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Zuhause in der Stadt - Betrachtungen eines Großstadtmenschen

Artikel vom 25.08.2008

Was macht Urbanität aus? Ein literarischer Beitrag über die individuelle Wahrnehmung des Zuhauseseins in der Stadt am Beispiel Berlins. Von Matthias Zschokke

1.

Vortrag anlässlich der Konferenz „Zuhause in der Stadt“ am 17. und 18. Juni 2008 in Darmstadt

Berlin zur Zeit des Mauerfalls: „… Was für eine besänftigende Stadt, mit Häusern so grau, dass kein Neid darauf entstehen kann, einem Himmel so einerlei bedeckt und verhangen, dass kein Neid darauf entstehen kann, mit blassen Menschen, so still und trüb, dass kein Neid auf sie entstehen kann, mit Autos so ernst und schwer, mit Wochenmärkten so verregnet und verhüllt, dass kein Neid auf sie entstehen kann, mit nassem, märkischem Sand darunter und verrußten Backsteingebäuden darauf, um die sie niemand beneidet, mit schmierigen Kanälen und triefenden Büschen, mit verdreckten Schwänen und zertretenen Schnecken, mit grobschlächtigen Senatoren und teigigen Schauspielern, mit tumben Tenören und welken Ballerinen aus Russland, um die sie niemand beneidet, mit geteerten Umfahrungsstrassen, mit denkmalgeschützten Steuerämtern und glitzernden Schrottplätzen, die ihr jeder gerne gönnt, mit auswurfsgrünen Kontaktbereichsbeamten, die einsam, nass und ohne Neid zu erwecken durch Ausfallstrassen streunen, was für eine friedfertige Stadt, die uns jeder gerne lässt, die auch wir jedem gern überlassen, um die es keinen Zank und keinen Streit gibt, die jeder jedem gerne lässt, wo jeder selig träumt und gedankenverloren seiner Wege geht, wo die Einwohner Freude haben, einander jeden Morgen wiederzusehen, und glücklich sind über jeden, der am nächsten Morgen noch da ist, der nicht weggezogen ist über Nacht, wo wir über endlose Industriestrassen wandern, Heidestrassen, staunend über die Ausmaße und Verlorenheit, über das öde Monument, wo wir die triefende Wüste ins Herz schließen, die niemandes Eifersucht weckt, die ewig flache Stadt, die keinen Anfang hat und kein Ende, so großporig, so einfach, so geradeaus …“

2.

Ich bin in einem Schweizer Bauerndorf aufgewachsen. Es lag am Ufer eines Flusses. Alle paar Jahre einmal wurde eine Leiche angeschwemmt. Das bot Gesprächsstoff für die langen Abende. Es gab einen Bach mit Blutegeln drin, Wiesen mit Kühen, Apfel- und Kirschbäumen drauf, es gab Schweine, Hühner und Schafe, und im Frühling, das war fast das schönste, gab es manchmal eine Maikäferinvasion.

Wenn man einander begegnete, grüßte man, möglichst mit Namen. Der Gruß klang wie eine Art Muhen (grüessech). Im Winter lag Schnee, der Feuerwehrteich fror zu, manchmal sogar der Fluss, wir liefen darauf Schlittschuh, man fuhr Schi und Schlitten, im Sommer war es heiß, im Nachbardorf gab es eine Badeanstalt, die Bremsen stachen.
Mit siebzehn kam ich in die Stadt, nach Zürich. Dort gab es Bars, an deren Tresen man sich stellen konnte, um Kaffee mit Schnaps zu trinken. Das fand ich aufregend. Das Getränk hieß Kaffee Lutz und wird heute wahrscheinlich nicht mehr unter diesem Namen angeboten.

3.

1980 zog ich nach Berlin. Das war ein Schock. Meiner Meinung nach musste eine Stadt zu Fuß zu erkunden und von engen Gassen durchzogen sein, es musste in ihr bergauf und bergab gehen und vor Menschen wimmeln. Gerade Linien durften nicht vorkommen, Häuser hatten sich voneinander deutlich zu unterscheiden. Die Strassen hatten von kleinen Läden gesäumt zu sein, von Restaurants und Cafés. Alles musste brodeln und pulsieren. Nach dem Kinobesuch musste man um die Ecke gehen, sich an einen Tresen stellen und einen Kaffee Lutz trinken können.

Das war in Berlin alles nicht der Fall. Die bleigrauen Strassen zogen sich endlos hin, geradeaus, flach. Mietskasernen standen links und rechts, große Lücken klafften dazwischen. Da und dort funselte das Reklameschild einer Eckkneipe, Namen wie „Zum Magendoktor“, „Gießkanne“, „Traditionsgasthaus Kaputter Heinrich“, „Kaffeeklappe“, „Trümmerlotte“. Aus den Türen roch es vergoren und klang dumpf heraus. Die Distanzen von einem Bezirk zum nächsten waren schier unüberwindbar, riesige Brachen lagen dazwischen. Wenn man ins Kino wollte, fuhr man oft eine halbe Stunde lang mit der U-Bahn oder im Bus. Die ganze eingemauerte Ansammlung von Häusern hatte etwas Endzeithaftes, Aufgegebenes. Ich glaube nicht, dass damals städteplanerisch noch irgendwelche Ambitionen verfolgt wurden; man verwaltete den Niedergang.

4.

Eine Attraktion ist Berlin auch heute noch nicht. Zwar haben sich da und dort urbane Zellen gebildet. Elegante Menschen halten Handys ans Ohr, reden im Laufen, mit wehenden Mänteln, und trinken dazu heißen Kaffee aus Pappbechern. Doch kaum biegen sie um die Ecke, verlieren sie sich in der Leere. Die Stadt trägt im Sommer nach wie vor lieber kurze Hosen, fleischwurstfarbene Socken und Sandalen. Ihre Beine sind lang, weiß und teigig. Im Winter trägt sie einen senfgelb gesprenkelten Anorak. Nach dem Fall der Mauer ist sie zudem noch ausgelaufen. Sie fängt überhaupt nirgends mehr an, hört nirgends mehr auf, und eine Mitte, ein Zentrum hat sie schon gar nicht. Ein Covent Garden fehlt ebenso wie eine Scala oder ein Louvre. Die Häuser mit Geschichte wurden zerbombt oder abgerissen, andere nach dem Krieg neugestaltet. Man schlendert deswegen ohne großen Respekt in die Kulturstätten hinein – und wird dafür von der gebotenen Kunst inzwischen manchmal umso mehr überrascht. Was für Abende! Schauspieler wie Diamanten, Sängerinnen wie Mondsteine, herrlich! Oder eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof, das verstaubte Naturkunde-, das Bode-, das Pergamonmuseum, die ganze Museumsinsel überhaupt, alles ist einfach so da, geöffnet, ohne langes Anstehen und Vorbuchen zu haben; parallel dirigieren Abbado, Barenboim – oder so aufregende Musiker wie Sir Simon Rattle, Schoenwandt, Maazel –, der eine in der Philharmonie, der andere im Konzerthaus – und das Tollste daran ist: Nichts von alledem muss man gesehen oder gehört haben. Allein die Tatsache, dass man es könnte, erfüllt einen mit Zuversicht.

5.

Seit etwa zwanzig Jahren wohne ich in einem Charlottenburger Mietshaus aus der Gründerzeit. Als ich einzog, gehörte es einer Frau, die in Westdeutschland lebte. Nachdem sie sich aus Altersgründen nicht mehr darum kümmern mochte, schenkte sie es ihrem Sohn, der es gleich nach dem Mauerfall an einen Spekulanten verkaufte. Die Miete stieg innerhalb der letzten zehn Jahre um hundert Prozent. Von den früheren Nachbarn lebt außer mir nur noch eine Frau darin. Die anderen zogen nach und nach weg, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Auch ich suche seit einem Jahr nach etwas kleinerem, preiswerterem. Obwohl ich keinerlei Kosten verursacht habe in den zwanzig Jahren – nicht eine einzige Reparatur oder Instandsetzung verlangte ich vom Hausbesitzer –, stieg die Miete jährlich um zehn Prozent, was für mich schwer zu kapieren ist. Seit einem Jahr stehen im Haus vier Wohnungen leer. Sie sollen nicht mehr vermietet sondern verkauft werden.

Angenehm ist, dass die neuen Nachbarn tagsüber selten zu Hause sind, da sie dann in Anwaltskanzleien, Kliniken und an Hochschulen das Geld für die Miete verdienen. Abends, wenn sie nach Hause kommen, sind sie müde und machen wenig Lärm. Sie gehen früh zu Bett und stehen zeitig auf. Das Treppenhaus halten sie sauber.

6.

Früher war das anders. Da lebten Arbeitslose in den Wohnungen, ewige Studenten, Taxifahrer, die Nachtschicht schoben, Teilzeitlehrer, eine Blumenhändlerin … Einer wurde manchmal laut und fluchte unflätig, ein anderer schlug seine Frau, die oft Schweinebraten und Kohlrouladen zubereitete. Im Treppenhaus roch es meistens garstig. In den Wohnungen wurden Katzen und Hunde gehalten. Manchmal lag ein Betrunkener im Flur. Manchmal übernachtete auf dem Dachboden ein Obdachloser. Wir hatten einen Hauswart, der sich recht und schlecht um all das kümmerte. Er hatte Alkoholprobleme und war überzeugt davon, dass die Drogensüchtigen und die Polaken für das ganze Elend verantwortlich waren.

Der Hauswart wurde eines Tages ersetzt durch eine Firma namens Cityclean. Er starb kurz danach an Kummer und übermäßigem Alkoholgenuss. Seine Wohnung wurde renoviert und zum doppelten Preis an ein junges Ehepaar vermietet. Einmal in der Woche kommt ein sehr groß gewachsener Ukrainer und saugt mit einem sehr kleinen Staubsauger das Treppenhaus sauber.

Nicht nur in unserem Haus wurde diese Mieterbereinigung durchgeführt, sondern überall in der Strasse. Gerade wieder ist ein ganzes Gebäude entmietet worden und wird momentan saniert. Es ist ruhiger geworden um den Block. Da tagsüber kaum noch Menschen in den Häusern und auf der Strasse sind, trauen sich neuerdings seltene Vögel ins Revier und setzen sich vor meinem Fenster aufs Balkongeländer.

7.

Am Straßenrand parken seit ein paar Monaten zwei Jaguars. Der eine gehört einem neuen Mieter aus unserem Haus. Als ich ihn einmal aussteigen sah, sagte ich lachend, seit meiner Jugend träume ich davon, einmal in einem Jaguar zu sitzen. Er versprach mir lachend, mich am Wochenende auf eine Spritztour mitzunehmen. Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen.

Es macht Freude, in unser Haus zu treten und über den neuen, roten Läufer zur Wohnung empor zu schreiten. Wer einem begegnet, grüsst. Die Gesichter sind mir fremd; die Mieter wechseln häufig. Doch alle sehen gepflegt aus und riechen gut. Sie scheinen wie ich die Sonnenseite des Lebens der schattigen vorzuziehen. An einer Eingangstür nach der anderen wurden Sicherheitsschlösser mit Querstangen und Riegeln montiert. Auch ich ließ mir vor einem halben Jahr so ein Stangenschloss einbauen.

Ich wohne jetzt in einem ordentlichen, sicheren, gepflegten Haus. Nur im Keller ist es unheimlich. Seit einiger Zeit steht dort der Boden unter Wasser, und der Pegel steigt ganz langsam. Das habe mit der Klimaerwärmung zu tun, heißt es.

8.

Wenn irgendwo an einer Geburtstagsfeier oder bei einer Vernissage die Sprache auf die steigenden Mieten in Berlin kommt, erklärt man mir, dass sie in London, Paris oder Zürich sehr viel höher seien und deswegen selbstverständlich auch in Berlin drastisch angehoben werden müssten. Niemals ist mir in London, Paris oder Zürich passiert, dass man dort an einer Geburtstagsfeier oder bei einer Vernissage sagte, die Mieten in Berlin seien sehr viel niedriger, weswegen sie nun in London, Paris oder Zürich ebenfalls drastisch gesenkt werden müssten.

Leute wie ich, die nicht genug Geld verdienen um in ordentlichen, sicheren Häusern leben zu können, ziehen in Quartiere, wie vor fünfundzwanzig Jahren die meisten in Berlin ausgesehen haben, graue, öde Viertel mit dunklen, feuchten Wohnungen und schlechter Infrastruktur. Noch sträube ich mich dagegen zu akzeptieren, dass mein zukünftiges Umfeld so aussehen soll. Ich schaue mir die Wohnungen zwar an, wende mich aber vorläufig empört von ihnen ab. 

Beim Suchen habe ich interessante Entdeckungen gemacht. Beispielsweise wird im Immobilienteil der Zeitungen eine auffallend große Anzahl von Wohnungen angeboten, die 444 Euro kosten. Ich habe erfahren, dass in Berlin Paaren, die Hartz-IV beziehen, die Miete bis maximal 444 Euro erstattet wird. Wer teurer wohnt, muss ausziehen. Umgehend haben die Vermieter darauf reagiert. Wohnungen, die sie nicht loskriegen, bieten sie für 444 Euro an, weil Hartz-IV-Empfänger keine Wahl haben und nehmen müssen, was sie kriegen – und weil dann die Miete garantiert überwiesen wird, da sie vom Amt kommt. Wer keine Hartz-IV-Empfänger in seinem Haus haben will, setzt die Mieten grundsätzlich höher an als 444 Euro. Noch andere Entdeckungen habe ich gemacht, doch will ich Sie nicht weiter langweilen mit meinen Wohnungssuch-Feldforschungs-Ergebnissen. Schon Dostojewskij schrieb in seinen „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“: Man sagt mir, das Petersburger Klima sei mir schädlich und Petersburg für meine kümmerlichen Mittel viel zu teuer. Offenbar ist das Phänomen altbekannt: Nicht jeder kann es sich leisten, in der Stadt zu wohnen.

9.

Schreiben tue ich von Anfang an in einem alten Weddinger Fabrikgebäude am Nettelbeckplatz. Es sollte in den achtziger Jahren abgerissen werden. Man behauptete, es sei einsturzgefährdet. Mit diversen Gegengutachten schafften wir Mieter es, den Abriss zu verhindern. Das Gebäude wurde instand gesetzt und steht heute noch felsenfest auf seinem Fundament.
Der Wedding ist ein Bezirk, dem besonders übel mitgespielt wurde. Früher war er unter dem Namen der Rote Wedding ein Begriff. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von den westlichen Alliierten planiert, weil man die Kommunisten mit Stumpf und Stiel ausrotten wollte.  Das ist gelungen. Heute ist der Bezirk eine trostlose Einöde. Keine stolze, selbstbewusste oder pittoreske Armut, kein multikultureller Charme herrscht in den Strassen; Türken wie Deutsche leben von derselben Sozialhilfe und scheinen gleich wenig Grund zum Lachen zu haben.
Ich schreibe seit 1980 in dieser Fabrik. Als jungem Neuzuzügler aus der Schweiz kam mir die Armut abenteuerlich vor. Es regnete in die Räume hinein, die Türken waren exotische Gastarbeiter und glaubten an eine Zukunft im reichen Deutschland. Sie mieteten heruntergekommene Ladengeschäfte und verkauften Kebab vor wandhohen Fototapeten mit Tiroler Gebirgslandschaften drauf. Alles war improvisiert. Die Westberliner Boheme mied das Quartier. Anstatt dort hinzufahren könne man sich ja gleich aufhängen, hieß es; „Wedding?!“ rief man und gab dazu Würggeräusche von sich.

In der Fabrik war schon damals eine Moschee untergebracht und ein türkischer Gemüsegroßmarkt. Die Moschee stand im Verdacht, von den Grauen Wölfen betrieben zu werden, einer fundamentalistischen Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Die Türken, die sie aufsuchten, ignorierten mich. Nur wenn es sich gar nicht vermeiden ließ, grüßten sie, dann aber mit einer irritierenden Mischung aus Untertänigkeit, Misstrauen und Herablassung. Das hat sich bis heute nicht geändert. Der Gemüsehändler grüßt mich nur in unausweichlichen Situationen – wenn wir aufeinander zugehen in der Tordurchfahrt zum Beispiel. Dann sagt er mit einem provokant süßlichen Unterton „Hallo Chef“, dazu schaut er mich an, als würde er mir am liebsten eine reinhauen. Ich antworte mit maskenhaftem Lächeln „Guten Tag“ und würde ihm am liebsten ebenfalls eine reinhauen. Ich weiß nicht, warum das so ist. Wir sind niemals aneinander geraten und könnten uns eigentlich längst miteinander solidarisieren gegen Mieterhöhungen und andere Anfeindungen des Alltags.

Von dieser Animosität abgesehen habe ich das Gefühl, ich habe dem Nettelbeckplatz gut getan. Eine dumme Eitelkeit, ich weiß, und doch bilde ich mir ein, allein dadurch, dass ich seit über fünfundzwanzig Jahren regelmäßig diesen Ort aufsuche und die Illusion am Leben erhalte, daran noch nicht verzweifelt zu sein, gibt den Anwohnern in der unmittelbaren Umgebung einen gewissen Halt und Zuversicht. Sie sehen einen, der sich bis heute noch nicht dem Suff ergeben hat, der noch einigermaßen senkrecht steht, der diese Ecke offenbar erträglich findet, der sogar täglich seinen Kaffee trinkt im von Jahr zu Jahr grotesker aussehenden Café am Platz. (...)

10.

Wir kennen einander alle vom Sehen, ignorieren uns aber hartnäckig. Und doch bin ich felsenfest davon überzeugt, einen befriedenden Einfluss auf diesen soziologischen Mikrokosmos auszuüben. Ich habe einen versöhnlichen Charakter, bin geradezu harmoniesüchtig und neige nicht zu Fremdenhass, im Gegenteil: Dass es mir nicht gelingt, mit den Türken in meiner Fabrik ein herzliches Verhältnis aufzubauen, plagt mich. Ich würde gern mit einem Salam aleiküm begrüßt und würde gern mit einem Aleiküm salaam darauf antworten.

Davon unabhängig ist das Klima am Nettelbeckplatz inzwischen – ich bilde mir ein, dank mir – so ausgeglichen, dass Neuberliner durchaus mit dem Gedanken spielen, hierher zu ziehen. Im Grunde genommen ist die Adresse nämlich gar nicht schlecht, seitdem die Mauer weg ist. Die Anbindung an U- und S-Bahn ist gut. Die Immobilienpreise ziehen kräftig an. Das Fabrikgebäude, das vor zwanzig Jahren abgerissen werden sollte, ist vor einem halben Jahr von einem Hamburger Millionär erworben worden. Tausendzweihundert Quadratmeter stehen inzwischen leer und werden als „attraktive Gewerberäume in zentraler Lage“ zur Miete angeboten. 

11.

In Basel wurde vor ein paar Jahren ein neues Hotel eröffnet. Die Betreiber hatten sich zum Ziel gesetzt, es kostensparend zu bauen, so dass die Zimmerpreise möglichst niedrig gehalten werden konnten. Die Räume waren nur gerade mit dem Notwendigsten ausgestattet. Klare, große Kuben mit wandhohen Fenstern, der Boden nackter Estrich, die Wände nackter Beton. Ausgestattet waren sie mit einem einfachen Tisch nebst Stuhl, einem guten Bett und einer schrankartig gemauerten Nische für Koffer und Kleider. Das Badezimmer war nur gestrichen und von asketischer Klarheit: Eine helle, geräumige Zelle mit einem Handwaschbecken und einem Spiegel und einer großen Ablage. Ein Drittel des Raums ließ sich durch einen Vorhang abtrennen, dort hatte der Boden leichtes Gefälle mit einem Abfluss an der tiefsten Stelle, oben ragte ein mächtiger Duschkopf aus der Decke.
 
Ich war begeistert von dem Konzept und stieg immer, wenn ich in Basel war, dort ab und träume seither von einer Wohnung, die so konzipiert ist. Das Hotel wurde leider geschlossen; die Räume wurden zu Büros umfunktioniert.

Ich erzähle das, weil ich mich seither frage, warum es beim Wohnungsbau so wenig Wettbewerb im Sparen gibt. Wohnhäuser werden entweder als Abschreibeobjekte kalkuliert und lieb- und phantasielos hingepfuscht, oder man baut sie aus qualitativ hochwertigen Materialien und schlägt das stolz auf die Miete drauf. Warum werden keine günstigen Einheiten mit Estrich am Boden und ohne Wanne, ohne Fliesen im Bad konzipiert? Solide gebaute Wohnungen, die in jedem Bereich maximal minimalisiert sind. Ich bin sicher, man könnte sehr viel günstiger bauen, ohne dass es deswegen schlecht sein muss.

Alles, was mir als Mieter vom Vermieter vorgeschlagen wird, beinhaltet jedoch automatisch eine Verteuerung. Man erfindet neue Gegensprechanlagen, die das Türöffnen vereinfachen sollen – wonach kein Mensch verlangt –, was Kosten erzeugt, die auf die Miete umgelegt werden können. Man erfindet Heizverbrauchsablesegeräte, die per Funk arbeiten – was das Ablesen verteuert. Man legt einen roten Läufer auf die hundert Jahre Holztreppe, auf der nie ein Läufer lag, hängt zwei Spiegel in den Hausflur und bezeichnet die bordellartige Installation von Stund an als „repräsentativen Eingangsbereich“, welcher selbstverständlich wohnwerterhöhend in Rechnung gestellt wird. Man zwängt eine Gartenbank in den Lichtschacht, um – wie es heißt – „eine wohnliche Atmosphäre im Hofbereich“ zu erzeugen – was eine Mieterhöhung zur Folge hat. Nie habe ich von einem Vermieter gehört, der seinen Mietern den Vorschlag gemacht hätte, irgendetwas einzuführen im Haus, das die Miete senken könnte. Das einzige, worüber man in letzter Zeit da und dort spricht, sind Wärmedämmung und alternative Arten von Beheizung, um das Klima zu schonen. Das ist zwar sympathisch und sicher eine wichtige Sache, aber es kommt nicht aus dem Bedürfnis, das Wohnen für alle erschwinglich zu machen.

12.

Ich bin nicht begabt im Sparen und im Grunde genommen auch nicht daran interessiert. Doch seit die Globalisierung auf dem Immobilienmarkt dazu führt, mich aus meiner Stadtwohnung zu drängen und zurück aufs Land zu jagen – und es nicht nur mir so ergeht –, frage ich mich, ob man diese Entwicklung nicht aufhalten oder umbiegen sollte.

Ich habe nichts gegen das Leben auf dem Land. Ich werde mich bestimmt freuen, an schönen Frühlingsabenden wieder einmal die Maikäfer aus dem Boden kriechen und in die Luft steigen zu sehen, dieses Schwirren und Knattern zu hören, dieses ferne, nahe Meer, das über den Wiesen braust, dieses unbeholfene Krabbeln in der Faust zu spüren, wenn man einen von ihnen darin gefangen hält, sein ausgeliefertes, zärtliches Knabbern an der Handinnenfläche zu fühlen, sein Leiden daran zu ahnen, dass er nicht selten ist wie ein Hirschkäfer, obwohl doch beinahe ebenso schön wie dieser, nur brummen da eben Tausende von Artgenossen neben ihm her, die ihn zu einem Allerweltskäfer machen, einem zerbrechlichen Schädling, den keiner mag. Diesem Spektakel wieder einmal beizuwohnen, würde mich vielleicht erheitern, nur mag ich es nicht, wenn der Markt für mich entscheidet, wann die Zeit dafür reif ist. Ich möchte frei wählen können, ob ich lieber in Berlin lebe oder lieber auf dem Land.

Denn – obwohl man, wie ich bereits gesagt habe, nichts gesehen haben muss in Berlin – noch mag ich das Leben in dieser Stadt. Sie ist ein monumentales, zerrupftes, während der letzten zweihundert Jahre pausenlos hin und her geschleudertes Ding. Schichten brachen weg, neue wurden darüber geklatscht. Die einzelnen Teile sind auseinandergerissen und verkehrt wieder zusammengeflickt worden – an allen Ecken und Enden schlägt einem die Wucht der Vergeblichkeit entgegen und drückt einen nieder. Doch, unten angelangt, wird man von der Einsicht überrascht, dass man seine Zeit ebenso gut zwischen solchen Trümmern und verwehten Steppen falsch verbringen kann wie woanders, dass man sie so oder so nie richtig verbracht haben wird, und ein Gefühl grenzenloser Offenheit und tiefen Glücks breitet sich aus.

Der Autor: Matthias Zschokke ist Schriftsteller.