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Sommercamp 2008. Raum für soziale Experimente

Artikel vom 27.10.2008

Versuchsfeld Identifikation

Provokation als Mittel der Aktivierung: Wenn ein Schild ankündigt, dass eine innerstädtische Freifläche zur Anbaufläche für Genmais oder ein ehemaliges Bürgerzentrum zum Bordell umfunktioniert werden soll, werden die Anwohner zunächst protestieren und dann gemeinsam überlegen, welche Alternativen bestehen. Diese und vier weitere Arbeiten sind Gewinner des interdisziplinären studentischen Wettbewerbs 2008 „Raum für soziale Experimente - zum Angehen gesellschaftlicher Probleme“.

Was bedeutet „Raum für soziale Experimente“

Imagewandel Identifikation

Statt die gesellschaftlichen Herausforderungen, die sich uns zur Zeit und in absehbarer Zukunft stellen, nur in Gedanken, Publikationen und Diskussionen anzugehen, könnten Pioniere der Gesellschaft den vorhandenen Raum nutzen, um Lösungsmöglichkeiten für Probleme, innovative Vorgehensweisen und neue Formen des Miteinanders praktisch auszuprobieren und vorzumachen.  

Unsere Gesellschaft wird geprägt durch eine Vielzahl von Problemen, denen wir uns heute schon gegenüber sehen oder die wir in absehbarer Zeit zu lösen haben werden. Kursorisch genannt seien hier:

  • der demographische Wandel, der mit einer veränderten Alterszusammensetzung der Bevölkerung ökonomische, politische und soziale Herausforderungen mit sich bringen wird,
  • die scheinbar ansteigende Kluft zwischen Einheimischen und Migranten, die sich in sozialen oder religiösen Unterschieden, aber auch in wirtschaftlichen Benachteiligungen und der Verwehrung von Perspektiven zeigt,
  • die Verringerung der Zahl der Bewohner von Städten oder Landstrichen, bei gleichzeitigem Wachstum von Ballungsräumen bzw. im internationalen Vergleich sogar bei exzeptionell wachsenden Städten,
  • die Herausforderungen, die sich energiepolitisch und ökologisch stellen,
  • die auffallende Konstellation aus wachsender Individualität und Mobilität bei gleichzeitig ansteigender Sehnsucht nach Gemeinschaftlichkeit und Heimat,
  • die Möglichkeiten, die der virtuelle Raum für soziale Interaktionen eröffnet,
  • der Wandel der Arbeitswelt, die sich zum einen dem Alltagsleben annähert, etwa bei Heimarbeitsplätzen, die zum anderen lebensfeindliche Ansprüche stellt,
  • die Anpassung des Bildungssystem an die Erfordernisse der heutigen und zukünftigen Gesellschaft.

Händeringend werden Lösungen gesucht, debattiert, teils verworfen, teils halbherzig angegangen. Der große Wurf ist bisher nicht in Sicht. Wir brauchen Raum für soziale Experimente!

„Raum für soziale Experimente“ bedeutet einerseits, dass man den gedanklichen Freiraum schafft, um neue Ideen, auch ungewöhnliche Ansätze zuzulassen und auszuprobieren. Es bedeutet zugleich, dass es physischen Raum geben muss. Soziale Experimente können in gebauter – sei es neu zu bauender oder im Rahmen bereits bestehender baulicher Strukturen – oder in unbebauter Fläche stattfinden. Der Raum bildet Grenzen und bietet Möglichkeiten für das soziale Gefüge, das sich in ihm ausbreitet bzw. ausbreiten soll.

„Raum für soziale Experimente“ bedeutet andererseits, dass wir nicht einfach den Raum bereitstellen und abwarten, was zwischen den Menschen in diesem Raum geschieht. Das Wort „Experiment“ zeigt auf, dass ein wissenschaftlicher Ansatz erwartet wird. Thesen über Zusammenhänge von Strukturen und menschlichen Handlungen müssen gegeben sein. Die Bedingungen, unter denen die Menschen leben und handeln, müssen soweit möglich, kontrolliert werden.

Mit diesem Aufruf wurden Vorschläge oder Beispiele raumbezogener, sozialer Experimente gesucht, die sich den Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels stellen. Die eingereichten Arbeiten sollten

  • einen modellhaften Beitrag zu einer oder mehreren Facetten des gesellschaftlichen Wandels leisten,
  • bei plausiblen Konzepten innovative Wege aufzeigen,
  • sowohl die sozialen Zusammenhänge als auch die räumlichen Strukturen in wissenschaftlicher Weise in den Fokus nehmen.

Der Wettbewerb

Der von der Schader-Stiftung, dem Werkbund Baden-Württemberg sowie der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) ausgelobte Wettbewerb richtete sich an Studierende unterschiedlicher Fachdisziplinen. Bis zum 25. August 2008 konnten Arbeiten eingereicht werden, die sich mit gesellschaftlichen Problemen und deren Lösungen befassten. Der räumliche Bezug und Überlegungen zu sozialen, durchaus auch experimentellen Konstellationen waren Anforderungen, denen sich die teilnehmenden Studierenden einzeln oder in Gruppen gestellt haben.

Am 11. und 12. September 2008 tagte die Jury des Wettbewerbs „Raum für soziale Experimente - zum Angehen gesellschaftlicher Probleme“ in Darmstadt und kürte fünf der eingereichten Arbeiten zu Preisträgern.

Die Jury setzte sich zusammen aus:

  • Moritz Avenarius, Physiker, Philosoph und Futurist, Mitbegründer von LOMU, Hamburg
  • Peter Conradi, Architekt, ehem. MdB und Präsident der Bundesarchitektenkammer
  • Prof. Dr. Tilman Harlander, Fachgebiet Sozialwissenschaftliche Grundlagen an der Fakultät für Architektur und Stadtplanung, Universität Stuttgart
  • Prof. Jean-Baptiste Joly, Akademiedirektor Schloss Solitude, Stuttgart, und
  • Prof. Dr. Dieter Läpple, Diplom Volkswirt, Professor für Stadt- und Regionalökonomie, HafenCity Unitversität Hamburg.

Die Preisträger wurden am 24. und 25. Oktober 2008 zu einem zweitägigen Workshop nach Darmstadt eingeladen. Unter Leitung von Dr. Marta Doehler-Behzadi, Leiterin des Referats Baukultur und städtebaulicher Denkmalschutz des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin, und Peter Conradi, Architekt und ehemaliger Präsident der Bundesarchitektenkammer wurden die Wettbewerbsbeiträge weiter diskutiert und bearbeitet.

Gruppe 1 schuf dabei den „Wegbereiter-Man“, einen Vermittler, der Brachen analysiert und geeignete Nutzer(-gruppen) akquiriert. Gruppe 2, die sich mit dem Thema „Bauten“ befasste, zeigte Wege aus den festgefahrenen Denkstrukturen, die die Vorstellungen von Großwohnsiedlungen prägen. Gruppe 3 empfahl schließlich das Medikament „Provokation“, mit dem (bislang) unbeteiligte Bewohner motiviert werden sollen, sich mit Nutzungsmöglichkeiten für bestehende Freiflächen auseinander zu setzen. Am Ende des Workshops stand die gemeinsame öffentliche Präsentation der Arbeiten.

Die Gewinner und die Voten der Jury

Christiane Kornhass, Nicolai Sieber und Bastian Wahler von der Universität Kassel wurden für Ihre Arbeit Lobeda - ganz weit draußen ausgezeichnet.

Aus der Beurteilung der Jury:
Der Stadtteil Jena-Lobeda ist eine Plattenbaugroßwohnsiedlung aus den 60er und 70er Jahren mit heute ca. 21.600 Einwohnern am Stadtrand von Jena. Zentrale Probleme sehen die Autoren und Autorinnen im negativen Image des Stadtteils, in der aufgrund der Siedlungsstruktur gegebenen Anonymität sowie in der Vielzahl an ungenutzten Freiflächen.
Provokation als Lösungsansatz wird im Beitrag vorgeschlagen:
Auf den ungenutzten Freiflächen Lobedas sollen kreative Aktionen durchgeführt werden, um die Anwohner im ersten Schritt zu provozieren. Beispiele sind die Ausweisung einer Freifläche als Anbaufeld für genmanipulierten Mais oder die Ankündigung für die Umnutzung eines derzeit nicht genutzten ehemaligen Hotels in einen Rotlichtbereich. Diese „sozialen Experimente“ sollen zum einen die Anwohner anregen, die bisherigen Brachflächen neu wahrzunehmen. Zum anderen sollen sie animieren, sich aktiv für die Gestaltung der Flächen einzusetzen und „es besser zu machen“. Die Aktionen sollen im Ziel die Anwohner zur Identifizierung mit ihrem Stadtteil bewegen und damit im Endeffekt eine Imageaufwertung herbeiführen.
Das Projekt überzeugt durch seinen experimentellen Charakter und seine frischen Ideen, neue Wege in der Stadterneuerung von Großraumsiedlungen zu gehen.

Diana Martin, Roman Polster, Danuta Ratka und Dieter Stepner von der Universität Kassel überzeugten mit der Arbeit Urbane Spielfelder in Cottbus

Aus der Beurteilung der Jury:
Das Projekt „Urbane Spielfelder“ befasst sich mit einem 24 ha großen, innenstadtnahen, weithin brachliegenden Gebiet in Cottbus, das durch Baulücken, unzureichend genutzte Gebäude, Leerstände und vernachlässigte Freiräume negativ auf die Stadt ausstrahlt. Die Verfasserinnen und Verfasser haben richtig erkannt, dass angesichts der für Cottbus prognostizierten zukünftigen Einwohnerverluste in dieser Situation die traditionellen städtebaulichen Instrumente und Maßnahmen nicht mehr greifen. Deshalb schlagen sie einen flexiblen Ansatz vor, der bei niedrigem Kosten- und Planungsaufwand und ohne bauleitplanerische Festlegungen beide Möglichkeiten - weiteres Schrumpfen oder zukünftiges Wachsen - offen hält.

Das Gebiet wird in elf „Spielfelder“ aufgeteilt, die durch Bauzäune abgegrenzt und kenntlich gemacht werden. Diese „Spielfelder“ werden nicht bestimmten Interessenten oder Investoren angeboten, sondern der gesamten Stadtbürgerschaft mit ihren Gruppen, Vereinen, Verbänden, Institutionen und Initiativen. Dabei ist an temporäre oder dauernde Nutzungen jeglicher Art gedacht - Ausstellungen, Obdachlosennotunterkünfte, experimentelles Wohnen, Künstlerwerkstätten, Universitätsversuchsgelände, Camping, Sport, Kleingewerbe, Handel, Gastronomie u.a.m. Eine grobe Vorsortierung soll allzu gegensätzliche Nutzungen ausschließen.

Die „Spielfelder“ beziehen die noch vorhandenen Bauten ein und erlauben Abriss oder neue Nutzung des Baubestands. Durch Anschluss der „Spielfelder“ an das bestehende Straßennetz ist eine kostengünstige Versorgung möglich. Die Freiflächen zwischen den „Spielfeldern“ werden durch 15 m breite „Baumpakete“ gegliedert.

Insgesamt ist das Projekt eine interessante und gut durchdachte Alternative zur herkömmlichen Planungsmethode. Die Aussagen zur Freiraumplanung sind von hohem professionellen Niveau.

Nils Jansen von der Hochschule für Technik in Stuttgart gewann mit der Arbeit Das fliegende Klassenzimmer

Aus der Beurteilung der Jury:
Mit der poetischen Metapher des „fliegenden Klassenzimmers“ wird eine Öffnung des „weltabgewandten Schulsystems“ zum Quartier und zur Stadt thematisiert.
Die Schüler sollen zunächst Einblicke in die Vielfalt eines Stadtquartiers erhalten, sie sollen das Quartiers als Lebens-, Wohn- und Arbeitsort unterschiedlicher Menschen, als Ort unterschiedlicher Kulturen entdecken. Durch die künstlerische Interpretation des Alltäglichen, durch „das in Beschlag nehmen“ des öffentlichen Raumes und die Interaktion mit den Menschen des Quartiers sollen zivilgesellschaftliche Kompetenzen erworben und eine Akzeptanz fremder Gruppen und Kulturen gelebt werden.
Die Schulen, die - nach Auffassung des Autors - zu sehr auf den reinen Wissenserwerb fokussiert sind, sollen durch diese Experimente „sanft“ umgebaut werden. Die informelle und selbst gewählte Lernumgebung soll gestärkt und mit den lokalen Akteuren in Stadt und Quartier sollen aktive Partnerschaften aufgebaut werden. Gleichzeitig sollen die Quartiere in ihrer Eigenschaft als Kommunikationsorte gestärkt und ausgebaut werden.
Dieses Projekt greift eine sehr aktuelle Frage- und Aufgabenstellung auf, die in der internationalen Diskussion über den Zusammenhang von Stadtteil und Schulentwicklung mit den Konzepten der „community learning center“ oder den sogenannten „venster schoolen“ thematisiert und diskutiert wird.
Das Projekt ist innovativ und besitzt eine originelle Darstellungsform.

Die Wettbewerbsarbeit hat inzwischen eine eigene Homepage im Internet: www.projekt-fliegendes-klassenzimmer.de

Matthias Müller, Jakob F. Schmid, Uwe Schönherr und Ferdinand Weiß von der HafenCity Universität Hamburg überzeugten die Jury mit der Arbeit Null Euro Urbanismus - Ein Katalog von Good Practice Beispielen

Aus der Beurteilung der Jury:
Bei „Null Euro Urbanismus“ handelt es sich um ein Studien- und Rechercheprojekt, das sich angesichts der verfestigten strukturellen Finanznot der Kommunen und sinkender Steuerungsfähigkeit mit Möglichkeiten auseinandersetzt, „Stadt auch ohne Geld zu gestalten“. Auf der Basis eines kompetenten Nachvollzugs der vorgelagerten Debatten um die kommunale Finanzkrise, „good governance“ und „Null-Urbanismus“ (Till Braukmann) soll mit der Sammlung von good-practice-Beispielen einerseits ein Anstoß zum Wissenstransfer beispielhafter Ideen, Projekte und Verfahren gegeben, andererseits aber auch ein Beitrag zu einer zivilgesellschaftlich flankierten Flexibilisierung und Modernisierung des Verwaltungshandelns geleistet werden. Der bisher vorliegende, fortlaufend erweiterbare Katalog trägt Projekte zusammen, die kostenneutral bzw. mit einem sehr guten Kosten-Nutzen-Verhältnis temporär oder dauerhaft innovative und qualitativ hochwertige Beiträge zur Aufwertung der Stadt und des Stadtraums leisten. Dabei werden die jeweiligen Akteurskonstellationen präzise beschrieben und Rückschlüsse auf die Übertragbarkeit gezogen. Beispiele sind etwa „Grünpate“ (Hamburg), „Beweidungsprojekt Paunsdorf“ (Leipzig) oder „Fahrradstation“ (Bielefeld). Erfolgreiche Projekte, so die Verfasser, nutzen neue Akteurskonstellationen, entwickeln eine gute „Balance zwischen Verbindlichkeit und
Freiheit“ und finden einen pragmatischen, ergebnisorientierten Planungsansatz, der den besonderen jeweiligen kommunalen Bedingungen und planerischen Kontexten Rechnung trägt. Die Jury prämiert mit dem vorliegenden Projekt einen vielversprechenden Recherche- und Wissenstransferansatz, bei dem insbesondere auch die Frage der Übertragbarkeit bzw. der Bindung an spezifische lokale (Erfolgs-)Bedingungen weiter diskutiert und vertieft werden sollte.

Außerdem bewertete die Jury die Arbeit Happy Go Lucky von Simon Davis und Marleen Michaels von der BTU Cottbus positiv.

Aus der Beurteilung der Jury:
Keine 500 Meter von Berlin-Mitte entfernt stellt die Karl-Marx-Allee eine komplexe soziale Realität dar. Mit alt eingesessenen Einwohnern einerseits und einer neuen Bevölkerungsschicht andererseits, für die das Viertel sehr attraktiv ist, steckt in diesem Gebäudekomplex zu viel Potenzial, als dass man es auf ostalgische Clichés reduzieren könnte. Während an beiden Seiten der Karl-Marx-Allee eine markante Architektur mit klaren Konturen dominiert, ist die Rückseite dieser Gebäude jedoch unscharf definiert: Die Raumbezüge bleiben unklar, zusammenhängende Flächen werden unterbrochen und verlieren dadurch ihre Funktion als öffentliche Plätze.
Happy Go Lucky bietet Lösungen für eine städtebauliche Entwicklung an, die den Stadtteil Karl-Marx-Allee verbessern und für neue Bewohner öffnen sollen, ohne die alt eingesessenen Einwohner zu verdrängen. Durch Eingriffe in das Gebaute und durch eine Neuordnung der Zwischenräume strebt das Projekt eine neue Form des Zusammenlebens an, die zur Bildung eines gemeinsamen Identitätsbewusstseins unter den Bewohnern beitragen soll. Das architektonische Spiel zwischen Öffnungen und Eingrenzungen, zwischen privater, gemeinsamer und öffentlicher Nutzung beschreibt das Projekt anhand eines Systems, das auf den Unterschied zwischen „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ basiert.
Die Jury fand, dass das Projekt Happy Go Lucky die komplexe Situation im Stadtteil Karl-Marx-Allee zutreffend beschreibt und analysiert und dass die vielen einzelnen infrastrukturellen Maßnahmen zur Gestaltung eines gemeinsamen Lebens plausibel dargestellt und innovativ sind. Auch die Gestaltung einer Nord-Süd Querachse zur Karl-Marx-Allee fand die Zustimmung der Jury.