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Bedeutung von Muße für ein gutes Leben

Artikel vom 17.12.2014

Rede anlässlich des Symposiums „Neues Bewusstsein für neuen Wohlstand“ des Denkwerk Zukunft und der Schader-Stiftung am 1. Dezember 2014 im Schader-Forum. Von Prof. Dr. Günter Figal, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Muße und gutes Leben

In einer Situation wie dieser ist es leicht, viel von der Muße zu halten, und vielleicht weiß oder ahnt man, ermöglicht durch die Situation auch, was Muße ist: Nicht eingespannt zu sein ins eng geknüpfte Netz der Termine und Verpflichtungen, sondern in Ruhe über etwas nachzudenken, sich auf etwas einlassen zu können. Das gelingt möglicherweise selten genug, aber wenn es gelingt, mag der Gedanke aufkommen, so solle das Leben im Ganzen sein. Kein Wunder also, dass Aristoteles die nach seiner Überzeugung beste menschliche Lebensform, die der (philosophischen) Betrachtung, als Tätigkeit in Muße bestimmt. Ein Leben ganz in Muße wäre demnach ein gutes Leben, und ein Leben nicht ohne Muße wäre immerhin die zweitbeste Lösung. In jedem Fall wäre Muße kein nebensächlicher Zustand, auch nicht mit dem dubiosen Geschwister der Muße, dem Müßiggang, zu verwechseln, sondern eine Grundbestimmung, auf die man eingehen muss, wenn man wissen will, was das menschliche Leben wesentlich und in seinen besten Möglichkeiten ist.

Aber was ist Muße? Dazu im Folgenden eine Skizze in wenigen Bestimmungsstrichen, die, so ist zu hoffen, das Phänomen im Umriss hervortreten lässt.  Als Ausgangspunkt mag ein Sachverhalt dienen, auf den man, über Muße nachdenkend, recht schnell kommt. Für die Muße gibt es besondere, eigens für sie gedachte Räume, und dies sind Räume, die sich in markanter Weise von anderen Räumen unterscheiden. Akademien, Klöster, Landsitze, Eremitagen, Gärten oder Parks, Bibliotheken, Museen, auch Hotels, Bäder oder andere retreats heben sich von der normalen Wohn- und Arbeitsarchitektur ab; sie sollen sich abheben und signalisieren, dass sie für eine andere Art des Lebens, anders für das Leben gedacht sind als die Gebäude, in denen man sich sonst aufhält. Sie sind anders: mußegerecht, mußefördernd, vielleicht sogar mußeermöglichend. Entsprechend müsste eine Beschreibung von solchen Bauwerken Aufschluss darüber geben können, wie man die Muße selbst als solche versteht.

Räume der Muße

Was also zeichnet Mußeorte, Mußeräume wie die genannten aus? Was hat ein Kloster mit einem Wellnesshotel gemeinsam, was eine Bibliothek mit einem Thermalbad oder einem Landhaus? Was Mußeorte, Mußeräume miteinander verbindet, ist als erstes eine mehr oder weniger ausgeprägte Umgrenzung. Man sucht sie eigens auf, und in ihnen ist es anders als draußen. Umgrenzend, bergend, abschließend ermöglichen sie etwas, das man ohne sie oft nicht gewinnt. Die Schwelle, die man, sie betretend, überschreitet, ist etwa die zwischen Lärm und Stille, zwischen Geschäftigkeit und Ruhe, auch die zwischen offener Ansprechbarkeit und Abgeschlossenheit. Kommunikationsmedien haben an Mußeorten nichts zu suchen; wer Mußeorte aufsucht, will sich aus der beliebigen Erreichbarkeit zurückziehen. Das haben solche Orte gemeinsam, so verschieden sie auch sind, und darin zeigen sie ein erstes Charakteristikum der Muße an, dies nämlich, dass Muße eine eigentümliche Ruhe, aber nicht dasselbe wie Freizeit ist. Es gibt Mußeorte wie Bibliotheken, die eigens zum Arbeiten gedacht sind, jedoch zu einem Arbeiten von besonderer Art. Solche Orte verhelfen zu einer ganz eigenen Art von Aufmerksamkeit – einer Aufmerksamkeit, die nicht gewonnen und bewahrt werden muss, sondern sich wie von selbst einstellt. Man ist auf eigentümliche Weise gesammelt. Dieses Sammelnde haben auch andere Mußeräume: Bäder und Gärten, Kirchen oder Tempel zum Beispiel.

Die Sammlung, wie sie angedeutet wurde, schließt Aufgeschlossenheit nicht aus. Bibliotheken laden dazu ein, sich nicht auf das eine Buch, das man bearbeitet, zu konzentrieren, sondern um sich zu schauen, Bücher zu sehen, die vielleicht zu dem, was man gerade tut, passen, so dass die Sache, an der man gerade arbeitet, sich erweitern kann und vielleicht aufs Neue in die Offenheit des Möglichen kommt. Man erwägt Ergänzungen, entschließt sich zu ihnen oder verwirft sie. In jedem Fall nimmt man die gewählte Möglichkeit im Zusammenhang anderer Möglichkeiten war. So ist es auch in Museen, die Bilder in den Kontext anderer Bilder stellen und zum Kombinieren und Vergleichen einladen, am besten dann, wenn sie keinen festgelegten ‚Rundgang’ bieten, keinen parcours von Raum 1 bis Raum 20, den man zu durchlaufen hat, sondern räumliche Möglichkeiten des Sichergehens und Schlenderns, in denen man Neues entdecken und auf bereits Entdecktes in Ruhe zurückkommen kann. In Muße lässt man sich auf diese Möglichkeiten ein, man genießt sie, und das wiederum kann man nur, wenn man sie mehr oder weniger deutlich als Möglichkeiten im Blick hat. Das macht den Blick bei aller Konzentration eigentümlich weit. Zur Muße, so scheint es, gehört Dezentriertheit, ein nicht festgelegter Blick, die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen.

Freiheit vom Willen

In diese Bereitschaft spielt Freiheit hinein, und zwar eine Freiheit besonderer Art, eine Freiheit, die ganz anders ist als das, was man sonst meist unter Freiheit versteht. Sonst ist Freiheit die Möglichkeit, etwas, das man sich vorgenommen hat, ungehindert durchzuführen, die Möglichkeit auch, in jeder Phase des Tuns zu kontrollieren, was geschieht, so dass nichts einfach geschehen kann, sondern nur geschieht, was man tut. Diese Kontrollmöglichkeit ist ein Wesensmerkmal dessen, was man den Willen nennt; der Wille ist nicht so sehr ein inneres Vermögen, als ob es in einem selbst so etwas wie eine Kommandozentrale gäbe, sondern eben die Kontrolle im Tun gemäß einer im Voraus gefassten Absicht – einem Absehen darauf, wie etwas sein soll, bevor es da ist. Der Wille ist frei, aber die Freiheit, sich überraschen zu lassen, ist keine Willensfreiheit, sondern Freiheit vom Willen. Man muss nicht mit allem, was da ist, rechnen und zusehen, ob es sich der eigenen Rechnung fügt. Man kann es sein lassen, nicht resignativ, sondern so, dass man das eigene Tun im Lassen, im Gelassenen versteht. Ohne solches Seinlassen und die ihm zugehörige Gelassenheit gibt es keine Muße.

Räume, die wie ein Museum oder wie eine die Leselust weckende Bibliothek dezentrierend sind, begünstigen oder ermöglichen Muße. Sie schenken eine eigentümliche Erfülltheit, eine solche nämlich, die keine durchgängige Wirklichkeit, sondern das Bleiben in der Möglichkeit ist. Im Möglichen und darin, dass man es als Mögliches lassen kann, ergibt sich die eigentümliche Ruhe, die sich mit der Muße verbindet. Sie gehört damit zusammen, dass die Muße wesentlich kontemplativ ist. Dabei ist das Kontemplative der Muße nicht auf die reine Betrachtung beschränkt. Vielmehr ist jede in Muße ausgeübte Tätigkeit immer auch kontemplativ. Eine Tätigkeit kann gestaltend oder bewerkstelligend sein; sofern sie in Muße ausgeübt wird, bleibt sie ohne Lösungsforcierung. In Muße lässt man das, womit man beschäftigt ist, immer auch sich ergeben. Lösungen dürfen offen bleiben; sie dürfen im Kontext anderer Möglichkeiten stehen und dabei auch im Unvorhergesehenen, im nicht von vorn herein Absehbaren.

Zeit in der Muße

Das mag im Kontrast noch einmal deutlicher werden. Das Abzielen auf ein Ziel, das Rechnen mit et-was, das Durchführen – durch seine verschiedenen Realisierungsschritte hindurchführen - mit einem Wort: das Intentionale des Beabsichtigens und Tuns, sind auf eigentümliche Weise linear. Es ist, als ob man auf eine Bahn gesetzt wäre und nun, Schritt für Schritt, Realisierungsphase auf Realisierungsphase, bis zum Ziel geht. Jedes zielgerichtete Tun hat diesen sukzessiven Charakter – erst das und dann das und dann das. Das aber heißt, dass jedes Tun dieser Art als solches zeitbestimmt ist. Zeit ist die Offenheit der Sukzession, die Möglichkeit, einen Vorgang in Früheres und Späteres zu gliedern und zugleich zu sehen, dass es ein Vorgang ist.

In der Muße, wie sie bisher beschrieben wurde, hört die Zeit klarerweise nicht auf. Die Sonne zieht ihre Bahn am Himmel; gerade war es noch Nachmittag, und mit einem Mal ist es Abend und Nacht. Die Uhr läuft weiter, und der Blick auf die Uhr, wenn eine da ist, bleibt eine mehr oder weniger große Verführung. Es ist die Unruhe der Zeit, die oft nicht in die Ruhe der Muße kommen lässt. Doch wer Muße hat, lebt nicht nach der Uhr. Das ist es ja gerade, dass man nicht planen, sich nicht beeilen und auch nicht sehen muss, dass man ‚zur rechten Zeit’ fertig wird. Wie sollte das gehen, wenn man noch nicht einmal weiß, ob man fertig wird oder gar nicht ans Fertigwerden denkt und vielleicht deshalb etwas zustande kommt, ohne dass man es willentlich, intentional zustande gebracht hätte. Das heißt nicht, man solle oder müsse die Dinge laufen lassen; aber das, was man tut, gehört in das, was man lässt. Sofern die Muße nicht intentionalitätsbestimmt ist, ist sie auch nicht zeitbestimmt. In der Muße hat man, wie es scheint, Zeit.

Doch sieht man genauer hin, versteht man, dass Muße nicht darin besteht, Zeit zu haben. In der Muße ist die Zeit vielmehr in eigentümlicher Weise außer Kraft gesetzt. Zwar kann man wissen, dass man für eine mußevolle Beschäftigung mit etwas nicht alle Zeit der Welt hat, sondern vielleicht nur ein paar Tage oder ein paar Stunden. Doch wenn diese Tage oder Stunden mußevoll sind, gilt in ihnen das Tages- oder Stundenmaß nicht. Man ist nicht durch das Vergehen der Zeit bestimmt und kann deshalb ungezwungen bei der Sache sein. Diese Sache, mit der man sich beschäftigt, ist einfach nur da, und man ist mit ihr und für sie da. Man kann sie gelten lassen. So kann sie sich zeigen, wie sie ist, im Zusammenhang anderer Möglichkeiten.

Die Räumlichkeit der Muße

Dass in der Muße derart die Zeit ihre Dominanz verliert, also die Sukzession, das Nacheinander, nicht mehr von Bedeutung ist, lässt sich auch so ausdrücken, dass an die Stelle des Nacheinanders das Nebeneinander tritt. Im Museumsraum ist das, im Wortsinne, offensichtlich. Bild hängt neben Bild, und das eigentümliche Vergnügen, das man empfinden mag, kommt aus dieser Fülle von Möglichkeiten der Betrachtung und der Betrachtbarkeit. Ein Nebeneinander in diesem Sinne ist nicht zeitlich, sondern räumlich. Raum lässt nebeneinander sein, und entsprechend ist die Muße nicht wesentlich zeitlich, sondern, wie schon aus ihrer Affinität zu besonderen Räumen geschlossen, räumlich. Die ausgeprägte Räumlichkeit ist es, was die Zeit in der beschriebenen Weise unwesentlich macht.

Der Raumcharakter der Muße steckt schon im Wort selbst. Das Wort „Muße“ bedeutet  in älterer Spra¬che auch  „Spielraum“. Dass „muße ist“ heißt entsprechend, dass es Raum für etwas gibt.  Auch wenn das Wort nicht mehr in dieser Bedeutung verwendet wird, bleibt sein räumlicher Sinn erhalten. Muße haben, das heißt: in einem Spielraum oder Freiraum sein, in einem Raum, in dem sich das Tun ebenso frei, im Nebeneinander seiner Möglichkeiten, entfalten kann wie das, womit man es zu tun hat. Wo verschiedene Möglichkeiten nebeneinander offen bleiben, kann man sie erkunden, ohne sich auf eine von ihnen sofort festzulegen. Weil nichts unter Druck entschieden werden muss, kann eine Sache in der Fülle ihrer Möglichkeiten zur Geltung kommen.

Mit diesen Überlegungen stellt sich die Frage nach der Räumlichkeit der Muße noch einmal anders. Muße kann deshalb besondere Räume brauchen und besondere Räume haben, weil sie selbst räumlich ist, und entsprechend sind Mußeräume derart, dass sie dieser Räumlichkeit der Muße entsprechen. Es müssen dann aber besonders räumliche Räume sein – Räume, in denen das, was man als Raum verstehen kann, so zur Geltung kommt, dass man es auch als Raum erfährt. Mußeräume wären demnach darin besondere Räume, dass sie gebauter Raum sind.

Das sei mit wenigen Hinweisen erläutert. Es gibt, wie Peter Zumthor, der es als Meister der Architektur wissen muss, gezeigt hat, führende und verführende Räume. Es gibt Räume, die wie Leitsysteme sind, Gebäude, die durch Flure, Gänge und Wege organisiert sind. Zwar sind in solchen Gebäuden alle Wege nebeneinander da, aber ihr Sinn ist weniger dieses Nebeneinander als vielmehr die Transporteffizienz, die zum Beispiel darin bestehen kann, auf einem Flughafen die Passagiere durch Laufbänder, Rolltreppen, Shuttles möglichst schnell und sicher von einem Ort an den anderen zu führen. Führende Räume sind Räume, in denen man etwas finden muss und finden kann. Es sind zielführende Räume, die sich im Nacheinander der verschiedenen Wege erfüllen – obwohl diese Wege doch als räumliche Wege allein im Nebeneinander da sind. Verführende Räume sind demgegenüber so, dass sie zwar Übergänge, Durchgänge schaffen, aber diese nicht vorschreiben. Der gebaute Raum ist dann, wie in Zumthors Thermalbad in Vals in Graubünden, selbst ein Möglichkeitsspiel, zum Beispiel von Innen und Außen, Einsicht und Verbergung, Dunkel und Helle. Man muss nirgendwohin, aber man könnte. Jede Entdeckung des Raums in den Räumen gehört in das Möglichkeitsspiel, das der gebaute Raum ist.

Muße ist also auf Mußeräume angewiesen, die vorgefunden, entdeckt oder eigens gestaltet werden können. In ihrer Raumgebundenheit wiederum ist die Muße in besonderer, besonders ausgeprägter Weise räumlich. Muße hat ihren Raum entweder bereits gefunden oder sie findet jeweils ihren Raum. Sie braucht, je besonders und durchaus wechselnd, ihren Raum, weil sie räumliches Erleben als Erleben eines Raumes ist, der Aufenthalt im Sinne der Muße zulässt oder ermöglicht. Vieles spricht dafür, in dieser Raumgebundenheit das Eigentümliche der Muße zu suchen und entsprechend in der Muße die eigentümliche Freiheit und Offenheit, die das Leben selbst in seiner Räumlichkeit ist. In der Muße lebt man Raum in besonderer Deutlichkeit. Damit lebt man das Mögliche, eine Freiheit, die, wenn sie nicht der Zeit mit ihren Termin- und Sachzwängen geopfert wird, die Freiheit für neue Gedanken, für neue Wege und neue Lösungen ist. Aus dieser Freiheit sollte man das menschliche Leben verstehen.

 

Der Autor: Prof. Dr. Günter Figal hat Philosophie und Germanistik in Heidelberg studiert. Von 1989 bis 2001 war er Professor für Philosophie in Tübingen. Seit 2001 ist er Professor für Philosophie in Freiburg, ab 2002 Ordinarius. Gastprofessuren führten ihn unter anderem nach Aarhus, Nishinomiya/Osaka und Rom. 2005/2006 war er Inhaber des Kardinal Mercier-Lehrstuhls an der Katholischen Universität Leuven.