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„Demographie und soziale Nachhaltigkeit“ aus Sicht der Wohnungswirtschaft

Artikel vom 14.11.2014

Großer Konvent der Schader-Stiftung - Impulsvortrag von Dr. Thomas Hain (Foto: Christoph Rau)

Wir werden weniger, älter und bunter! Aber die Herausforderung ist: Uns von weniger, älter und bunter zu klüger, länger und inklusiver zu entwickeln.

1. Welche Herausforderungen ergeben sich aus der demographischen Entwicklung für das Ziel sozialer Nachhaltigkeit?

Weniger und klüger

Seit den 1970ern ist die natürliche Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik rückläufig. Dass die Bevölkerung Deutschlands bis zum Jahr 2002 trotzdem anwachsen konnte, lag am hohen Zuwanderungsüberschuss und der damit einhergehenden Zunahme an Vielfalt bezüglich der Herkunft der Zugewanderten. Seit 2003 kann der rückläufige Wanderungsgewinn die Sterbefallüberschüsse nicht mehr kompensieren und die Bevölkerungszahl in Deutschland geht absolut zurück.1

Dieses „Weniger“ verschärft sich durch starke regionale Unterschiede. So wird aus dem gesamtdeutschen „Weniger“ in Teilen Deutschlands ein „Mehr“ durch die anhaltende Verstädterung. Die Bevölkerung konzentriert sich zunehmend in Ballungsräumen und prosperierenden Städten. Dies bedeutet für strukturschwache Räume ein „Noch Weniger“ und stellt vor allem die ländlichen Räume vor wachsende Herausforderungen die Daseinsversorgung der dort verorteten Menschen sicherzustellen.

„Die räumlich differenzierte demografische Entwicklung stellt vor dem Hintergrund des im Grundgesetz verankerten Ziels der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse eine besondere Herausforderung für die Landespolitik dar.“ 2

Aus Sicht der Wohnungswirtschaft leiten sich hieraus Parallelentwicklungen in Hinsicht auf die Soziale Nachhaltigkeit ab. In Ballungsräumen gilt es, wachsender Wohnungsknappheit bei steigenden Grundstückspreisen und geringer Flächenverfügbarkeit sozialverträglich zu begegnen. In den schrumpfenden Regionen gilt es, auf nachfrageseitig entspannten Märkten mit geringen Mietpreisen, Bestände sozialverträglich zu konsolidieren, was im äußersten Fall Rückbau bedeutet.

Der Auftrag für die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte Wohnstadt besteht darin, eine sichere und sozial verantwortbare Wohnungsversorgung der breiten Schichten der Bevölkerung sicherzustellen. Darüber hinaus steht die Unternehmensgruppe dem Land und den Kommunen als Berater und Dienstleister in der Stadtentwicklung zur Verfügung.

Daraus ergeben sich für die Unternehmensgruppe drei Handlungsfelder. Wir sorgen einerseits mit gefördertem Wohnungsbau in Ballungsgebieten für benötigten günstigen Wohnraum. Andererseits reagieren wir in strukturschwachen Regionen mit Konsolidierung der Bestände, um in stabilen Märkten auch zukünftig Wohnraum wirtschaftlich anbieten zu können. Dabei unterstützen wir die Kommunen mit rückläufiger Bevölkerungszahl bei der Bewältigung des Strukturwandels durch unsere Kommunalberatung. Dadurch sind wir langfristig orientiert und wirken ausgleichend auf die Märkte.

Hinsichtlich der Zielvision der „klügeren“ Gesellschaft aus Sicht der sozialen Nachhaltigkeit verstehen wir Bildung als Grundvoraussetzung für die Erreichung von Chancengleichheit und Teilhabe am gesellschaftlichen und sozialen Leben sowie als Voraussetzung für eine aktive und funktionierende Bürgergesellschaft.

Aus unserer Sicht sind die Kommunen – und hier das Wohnumfeld – die Orte, an denen Bildungs- und Kulturvermittlung stattfindet. Die Wohnungswirtschaft versteht sich hier als starker Partner der Kommunen. Wohnungswirtschaft und Städtebauförderung leisten einen essenziellen Beitrag direkt vor Ort, dort wo Leben zu Hause ist und Bildungs- und Kulturangebote niedrigschwellig angenommen werden. Bildungsvermittlung erfolgt im gesamten häuslichen Umfeld, vom Elternhaus, über Bildungseinrichtungen, Vereinsleben, soziales Umfeld, bis hin zur alltäglichen Vermittlung im direkten Wohnumfeld.

 

Älter und länger

Für die Wohnungswirtschaft ist mit dem demographischen Thema der steigenden Lebenserwartung und der längeren aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben das Leitbild „zu Hause alt werden“ verknüpft.

In der Praxis bedeutet dies, dass ein wachsender Bedarf an individuell angepassten und bezahlbaren Pflege- und Betreuungsdienstleistungen im häuslichen Umfeld besteht.

Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte Wohnstadt unterhält deshalb über 100 Kooperationen – u.a. mit caritativen Trägern, um auf finanziell niedrigem Niveau „Haushaltsnahe Dienstleistungen“ anbieten zu können. Weiterhin erledigen unsere Wohn-Service-Teams kleine Reparaturen unbürokratisch, die für Ältere oft zu großen Herausforderungen werden.

Eine aktuelle Studie des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung3 hat ermittelt, dass durch die adäquate quantitative und qualitative Bereitstellung von altersgerechten Wohneinheiten die Heimeintritte deutlich reduziert werden könnten. Im Jahr 2012 belief sich das Potenzial auf 15% weniger Heimeintritte (rd. 260.000 weniger stationär versorgte Pflegebedürftige). Aktuell könnten jährlich bis zu 5,2 Mrd. € volkswirtschaftlich eingespart werden. Bis 2030 könnte sich diese Summe auf 7,5 Mrd. € jährlich erhöhen. Hieraus leitet sich eine große Verantwortung der Wohnungswirtschaft bei der altersgerechten Bestandsentwicklung ab.

Wir beobachten, dass zunehmend alte Menschen alleine in Wohnungen leben, die einstmals Familienwohnungen waren. Hier ist die Implikation für die Soziale Nachhaltigkeit vielschichtig. Verständlicherweise ist der Wunsch, in den angestammten, eigenen vier Wänden zu verbleiben, oftmals groß. Auch droht älteren Menschen die Vereinsamung, wenn sich das Umfeld zu schnell und zu stark ändert. Bei Wohnraumknappheit ist das aus volkswirtschaftlicher Sicht aber nicht optimal. Eine Lösung besteht darin, Umzugswilligen mit zu großer Wohnung eine altersgerechte, barrierearme Wohnung in der direkten Umgebung zu vermitteln. Dies setzt allerdings ein vertrauensvolles, partnerschaftliches Verhältnis zwischen Mietern und Vermieter sowie oftmals eine enge Zusammenarbeit mit entsprechenden Behörden voraus. Unser Selbstverständnis ist: „Wir verwalten keine Mietverträge, sondern wir begleiten unsere Mieter in ihrem Alltag“. In der Belegung achten wir nicht zuletzt auch auf altersmäßig ausgewogen durchmischte Gebiete. Das Miteinander und die wechselseitige Hilfe unter Nachbarn werden so indirekt gefördert. Durchmischte Quartiere sind auch für das Selbstverständnis der noch aktiven älteren Generation wichtig und fördern deren Bedürfnisse nach Teilhabe.

 

Bunter und inklusiver

Nachweislich wird unsere Gesellschaft vielfältiger. Die Tendenz zur Heterogenisierung der Lebensstile findet sich in allen gesellschaftlichen Milieus, Alters- und kulturellen Gruppen. Die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Lebensstile erfolgt je nach Lebensalter, Lebenssituation, Interessen, Ansprüchen und Möglichkeiten diese zu realisieren. Diese Ausdifferenzierung der Lebensstile bedeutet auch komplexere Ansprüche und Bedürfnisse der unterschiedlichen Gruppen und verlangt ein entsprechend diversifiziertes Vorgehen. Nicht zuletzt durch die weitere Zuwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen und die Aufnahme von Flüchtlingen wird sich diese Entwicklung verstärken.

Die Mieterlandschaft der Unternehmensgruppe spiegelt diese gesellschaftliche Entwicklung wider, mit einer zum Teil deutlichen Verschärfung4:

  • Ca. ein Drittel der Mieter sind über 60 Jahre alt (vgl. Anteil an der Gesamtbevölkerung: 25%)
  • 24% der Mieter sind über 70 Jahre alt
  • 68% sind Mieter ohne Migrationshintergrund, 4% Deutsche anderer Herkunft, 11% Türken, 17% Sonstige; insgesamt Mieter aus 112 Nationen
  • In 62 % der Haushalte leben keine Kinder
  • Durchschnittliches Netto-Einkommen der befragten Haushalte: ca. 1.550 Euro

Diesen gesellschaftlichen Veränderungen müssen wir uns stellen. Eine der Herausforderungen dabei ist, den durch die Heterogenisierung entstehenden Separierungstendenzen und Zentrifugalkräften entgegen zu wirken. Dieser Herausforderung begegnen wir mit einem aktiven Belegungsmanagement, mit Angeboten des Quartiersmanagements zur Förderung einer intakten Nachbarschaft, bis hin zur Mietschuldnerberatung, und wir schulen unsere Mitarbeiter in den Kundencentern zur umsichtigen Konfliktbewältigung. Auch für den Einsatz von professionellen Mediatoren, die in unserem Auftrag vor Ort agieren, wächst auf Mieterseite die Akzeptanz.

Wir haben darüber hinaus beispielsweise seit 2005 mit rd. 2,5 Millionen Euro unterschiedlichste Bildungs- bzw. Integrationsmaßnahmen finanziert. Beispiele sind:

  • Aktive Sozialarbeit zur Förderung des Zusammenlebens,
  • Hausaufgabenhilfe, Deutschkurse für Migranten, Kurse zu Gesundheit und Ernährung etc.,
  • Gedächtnistraining für Senioren, Bildungsreisen,
  • Taschengeldprojekte und Kulturangebote für Kinder und Jugendliche,
  • Qualifizierungsprojekte zur Erlangung des Hauptschulabschlusses oder einer Ausbildung und
  • Die Unterstützung von Mieterbeiräten sowie hunderte Nachbarschaftsveranstaltungen zur Integration und Stabilisierung der Quartiere.

In Hinblick auf eine ganzheitliche Mitarbeiterbindung profitieren wir dabei auch von der Bewahrung des Wissens und der Erfahrung unserer langjährigen Mitarbeiter. Lebens-Berufs-Erfahrung ist für uns ein wichtiger Erfolgsfaktor. Das Engagement, auch für unsere Mitarbeiter eine geeignete Work-Life-Balance zu ermöglichen, findet durch die Zertifizierung „Familie und Beruf“ externe Bestätigung. Wir bieten Fortbildung und Qualifizierung, um durch lebenslanges Lernen soziale und ökonomische Sicherheit zu gewährleisten.

Soziale Nachhaltigkeit ist nicht trennbar von ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit. Eine Herausforderung besteht darin, den Sanierungsstau im Bestand „sozialverträglich“ abzubauen. Dies ist nicht nur eine gewaltige finanzielle Herausforderung. Es gilt, zukünftig auf Quartiersebene energetische Lösungen zu realisieren, die Nutzer weder funktional noch finanziell überfordern. Dies erfolgt idealerweise in bestandsübergreifender Zusammenarbeit der beteiligten Eigentümer.

Entscheidend ist eine Ausgewogenheit zwischen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, denn auch die Bestände sind durchaus heterogen strukturiert. Die Quartiersbetrachtung erfolgt ganzheitlich, unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten. Dies beinhaltet den Einbezug der derzeitigen Sozialstruktur sowie deren zukünftiger Entwicklung, bis hin zur Anpassung von Grundrissen. Wichtig ist dabei die fachlich umfassende Begleitung der durch die Baumaßnahmen betroffenen Mieter.

Neben der Optimierung und kontinuierlichen Fortentwicklung der energetischen Sanierungsstrategien gilt es auch, den Dialog mit der Politik zu führen. Rahmenbedingungen wie Gesetze und Vorschriften sowie Förderoptionen gilt es bedarfsgerecht fortzuentwickeln.

In den letzten Jahren haben wir unsere Anstrengungen zur nachhaltigen Unternehmensentwicklung noch verstärkt. Derzeit arbeiten wir an der Implementierung eines Nachhaltigkeits-Managementsystems und der Veröffentlichung unseres ersten Nachhaltigkeitsberichts für 2014.

2. Welche Folgen hat eine Verschärfung regionaler demographischer Ungleichgewichte für das Sozialstaatsziel der sozialen Gerechtigkeit?

Im deutschen Grundgesetz ist das Sozialstaatsprinzip verankert, das garantiert, dass jeder Bürger einen Anspruch auf einen angemessenen Lebensstandard und ein menschenwürdiges Leben hat. Vorrangige Ziele des Sozialstaates sind die solidarische Hilfe gegen Not und Armut, die Bereitstellung einer angemessenen Daseinsvorsorge unter Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips, die Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit und die Sicherung gegen die typischen Risiken einer arbeitsteiligen Gesellschaft wie Alter, Invalidität, Krankheit, Pflegebedürftigkeit und Arbeitslosigkeit.

Die mit dem Sozialstaatsprinzip verbundenen Kosten und der damit einhergehenden Abgabenlast stehen in der öffentlichen Diskusion immer wieder in der Kritik, da sie aus Sicht der Kritiker die Konkurrenzfähigkeit des Standortes Deutschland schwächen. Demgegenüber fördern diese sozialstaatlichen Prinzipien den sozialen Frieden, mit einem hohen Maß an Rechts- und Bestandssicherheit. Vor dem Hintergrund des demographischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels und den daraus erwachsenden stark divergierenden regionalen Entwicklungen wächst die Diskussion über die Tragfähigkeit der bisherigen Lösungen zur Umsetzung des Grundrechtes auf gleichwertige Lebensbedingungen.

Durch die bereits beobachtbaren und sich weiter verschärfenden regionalen demographischen Ungleichgewichte wird es auch für die Wohnungswirtschaft zunehmend herausfordernd dem Gleichheitsgrundsatz aus technischer und finanzieller Sicht sowohl in stark schrumpfenden Regionen als auch in sehr prosperierenden Metropolregionen und Städten gerecht zu werden.
Denn aus unserer Sicht hat soziale Gerechtigkeit viel mit bezahlbarem, sozialverträglichem Wohnraum zu tun und wir beobachten deutliche Zielkonflikte zwischen den Themen der energetischen Sanierung, steigenden Energie- und Baukosten und der zur Verfügung Stellung von sozialverträglichem Wohnraum.

So findet Wohnungsneubau in Ballungsräumen wegen gestiegener Anforderungen an die Energieeffizienz, hoher Preise für Bauland und erheblich gestiegenen Baukosten derzeit im Wesentlichen im oberen Mietpreissegment statt. Um sozialgerechtes Wohnen auch weiterhin zu ermöglichen, muss daher in Ballungsräumen die Wohnkostenbelastung begrenzt und der Wohnungsneubau bedarfsgerecht gefördert werden. Dabei muss auch der freifinanzierte Wohnungsneubau im unteren und mittleren Preissegment attraktiv sein, sonst drohen erhebliche soziale Probleme in den Quartieren, bis hin zur sozialen Segregation.

Um den sozialen Zusammenhalt in Stadtquartieren und stabilen Nachbarschaften in schrumpfenden Regionen langfristig zu sichern muss dort der Stadtumbau aktiv betrieben werden, denn Bevölkerungsrückgang und Leerstände dürfen nicht zu einer Verödung betroffener Städte führen. Über das Zentren-System ist zwar grundsätzlich eine Abstufung der Versorgungsaufgaben gegeben. In der Praxis beobachten wir aber in strukturschwachen, schrumpfenden Regionen seit längerem eine deutliche und wachsende Distanz zwischen theoretischen Versorgungsaufgaben und realen Möglichkeiten (ärztliche Versorgung, Grundversorgung des täglichen Bedarfs, etc.).

Als weiterer Aspekt ist zu bemerken, dass in schrumpfenden Regionen aufgrund des Verfalls der Immobilienwerte kaum noch in die Modernisierung von Bestandsimmobilien investiert wird, vom Neubau einmal ganz abgesehen. Damit klimagerechtes Wohnen in Zukunft auch in den schrumpfenden Regionen möglich ist, muss das KfW-Programm "Energieeffizientes Bauen und Sanieren" auf hohem Niveau über 2014 hinaus verfestigt werden.

Darüber hinaus muss die CO2-arme Produktion von Strom und Wärme noch stärker in den Fokus rücken, denn die klimapolitischen Einsparziele der Bundesregierung im Bereich der Wohnungswirtschaft sind wirtschaftlich vernünftig und sozial verträglich nicht mit Dämmung um jeden Preis zu erreichen. Energetische Sanierungsmaßnahmen müssen wirtschaftlich und sozial verträglich bleiben. Eine umfassende und dezentrale Strom- und Wärmeversorgung aus erneuerbaren Quellen ist die einzige Möglichkeit, die Energieeffizienz- und Klimaschutzziele für den Immobilienbestand erreichen zu können.

Angesichts des Bevölkerungsrückgangs bei gleichzeitiger Verdreifachung der Zahl der über 80-Jährigen bis zum Jahr 2050 auf gut 10 Millionen Menschen muss der demografische Wandel als Chance für neue alters- und zielgruppengerechte Wohnkonzepte in Ballungsräumen, wie auch in strukturschwachen und schrumpfenden Räumen begriffen werden. Für ein generationengerechtes Wohnen muss in beiden Fällen mit altersgerechten Wohnungen und wohnungsnahen

Dienstleistungen ein langes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglicht werden. Aspekte wie die wachsende Altersarmut sowie spezifische kulturelle Anforderungen migrantischer Senioren gilt es zu berücksichtigen.

Die Verschärfung der regionalen Unterschiede bedeutet für uns im Ballungsraum Rhein-Main wachsende Wohnungsknappheit, insbesondere in den unteren Preissegmenten, Mangel an verfügbaren Baugrundstücken, Kostendruck bei den Baukosten, deutliche Steigerungen der Durchschnittsmieten und wachsender Anpassungsdruck im preisgünstigen Segment.

Die Aufgabe der Wohnungswirtschaft ist es, hier als Garant von Stabilität zu wirken. Für die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte Wohnstadt gilt dies insbesondere gemäß unseres Gesellschafter-Auftrages, der der vorrangigen Versorgung breiter Schichten der Bevölkerung mit sicherem und sozial verantwortbarem Wohnraum dient. Durch unseren Gesellschafter-Auftrag ist es uns daher möglich, verantwortungsvoll zu agieren und trotz Kostendruck Projekte mit öffentlich gefördertem Wohnungsbau zu realisieren, die jedoch ohne die öffentliche Förderung wirtschaftlich nicht umsetzbar wären.

Bis einschließlich 2018 will die Unternehmensgruppe 222 Millionen Euro in den Wohnungsneubau vor allem in der Rhein-Main-Region investieren. Dabei sollen die Investitionen zu 50 Prozent dem Mietwohnungsbau, darunter in erheblichem Umfang auch dem geförderten Wohnungsbau, zugute kommen. In 2013 waren an den Standorten Frankfurt am Main, Darmstadt und Wiesbaden 191 Wohnungen für den eigenen Bestand im Bau, weitere 585 Wohnungen sind zurzeit ebenfalls dort und in Kelsterbach in Planung. Rund 100 Millionen Euro werden jährlich in Modernisierung und Instandhaltung investiert.

Es ist Teil der Unternehmensstrategie, durch die Geschäftstätigkeit im hochpreisigen Bauträgergeschäft die wirtschaftliche Basis zu schaffen, um auch für einkommensschwache Gesellschaftsschichten Wohnraum zu schaffen.

Für die strukturschwachen Regionen in denen wir tätig sind, bedeutet die Verschärfung der regionalen Unterschiede grundsätzlich vollständig andere Aufgabenstellungen. Hier stehen Themen wie Konsolidierung, Stadtschrumpfung, bis hin zum Rückbau im Vordergrund. Für uns gilt, dass wir in Nordhessen unseren Konsolidierungsprozess abgeschlossen haben und in größeren Städten bereits wieder erste Investitionsspielräume entstehen. So planen wir dort den Erwerb von bis zu 150 und den Neubau von bis zu 30 Wohnungen.

Unter Wahrung wirtschaftlicher Grundsätze gilt für uns auch hier, dass die Wohnungswirtschaft weiterhin verlässlicher Partner für die Versorgung mit Wohnraum ist und bleibt. Dies bedeutet aber auch, dass eine Fokussierung auf langfristig demographisch stabile Schwerpunkträume – also Mittel- und Großstädte geboten ist.

Als städtebaulicher Projektsteuerer sind wir in Hessen führend in der umsetzenden Begleitung der Städtebauförderprogramme Aktive Kernbereiche, Stadtumbau und Soziale Stadt. Auf diesem Wege unterstützen wir die Kommunen bei der Bewältigung der demographischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen.

Dabei ist die aktive Begleitung des Konsolidierungsprozesses von Klein- und Mittelstädten im strukturschwachen Raum, mit dem Ziel, die Attraktivität auch nach Schrumpfungsprozessen aufrecht zu erhalten, eine der vorrangigen Aufgaben. Dies ist raumplanerisch auch für die Ballungszentren wichtig. Insbesondere in den Randbereichen der Verdichtungsräume lassen sich so Entlastungseffekte für die Wohnraumversorgung in den Zentren erzielen. Die interkommunale wohnungspolitische Zusammenarbeit zwischen Ballungsräumen und Randbereichen weist weiteres Entwicklungspotenzial auf.

3. Unter welchen Bedingungen kann Diversität einen Beitrag zu sozialer und demographischer Nachhaltigkeit leisten?

Diversität oder auch die kulturelle Vielfalt wird im rechtlichen Kontext klassischerweise für folgende Dimensionen betrachtet: Kultur (Ethnie), Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, Religion (Weltanschauung). Darüber hinaus gibt es jedoch viele weitere sozialisationsbedingte und kulturelle Unterschiede wie Arbeitsstil, Wahrnehmungs- und Konfliktmuster usw., die die Diversität und damit kulturelle Vielfalt weiter erhöhen und kontextabhängig ebenfalls der Aufmerksamkeit und ggf. der sozialen Anerkennung bedürfen.

„Kulturelle Vielfalt schafft eine reiche und vielfältige Welt und stärkt dadurch Demokratie, Toleranz, soziale Gerechtigkeit und gegenseitigen Respekt. Kulturelle Vielfalt erhöht die Wahlmöglichkeiten, bereichert die menschlichen Fähigkeiten und Werte und ist deshalb Hauptantriebskraft nachhaltiger Entwicklung.“5

Deutschland ist zu Recht stolz auf seine gut entwickelte kulturelle Infrastruktur. Diese historisch gewachsene, reichhaltige Kulturlandschaft wird von vielen als Quelle und Ausdruck einer kulturell geprägten nationalen Identität („Kulturnation Deutschland“) gesehen. Kritisch ist allerdings anzumerken, dass in erster Linie ein „Abiturpublikum“ hiervon angesprochen wird und 50 Prozent der Menschen in Deutschland von diesem Angebot kaum erreicht werden.

Moderne Kulturpolitik im Sinne des UNESCO-Übereinkommens orientiert sich jedoch am gleichberechtigten Zugang aller gesellschaftlichen Gruppen zu einem reichen und vielfältigen Spektrum kultureller Ausdrucksformen. In Deutschland als ein Einwanderungsland beträgt der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund derzeit rund 20 Prozent und nimmt weiter zu.6

Stadtteile mit einem Anteil von 50 und mehr Prozent an Migranten aus einer Vielzahl von Nationen sind schon heute in den Großstädten keine Seltenheit mehr. Wie diese Menschen mit ihrer Zuwanderungsgeschichte selbst, muss sich auch Kultur in Deutschland ihrer pluralen Quellen und Bezüge und ihrer unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen bewusst werden. Kultur unterliegt einem stetigen Wandel.

Im Verständnis der NH ist es hilfreich, Diversität als Chancenpool zur Bewältigung der immer vielschichtigeren und heterogeneren Anforderungen an das Handeln der Wohnungswirtschaft zu sehen. So bieten unterschiedliche Perspektiven ein hervorragendes Innovationspotenzial zur Gestaltung des Zusammenlebens und soziale Nachhaltigkeit ist ohne die Integration von Diversität nicht denkbar.

In unseren Siedlungen wird ein wichtiger Beitrag zur Integration geleistet! Integration verstehen wir im Sinne der Organisation eines funktionierenden Zusammenlebens zwischen verschiedensten Anspruchsgruppen:

  • Jung und Alt
  • Unterschiedliche kulturelle und religiöse Hintergründe / Migration
  • Unterschiedliche gesellschaftlichen Milieus

So leisten wir mit der Bereitstellung passenden Wohnraums für diese verschiedenen Bevölkerungsgruppen einen aktiven Betrag zur demographischen Nachhaltigkeit, denn das „bunter“ kompensiert das „weniger und älter“. Insbesondere wenn der notwendige Zuzug gut ausgebildeter Menschen Probleme wie den absehbaren Fachkräftemangel entspannt.

Dabei darf im Sinne unseres europäischen humanistischen Verständnisses die Freiheit des Einzelnen die Freiheit der Gesamtgesellschaft nicht beeinträchtigen. Spielregeln für das Zusammen und Miteinander sind essentielle Basis für das Gelingen und deren Vermittlung Auftrag unseres Sozial-Managements im Bestand. Parallel hat eine langfristige Stadtentwicklung für Kommunen den Auftrag, Angebote zu schaffen, die das Miteinander und Zusammenleben fördern: Quartiersmanager, Angebote für verschiedenste Altersgruppen, Bildungsangebote etc. gehören dazu.

Ein Hauptziel muss sein, Diversität mit Chancengleichheit zu verbinden, um die umfangreichen Potenziale für eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft zu nutzen.

Mit unserem aktualisierten Leitbild stellt die NH Mensch und Raum in den Mittelpunkt. Wir schaffen den Raum, in dem ein Miteinander auf der Basis von Diversität möglich wird, ein Zuhause trotz vielfältiger Veränderungen als sichere Basis Realität wird.
Wir erwirtschaften aber auch die Rahmenbedingungen, um diese Integrationsaufgabe zu leisten.

Der Beitrag der Wohnungswirtschaft besteht in der Schaffung und Bewahrung langfristig stabiler Lebensräume als Beitrag zur urbanen Entwicklung. Somit tragen wir mit einem vernünftigen Rentabilitätsdenken zur Bestandsicherung und zu einer sozial nachhaltigen Gesellschaft bei.

4. Fazit

Die Wohnungswirtschaft ist durch ihren Kernauftrag per se gehalten, ganzheitlich zu agieren und die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit als Handlungsgrundlage zu berücksichtigen.

Die Aufgabenstellung wird zunehmend komplexer und heterogener: In sozialer Hinsicht gilt dies analog zur Entwicklung der Gesellschaft, in räumlicher Hinsicht gemäß der wachsenden Disparität zwischen Verdichtungsräumen und strukturschwachen Regionen. Des Weiteren stellt die Integration der Zukunftsaufgaben aus dem Themenfeld der Nachhaltigkeit, wie Klimawandel, Klimaschutz, Ressourcenverbrauch bis hin zur gesellschaftlichen Transformation in Richtung postfossile, suffiziente Gesellschaft einen weiteren wesentlichen Handlungsschwerpunkt dar.

Daraus resultieren durchaus auch Zielkonflikte, die jeweils ausgetragen werden müssen.
Verantwortlich zu handeln bedeutet für die Wohnungswirtschaft nicht nur die Bereitstellung von Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten, sondern auch die aktive Förderung der gesellschaftlichen Entwicklung durch die Erhöhung der Chancengleichheit benachteiligter Bevölkerungsgruppen – sowohl bei unseren Mietkunden, als auch für Dritte als Kommunal-Dienstleister.

Die Branche stellt sich den Herausforderungen strategisch, übernimmt gesellschaftliche Verantwortung als starker Partner von Kommunen und öffentlicher Hand und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung der Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland.

Aus wirtschaftlicher Sicht sind der Tragfähigkeit der Wohnungswirtschaft allerdings Grenzen gesetzt, so dass sowohl in Ballungsräumen wie auch in strukturschwachen Räumen die Gewährleistung des im Grundgesetz verankerten Ziels der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse für Teile der Bevölkerung nur durch staatliche Förderung erreicht werden kann.

1 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 2014
2 Enquetekommission in Hessen „Demografischer Wandel – Herausforderung an die Landespolitik“, 2007
3 Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, 2014: Potenzialanalyse altersgerechte Wohnungsanpassung
4 Mieterumfrage Nassauische Wohnstätte Wohnstadt, 2011 (1.569 Befragte, repräsentativ für ca. 145.000 Mieter)
5 Deutsche UNESCO-Kommission e.V., 2009: Weißbuch "Kulturelle Vielfalt gestalten"
6 www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61646/migrationshintergrund-i , Stand: 06.11.2014