstyp ist im Lauf des 20. Jahrhunderts nahezu verschwunden.

„Der Fremde, der heute kommt und morgen bleibt“ (Simmel)
In historischer Perspektive wird Migration vom 16. bis 18. Jahrhundert vor allem mit Krieg und Religionsverfolgungen in Verbindung gebracht. Als drittes Wanderungsmotiv ist aber die historische Arbeitsmigration von nicht zu unterschätzender Bedeutung, die im 19. Jahrhundert in veränderter Form neben der politisch motivierten Migration von Bedeutung blieb. "Das Land, die dörfliche Kultur, war [deshalb, d. Verf.] nirgends und zu keiner Zeit ein homogener, geschlossener Horizont." (Köhle-Hezinger, 1999)

Kriegsbedingte Migration

Kriege, hier insbesondere der Dreißigjährige Krieg, dezimierten die Bevölkerung schlagartig und hatten die Zerstörung und Entvölkerung ganzer Landstriche zur Folge. In diese Gebiete gelangten Fremde und ließen sich dort nieder. Die Folge war ein Bevölkerungsaustausch bzw. ein „Völkergemisch“, aus dem neue Kulturen hervorgingen.

Migration aufgrund religiöser Verfolgung

Die religiösen Verfolgungen des 16. bis 18. Jahrhunderts waren nicht selten gleichzeitig auch Geschichten der Wirtschaftsmigration. Denn diejenigen Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihres von der Landesherrschaft abweichenden Glaubens vertrieben wurden, wurden andernorts wegen ihrer zum Beispiel handwerklichen Fähigkeiten sehr geschätzt und zur Ansiedlung angeworben. Beispielhaft dafür steht die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich und deren gezielte Ansiedlung in Preußen. Andere religiöse Gruppierungen, wie die Wiedertäufer oder Angehörige protestantischer freikirchlicher Bewegungen, wanderten bevorzugt in die „Neue Welt“ aus, die Freiheit des Denkens und Glaubens versprach.

Arbeitsmigration

Eine der ältesten Formen der Arbeitsmigration ist die Gesellenwanderung in den Handwerkerberufen. Ebenfalls von hoher Bedeutung waren Saisonwanderungen, die sich über ganz Europa erstreckten. So rekrutierten sich zur Napoleonischen Zeit die so genannten „Hollandgänger“ aus Westfalen, die jährlich an die Nordsee zogen, um in Torfgruben und der Landwirtschaft zu arbeiten. Dem Prinzip der Kettenmigration folgend, zogen ehemalige Saisonarbeiter, die sich in den prosperierenden Regionen niederließen, weitere Landsleute nach.

Saisonal wandernde Arbeitsmigranten waren nicht nur Männer jeden Alters oder junge Frauen, sondern auch Kinder. Der Film „Schwabenkinder“ von Jo Baier (D/AU 2003) zeigt beispielsweise die jährliche Wanderung von Bergbauernkindern aus Tirol über die Alpen ins Schwäbische. Auf dem Ravensburger Markt wurden diese Kinder für die jeweilige Saison an Bauern verkauft, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. Diese Arbeitsmigration der „Schwabenkinder“ gab es von Beginn des 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Politisch und wirtschaftlich motivierte Migration im 19. Jahrhundert

Im Zuge der Revolutionen und der Bildung europäischer Nationalstaaten entstand der Typus der politisch motivierten Migration; in der Regel handelte es sich dabei um Emigration.

Die Arbeitsmigration des 19. Jahrhunderts war von Industrialisierung und rapidem Bedeutungswachstum der Städte geprägt. Die Technisierung der Landwirtschaft ließ weite Teile der Landbevölkerung mit geringerem Besitz verarmen. Landflucht auf der einen und Emigration auf der anderen Seite waren die Folge. Im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg verließen rund 50 Mio. Menschen Europa (Sassen, 2000).

Folgerungen

Nach Boos-Krüger (2005) sind diese Migrationserfahrungen im ländlichen Raum von erheblicher Bedeutung, „weil sie deutlich machen, dass

  • unterschiedlichst motivierte Wanderungen und Massenwanderungen die wechselvolle Geschichte in der Staatenbildung Europas prägen,
  • kollektive Erfahrungen in der Bevölkerung des ländlichen Raumes mit Wanderungsbiographien selbstverständlich sind,
  • die einheimische Bevölkerung von jeher über eigene Migrationserfahrungen in der Weise verfügt, dass in ihrer Familiengeschichte Angehörige in fremde Regionen abwanderten,
  • die Landbevölkerung damit umgehen musste, dass Fremde aus anderen Regionen und Nationen in ihren Sozialraum einwanderten,
  • die Migration gesellschaftspolitisch und geistig von der einheimischen Bevölkerung unterschiedlich erfasst, bewertet und verarbeitet wurde, je nachdem, worin die Ursache der Migration (Bedrohung durch Kriege, Vertreibung oder wirtschaftliche Gründe) lag.“

Literatur

Boos-Krüger, Annegret: Sozialräumliche Integration von Zuwanderern in Klein- und Mittelstädten des ländlichen Raumes. Annäherung an ein neues Forschungsgebiet. In: Schader-Stiftung, Deutscher Städtetag, GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, Deutsches Institut für Urbanistik, Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft und Stadt- und Regionalentwicklung GmbH an der Ruhr-Universtität Bochum (Hrsg.): Zuwanderer in der Stadt. Expertisen zum Projekt. Darmstadt 2005. S.407-444

Duvigneau, Hans-Jörg: Französischer Bürgersinn in deutschen Städten. Die Hugenotten in Deutschland. In: Stadt. Zeitschrift für Wohnungs- und Städtebau. 3/1985. S. 3-7 und 56-62

Köhle-Hezinger, Christel: Europa - eine Chance für ein neues Verständnis von Heimat. (Vortrag aus dem Jahr 1999)

Sassen, Saskia: Migranten, Siedler, Flüchtlinge. Von der Massenauswanderung zur Festung Europa. 3. Aufl. 2000. Frankfurt a.M.: Fischer