Filtern Sie im Bereich "Themen"

Thema
  • Kommunikation und Kultur
  • Gemeinwohl und Verantwortung
  • Demokratie und Engagement
  • Vielfalt und Integration
  • Stadtentwicklung und Wohnen
  • Demographie und Strukturwandel

Zur Filterung muss mindestens ein Thema ausgewählt sein.

Fokus
Zeitraum
Was bewegt Sie?

Sie haben offene Fragen? Anregungen? Ideen?

Wir kommen gerne mit Ihnen ins Gespräch. Bitte hinterlassen Sie das, was Sie bewegt, im Schader-Dialog.

Gibt's das nur in der „Lindenstraße“? Das Wohnen der neuen Lebensformen und Lebensstile

Artikel vom 21.05.2001

Die Auffächerung von Lebensformen und Lebensstilen bringt mit Sicherheit neue An- und Herausforderungen für Wohnungen und Wohnungsmarkt mit sich. Fördert umgekehrt ein reichliches Angebot von unterschiedlichen Wohnungen nicht die Möglichkeiten und Neigungen von Menschen, neue Lebenstile zu entfalten und neue Wohnvorstellungen zu entwickeln? Von Stefan Hradil

In der Lindenstraße 3

Glaubt man dem Fernsehen, so finden sich in der Lindenstraße 3 zu München die unterschiedlichsten Beziehungsformen und Lebensstile unter dem Dach eines ganz „normalen“ Mietshauses: Die Alleinerziehende Iffi, Hajo und Berta in ihrer „wilden Ehe", die „Sandwich-Familie“ von Frau Zenker mit „meinen, deinen, unseren“ Kindern, der Alleinwohnende Dr. Dressler, die gleichgeschlechtliche Partnerschaft von Dr. Carsten Flöter mit „Käthe“ und ihrem HIV-infizierten „Pflegekind“, Mutter Beimer mit ihrer „Stufen-Familie“ - sie alle wohnen im mehrgeschossigen Mietwohnungsblock aus der Nachkriegszeit.

Die Fernsehserie lebt davon, dass sie wenig erfindet, sondern manches Typische unserer Gesellschaft wie in einem Kaleidoskop abbildet: Dicht nebeneinander in grellen Bildern, die sich schnell ändern. Und nach dem Abspann stellen sich dem Zuschauer doch einige Fragen, wohl auch Wohnungs- und Gesellschaftsfachleuten. Richtig an der „Lindenstraße“ ist, dass die Lebens- und Beziehungsformen, in denen Menschen heute zusammenleben, so vielgestaltig geworden sind, dass den Soziologen allmählich die Begriffe ausgehen, sie zu beschreiben. Denn die „Hoch-Zeit“ der Hochzeit und das „goldene Zeitalter der Kleinfamilie“ sind fürs erste vorbei. Noch in den 50ern und den frühen 60ern heirateten 95% der Frauen und Männer aus einschlägigen Altersjahrgängen, und mehr als neun Zehntel von ihnen hatten Kinder. Mehr Ehepaare konnten schon aus biologischen Gründen kaum Kinder bekommen. Heiraten und Kinder-Kriegen war „normal“ in des Wortes doppelter Bedeutung: Zum einen tat es fast jede(r). Und zum anderen war es eine gesellschaftliche Norm. Es war die Zeit, in der 30jährige sich fragen lassen mussten: „Wie, immer noch nicht verheiratet?“, „Und wann kommen die Kinder?“

Neue Lebensformen

Solche Ansinnen würden sich die meisten jungen Frauen und Männer heute verbitten. Das Heiraten ist von einer Quasi-Pflicht zu einer Möglichkeit unter anderen geworden. Heute heiraten nur noch drei Viertel der Frauen und noch weniger der Männer. Und gut ein Drittel der Verheirateten bekommt keine Kinder. Als „Dinks“ (double income, no kids) haben sie die durchschnittlich höchsten Einkommen aller Lebensformen. Auf der anderen Seite mehren sich die unkonventionellen Lebensformen. So leben in Deutschland immer mehr (derzeit gut 6 Mio.) Menschen im „besten Familienalter“ alleine. Diese „Singles“ füllen Magazinsendungen, die Seiten der bunt bebilderten Presse und die Angebote des Internets.

  • Immer mehr (heute etwa 5 Mio.) Menschen finden sich in „Nichtehelichen Lebensgemeinschaften“ zusammen. Gelegentlich werden diese Paarbeziehungen noch „wilde Ehen“ genannt. Sieht man indessen, wie alltäglich sie geworden sind und wie wenig aufregend der Alltag der meisten verläuft, so stellt der Begriff „wilde Ehe“ doch eine arge Übertreibung dar.
  • Und immer mehr Menschen (derzeit fast 3 Mio.) erziehen ihre Kinder ohne Partner(in) alleine. 85% aller Alleinerziehenden sind Frauen. Sie bilden das Schlusslicht der Durchschnittseinkommen.
  • Nimmt man dazu noch die Paare mit getrennten Wohnungen („living apart together“), die „Commuter“- und Stief-Familien, die „Shuttle-Beziehungen“, die „dual-career-families“, so wird erkennbar, dass mit dem allgemeinen Wohlstand, der Verlängerung und Vermehrung der Bildungswege und nicht zuletzt dank größerer Wohnungen die Lebensformen der Menschen seit den 70er Jahren immer vielgestaltiger geworden sind.
  • Immer mehr Menschen erfahren in ihrer Biographie unterschiedliche Lebensformen: Sie leben nacheinander zum Beispiel als Single, als Verheiratete, als geschiedene Alleinerziehende und dann wieder in „Nichtehelicher Lebensgemeinschaft“. Auch hier liegt die „Lindenstraße“, wo morgen schon alles anders sein kann, gar nicht so falsch. Berücksichtigt man das Vorübergehende vieler Lebensformen, so ahnt man, daß das Geschäft der Sozialwissenschaftler, aber auch der Wohnungsfachleute nicht einfacher geworden ist.

Auch was die Lebensstile der Menschen betrifft, also die typische Organisation ihres Alltagsverhaltens, so mag die „Lindenstraße“ zwar übertreiben, aber ganz falsch liegt die Sendereihe in der Tendenz nicht. In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten hat sich in Deutschland, aber auch in anderen modernen Gesellschaften, eine buntes Nebeneinander, manchmal auch ein konfliktträchtiges Gegeneinander von sehr unterschiedlichen Lebensgestaltungen herausgebildet. Wie im Fernsehen die „Familienfrau“ Mutter Beimer, der schwule Dr. Flöter, die „Übermutter“ Else Kling, das musizierende und streitende Paar Hajo und Berta ein „postmodernes“ Bild von sehr unterschiedlichen Lebensstilen vermitteln, so gehen auch in unserer Gesellschaft die typischen Wege und Ziele der Lebensgestaltung immer mehr auseinander.

Die empirischen Ergebnisse der Lebensstilforschung unterscheiden sich zwar in Benennungen und manchen Einzelheiten, nicht aber im Wesentlichen: Nicole Schneider und Annette Spellerberg haben in ihrer Untersuchung „Lebensstile, Wohnbedürfnisse und räumliche Mobilität“ (1999, S. 104 ff.) verschiedene Lebensstile ermittelt. Sie unterscheiden sich unter anderem nach ihren kulturellen Vorlieben und nach ihrem mehr oder weniger häuslichen Aktionsradius. Die Menschen, die diesen Lebensstilgruppierungen zugerechnet werden, richten ihr Freizeitverhalten, ihren Musikgeschmack, ihre Lektüregewohnheiten, Fernsehinteressen, Kleidungsstile, ihre Lebensziele und Anschauungen nach je eigenen Prinzipien und ästhetischen Standards aus. Dies zeigt sich zum Beispiel beim Einkaufen. Deshalb sind Lebensstiluntersuchungen in den Marketing-Abteilungen vieler Unternehmen ja so begehrt.

Neue Wohnbedürfnisse

Auf den ersten Blick scheint das beim Wohnen anders zu sein. Fragt man nach dem „idealen Zuhause“, so bekunden zwei Drittel der Menschen, mehr oder weniger unabhängig von ihrem Lebensstil, den Wunsch nach einem freistehenden 1- bis 2-Familienhaus. Alternativen werden nur selten genannt: Allenfalls unter den „arbeits- und erlebnisorientierten“ Menschen, aber auch da nur bei einem Viertel, finden wir das „Bauernhaus“ oben auf der Wunschliste. Das Wohnen in einem Mehrfamilienhaus à la „Lindenstraße“ jedenfalls ist durchweg nicht sehr beliebt. (Schneider/ Spellerberg, 1999, S. 165 ff.)

Auch wenn noch so viele Menschen übereinstimmend den Traum vom eigenen Haus bekunden: Keineswegs brauchen, wollen und nutzen Menschen unterschiedlicher Lebensstile Wohnungen in gleicher Weise. Die Realität sieht differenzierter aus. Beispielsweise wohnen die „Arbeits- und Erlebnisorientierten“ und die „Vielseitig Aktiven“ verhältnismäßig häufig zur Miete in den inneren Quartieren großer Städte, oft auch dann, wenn sie sich ein eigenes, freistehendes Haus im Grünen leisten können. Sie schätzen die Unverbindlichkeit, das Vorläufige und die urbanen Kommunikationsmöglichkeiten.

Nicht nur mit den Lebensstilen, auch mit den Lebensformen fächerten sich die Anforderungen an die Wohnverhältnisse auf: Ein Single hat andere Wohnbedürfnisse, Wohnwünsche und Wohnnutzungen als eine Alleinerziehende und diese wiederum andere als eine Zwei-Eltern-Familie oder ein älteres Ehepaar. Ein Single wird unter Umständen dankbar sein, wenn das Zimmer, das „eigentlich“ als Kinderzimmer vorgesehen ist, als Arbeitsraum genutzt werden kann. Singles benötigen ein Umfeld von Kontakten, Kneipen und Freizeiteinrichtungen wie das täglich‘ Brot. Eine Alleinerziehende hingegen braucht ein Netzwerk von hilfreichen Kontakten und erreichbaren Kinderbetreuungseinrichtungen. Dem älteren Ehepaar wird das oft gleichgültig sein, wenn nur Ruhe, kulturelle Einrichtungen und gute Verkehrsanbindungen gegeben sind.

Neue Formen des Neben- und Miteinanders

In der „Lindenstraße“ finden sich alle Lebensformen und Lebensstile unter dem Dach des gleichen großstädtischen Mehrfamilien-Mietshauses in sehr ähnlichen Wohnungen wieder. Im Lichte der nüchternen Zahlen betrachtet ist das natürlich falsch. Nur gut die Hälfte der Menschen wohnt in Mehrfamilienhäusern, und noch weit weniger wollen es. Und, wie gesehen: Die Wohnbedürfnisse, Wohnwünsche und Ge-Wohn-heiten der einzelnen Lebensformen und Lebensstile sind keineswegs gleich. - Aber: Ist der Einheitswohnblock der Fernsehserie in einem übertragenen Sinne gesehen tatsächlich so „falsch“? Hier beginnen die Fragen, die sich praxisorientierten Sozialwissenschaftlern und Wohnungsfachleuten aus der Praxis gleichermaßen stellen, gewissermaßen nach dem Ausschalten der Sendung „Lindenstraße“:

  1. Karikieren die uniformen Wohnungszuschnitte in der Fernsehserie und die Austauschbarkeit des gesamten Nachkriegsbaus „Lindenstraße 3“ nicht ein Bauen, das tatsächlich nach wie vor auf standardisierte Verhältnisse abgestellt ist? Noch immer sehen DIN 18011 und 18022 „normale“ funktionale Raumaufteilungen vor und unterstellen im Grunde, dass für „Normalfamilien“ und „häusliche Lebensstile“ gebaut wird. Haben die (quasi-)staatlichen Vorschriften und die Usancen der Wohnungswirtschaft wirklich Konsequenzen daraus gezogen, dass „Normal“-Familienhaushalte und familiär-häusliche Lebensgestaltungen mittlerweile eine Minderheit darstellen?
  2. Auch wer erkennt, dass unser zu uniformes Bauen (bzw. die vorhandene uniforme Bausubstanz) und die gesellschaftliche Auffächerung von Lebensformen und -Stilen nicht zusammenpassen, der verfügt bestenfalls über einen Teil der Diagnose, keinesfalls aber schon über die Therapie. Er fragt sich nicht nur, inwieweit zum Beispiel Singles andere Bedürfnisse als Alleinerziehende und „Hochkulturell Interessierte“ andere Wünsche als „Volkstümliche“ im Hinblick auf das Wohnen entwickeln. Er muss sich auch fragen, welche Wohnungs-Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Etwa mehr kleinere Wohnungen für Singles? Oder im Gegenteil große Wohnungen, in denen die oft einkommensstarken Singles ihr besonders ausgeprägtes Stilisierungsbedürfnis ausleben können? Und welche Art des Wohnens ist Alleinerziehenden angemessen? Und wenn Lebensstile und Lebensformen der einzelnen sich im Laufe der Biographie mehrfach ändern, wie kann dies im Wohnungswesen berücksichtigt werden? Durch Umzugserleichterungen? Durch flexible Wohnungsgestaltungen? Und was heißt das konkret?
  3. Möglicherweise karikiert die „Lindenstraße“ auch weniger eine unangepasste, zurückgebliebene Realität des heutigen Wohnens, also das bestehende Problem. Möglicherweise wird im krassen Neben- und Durcheinander des Fernseh-Mietshauses auch eine Problemlösung erkennbar: Sollten wir eine Mischung anstreben, ein dichtes Nebeneinander-Wohnen von „normalen Familien“ und von unkonventionellen Lebensformen, von unauffälligen häuslichen und von extrem aushäusigen Lebensstilen, von finanziell Gutgestellten und von unteren Schichten? Und wie könnten diese „postmodernen“ Baulichkeiten und Quartiersgestaltungen aussehen? Wollen, akzeptieren die Menschen überhaupt jene Mischstrukturen? Es gibt zu denken, dass viele empirische Daten signalisieren, wie vielerorts die Lebensstile, ethnischen Gruppierungen und sozialen Schichten eher auseinanderrücken als sich mischen.
  4. Eine Lösung liegt nahe: Man frage die Menschen selbst. Aber die Wünsche, die man bei den einzelnen unmittelbar abfragen kann, helfen erstaunlich wenig weiter. Immer wieder wurde festgestellt, dass – ähnlich wie beim oben erwähnten Eigenheim – die abrufbaren Wunschvorstellungen der Menschen sich eher am allgemein Verbreiteten, am Festsitzenden und Ge-Wohn-ten als an differenzierten Bedürfnissen und den eigenen wohldurchdachten Neigungen orientieren. Offenkundig können sich die Wünsche, die die einzelnen parat haben, nur auf das gründen, was ihnen schon bekannt ist. Und das ist begreiflicherweise meist wenig. Wer hat sich schon eingehend mit Wohnungsalternativen oder Wohnexperimenten befaßt? Wer verfügt über die nötige architektonische oder juristische Phantasie hierzu?
  5. Die „modernen“ unkonventionellen Lebensformen und individualisierten Lebensstile ruhen oft weit weniger in sich selbst als traditionelle Kleinfamilien und herkömmliche häusliche Lebensgestaltungen. Singles, Alleinerziehende, „Hedonisten“ und „Erlebnisorientierte“ brauchen viele Außenbeziehungen und haben oft recht eigenständige Vorstellungen von ihrer Wohnung, ihrem Wohnumfeld und den sozialen Beziehungen zu Nachbarn und Bekannten. Es ist kein Zufall, dass ihre „sozialen Milieus“ den Menschen wieder sehr viel wichtiger geworden sind. Bis zu einem gewissen Grad wollen sie sie selbst gestalten. Wie können aber solche Beteiligungsmodelle aussehen? Sind Gemeinschaftsräumlichkeiten in dieser Hinsicht hilfreich?
  6. Klar scheint, dass Wohnbauunternehmen heute weit weniger Einrichtungen zur Bereitstellung einer Grundversorgung darstellen, sondern Dienstleistungsunternehmen geworden sind, die die Aufgabe haben, auf sehr unterschiedliche Neigungen und Wünsche einzugehen, die den einzelnen oftmals selbst noch unklar sind. Freilich stellt sich dann die Frage, in welcher Weise in dieser Situation Dienstleistungen erbracht werden können, was den einzelnen angeboten werden kann, wie Wohnwünsche ggf. mit den Wohnenden zusammen konkretisiert und befriedigt werden können.

Im übrigen: Die Auffächerung von Lebensformen und Lebensstilen bringt mit Sicherheit neue An- und Herausforderungen für Wohnungen und Wohnungsmarkt mit sich. Aber: Wird nicht umgekehrt auch ein Schuh daraus? Fördert ein reichliches Angebot von unterschiedlichen Wohnungen nicht die Möglichkeiten und Neigungen von Menschen, zum Beispiel als Paar mit getrennten Wohnungen („living apart together“) zu leben, neue Lebenstile zu entfalten und neue Wohnvorstellungen zu entwickeln? Das Nachdenken über die „Lindenstraße“ legt letzten Endes neue Formen des Neben- und Miteinanders nahe, wenn auch etwas anderer Art als die brisante Mischung in der Fernsehserie es zeigt.

Der Autor: Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Hradil war Professor für Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und von 2001 bis 2012 Vorstandsvorsitzender der Schader-Stiftung.

Literatur

Dangschat, Jens/Blasius, Jörg (Hrsg.) 1994: Lebensstile in den Städten, Opladen: Leske + Budrich.

Deutsche Gesellschaft für Freizeit (Hrsg.) 1998: Freizeit in Deutschland 1998. Aktuelle Daten und Grundinformationen, DGF Jahrbuch, Erkrath.

Häußermann, Hartmut/Siebel, Walter 2000: Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens, 2. korr. Aufl., Weinheim und München: Juventa.

Hradil. Stefan 1995: Die „Single-Gesellschaft", München: CH. Beck.

Schneider, Nicole/Spellerberg, Annette 1999: Lebensstile, Wohnbedürfnisse und räumliche Mobilität, Opladen: Leske + Budrich.

Schneider, Norbert/Rosenkranz, Doris/Limmer, Ruth 1998: Nichtkonventionelle Lebensformen. Entstehung, Entwicklung, Konsequenzen, Opladen: Leske + Budrich.